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Eva Reichwein: Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland

Cover Eva Reichwein: Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland. Lebenslagen, gesellschaftliche Wahrnehmung und Sozialpolitik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 408 Seiten. ISBN 978-3-531-18342-8. 39,95 EUR.
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Thema

Noch bis in die 1980er Jahre wurde in der Bundesrepublik Deutschland unter Kinderarmut der Mangel an Kindern verstanden. Inzwischen hat sich ein anderes Verständnis eingebürgert: Wer heute von Kinderarmut spricht, macht darauf aufmerksam, dass Kinder in besonderem Maße von Armut betroffen sind. In Deutschland sind Kinder zwar im Unterschied zu Kindern in Afrika, Asien und Lateinamerika selten von Hunger bedroht, aber viele Kinder leben unter so prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, dass ihre Gesundheit gefährdet und ihre Bildungs- und Entwicklungschancen beeinträchtigt sind. Ende 2008 waren 1,7 Millionen oder 13% der Kinder unter 15 Jahren in Deutschland auf die Grundsicherung für Arbeitssuchende („Hartz IV“) angewiesen, da ihre Mütter und Väter nicht über ein ausreichendes Einkommen verfügten. Bei den Null- bis Dreijährigen war es sogar jedes fünfte Kind. Besonders Kinder alleinstehender Mütter, „kinderreicher“ Familien und von Familien mit Migrationshintergrund sind von Armut betroffen.

Kinderarmut ist in der Bundesrepublik Deutschland kein neues Phänomen. Bereits in der Nachkriegszeit wurde gelegentlich auf die materielle Benachteiligung von Kindern und Familien aufmerksam gemacht und es entstanden erste Forschungen. Mit wachsendem Wohlstand verschwand das Thema allerdings aus dem Blick, wurde in der Politik geleugnet und selbst von Kirchen und Wohlfahrtsverbänden kaum noch erwähnt. Neue Beachtung fand die Armut von Kindern seit den 1980er Jahren, als man begann, von der „Infantilisierung der Armut“ zu sprechen. Es entstand eine Reihe von Untersuchungen, Kirchen und Wohlfahrtsverbände nahmen sich des Problems als Ausdruck mangelnder sozialer Gerechtigkeit an, und es kam immer wieder auch auf die politische Tagesordnung. Doch das Problem bleibt bis heute trotz des in der Gesellschaft vorhandenen Reichtums ungelöst und spitzt sich sogar mit der wachsenden Kluft zwischen Reich und Arm noch zu.

Aufbau und Inhalt

Inzwischen gibt es zwar zahlreiche Erhebungen und Studien, die sich den prekären Lebensverhältnissen von Kindern in Deutschland widmen, und die Aufmerksamkeit für das Problem der Kinderarmut ist relativ groß, aber die hier vorgestellte Veröffentlichung von Eva Reichwein, die aus einer Dissertation an der Universität Marburg hervorging, ist die erste umfassende Bestandsaufnahme über die Entwicklung und den Umgang mit dem Problem Kinderarmut in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Autorin unternimmt den Versuch, ein einigermaßen vollständiges Bild über das tatsächliche Ausmaß der Kinderarmut in verschiedenen historischen Zeiträumen zu erhalten und zugleich die jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wertmaßstäbe und Prioritätensetzungen kritisch zu rekonstruieren. Im Unterschied zu den meisten bisherigen Untersuchungen über Armut und historischen Übersichten zu Familie und Familienpolitik rückt die Autorin die Kinder selbst in den Mittelpunkt und versucht ihre Lebenssituation aus einem „kindzentrierten Blickwinkel“ zu erforschen.

Im Zeitverlauf der Bundesrepublik werden im Wesentlichen drei große Themenbereiche untersucht: a) die Lebenssituation von Kindern, b) der gesellschaftliche Blick auf die Kinderarmut und c) die Politik zur Kinderarmut. Diese Themenbereiche werden in drei Zeitabschnitten dargestellt: zunächst die Zeit von der Gründung der Bundesrepublik (1949) bis zum Ende der ersten großen Koalition (1969), dann der Zeitraum von Beginn der sozial-liberalen Koalition (1969/1970) bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bzw. dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik (1989/1990), und schließlich die darauf folgende Zeitspanne in Gesamtdeutschland bis 2008. Diese Unterteilung wird zum einen vorgenommen, um die Lesbarkeit zu erleichtern; zum anderen will die Autorin so den Ähnlichkeiten und Brüchen in den gesellschaftlichen Einstellungen, politischen Grundtendenzen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen möglichst gerecht werden.

In den jeweiligen Zeitspannen werden zunächst die Rahmenbedingungen von Bevölkerung und Wirtschaft kurz dargestellt, die großen Einfluss auf die finanzielle Situation der Haushalte und damit letztlich auch der Kinder haben. Daran anschließend wird der Blickwinkel der Forschenden selbst untersucht und die wissenschaftlichen Arbeiten der Zeit werden auf Themensetzung, Gesichtspunkte und der Sprache der Wissenschaft rund um das Thema „Kinderarmut“ erforscht. Nach der Analyse des Blickwinkels geht die Autorin dem tatsächlichen Ausmaß von Kinderarmut anhand verschiedener Armutskonzepte nach, wobei sie einer „ressourcenabhängigen Definition“, also der sog. Einkommensarmut den Vorzug gibt; ergänzend werden zumindest einige Hinweise auch auf die Entwicklung des Anteils von Kindern unter den Sozialhilfeempfängern sowie der Lebenslagen in einem umfassenderen Sinn gegeben.

Der jeweils zweite Abschnitt der einzelnen Kapitel widmet sich den wichtigsten Multiplikatoren der Öffentlichkeit, namentlich den sozialpolitisch tätigen Verbänden, die sich für Kinder und Familien einsetzen, den beiden großen christlichen Kirchen, sowie Darstellungen und Kommentaren in Tageszeitungen, Zeitschriften und später auch im Internet. Dabei stehen die darin zum Ausdruck kommenden Grundhaltungen, Denkrichtungen und das Ausmaß der gegenseitigen Beeinflussung im Mittelpunkt des Interesses.

Im jeweils dritten Abschnitt der einzelnen Kapitel werden die sozialpolitischen Prioritäten und Maßnahmen der jeweiligen Bundesregierungen untersucht, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung auf der staatlichen Familienförderung liegt. Der parteiinterne Diskurs zur Armut von Kindern und deren Familien wird mit Blick auf die Parteien CDU/CSU und SPD untersucht. Dabei werden auch parteiübergreifende politische Diskussionen betrachtet, wie z.B. anhand von Sitzungen des Bundestages oder dort eingereichter Anträge. Ebenso werden Wahlprogramme, Pressemitteilungen oder Reden auf ihre Relevanz für das Thema „Kinderarmut“ analysiert, sowie einige nicht veröffentlichte Archivbestände der Bundesregierung, der Parteien oder einzelner Familienpolitiker betrachtet.

Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass Kinder über den gesamten Beobachtungszeitraum überdurchschnittlich stark von Armut betroffen waren – und zwar in steigendem Maße in immer früheren Lebensjahren. Nach Beseitigung der ersten Nachkriegsnot existierte die Kinderarmut kontinuierlich weiter, auch bei den Sozialhilfeempfängern machten Kinder immer schon einen hohen Anteil aus. Seit Ende der 1970er Jahre lag das Armutsrisiko von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren erstmals über dem der Personen von über 65 Jahren. Armutslagen wurden über mehrere Generationen hinweg bis heute kontinuierlich weitervererbt, sodass von einer strukturellen Reproduktion von Armut und sozialer Ungleichheit gesprochen werden muss.

Die wissenschaftliche Forschung gab bis Anfang der 1980er Jahre wenige Anstöße, um sich speziell mit der Armut von Kindern zu befassen. Auch in den Parteien bestand geringes Interesse an der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Kinder und Familien. Die Wohlfahrts- und Familienverbände, die Kirchen sowie einzelne Politiker widmeten dem Thema zwar eine gewisse Aufmerksamkeit, taten dies jedoch bis weit in die 1960er Jahre hinein aus einer überwiegend konservativen Perspektive, die sich vor allem um den Bestand der Institution Familie sorgte. „Als Folge dieser Denkart verschwand das Kind innerhalb der Familie. Weder die Kindheitsforschung dieser Zeit – soweit sie denn bestand – erkannte Kinder als eigenständige Persönlichkeiten, noch zeigte sich in der Rechtslegung eine besonders hohe Relevanz von Kindern oder gab es in der Sozialberichterstattung und der offiziellen Statistik Möglichkeiten, Rückschlüsse auf die Kinder in den Haushalten zu ziehen.“ (S. 370)

Dies begann sich erst seit Mitte der 1970er Jahre zu ändern. Der seinerzeit als Generalsekretär der CDU amtierende Heiner Geißler (er war nicht, wie die Autorin schreibt, Ministerpräsident, sondern zeitweise Sozialminister in der Landesregierung von Rheinland-Pfalz) sorgte mit der „Entdeckung“ der „Neuen Sozialen Frage“ vorübergehend für eine gewisse Aufmerksamkeit. Eine wissenschaftliche Armutsforschung begann sich allerdings erst seit Anfang der 1980er Jahre langsam herauszubilden. Unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Rezession und Massenarbeitslosigkeit verstärkten in dieser Zeit auch Presse, Verbände und Kirchen ihr Engagement gegen soziale Ungerechtigkeit. Obwohl sie teilweise auch die Kinder selbst in den Blick nahmen, rückten diese im Diskurs über Armut erst Ende der 1990er Jahre ins Zentrum der Betrachtung. Wichtigen Anteil daran hatten die Sozialwissenschaften und namentlich die „neue“ Kindheitsforschung. Während die damaligen Regierungsparteien noch zögerten, die Armut von Kindern als Problem anzuerkennen, war seit der Jahrtausendwende das Thema „Kinderarmut“ nicht mehr aus dem öffentlichen, wissenschaftlichen und politischen Diskurs wegzudenken. Die Autorin kommt zu dem Schluss, „dass erst der Blick auf das Individuum ‚Kind‘ und dessen Emanzipation von der Familie eine Entdeckung von Kinderarmut überhaupt ermöglichten“ (S. 372).

Diskussion

Die historisch angelegte Untersuchung von Eva Reichwein vermittelt ein differenziertes Panorama der Kinderarmut, ihrer öffentlichen Wahrnehmung und der in Verbänden, Kirchen, Medien, Parteien und Regierungen praktizierten Diskurse zu dieser Problematik. Sie fördert die ungewohnte Einsicht zu Tage, dass in der Geschichte der Bundesrepublik durchgehend Kinder von Armut betroffen waren, ohne dass dies freilich die nötige Aufmerksamkeit oder gar angemessene politische Antworten fand. Bislang verstreute Daten werden in übersichtlicher Weise gebündelt und im Licht verschiedener Armutskonzepte reflektiert. Insofern versteht die Autorin ihre Untersuchung zu Recht als ein Stück Grundlagenforschung.

Allerdings hat eine solch weitgefasste Unternehmung auch ihre Schattenseiten. Die Autorin muss angesichts des großen zeitlichen und thematischen Spektrums immer wieder eine Auswahl aus den zu untersuchenden Institutionen und Materialien treffen. Angesichts der Konzentration auf die großen Verbände, Kirchen und Parteien, bleibt der zu vermutende Einfluss der sog. außerparlamentarischen Opposition und „Alternativbewegung“, die in der Folge der 68er Studentenbewegung entstand, unterbelichtet. Namentlich die Initiativen gegen Jugendarbeitslosigkeit und die repressive Heimerziehung haben meines Erachtens zumindest indirekt auch für die Lebenssituation sozial benachteiligter Kinder sensibilisiert. Auch die seit Anfang der 90er Jahre geführte Debatte um Kinderrechte und ihre Bedeutung für die Beachtung der Interessen von Kindern hätten mehr berücksichtigt werden können. Die „endgültige Wende im Diskurs über Kinderarmut“ (S. 372) allein der rot-grünen Bundesregierung, die 1998 ins Amt kam, zugute zu halten, ist meines Erachtens überzogen. Zwar hat diese mit dem 2001 erstmals veröffentlichten Armuts- und Reichtumsbericht nicht zu unterschätzende neue Akzente gesetzt, aber sie hat auch mit ihren neoliberalen Arbeitsmarktreformen („Hartz IV“) der rapiden Ausbreitung eines Niedriglohnsektors Vorschub geleistet und damit zur Ausbreitung der Kinderarmut wesentlich beigetragen.

Die von der Autorin unternommenen „Erklärungsversuche“ für die über Jahrzehnte geringe Beachtung des Problems und die mangelnde Berücksichtigung der Kinder als spezifische Interessengruppe bleiben relativ vordergründig. Zwar verweist sie unter Bezug auf die wichtige 2002 veröffentlichte Untersuchung von Gerhard Beisenherz auf „das Versagen des Systems der Hilfe“ und „grundlegende Strukturprobleme“ (S. 375), aber das Problem kann meines Erachtens nicht darauf fokussiert werden, dass es für Kinder schwierig ist, eine Lobby zu finden, und in dem Tatbestand, dass Kinder „im politischen Geschehen kaum für sich selber sprechen können“ (ebd.), eine Art Naturgesetz zu sehen. Stattdessen wäre zu fragen, inwieweit etwa der Kinderrechtsdiskurs dazu genutzt werden könnte, auch die als „nicht-produktiv“ verstandene Gruppe der Kinder zu stärken und ihren Einfluss auf politische Entscheidungen zu erweitern. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung und die Einführung eines Elternwahlrechts für Kinder, die die Autorin als mögliche „Lösungsansätze“ vorstellt, gehen nicht über die heute gängigen Diskurse in Parteien, Wohlfahrtsverbänden und Kirchen hinaus.

Fazit

Der „kindzentrierte Blick“ der Autorin bleibt zwar weitgehend darauf beschränkt, sich Kinder als Adressaten der Hilfe Erwachsener vorzustellen, aber mit ihrer Bündelung bislang wenig bekannter Daten und der Darstellung bislang wenig beachteter Aspekte trägt die Untersuchung von Eva Reichwein erheblich dazu bei, den Blick für die historische Kontinuität der Kinderarmut und ihre unzureichende politische Thematisierung in Deutschland zu schärfen und zum Nachdenken über mögliche Gründe dafür anzuregen.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 23.03.2012 zu: Eva Reichwein: Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland. Lebenslagen, gesellschaftliche Wahrnehmung und Sozialpolitik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18342-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12937.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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