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Clemens Sedmak, Bernahrd Babic u.a.: Der Capability-Approach in sozialwissenschaftlichen Kontexten

Cover Clemens Sedmak, Bernahrd Babic, Reinhold Bauer, Christian Posch: Der Capability-Approach in sozialwissenschaftlichen Kontexten. Überlegungen zur Anschlussfähigkeit eines entwicklungspolitischen Konzepts. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 204 Seiten. ISBN 978-3-531-17637-6. 34,95 EUR.
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Thema

Der Capability-Approach (CA), im Deutschen meist als Fähigkeiten- oder Befähigungsansatz bezeichnet, ist ein pragmatisch orientiertes Set von Theoriebausteinen und methodologischen Grundannahmen, die es ermöglichen (sollen), Ungerechtigkeit in und zwischen nationalen Gesellschaften zu vermessen und zu mehr sozialer Gerechtigkeit beizutragen. Er wurde in den vergangenen 30 Jahren von dem indischen, in den USA lehrenden Sozialökonomen Amartya Sen entwickelt (der dafür 1998 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde) und seitdem von verschiedenen Autorinnen und Autoren, vor allem der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum, in verschiedenen Varianten weiter ausgearbeitet. Die verschiedenen Varianten unterscheiden sich teilweise so stark, dass es trotz der beibehaltenen Selbstbezeichnung CA kaum noch möglich ist, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Es war allerdings auch nie der Anspruch von Sen und seinen Nachfolger/innen, eine in sich geschlossene normative Gerechtigkeitstheorie zu formulieren. Sen bezeichnet sein jüngstes, 2009 in englischer Sprache erschienenes Werk denn auch bescheiden als The Idea of Justice (dt. Die Idee der Gerechtigkeit, 2010).

Der Befähigungsansatz ist vornehmlich in der Auseinandersetzung mit entwicklungspolitischen Strategien der „Armutsbekämpfung“ entstanden, die auf wirtschaftliches Wachstum und materielle Güterverteilung fixiert sind. Er vertritt demgegenüber ein wesentlich komplexeres Verständnis von „menschlicher Entwicklung“, das verschiedene „objektive“ und „subjektive“ Aspekte der Lebensverhältnisse und insbesondere die Handlungsmöglichkeiten der Menschen in den Blick nimmt, und will zu ihrer Erweiterung beitragen. Im Unterschied zu den meisten bisherigen Gerechtigkeitstheorien liegt in den Gerechtigkeitskonzeptionen von Sen und Nussbaum der Akzent nicht auf der Ausgestaltung der institutionell gefassten Grundstruktur einer Gesellschaft und der mit ihr gegebenen Güterverteilung. Eine gerechte Umverteilung von Gütern gilt ihnen als eine zwar notwendige, jedoch nicht hinreichende Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit. Stattdessen ist für sie die Frage zentral, ob und inwieweit eine Person über die nötigen Befähigungen (capabilities) verfügt, um an den lebenswichtigen Gütern der Gesellschaft teilzuhaben und gewünschte Ziele zu erreichen. Der Begriff der Befähigungen hat eine objektive und eine subjektive Dimension. Mit ihm sind nicht nur persönliche Fähigkeiten und Kompetenzen gemeint, sondern auch externe Verwirklichungsbedingungen und -chancen. Erst in ihrem Zusammenwirken entstehen nach Sen und Nussbaum die Möglichkeiten für ein menschenwürdiges und gerecht zu nennendes Leben.

Der CA hat die Debatte um Gerechtigkeit innerhalb nationaler Gesellschaften ebenso wie in globaler Perspektive bereits erheblich beeinflusst. In der von Amartya Sen formulierten Variante hat er z.B. Eingang in den von den Vereinten Nationen vertretenen Human Development Index gefunden, auf dessen Basis alle zwei Jahre Rangfolgen von Ländern und Regionen mit unterschiedlichen Niveaus „menschlicher Entwicklung“ erstellt werden. In Deutschland und Österreich wurde der CA erstmals 2005 bzw. 2008 in den regierungsoffiziellen Armuts- und Reichtumsberichten, sowie 2009 in Deutschland im 13. Kinder- und Jugendbericht aufgegriffen, allerdings in einer Weise, die nicht allen Dimensionen des CA Rechnung trägt. In der deutschsprachigen Fachdiskussion wurde der CA bisher vor allem unter erziehungswissenschaftlichen Aspekten erörtert und hat in der empirischen Kindheits- und Jugendforschung (z.B. dem LBS-Kinderbarometer und den World-Vision-Kinderstudien) dazu beigetragen, den Sichtweisen, Teilhabechancen und dem „subjektiven“ Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen größere Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei wird nicht immer ausreichend beachtet, das der CA Wohlbefinden nicht nur als Wohlfühlen versteht, sondern auch Handlungsbedingungen und -möglichkeiten einschließt, sich für selbst gewählte Lebensziele und gerechtere soziale Verhältnisse einzusetzen.

Entstehungshintergrund

Der hier zu besprechende Sammelband entstand aus einer Konferenz, die 2009 am Internationalen Forschungszentrum (IFZ) in Salzburg in Zusammenarbeit mit SOS-Kinderdorf Internationaldurchgeführt wurde, um insbesondere die Relevanz des CA für die Kinder- und Jugendforschung und eine entsprechende pädagogische Praxis zu erkunden. Die schriftlich ausgearbeiteten Impulsreferate wurden für die vorliegende Veröffentlichung um einige Beiträge ergänzt. Damit sollte zum einen eine größere Bandbreite an relevanten Themen abgedeckt und zum anderen Leserinnen und Leser, die mit dem CA noch wenig vertraut sind, der Zugang erleichtert werden.

Aufbau und Inhalt

Im einleitenden Beitrag führt Günter Graf zunächst allgemein in die Thematik ein und stellt dar, was sich hinter der Bezeichnung „Capability Approach“ verbirgt. Clemens Sedmak hinterfragt die den verschiedenen Varianten des CA zugrundliegenden Fähigkeitskonzepte, inwieweit sie der identitätsbildenden Bedeutung von Fähigkeiten für den einzelnen Menschen gerecht werden. Ortrud Leßmann setzt sich damit auseinander, dass im CA bislang der Faktor Zeit und die Herausbildung individueller Fähigkeiten nicht genügend berücksichtigt wurden, und macht unter Bezug auf Deweys Konzeption des Erfahrungslernens Vorschläge, wie der Ansatz durch bildungstheoretische Überlegungen ergänzt werden könnte. Komplementär widmet sich Bernhard Babic der Frage, was für die deutschsprachigen Debatten in der Erziehungswissenschaft von Seiten des CA an Bereicherungen erwartet werden kann.

Die folgenden Beiträge widmen sich besonderen pädagogischen Handlungsfeldern. Ausgehend von der Frage nach den Gemeinsamkeiten zwischen dem CA und dem unabhängig davon entstandenen Konzept der „Values and Knowledge Education“ vermittelt Jean-Luc Patry einen Eindruck davon, wie eine Operationalisierung des CA im Bildungskontext konkret aussehen könnte. Holger Ziegler befasst sich aus sozialpädagogischer Perspektive grundlegend mit der Anschlussfähigkeit und den Potentialen des CA. Stephan King stellt dar, inwiefern und mit welchen Konsequenzen sich Gesundheit im Kontext sozialer Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen als eine grundlegende Fähigkeit im Sinne des CA verstehen lässt. In eine ähnliche Richtung weist der Beitrag von Bernhard Schwaiger, indem er das Konzept der frühkindlichen „Mentalisierung“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt.

Die beiden den Sammelband abschließenden Beiträge beziehen sich nicht ausdrücklich auf den CA, vermitteln aber aus ihren jeweiligen Fachgebieten Anregungen, die in der weiteren Ausgestaltung des CA aufgegriffen werden könnten. Während Christian Alt und Andreas Lange das Agency-Konzept in der Kindheitsforschung diskutieren, nimmt Anton A. Bucher in einer „psychologischen Skizze“ auf Beispiele und Anschlussmöglichkeiten aus der Resilienzforschung Bezug und zeigt, unter welchen Voraussetzungen Kinder in prekären Lebenslagen „sich nicht biegen lassen“.

Diskussion

Insbesondere die beiden einführenden Beiträge sind geeignet, einen profunden Einblick in die sozialphilosophischen Grundgedanken und Entstehungszusammenhänge des CA, aber auch seine Leerstellen und Schwächen zu vermitteln. Sie lassen deutlich werden, dass die Potentiale des Ansatzes zumindest in der deutschsprachigen Rezeption noch lange nicht ausgeschöpft sind. Ebenso wird auf die Risiken aufmerksam gemacht, dass der Ansatz selektiv ausgeschlachtet und entgegen seinen gerechtigkeitspolitischen Intentionen instrumentalisiert werden kann.

Die inhaltlichen Schwerpunkte der anderen Beiträge lenken die Aufmerksamkeit vor allem auf pädagogische Fragen, die im CA bislang nur marginal berührt und deshalb auch wenig ausgearbeitet wurden. Sie vermitteln zahlreiche Anregungen, wie der CA in bisher wenig bedachten Zusammenhängen nutzbar gemacht werden könnte, einige Beiträge engen aber auch den Blickwinkel ein und vernachlässigen die gerechtigkeitstheoretischen Implikationen des Ansatzes. Jedenfalls wird die Akzentsetzung der Beiträge den im Titel des Buches angekündigten Anschlussmöglichkeiten an „sozialwissenschaftliche Kontexte“ nur teilweise gerecht.

Ein Vorzug des Bandes besteht darin, dass die möglichen Relevanz des CA für die Analyse der Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen besonders betont wird. In den bisherigen Ausarbeitungen des CA wurde dies vernachlässigt, und erst in jüngster Zeit wurden – noch begrenzt auf den englischsprachigen Raum – theoretische Überlegungen entwickelt, wie der CA in dieser Hinsicht modifiziert und weiterentwickelt werden könnte. Im Unterschied zu diesen werden im vorliegenden Band Kinder und Jugendliche allerdings kaum als mögliche Akteure, sondern vornehmlich als Adressaten von Bildungsbemühungen in den Blick genommen. Die beiden den Band abschließenden Beiträge, in denen Agency und Widerständigkeit von Kindern zum Thema gemacht wird, werden ihrerseits nicht an die Kategorien des CA zurückgebunden und für die Weiterentwicklung seines theoretischen und methodologischen Instrumentariums genutzt. Ein resümierender Beitrag der Herausgeber, der dies versucht, hätte dem Band gutgetan.

Schwer nachzuvollziehen ist auch, warum ein Band von gut 200 Seiten, der aus Mitteln der Salzburg Ethik Initiative und des SOS-Kinderdorf e.V. finanziert wurde, einen so hohen Verkaufspreis hat.

Fazit

Ein lesenswerter Einführungsband, der zum besseren Verständnis der Grundlagen und Hintergründe des Capability-Approach beiträgt, allerdings im Hinblick auf seine Anschluss- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten weitgehend auf erziehungswissenschaftliche bzw. bildungstheoretische Aspekte beschränkt bleibt.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 01.03.2012 zu: Clemens Sedmak, Bernahrd Babic, Reinhold Bauer, Christian Posch: Der Capability-Approach in sozialwissenschaftlichen Kontexten. Überlegungen zur Anschlussfähigkeit eines entwicklungspolitischen Konzepts. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17637-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12947.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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