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Manfred Hinz: Unterricht mit Inklusion in der Sekundarstufe II

Cover Manfred Hinz: Unterricht mit Inklusion in der Sekundarstufe II. Sonderpädagogische Hilfen. Verlag Handwerk und Technik GmbH (Hamburg) 2012. 168 Seiten. ISBN 978-3-582-04795-3.
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Thema

Die Publikation beantwortet Fragen zur Inklusion im Unterricht:

  • „Wie äußert sich Behinderung X?
  • Was bedeutet das für meinen Unterricht?
  • Welche grundlegenden Maßnahmen lassen sich daraus ableiten?“ (Klappentext).

Autor

Manfred Hinz ist Studienrat für Metalltechnik und Sport mit Ergänzungsstudium Sonderpädagogik an der Annedore-Leber-Oberschule Berlin. Dies ist eine Berufsschule mit sonderpädagogischer Aufgabe und im Lernortverbund mit einem gleichnamigen Berufsbildungswerk. Seit 1995 ist Hinz Leiter des Fachseminars „Sonderpädagogische Fachrichtungen“. Seit 2000 ist er mit der Lehrerausbildung für die Integration und Inklusion befasst. Im Bereich Schulentwicklung – und hier u. a. in der Systematik zur Förderdiagnostik – arbeitet er seit 2005 mit. Seit dem Jahr 2009 leitet Manfred Hinz Lehrerweiterbildungen zur Verbesserung der sonderpädagogischen Handlungskompetenz.

Entstehungshintergrund

Manfred Hinz führt an, dass 2006 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verabschiedet wurde und seit dieser Zeit von 100 EU-Staaten, darunter auch Deutschland, unterzeichnet wurde. Diese gemeinhin als Behindertenrechtskonvention bezeichnete Vereinbarung ist die Grundlage dieses Buches. Der Autor will den Lehrern mit der Lehrbefähigung für die Sekundarstufe II die Sonderpädagogik nahebringen.

Aufbau

  1. Einleitung
  2. Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (Verhaltensstörungen)
  3. Förderschwerpunkt Lernen (Lernbehinderung)
  4. Förderschwerpunkt geistige Entwicklung (geistige Behinderung – Gb)
  5. Förderschwerpunkt Hören (Schwerhörige und Gehörlose)
  6. Förderschwerpunkt Sehen (Sehbehinderte und Blinde)
  7. Förderschwerpunkt Sprache (Sprachbehinderungen)
  8. Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung (Körperbehinderungen – Kb)
  9. Teilleistungsstörungen
  10. Psychische Störungen
  11. Differenzierung
  12. Nachteilsausgleich
  13. Förderplan
  14. Schlussbetrachtung

Ausgewählte Inhalte

Ich erlaube mir, aus diesem Lehrbuch zu den einzelnen Förderschwerpunkten die psychischen Störungen, die Differenzierung, den Nachteilsausgleich und die Förderplanung herauszugreifen und inhaltlich zu diskutieren: „Psychische Störungen sind häufig nur schwer zu erkennen und zu klassifizieren.Vielfach ist der Verlauf aus Sicht der Schule chronisch. Die meisten Störungen sind in leichten Ausprägungen/Variationen auch bei nicht erkrankten Jugendlichen zu finden (und hier verweist der Autor in einer Fußnote auf den frühkindlichen Autismus – CR). Eine psychische Störung liegt vor, wenn bezogen auf das Entwicklungsalter das Verhalten oder Erleben von der Norm abweicht und zu einer Beeinträchtigung führt“ (S. 95). So die Definition der psychischen Störungen nach Steinhausen. Hinz führt dazu noch die Kriterien der Abnormalität, die Kriterien der Beeinträchtigung, die Klassifikation und die Ätiologie auf.

Als Nächstes werden die allgemeinen Auswirkungen auf den Unterricht besprochen. Hierfür werden die Hinweise von Günter Hilff von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Tübingen aufgeführt.

Im Folgenden werden unterschiedliche psychische Störungen aufgeführt und mit Blick auf den Unterricht beschrieben:

1. Essstörungen

  • Anorexia nervosa (Magersucht)
  • Bulimia nervosa (Ess- und Brechsucht)

2. Suchtstörungen (bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen)

3. Angststörungen

  • Agoraphobie
  • soziale Phobie
  • emotionale Störung mit Trennungsangst
  • Panikstörungen
  • generalisierte Angststörungen
  • Mutismus

4. Tic-Störungen und Tourette-Syndrom

5. Schlafstörungen

  • Insomnien (Hyposomnie), wie Schlafanpassungsstörung, psychophysiologische Schlafstörung, paradoxe Schlafstörung, idiopathische Schlafstörung
  • Parasomnien (Dyssomnie), wie Albträume, Pavor nocturnus (Nachtangst), Schlafwandeln (Somnambulismus), posttraumatische Wiederholungen
  • Hypersomnien, wie Narkolepsie, Kataplexie, Schlafapnoe
  • periodischen Extremitätenbewegungen,
  • Zähmeknirschen (Bruxismus)
  • Sprechen im Schlaf (Somniloquie) und Einschlafzuckungen

6. Sexuelle Störungen

  • Störungen der Geschlechtsidentität – Transgenderismus
  • sexuelle Funktionsstörungen
  • Störungen der Sexualpräferenz – Paraphilie

7. Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle

  • pathologisches Glücksspiel
  • pathologische Brandstiftung (Pyromanie)
  • pathologisches Stehlen (Kleptomanie)
  • Trichotillomanie („wiederholt kann nicht dem Impuls widerstanden werden, sich Haare auszureißen“ (S. 112))
  • Störungen mit intermittierend auftretender Reizbarkeit (intermittierend explosible Reizbarkeit)
  • pathologischer Internetgebrauch (PIG)
  • zwanghaft-impulsives Sexualverhalten
  • Dermatillomanie (pathologisches Abzupfen der Haut)
  • pathologisches Kaufen

8. Störungen des Sozialverhaltens: ein veränderungsresistentes Krankheitsbild

  • aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Tieren
  • Zerstörung von Eigentum
  • Betrug, Diebstahl
  • schwere Regelverstöße
  • „kalte“ Aggressionen
  • „heiße“ Aggressionen
  • komorbide Störungen

9. Somatopsychische Störungen => Beeinträchtigung der Lebensqualität

  • bei Asthma bronchiale
  • bei Diabetes mellitus
  • bei Krebserkrankung
  • bei Mukovisdzidose

10. Somatoforme Störungen

  • Somatisierungsstörung
  • undifferenzierte Somatisierungsstörung
  • hypochondrische Störung
  • Körperdysmorphophobie
  • somatoforme autonome Funktionsstörung
  • anhaltende somatoforme Schmerzstörung
  • sonstige somatoforme Störungen, wie Kloßgefühl, Schluckstörung, chronische Müdigkeit u. a.

11. Schizophrenie, wahnhafte und andere psychotische Störungen

  • Wahnideen
  • Ich-Störungen
  • formale Denkstörungen
  • Halluzinationen
  • katatone Symptome, Stupor
  • Negativsymptome

12. Zwangsstörungen

  • Zwangsgedanken
  • Zwangshandlungen
  • Zwangsimpulse

13. Störungen der Persönlichkeitsentwicklung

  • paranoide Persönlichkeitsstörung
  • schizoide Persönlichkeitsstörung
  • dissoziale Persönlichkeitsstörung
  • emotional instabile Persönlichkeitsstörung
  • histrionische Persönlichkeitsstörung
  • anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung
  • ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung
  • abhängige Persönlichkeitsstörung
  • narzisstische Persönlichkeitsstörung

14. Borderline-Persönlichkeitsstörung, emotional instabile Persönlichkeitsstörung

15. Affektive Störungen

  • depressive Störungen
  • bipolare Störungen und Manie

16. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)

17. Dissoziative Störungen: Verarbeitung traumatischer Lebenserfahrungen

  • Amnesie
  • Fugue
  • Stupor
  • Depersonalisations- und Derealisationssyndrom
  • Konversionsstörung
  • dissoziative Bewegungsstörung
  • dissoziative Krampfanfälle
  • dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörung

18. Autismus/ASS

  • frühkindlicher Autismus
  • autistische Menschen mit hohem, mittlerem, niedrigem Entwicklungsniveau
  • Autistische Persönlichkeitsstörung (Asperger-Syndrom)

19. ADHS

„Die Forderung nach individueller Förderung bezieht sich auf alle Schüler, unabhängig von einem sonderpädagogischen Förderbedarf. Ein differenziertes, individualisiertes Unterrichtsmanagement ist hierfür erforderlich. Erfolgreiche Inklusion wird nicht von einigen „sonderpädagogischen Experten 'herbei gezaubert', sondern ist eine Entwicklungsaufgabe für die ganze Schule. Differenzierung ist dabei ein wirksames Werkzeug“ (S. 146). Differenzierung wird betrachtet aus den Blickwinkeln:

  1. äußere Differenzierung, d. h. man macht sich Gedanken zur Klassenaufteilung
  2. innere Differenzierung, eine reformpädagogische Forderung. „Die Lösung kann nur in einem […] Erlernen von Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme für den Lernprozess auf Schülerseite liegen“ (S. 147). Ein Planungsraster zur inneren Differenzierung bietet für den Lehrer eine Planungshilfe.

Der Nachteilsausgleich dient der Chancengleichheit, i. S. des Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und des §126 Absatz 1 des Neunten Sozialgesetzbuches SGB IX. Er setzt nicht die Leistungsanforderungen herab, sondern „gleicht durch Veränderung der äußeren Bedingungen Nachteile aus“ (S. 150), wie:

  • zusätzliche Bearbeitungszeit, zusätzliche Pausen
  • technische Hilfsmittel
  • Textoptimierung von Aufgaben
  • alternative Aufgaben- und Lösungspräsentation
  • räumliche Veränderung
  • personelle Unterstützung
  • Exaktheitstoleranz
  • Erbringung von mündlichen statt schriftlichen Leistungsnachweisen oder umgekehrt
  • Klinik-/Hausunterricht
  • Hausaufgabenreduzierung

„Im Rahmen der Inklusion wird eine optimale Förderung für jeden Schüler gefordert, sodass sich daraus auch die Forderung eines individuellen Förderplans für jeden Schüler ableiten ließe.Die Kultusministerkonferenz beschließt am 20.10.2011 zum inklusiven Unterricht,“ (S. 154) dass individuelle Lernplanungen und Förderpläne für eine erfolgreiche inklusive Bildung unverzichtbar sind. Zur Förderplanung werden Ausführungen gemacht zu:

1. Förderung mit Planungshilfe

  • Kriterien und Standards eines Förderplans

2. Entwicklung einer schuleigenen Fördersystematik

3. Soll in Papierform oder digital am PC gearbeitet werden?

  • Wer arbeitet mit den Förderplänen? Sind das außer Lehrern Lehrwerkmeister, Praktikumsbetriebe oder Schulhelfer?
  • Welche Angaben sind uns wichtig?
  • Wie oft und zu welchen Anlässen wird an den Plänen gearbeitet?
  • Wer ist zuständig?
  • In welcher Form wird der Schüler an der Förderplanung beteiligt?

4. Mögliche Probleme bei der Einführung

5. Mögliche Vorteile einer Fördersystematik

Zur Förderplanung legt Manfred Hinz am Schluss dieses Kapitels einen Anamnesebogen Förderplanung, einen Beurteilungsbogen für die Förderplanung (auf einer 6-stufigen Skala sind von den Lehrern in unterschiedlichen Farben Angaben zu vorgegebenen Items im Individual- und Sozialverhalten, im Lernverhalten und in der Leistungsfähigkeit sowie in der Arbeitseinstellung zum Unterricht abzutragen) und ein Formblatt zur Erstellung eine Förderplans für einen Schüler vor.

Fazit

Dem Autor folgend richtet sich die Publikation „an Menschen, die der realen Unterrichtssituation nahe stehen und entsprechende konkrete Fragestellungen zur Inklusion im Unterricht haben“ (S. 7).


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 01.03.2012 zu: Manfred Hinz: Unterricht mit Inklusion in der Sekundarstufe II. Sonderpädagogische Hilfen. Verlag Handwerk und Technik GmbH (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-582-04795-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12969.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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