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Rita Braches-Chyrek, Charlotte Röhner u.a. (Hrsg.): Kindheiten. Gesellschaften

Cover Rita Braches-Chyrek, Charlotte Röhner, Heinz Sünker, Andreas Schaarschuch (Hrsg.): Kindheiten. Gesellschaften. Interdisziplinäre Zugänge zur Kindheitsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 300 Seiten. ISBN 978-3-86649-428-2. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 48,90 sFr.

Reihe: Kindheiten. Gesellschaften - 1.
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Thema

Die sog. neue Kindheitsforschung („new childhood studies“), die sich seit den 1980er Jahren vor allem im angelsächsischen und skandinavischen Raum herausgebildet hat, bald aber auch im deutschen Sprachraum aufgegriffen wurde, ist bisher stark von soziologischen Denkansätzen geprägt. Sie wurde zwar inzwischen auch in Teilen der Erziehungswissenschaften breit rezipiert und hat spezifische Forschungsfelder, wie z.B. die auf Kinder bezogene Gesundheitsforschung, beeinflusst, aber bis heute steht eine interdisziplinäre Herangehensweise an die sozialen Phänomene Kinder und Kindheit noch weitgehend aus. Um diese Lücke zu schließen, fand im Jahr 2010 an der Bergischen Universität Wuppertal eine internationale Konferenz statt, von der die meisten Beiträge in dem hier vorgestellten Buch stammen.

Gemeinhin werden in der (nicht mehr ganz so neuen) sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung drei Varianten unterschieden:

  1. eine Soziologie der Kinder,
  2. eine dekonstruktive Kindheitssoziologie und
  3. eine strukturelle Soziologie der Kindheit.

Die Soziologie der Kinder widmet sich der Untersuchung des Alltagslebens, der Erfahrungen und des Wissens der Kinder und rückt die Kinder als Interpreten und Akteure ins Zentrum; sie arbeitet vornehmlich mit ethnografischen Methoden. Die dekonstruktive Kindheitssoziologie setzt sich in ideologiekritischer Weise mit den dominanten Vorstellungen von Kindheit und entsprechenden Normsetzungen und Institutionalisierungen auseinander, die sie als historisch gebundene soziale Konstruktionen begreift, hinter denen sich bestimmte, in der Gesellschaft dominierende Interessen (von Erwachsenen) verbergen; sie arbeitet vornehmlich mit diskursiven und semiotischen Methoden. Die strukturelle Soziologie der Kindheit sieht in Kindheit ein relativ dauerhaftes Element im (modernen) Sozialleben (während dieses für individuelle Kinder eine vorübergehende Lebensphase darstellt), das sich in seiner Bedeutung für Aufrechterhaltung und Wandel gesellschaftlicher Ordnungen mit den Kategorien Klasse und Gender (soziales Geschlecht) vergleichen und parallelisieren lässt. Ihre spezielle Aufgabe sieht die strukturelle Soziologie der Kindheit darin, das, was im gelebten Alltag der Kinder beobachtet wird, zu den gesamtgesellschaftlichen Kontexten in Beziehung zu setzen. In makrosoziologischer Analyse werden die Kinder materiell, sozial und kulturell als eine generationale Gruppe mit spezifischen kollektiven Interessen konstruiert und ans Licht gebracht. In der letztgenannten Variante soziologischer Kindheitsforschung stehen nicht die wirklichen, lebendigen Kinder mit ihren je spezifischen, gelebten und erfahrbaren Kindheiten im Fokus des Interesses. Es wird nicht geleugnet, dass es sie gibt, aber sie werden in der speziellen Kategorie Kindheit zusammengefasst.

In allen Ansätzen werden unter dem Begriff Agency Kinder vornehmlich als kompetente Akteure konzeptualisiert und Kindheit als ein sozialer Status oder eine Lebensphase verstanden, in der die Agency von Kindern Anerkennung finden und diese ggf. gestärkt werden soll. Aus dieser Perspektive ergeben sich auch enge Bezüge zur Frage der Kinderrechte und ihrer Bedeutung für das reale Leben von Kindern. Ein weiteres Kennzeichen der verschiedenen Ansätze besteht darin, dass sie weitgehend aus der Perspektive sog. entwickelter oder wohlhabender Gesellschaften des Globalen Nordens gedacht werden und den Blick auf die Kindheiten des Globalen Südens vernachlässigen.

Aufbau und Inhalt

In dem Sammelband stehen mit Blick auf das Verständnis von Kindern als sozialen Akteuren und den sich daraus ergebenden theoretischen, politischen und rechtlichen Konsequenzen Fragen nach den heterogenen Lebenswelten von Kindern sowie ihren Entwicklungsmöglichkeiten und Bedingungen des Aufwachsens im Zentrum. Das vorrangige Ziel des Bandes besteht darin, die bisherigen Forschungsperspektiven in der Kindheitsforschung zu erweitern und neue zu eröffnen. Nach den Worten der Herausgeber/innen orientieren sich die in dem Band versammelten Beiträge leitmotivisch an den Fragen, „wie Kindheit möglich ist, was Kinder zu Kindern macht, welche Deutungen und Bilder von Kindern und Kindheit in kindheitstheoretischen Diskursen wie auch in der pädagogisch-politischen Arbeit mit Kindern wirkmächtig sind. Dabei werden empirische Analysen mit differenztheoretischen Annahmen der generationalen Ordnung und wissenssoziologischen Debatten verwoben, um eine ‚neue‘ Kinder- und Kindheitsforschung zu denken, die es ermöglichen kann, Dynamiken und gegenseitige Verschränkungen in gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen zu analysieren und in aktuelle kindheitstheoretische Diskurse einzubinden“ (S. 10f.).

Der Band ist in vier Teile strukturiert.

  1. Nach grundlegenden theoretischen Beiträgen werden
  2. in empirisch orientierten Beiträgen Kinder und Kindheiten in Institutionen in den Blick genommen,
  3. kinderpolitische Ansätze kritisch untersucht und schließlich
  4. Kinderkulturen und kulturelle Praxen in der Kindheit diskutiert.

Die Beiträge – zwei davon in englischer Sprache – des ersten Teils („Kindheiten. Gesellschaften: Theoretische Perspektiven“) stammen von einer Autorin und zwei Autoren, die zu den wichtigsten Impulsgebern der neueren Kindheitsforschung zählen. Die finnische Soziologin Leena Alanen zeigt, wie die von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu entwickelten Denkansätze und Kategorien genutzt werden können, um das Wissen und die Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung neu zu verorten. Vor allem geht sie der Frage nach, wie zentrale Strukturmerkmale westlich-kapitalistischer Gesellschaften bestimmte Vorstellungen von Kindheit mit hervorbringen. Der dänische, in Norwegen lebende Soziologe Jens Qvortrup zeigt, inwiefern Kindheit in den Institutionen der Familie, Schule, Politik und Recht jeweils wahrgenommen und gedeutet wird und in welcher Weise diese Deutungen und Wahrnehmungen zur Produktion und Reproduktion der generationalen Ordnung beitragen. Der deutsche Kulturforscher Heinz Hengst skizziert den Rahmen für ein gegenwartsorientiertes Programm von Kinderkulturforschung, wobei ihm sein Konzept der „differenziellen Zeitgenossenschaft“ als Grundlage für die Untersuchung sozialer Praktiken von Kindern in verschiedenen Lebensbereichen und Handlungsfeldern dient.

Im zweiten Teil des Bandes („Kinder und Kindheiten in Institutionen“) geht Michael-Sebastian Honig am Beispiel des Großherzogtums Luxemburg der Frage nach, wie die bisherigen Ergebnisse der soziologischen Kindheitsforschung für die Untersuchung der Bildungsprogramme zu früher Kindheit genutzt werden können und mit welchen neuen Perspektiven dieses immer wichtiger werdende Forschungsfeld wissensanalytisch erschlossen werden kann. Heinz Hermann Krüger stellt ausgewählte Resultate einer qualitativen Längsschnittstudie zum Thema Peergroups und schulische Selektion vor.

Im dritten Teil des Bandes („Kinder und Politik“) diskutieren Heinz Sünker und Rita Braches-Chyrek das in der UN-Kinderrechtskonvention aufzufindende Verhältnis von Schutz, Versorgung und Partizipation in ihren Auswirkungen auf die konkreten Alltagspraxen von Kindern; dabei setzen sie sich insbesondere mit Partizipationskonzepten und -praktiken auseinander, die nicht der Stärkung der sozialen Stellung der Kinder, sondern subtilen Formen der Machtausübung und des „Durchgriffs auf das Individuum“ dienen. Helmut Wintersberger analysiert ausgewählte Vermittlungsinstanzen und Schnittstellen zwischen der UN-Kinderrechtskonvention, der Kindheitsstatistik und der Sozialberichterstattung über Kinder, wobei er an der Konvention kritisiert, dass sie weitgehend resistent gegenüber dem Begriff von Kindheit als sozialer Kategorie sei. Johanna Mierendorff untersucht die Bedingungen „moderner Kindheit“ aus einer wohlfahrtsstaatlichen Perspektive und fragt, welche Bedeutung die gesetzten rechtlichen Normen und politische Programme für die Gestaltung von sozialen Ordnungen und generationaler Beziehungen haben.

Im vierten Teil des Bandes („Kinderkulturen und kulturelle Praxis in Kindheit“) diskutiert Heike Deckert-Peaceman die Bedeutung von Peerkulturen bei der Bewältigung des Schulalltags. Heidi Keller problematisiert unter Verweis auf konkrete Ausschnitte aus der Lebensrealität von Kindern die Annahmen von psychologischer Autonomie in früher Kindheit; aus ihrer Sicht verschleiern sie, dass Kindern die in manchen pädagogischen Konzepten vorausgesetzte Handlungsautonomie oft nicht gewährt wird und sogar ungewollt zu ihrer Verhinderung beitragen kann. Anhand einer ethnografischen Studie zeigt Charlotte Röhner mit Blick auf die sozialen Interaktionen in Spielsituationen, dass Mädchen und Jungen in der Peerkommunikation des Kindergartens im Sinne des doing gender selbst an der Herstellung von Geschlecht beteiligt sind.

Die Herausgeber/innen Rita Braches-Chyrek, Charlotte Röhner und Heinz Sünker bilanzieren, dass die neuere Kindheitsforschung mittlerweile über differenzierte Befunde zu Lebenslagen von Kindern in der mittleren Kindheit verfügt. Dagegen sehen sie in den Lebens-, Aufwuchs- und Betreuungsbedingungen in der frühen Kindheit zumindest in Deutschland noch ein junges und weitgehend unerforschtes Feld. Entsprechend sehen sie die aktuellen Herausforderungen an eine sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung darin, die Bindungs- und Beziehungsgestaltung in dieser Lebensphase und die damit verbundenen Entwicklungs- und Institutionalisierungsprozesse in interdisziplinärer Perspektive in den Blick zu nehmen. Dabei müssten auch klassenspezifisch akzentuierte Strategien im Umgang mit Kindern ähnlich wie schon in den angelsächsischen Ländern stärker beachtet und neue methodische Instrumente entwickelt werden.

Diskussion

Der Sammelband vermittelt einen weitgespannten und vielfältigen Überblick über aktuelle theoretische Konzepte und empirische Studien zu den Lebensbedingungen und kulturellen Praxen von Kindern, vor allem in deutschsprachigen Ländern. Der Anspruch, interdisziplinäre Ansätze und Perspektiven zu vermitteln, wird nur in einigen Beiträgen aufgegriffen, seine Notwendigkeit allerdings von den Herausgeber/innen plausibel begründet. Neben den eher theoretisch akzentuierten Beiträgen fordern vor allem die Beiträge von Michael-Sebastian Honig, Helmut Wintersberger und Heidi Keller zum Nachdenken heraus. Trotz des Eingangs erfolgenden Hinweises auf die auch für die Kindheitsforschung relevante „soziale Gestaltung von Weltgesellschaft“ bleibt der Fokus des Bandes insgesamt auf Kindheiten im Globalen Norden begrenzt. Mit ihrem in der Einleitung gewählten hochgestochenen Sprachduktus tragen die Herausgeber/innen leider nicht dazu bei, potenzielle Leser/innen, die mit dem an deutschen Universitäten (wieder?) üblichen akademischen Jargon nicht vertraut sind oder ihn nicht mögen, zur Lektüre zu animieren.

Fazit

Ein informativer Überblick über aktuelle theoretische und empirische Zugänge zu Kindheiten vornehmlich im deutschen Sprachraum, dessen möglicher Impuls für eine interdisziplinäre Neuorientierung der sozialwissenschaftlichen Kinder- und Kindheitsforschung allerdings weitgehend auf Appelle und den Globalen Norden beschränkt bleibt.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 30.04.2013 zu: Rita Braches-Chyrek, Charlotte Röhner, Heinz Sünker, Andreas Schaarschuch (Hrsg.): Kindheiten. Gesellschaften. Interdisziplinäre Zugänge zur Kindheitsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-428-2. Reihe: Kindheiten. Gesellschaften - 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13003.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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