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Annelies Spek: Achtsamkeit für Menschen mit Autismus

Cover Annelies Spek: Achtsamkeit für Menschen mit Autismus. Ein Ratgeber für Erwachsene mit ASS und deren Betreuer. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 200 Seiten. ISBN 978-3-456-85091-7. 24,95 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Autorin

Annelies Spek ist Klinische Psychologin und Wissenschaftlerin am Geestelijke Gezondheidszorg Eindhoven sowie Dozentin an der Universität Leiden.

Entstehungshintergrund

Menschen mit Autismusspektrumsstörungen haben im Alltag häufig Schwierigkeiten, sich auf wesentliche Elemente der in einer Gesellschaft verbreiteten Kommunikation zu konzentrieren. Bestimmte Verhaltensmerkmale, stereotype Muster, eine veränderte Wahrnehmung samt sensorischer Überempfindlichkeit sowie Niedergeschlagenheit, Ängste und Aufmerksamkeitsstörungen prägen das Leben von Menschen mit „Autismus“ (Spek 2010, S. 18f.), wie wir seine Spektrumstörungen im Folgenden vereinfacht nennen werden. Aus diesem Grund erscheint es hilfreich, den von Autismus Betroffenen Ratschläge zu vermitteln, wie sie etwa ihre Aufmerksamkeit mithilfe von Techniken und Übungen zur Entwicklung von Achtsamkeit verbessern und somit an der sie umgebenden Kultur mit Gewinn teilhaben können. Das zuerst in niederländischer Sprache erschienene Werk Annelies Speks ist von Susanne Bonn übersetzt und im Huber-Verlag herausgegeben worden.

Aufbau

Um den oben skizzierten Schwierigkeiten von Betroffenen mit Autismusspektrumstörungen zu begegnen, wählt Annelies Spek den Zugang eines Ratgebers in Buchform, der – so verspricht sie bereits eingangs des Buches – nachgewiesen „funktioniert“ (S. 13). Das Werk gliedert sich in vier Teile.

  1. Im ersten Teil werden die verwendeten Grundbegriffe – Autismus und Achtsamkeit – geklärt.
  2. Der zweite Teil – Vorbereitung auf das Achtsamkeitstraining – beschreibt die Grundlagen zum Verständnis des Programms, welches Spek speziell für Menschen mit Autismus entwickelt hat.
  3. Der dritte Teil – Achtsamkeitstechniken – vermittelt nun die Grundlagen sowie die Fertigkeiten, Achtsamkeit mittels verschiedener Meditationsübungen selbst zu trainieren.
  4. Schließlich wird im vierten Teil das Achtsamkeitstraining als „Programm für Helfer“ dargestellt. Neben dem Literaturverzeichnis finden sich im Anhang des Buches unter anderem ein Übungsplan sowie ein Formular zum Achtsamkeitstraining in der Gruppe.

Inhalt

Das Werk beschreibt im ersten Teil zunächst Autismus auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf der biologischen, der kognitiven und auf der Verhaltensebene. Dabei wird vor allem mit Hilfe der Neurowissenschaften verständlich erklärt, weshalb die Wahrnehmung bei Menschen mit Autismus Besonderheiten aufweist. In Bezug auf die Achtsamkeit wir anschließend skizziert, dass diese Auffälligkeiten durch Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT) oder durch Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) therapiert werden können. Beide Programme eignen sich im Allgemeinen zum Training von Achtsamkeit. Im besonderen Fall des Autismus sei es jedoch nachvollziehbar, dass eine kognitive Therapie für Betroffene eine zu hohe Belastung darstellen würde, so dass Spek schließlich die MBSR favorisiert (S. 29f.). Aus der Darstellung geht hervor, dass Sie selbst mit einem Team an eigenen Fällen die Effektivität dieses Trainings untersucht und nachgewiesen hat (Spek, Ham, Lieshout 2010). In dieser Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass durch ein Achtsamkeitstraining unter anderem depressive Symptome und übertriebenes Grübeln der StudienteilnehmerInnen gesenkt werden konnte (ebd.).

Im zweiten Teil arbeitet Spek als Vorbereitung auf das Achtsamkeitstraining den Aspekt der Aufmerksamkeit heraus, die bei Menschen mit Autismus häufig nur gering fokussiert ist (S. 39ff.). Außerdem stellt Sie den Unterschied zwischen den sogenannten Tun- und Sein-Modi dar, um aufzuzeigen, dass von Autismus Betroffene häufig im Tun-Modus verweilen und somit im Alltag vorwiegend rastlos und unruhig leben – Umstände, die die Auswirkungen autistischer Störungen zusätzlich erschweren. Darüber hinaus wird das Akzeptieren von Gedanken und Gefühlen thematisiert und damit das unnötige, automatisierte Verhalten des Grübelns herausgestellt, welches Betroffene belastet. Schließlich werden praktische Hinweise zum ‚Wie′ der Durchführung von Achtsamkeitsübungen gegeben. Diese lassen sich nämlich nicht beliebig in den Alltag einbringen, sondern sollten möglichst strukturiert vorbereitet werden. Am Ende des zweiten Teils des Buches werden nun drei Programme zur selbstständigen Übung von Achtsamkeit vorgestellt. Diese individuellen Möglichkeiten bieten den sicherlich verschiedenen Ansprüchen und Voraussetzungen unterschiedlicher LeserInnen geeignete Zugänge, selbst zu wählen, ob sie ein eher autonomes oder ein vielmehr stärker angeleitetes Programm verschiedener Achtsamkeitsübungen wählen. Spek zeigt in einem mehrwöchentlichen Musterbeispiel auf, wie Betroffene das Buch und seine Übungen gewinnbringend bearbeiten können.

Im dritten Teil des Werkes kommen verschiedene Achtsamkeitstechniken zur Darstellung (S. 71ff.). Diese Abschnitte stellen den Kern des Werkes dar. Aufgrund ihrer Vielseitigkeit und um der unvollständigen und damit unzureichenden Herausnahme einzelner Übungen, die nur im gesamten Kontext sinnvoll erscheinen, zu entgehen, werden diese in der vorliegenden Rezension nicht einzeln vorgestellt. Lediglich sollen hier einige Techniken genannt werden, um die Vielseitigkeit ihrer Zugänge auf dem Weg zur Achtsamkeitsentwicklung ausdrücken: Atmungsmeditation, Körpermeditation, Geräuschmeditation, Gedankenmeditation und die Bewegungsmeditation. Anschließend werden Hinweise zur Vertiefung von Übungen gegeben, die anschlussfähig an weitere Programme sind (S. 41).

Im vierten Teil des Buches stellt Spek nun schließlich im Sinne von Multiplikatorentätigkeit die Leitung von Achtsamkeitsübungen vor. Dabei geht sie knapp und zugleich präzise auf den äußeren Rahmen, die Strukturen, die Anforderungen sowie gleichsam auf zwischenmenschliche Aspekte der Durchführung der Übungen ein. Für die Helfer, die auf diese Weise in Bezug auf das Wissen über Autismus, die Meditationstechniken und die Anleitungen geschult werden sollen, bietet Spek hier eine übersichtliche, gut lesbare Darstellung, die das Buch jedoch spätestens an dieser Stelle inhaltlich etwas überlädt. Auch wenn die Beschreibungen zu den einzelnen Sitzungen der Übungen (S. 156) – wie so häufig im Buch – mit vielen Querverweisen zu anderen Stellen im Buch versehen sind, die auf das bereits Gelesene verweisen, so findet sich der Leser je nach Lesemodus (als Betroffener, als Helfer oder auch nur als Interessierter) nun doch etwas Verwirrung vor. Immerhin bietet das abschließende Unterkapitel einen Bogen in der Darstellung, der noch einmal aufgreift, wie das im Achtsamkeitstraining Gelernte auch nach Abschluss der Sitzungen weiter verinnerlicht bleiben kann.

Der Inhalt des Buches wird schließlich unterstützt durch Audio-Dateien, die auf der Internetpräsenz des Hans-Huber-Verlages heruntergeladen werden können. Die Adresse und die entsprechenden Hinweise finden sich bereits eingangs des Buches von Spek. So ist es möglich, die auditiven Anleitungen zur Unterstützung der Meditationsübungen auch auf dem MP3-Player zu laden (S. 14).

Diskussion

Das Buch ist der Versuch eines regelrechten Rundum-Griffes. Es will Informationen zur Achtsamkeit bieten, Betroffenen helfen und zugleich Helfer von Betroffenen schulen. Dies erschwert die Rezension, denn die von Spek an so vielen Stellen angeführte und zum Teil regelrecht beworbene Wirksamkeit und das Funktionieren des Buches lassen sich natürlich schlichtweg nicht nachprüfen. Der Blick ins Literaturverzeichnis, das knapp gehalten ist und auf das im Text leider kaum verwiesen wird, verrät, dass Spek sich mit der „Wirksamkeit“ lediglich auf eine eigene Studie von 2010 an einer sehr kleinen Fallzahl stützt (Spek 2010, S. 18f.). Die rasche Publikation dieses Ratgebers erscheint damit vorschnell. Dennoch: Positiv anzumerken ist, die sachliche und zugleich präzise, dabei jedoch trotzdem sehr gut verständliche Darstellung sowie die Möglichkeit, individuelle Zugänge zum Achtsamkeitstraining zu wählen.

Fazit

Bei aller ausgeführten Kritik: Dieses Buch ist durchaus lesenswert. Auch der Rezensent vermutet eine positive „Wirksamkeit“ – bei aller Vorsicht im Gebrauch dieses sehr werbenden und gegenwärtig inflationär gebrauchten Begriffes. Allein das Durcharbeiten eines Buches, genauer: das Arbeiten mit einem Buch, welches die das Selbstbewusstsein und die Achtsamkeit zum Thema hat, ermöglicht Menschen mit Autismusspektrumstörungen bereits die Hilfe zur Selbsthilfe sowie Objektivität im Umgang mit der eigenen Wahrnehmung. Das Buch wirkt somit sicherlich in einer gewissen Art und Weise psychoedukativ. Zudem finden sich darin Informationen und Hilfeangebote, die individuell nutzbar sind – auch für HelferInnen. Mehr kann ein Buch dann aber auch nicht leisten. Alles Weitere liegt bei den LeserInnen. Daher bleibt diesen der Gewinn von mehr Achtsamkeit nur zu wünschen, während von der Autorin und ihrer wissenschaftlichen Disziplin gleichsam gefordert werden muss, dass das entwickelte Achtsamkeitstraining der MBSR für Menschen mit Autismusspektrumstörungen künftig als repräsentativ, objektiv und valide bestätigt, d.h., auf ‚feste Füße′ gestellt werden sollte.

Literatur

  • Spek, A., Ham, N.C., Lieshout, H. van (2010): Effectiviteit van Mindfulness based. Stress Reduction bij volwassenen met een autismespectrumstoornis, In: Wetenschappelijk Tijdschrift Autisme 9/3, S. 82-88.

Rezensent
Dr. Ulf Sauerbrey
Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Homepage www.uni-bamberg.de/efp/lehrstuhlteam/dr-phil-ulf-sa ...
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Zitiervorschlag
Ulf Sauerbrey. Rezension vom 26.04.2012 zu: Annelies Spek: Achtsamkeit für Menschen mit Autismus. Ein Ratgeber für Erwachsene mit ASS und deren Betreuer. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. ISBN 978-3-456-85091-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13046.php, Datum des Zugriffs 07.12.2016.


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