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Tanja Jungmann: Praxis der Kommunikations- und Sprachförderung

Cover Tanja Jungmann: Praxis der Kommunikations- und Sprachförderung. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2012. 205 Seiten. ISBN 978-3-938187-67-8. 19,95 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Thema

Eine altersentsprechende Sprach- und Kommunikationsfähigkeit von Kindern ist von großer Bedeutung, da sie die Grundlage für die kognitive und sozial-emotionalen Entwicklung darstellt. Der enge Zusammenhang zwischen Sprache, Lernen und Verhalten benötigt dabei im Bereich der Sprach- und Kommunikationsförderung eine diagnostische und förderpraktische Vorgehensweise, die biologische, psychische und soziale Faktoren miteinbezieht und von einer Wechselwirkung zwischen den unterschiedlichen Entwicklungsbereichen ausgeht.

Die Sprach- und Kommunikationsförderung besitzt ein breites Anwendungsspektrum, wie Spezifische Sprachentwicklungsstörungen (SSES), Redeflussstörungen, verminderte Hörfähigkeit/ Taubheit, Probleme beim Zweitspracherwerb. Sprach- und Kommunikationsstörungen treten ebenfalls bei Menschen mit geistiger Behinderung und bei Kindern mit psychopathologischen (z.B. Autismus) oder bei durch Deprivation hervorgerufenen Entwicklungsstörungen, auf.

Autorin

Prof. Dr. Tanja Jungmann, lehrt am Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitätion (ISER), Universität Rostock. Schwerpunkt „Sonderpädagogische Frühförderung und Sprachbehindertenpädagogik“. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind Sprachentwicklung, Entwicklungsdiagnostik, Prävention und Entwicklungsförderung sowie Evaluation von Frühpräventions- und Frühinterventionsprogrammen.

Aufbau

Zahlreiche Diskurse innerhalb ihrer langjährigen interdisziplinären Forschungstätigkeit mit Kollegen anderer sonderpädagogischer Fachrichtungen und aus dem Bereich der Medizin und Psychologie haben in der Autorin die Notwendigkeit dieses Buch zu verfassen, reifen lassen. Fachkräfte im (sonder-) pädagogischen und psychologischen Handlungsfeldern soll damit ein Überblick aktueller interdisziplinärer Forschungstrends gegeben werden, damit der diagnostische Blick auch auf andere Entwicklungsbereiche gelenkt wird, um eine angemessene Förderung planen und gestalten zu können (vgl. Vorwort S.8). Die praktische Förderung der Sprache und Kommunikation basiert auf interdisziplinären Erkenntnissen und ihrer Verknüpfungen. Dabei steht folgende Leitfrage im Vordergrund der Veröffentlichung Jungmanns: "Wie kann Sprachförderung optimal an die Klientel und ihre besonderen Bedürfnisse angepasst und gestaltet werden?" (vgl. Klappentext).

Die beiden Teile des Buches sind in Teil I: ‚Grundlagen‘ und Teil II: ‚Die Klientel der Sprach- und Kommunikationsförderung‘ unterteilt.

Teil I: Grundlagen

Für den fachlichen Leser kann Teil I als Auffrischung und Ergänzung seines eigenen Fachwissens angesehen werden. Von den insgesamt 205 Seiten wurde Teil I mit 28 Seiten relativ kurz gehalten. Allerdings ist der Schreibstil der Autorin präzise und knapp und handelt die Kapitel

  1. Die Komplexität des Spracherwerbs und dessen Meilensteine und
  2. Voraussetzungen und Bedingungen des Spracherwerbs

in inhaltlich und fachlich aktueller Weise ab.

Im ersten Kapitel ist die gleichberechtigte Darstellung des Erwerbs der prosodischen Kompetenz im Babyalter, die die Voraussetzung für den Erwerb der linguistischen und pragmatischen Kompetenz darstellt, als wissenschaftlich aktuell einzustufen (Kapitel 1.1 bis 1.3).

Im zweiten Kapitel„Voraussetzungen und Bedingungen des Spracherwerbs“ wird auf die kognitiven, sozial-kommunikativen, die neurobiologischen und sprachspezifischen Voraussetzungen eingegangen. „Outside-in“-Theorien (z.B. Skinner, Piaget, Bruner), Inside-out“-Theorien (z.B. Chomsky, Pinker, Lenneberg) und die Interaktionistische Sichtweise (z.B. Karmiloff-Smith, Elman, Bates, Johnson, Parisi, Plunkett) werden in Tabelle 5 (S. 25) gegenübergestellt und im Anschluss kurz und prägnant auf 19 Seiten dargestellt:

  • 2.1 Behaviorismus und Kognitivismus: Allgemeine kognitive Voraussetzungen
  • 2.2 Interaktionismus: Sozial-kommunikative Voraussetzungen
  • 2.3 Nativismus und Konnektionismus: Neurobiologische und sprachspezifische Voraussetzungen

Teil II: Die Klientel der Sprach- und Kommunikationsförderung

Unterschiedliche Dispositionen einer Sprach- und Kommunikationsstörung werden in Teil II in fünf Klientel und entsprechend in fünf Kapitel (den Kapiteln 3 bis 7) eingeteilt. Genetische, physiologische, psychologische, soziale und gesellschaftliche Ursachen geben die Grundstruktur dieser Einteilung und führen den Leser im charakteristisch kurzen und prägnanten Stil durch eine jeweils ähnliche inhaltliche Struktur (Ursachen, Symptomatik, Störung, Diagnostik, Förderung, Verfahren, Evaluation).

  • 3. Primäre Störungen der Sprachentwicklung (SSES)
  • 4. Sprach- und Lernstörungen: Lese-Rechtschreibstörung (LRS)
  • 5. Sekundäre Sprachstörungen: Down-Syndrom
  • 6. Sprache und Verhalten: Pragma-kommunikative Störungen
  • 7. Mangelnde Sprachbeherrschung: Kinder mit Migrationshintergrund

In den Kapiteln 3 bis 7 werden die Ursachen und Auswirkungen in Schaubildern zusätzlich veranschaulicht. Daraus ergibt sich ein rascher Überblick über die Komplexität des jeweiligen Förderfeldes.

  • Definitionen sind in Kästen übersichtlich im Lay-out integriert.
  • Entsprechende Diagnoseverfahren und Förderprogramme werden in jedem Kapitel vorgestellt und zusätzlich in Schaubildern visualisiert.
  • Wissenschaftliche Evaluationen zu jedem Verfahren oder Förderprogramm eines sprachlichen Förderfeldes, werden aufgeführt.
  • Jedes Kapitel endet mit einer Zusammenfassung.
  • Über das gesamte Buch sind Informationskästen verteilt, die wichtige fachliche Informationen zusammenfassen (z.B. Kasten 13: Methoden zur Reduktion von Stottersymptomatik, S. 140). -
  • Das Buch endet mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis, das so gut wie alle relevanten Grundlagenwerke und Forschungsergebnisse zum Thema enthält.
  • Jedes Kapitel besitzt einerseits eine ähnliche inhaltliche Struktur (Ursachen, Symptomatik, Störung, Diagnostik, Förderung, Verfahren, Evaluation), die jedoch andererseits wiederum den spezifischen Bedingungen der sprachlichen Entwicklungsstörung angepasst wird.
  • In Kapitel 6: Sprache und Verhalten – Pragma-kommunikativen Störungen wird auf die Sprachstörungen Stottern, selektiver Mutismus und Autismus und ihre jeweiligen Ausprägungen im Bereich Sprache und Kommunikation eingegangen.
  • Hingegen wird im Kapitel 7: Mangelnde Sprachbeherrschung – Kinder mit Migrationshintergrund die alltagsintegrierte Förderung im sozialen Setting Familie, Kindergarten und außerschulische Sprachförderung beleuchtet.

Diskussion

Eine Ursache im Störungs- und Förderbereich LRS ist die Verwechslung ähnlich klingender Laute, wie z.B. b mit p (vgl. Landerl, K.: Lese/Rechtschreibstörung. In S. Schneider/ J. Margraf, Hrsg: Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Bd 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter. S. 395-410. Heidelberg: Springer 2009). Bei SSES ist die Umsetzung prosodischer Informationen, wie zum Beispiel Rhythmen zu erfassen und diese nach zu klatschen ein Diagnosekriterium (vgl. Weinert, S.: Spracherwerb und implizites Lernen: Studien zum Erwerb sprachanaloger Regeln bei Erwachsenen, sprachunauffälligen und dysphasisch-sprachgestörten Kindern. Bern: Huber, 1991). Die Dissertation von Stephan Sallat an der Uni Gießen setzt an diesen Punkten an und untersuchte die Verbindung von Sprachverarbeitung, Musikverarbeitung und Arbeitsgedächtnis (Sallat, S.: Musikalische Fähigkeiten im Fokus von Sprachentwicklung und Sprachentwicklungsstörungen. Idstein: Schulz-Kirchner, 2008). Nach Sallat handelt es sich zum Beispiel im Bereich SSES um eine Reduzierung der Verarbeitungskapazität aufgrund fehlender Automatisierung der Verarbeitung musikalischer Parameter des Sprachsignals. Dieser interdisziplinärer Zugang zur Untersuchung des normalen und gestörten Spracherwerbs fand leider noch keine Erwähnung in dieser Veröffentlichung (Sallat, S.: Der Ton macht die Musik – und die Sprache. In: Interdisziplinär 2/2009, S. 84 – 92, http://www.stephansallat.de/Media/papers/Sallat_LOGOS_2_2009.pdf ).

Der Bereich der Hörgeschädigten, und welche Förderverfahren es zum Beispiel für Kinder mit Cochlear-Implantat gibt, wird nicht gesondert in dieser Veröffentlichung behandelt. Hier muss sich der Leser aus den jeweiligen Verfahren zu den einzelnen Stör- und Förderbereichen entsprechende Vorgehensweisen herausfiltern oder sich auf anderweitige Förderverfahren der Hörbehindertenpädagogik beziehen.

Fazit

  • Das Buch richtet sich an pädagogische und therapeutische Fachkräfte unterschiedlicher fachlicher Schwerpunkte.
  • Der Begriff „Praxis“ im Titel wird von der Autorin nur im wissenschaftlich-theoretischen Kontext verstanden. „Praxis“ wird von ihr als eine Aufführung von unterschiedlichen Verfahren zu den jeweiligen Förder- und Störungsfelder für die Praxis interpretiert und nicht als wirkliche Praxis oder durch eine Erläuterung durch Praxisbeispiele. Interessierte Leser könnte dies irritieren, da diese inhaltliche Umsetzung nicht eindeutig dem Titel, durchaus jedoch aus dem Klappentext zu entnehmen ist.
  • Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die sprachlich-kommunikativen Förderbereiche und aktueller Verfahren, mit ihren jeweiligen Förderschwerpunkten. Dabei versucht die Autorin in den jeweiligen zahlreichen Zusammenfassungen die verschiedenen Diagnose- und Förderverfahren nicht nur nebeneinander aufzulisten, sondern sie für den Fachleser in ihrer Gesamtheit für das jeweilige Klientel in Beziehung zu setzen.
  • Ein empfehlenswertes Buch, das einen umfassenden Überblick über Klientel- und Förderbereiche im Bereich Sprache und Kommunikation gibt. Es ist durch seine prägnante und komprimierte Schreibweise auch als Nachschlagewerk durchaus einzusetzen.

Rezensentin
Sabine Hirler
M.A., Doktorandin Fachbereich Pädagogik an der TU Kaiserslautern, Musikpädagogin- und therapeutin, Rhythmiklehrerin, Fachautorin, Dozentin/ Referentin u.a. im Bereich Rhythmik in der Heilpädagogik, Wahrnehmungs- und Sprachförderung. www.sabinehirler.de
Homepage www.sabinehirler.de
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Zitiervorschlag
Sabine Hirler. Rezension vom 16.01.2013 zu: Tanja Jungmann: Praxis der Kommunikations- und Sprachförderung. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2012. ISBN 978-3-938187-67-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13067.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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