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Michael Matzner (Hrsg.): Handbuch Migration und Bildung

Cover Michael Matzner (Hrsg.): Handbuch Migration und Bildung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 399 Seiten. ISBN 978-3-407-83170-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Zur Zeit haben rd. 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund. Besonders hoch ist dieser Anteil bei Jüngeren: 32 Prozent bei den Fünf- bis Zehnjährigen und 34 Prozent bei Kindern unter fünf Jahren (Stefan Rühl und Christian Babka von Gostomski in dem hier zu besprechenden Handbuch, S. 28). In zahlreichen westdeutschen Städten und Ballungsräumen bilden sogar Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien die Mehrheit in ihrer Altersgruppe. Der zunehmende Anteil von jungen Menschen mit Migrationshintergrund hat in den letzten Jahren zu einer deutlichen Veränderung der sozialen Struktur der Schulbevölkerung geführt. Es ist anzunehmen, dass diese Entwicklung sich auch in den nächsten Jahren fortsetzen wird.

Angesichts dieser, ethnische und soziale Herkunft der Schülerschaft betreffenden Veränderungen und aufgrund der weiterhin beträchtlichen Unterschiede in Bezug auf die Bildungsbeteiligung und die Bildungserfolge zwischen den Schülern und Schülerinnen mit und ohne Migrationshintergrund stehen das Bildungssystem mit seinen Schulen und deren Personal vor tief greifenden Herausforderungen. Zumal in der „Bildungs- und Wissensgesellschaft“ Deutschland Bildungssystem und dessen Akteuren eine „Schlüsselfunktion“ bei der Bewältigung der Herausforderungen der Migration zugewiesen wird, da landläufig angenommen wird, dass Integration ohne ausreichende Bildung kaum möglich ist, was nicht nur für junge, sondern uneingeschränkt auch für erwachsene Menschen gilt.

In einer Rückschau kann zwar die Gesamtentwicklung der Bildungsbeteiligung junger Menschen mit Migrationshintergrund als positiv bewertet werden, da zum Teil erhebliche Verbesserungen beim Erreichen von Schulabschlüssen eingetreten sind (Ursula Neumann und Marika Schwaiger in dem vorliegenden Handbuch, S. 214), die ungleiche Bildungsbeteiligung, insbesondere der großen Gruppen der türkei- und italienstämmigen Schüler/innen zeigt jedoch anhaltend großen Handlungsbedarf. Daher ist die Entwicklung und Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund besonders zu fördern und ihre Bildungserfolge müssen entscheidend verbessert werden. Dies erfordert jedoch, dass Fachkräfte im Bildungssystem über adäquates Fachwissen verfügen. Doch „der Mangel an Wissen über erfolgreiche institutionelle und pädagogische Strategien“ ist gravierend. (Konsortium Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2006. Bielefeld 2006, S. 179).

Anliegen und Zielgruppen

Das vorliegende Handbuch will genau diesem Mangel entgegenwirken und für die nach Orientierung Suchenden einen Überblick über den Problemumfang, die Problemursachen sowie über erfolgreiche Problemlösungsstrategien im Bereich Migration und Bildung ermöglichen. Der Herausgeber schreibt hierzu: „Das Handbuch umfasst . zwei Perspektiven: eine theoretisch-empirische und eine pädagogisch handlungsorientierte. Infolgedessen kann es den Interessen und Bedürfnissen verschiedener Zielgruppen gerecht werden: Studierenden, Dozenten, pädagogischen Führungskräften, Lehrerinnen und Lehrern, Sozialpädagogen, Erziehern sowie weiteren Personen, die beruflich mit jungen Menschen aus Einwandererfamilien sowie deren Eltern zu tun haben.“ (S. 15)

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Dr. Michael Matzner ist Erziehungswissenschaftler und Soziologe, Diplom-Betriebswirt (FH) und Projektleiter in der Jugendberufshilfe sowie Lehrbeauftragter an der Universität und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (Angaben auf dem rückwärtigen Deckblatt).

Für die Artikel in dem Handbuch zeichnen sich 32 Personen aus den folgenden (Teil-)Disziplinen für verantwortlich (alphabetisch): Erziehungswissenschaft, Germanistik, Interkulturelle Pädagogik, Migrationspsychologie, Migrationssoziologie, Politikwissenschaft, Psychologie, Schulpädagogik, Sozialpädagogik und Soziologie.

Aufbau

Das Handbuch umfasst 26 Beiträge und beinhaltet neben dem Vorwort des Herausgebers (passender wäre wohl Einleitung) und dem Autorenverzeichnis fünf Kapitel:

  1. Menschen mit Migrationshintergrund: Daten, Fakten und Perspektiven
  2. Migration und Bildung: Daten, Fakten und Erklärungen
  3. Sprache und Sprachförderung
  4. Kinder und junge Menschen aus Einwandererfamilien in Elementarbereich, Schule und Berufsausbildung
  5. Familien und Kinder aus Einwandererfamilien in der Kinder- und Jugendhilfe.

Inhalt

Im ersten Kapitel liefern Stefan Rühl und Christian Babka von Gostomski einen Überblick über „Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland: Daten und Fakten“ aus einer sozialstrukturellen Perspektive, während Stefan Luft einen Überblick darüber aus einer integrationstheoretischen („Einwanderer mit besonderen Integrationsproblemen: Daten, Fakten und Perspektiven“) und Birgit Leyendecker aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive („Zuwanderung, Diversität und Resilienz – eine entwicklungspsychologische Perspektive“) geben. Mario Peucker beschäftigt sich in dem letzten Beitrag dieses Kapitels mit der „Differenz in der Migrationsgesellschaft – ethnische Diskriminierung und Einstellungen gegenüber Migrant/innen und Minderheiten“.

In dem ersten Beitrag des Kapitels 2 stellt Michael Matzner verschiedene Daten und Fakten zum Thema „Migration und Bildung“ in Form von statistischen Verteilungen dar. Cornelia Kristen und Jörg Dollmann thematisieren in ihrem anschließenden Beitrag „Migration und Schulerfolg: Zur Erklärung ungleicher Bildungsmuster“. Im darauffolgenden Beitrag „‘Bildungserfolgreiche‘ Migrantinnen und Migranten“ beschäftigen sich Dietrich Thränhardt und Karin Weiss mit der Frage, wie sich die Bildungserfolge einzelner Migranten/innen bzw. Migrantengruppen erklären lassen. Im letzten Beitrag des Kapitels geht Dietrich Thränhardt auf den „Umgang des Bildungswesens mit Migration und ethnischer Differenz“ ein.

In Kapitel 3 beschäftigen sich drei Autoren mit dem Thema Sprache und Sprachförderung. Hartmut Esser geht auf Sprache und Integration ein, während Heidi Rösch sich mit „Deutsch als Zweitsprache (DaZ): theoretische Hintergründe, Organisationsformen und Lernbereiche, Lehrerbildung“ befasst und Agi Schründer-Lenzen die „Diagnose und Förderung der sprachlichen Entwicklung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund“ näher betrachtet.

In dem mit zehn Beiträgen umfangreichsten Kapitel 4 werden Bildung und Erziehung junger Menschen mit Migrationshintergrund differenziert dargestellt und pädagogische Empfehlungen vorgelegt, und zwar von der frühkindlichen Bildung (Doris Edelmann: „Frühe Förderung von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund: Ansätze zwischen Integration, Kompensation und Befähigung“) über schulische Bildung (Klaudia Schultheis: „Die Situation von Grundschulkindern mit Migrationshintergrund - dargestellt an ausgewählten Aspekten“, Ursula Neumann und Marika Schwaiger: „Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in der Sekundarstufe I“, Paul Walter: „Gymnasialbesuch und seine Bedingungen bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund“, Ulrich Schröder: „Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in Förderschulen“, Isabel Sievers: „Zum Umgang von Lehrkräften mit migrationsbedingter Vielfalt und Differenz“, Werner Sacher: „Elternarbeit mit Migranten“, Haci-Halil Uslucan: „Islam in der Schule: Ängste, Erfahrungen und Effekte“) hin zur Berufsausbildung (Michael Matzner: „Junge Menschen aus Einwandererfamilien im Übergang von der Schule in die Berufsausbildung“) und Studium (Yasemin Karaka?o?lu und Anna Wojciechowicz: „Studierende mit Migrationshintergrund an deutschen Hochschulen im Spiegel der aktuellen Datenlage“).

Im fünften Kapitel geht es um Familien und Kinder aus Einwandererfamilien in der Kinder- und Jugendhilfe. Entsprechend beschäftigen sich Sandra Fendrich, Jens Pothmann und Agathe Wilk im ersten Beitrag des Kapitels mit „Hilfen zur Erziehung für Einwandererfamilien“. Anschließend befasst sich Veronika Fischer mit der „Eltern- und Familienbildung in der Migrationsgesellschaft“. In den darauffolgenden zwei Beiträgen geht es um „Migration und Jugendarbeit – Konzepte, Diskurse, Praxen“ (Andreas Thimmel) sowie um „(Sozial-)Pädagogische Arbeit mit sozial auffälligen und gewaltbereiten jungen Migrant/innen“ (Rainer Kilb).

Diskussion

Der Titel „Migration und Bildung“ und der Inhalt des vorliegenden Handbuchs decken sich leider nicht. In dessen Mittelpunkt steht die Entwicklung und Bildung junger Menschen innerhalb des Schulsystems. Matzner versucht dies zwar damit zu begründen, dass die Aufnahme der Bildungsbereiche Erwachsenen- und Altenbildung in das Handbuch „den Rahmen dieses Buches gesprengt und dessen präventive Fokussierung auf die nachkommenden Generationen verwässert“ (S. 15) hätte. Warum der Rahmen „Migration und Bildung“ durch die Erwachsenen- und Altenbildung gesprengt werden soll und v.a. angesichts der „Bildungs- und Wissensgesellschaft“ Deutschland ist der Verzicht auf die Erwachsenen- und Altenbildung für den Rezensenten nicht ganz nachvollziehbar.

Abgesehen davon ist die Auswahl der Themen oder Sachverhalte im Handbuch sicherlich weder erschöpfend noch repräsentativ. Dies verwundert jedoch nicht, haben wir es doch bei Migration und Bildung mit einem Gegenstandsbereich zu tun, der in den zahlreichen Disziplinen unterschiedlich verankert ist: In der einen ist er sehr stark und mittlerweile mit einer Tradition und mit relativ umfangreichen Wissensbeständen vertreten, in der anderen steckt er noch in den Kinderschuhen und wartet auf eine vertiefte und systematische Bearbeitung. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, ist das Handbuch folgerichtig interdisziplinär und multiperspektivisch angelegt und enthält Beiträge aus den Disziplinen Pädagogik, Politikwissenschaft, Psychologie, Sprachwissenschaft, Soziologie und deren Subdisziplinen wie Interkulturelle Pädagogik, Migrationspsychologie, Migrationssoziologie, Schulpädagogik, Sozialpädagogik.

Mit ihren Themen befassen sich die Autorinnen und Autoren eingehend, präsentieren in einer Bestandsaufnahme aktuelle Forschungsergebnisse und -erkenntnisse zur Entwicklung, Sozialisation, Bildung und Bildungsförderung junger Menschen mit Migrationshintergrund jeweils aus der Perspektive ihrer wissenschaftlichen Disziplin und ziehen durchgehend wissenschaftlich fundierte migrationspädagogische Schlussfolgerungen.

Die einzelnen Beiträge sind klar strukturiert, jedoch sprachlich wie inhaltlich, aber auch vom Umfang her unterschiedlich, was allerdings bei der großen Anzahl der Autorinnen und Autoren nicht wundert und dem Erkenntnisgewinn nicht im Wege steht. Für die Beschäftigung mit weiteren Aspekten enthält jeder Beitrag zahlreiche Literaturangaben.

Fazit

Das Werk hat eine ansprechende Aufmachung. Ein schnelles Finden der Beiträge im Handbuch ist auf der Basis einer übersichtlichen Gliederung gewährleistet.

Auch wenn ich dem Handbuch eine weitere Auflage wünschen würde, in der einerseits auch die Bereiche Erwachsenen- und Altenbildung enthalten sind und meine Disziplin Soziale Arbeit/Sozialpädagogik nicht nur mit „Kinder- und Jugendhilfe“ (letztes Kapitel), sondern auch z. B. mit „Benachteiligtenförderung“ oder „Jugendberufshilfe“ vertreten ist, halte ich es dennoch für ein gut gelungenes, umfangreiches und kompetentes Grundlagenwerk.

Das Werk kann den oben genannten Zielgruppen insofern empfohlen werden, dass es für sie durchaus eine hilfreiche und wichtige Unterstützung sein kann. Es kann eine schnelle Einarbeitung in übergreifende Themen wie in Detailfragen der Migration und Bildung junger Menschen mit Migrationshintergrund ermöglichen.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 04.10.2012 zu: Michael Matzner (Hrsg.): Handbuch Migration und Bildung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-407-83170-5. Reihe: Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13096.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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