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Gudrun Ehlert: Gender in der sozialen Arbeit

Cover Gudrun Ehlert: Gender in der sozialen Arbeit. Konzepte, Perspektiven, Basiswissen. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2012. 143 Seiten. ISBN 978-3-89974-377-7. D: 9,80 EUR, A: 10,10 EUR.

Reihe: Grundlagen sozialer Arbeit. Wochenschau Studium.
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Thema

Es geht um ein altbekanntes und zugleich nach wie vor sehr aktuelles Thema: Welche Bedeutung hat das Thema Gender in der Sozialen Arbeit? Welche Vorstellungen und Zuschreibungen von Weiblichkeit und Männlichkeit prägen das professionelle Handeln? Gudrun Ehlert will aktuelle theoretische Grundlagen zur Kategorie Geschlecht aus der Frauen- und Geschlechterforschung darlegen, die Relevanz dieser Kategorie für die Soziale Arbeit herausarbeiten und damit einen Beitrag leisten zur Verankerung von Geschlechterperspektiven in der Sozialen Arbeit.

Autorin und Entstehungshintergrund

Prof. Dr. phil. Gudrun Ehlert ist Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin und Sozialwissenschaftlerin und arbeitet seit 1996 an der Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten in Lehre und Forschung gehören Geschlechterverhältnisse in der Sozialen Arbeit und Professionalisierung Sozialer Arbeit. Der vorliegende kleine Band ist erschienen in der Reihe ‚Grundlagen Sozialer Arbeit‘, welche für Absolventinnen und Absolventen der Bachelor- und Masterstudiengänge einführende, kompakte wissenschaftliche Grundlagenliteratur zu relevanten Themenbereichen zur Verfügung stellen will.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst zehn Kapitel, die zwischen fünf und maximal 20 Seiten lang sind. Nach jedem Kapitel finden sich Hinweise auf weiterführende Literatur.

Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung setzt sich die Autorin ausführlicher mit den Dimensionen der Kategorie Geschlecht auseinander: Sie erläutert Geschlecht als Strukturkategorie, als soziale Konstruktion (doing gender) und als Konfliktkategorie, stellt Ansätze der Männlichkeitsforschung vor sowie das aktuelle Konzept der Intersektionalität (mit der Kategorien-Trias Geschlecht, Klasse, Ethnizität), das sich in jüngster Zeit in der sozialwissenschaftlichen Forschung für die Analyse sozialer Ungleichheit etabliert hat. Nach einem Abriss der ersten Frauenbewegung und der Entwicklung von Sozialer Arbeit als Frauenberuf wird die Bedeutung der zweiten Frauenbewegung der 1970er Jahren für die Soziale Arbeit herausgearbeitet (Frauenprojekte, feministische Sozialarbeit). Damit ist die theoretische Basis geleistet für die darauffolgenden thematischen Beiträge (die laut Autorin in beliebiger Reihenfolge gelesen werden könnten, vgl. S. 6).

So befasst sie sich in einem Kapitel mit Geschlechterhierarchien in der Sozialen Arbeit und arbeitet heraus, dass die Soziale Arbeit durch eine horizontale und eine vertikale Geschlechtersegregation bestimmt ist, und sie greift kurz die aktuelle Care-Debatte auf.

In den weiteren Kapiteln wird der Bedeutung von Geschlecht in drei ausgewählten Bereichen nachgegangen:

  1. Bildung,
  2. Migration und
  3. Gewalt.

Anhand der unterschiedlichen Zugänge von Mädchen und Jungen zur Bildung sowie von Geschlechterunterschieden im Bildungssystem wird die Bedeutung der Dimensionen von Geschlecht in den aktuellen Bildungsdebatten prägnant zusammengefasst. In Zusammenhang mit Migration zeigt die Autorin auf, dass die komplexen Konstruktionsprozesse von Kultur und Geschlecht nur mit Hilfe differenzierter Modelle erfasst werden können; u.a. werden Forschungsergebnisse von Vera King et al. zu Migration und Adoleszenz rezipiert/vorgestellt und deren These von der ‚doppelten Transformationsanforderung‘ bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird erläutert.

Ausführlich geht Ehlert auf das Thema ‚Gewalt und Geschlecht‘ ein, sie fragt „ nach den Wirkungen der Geschlechterhierarchie, nach der Bedeutung der Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit sowie nach Konflikthintergründen, Gewalt-, Verletzungs- Degradierungs- und Entwertungserfahrungen von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern“(ebd.:81). Zunächst wird die Aufdeckung von Gewalt gegen Frauen in den 1970er Jahren nachgezeichnet, die ab den 1990er Jahren unter der Bezeichnung ‚häusliche Gewalt‘ diskutiert wird. In Bezug auf ‚Männlichkeit und Gewalt‘ wird auf den empirisch nachgewiesenen Zusammenhang mit sozialer Randständigkeit hingewiesen. Die identitätstheoretische Perspektive (Gewalt als Bewältigungshandeln) wird einer funktionalistischen (Gewalt als Ausdruck männlicher Hegemonie) gegenübergestellt. Unter dem Stichwort ‚Weiblichkeit und Gewalt‘ geht die Autorin u.a. auf das neue Phänomen der Gewaltorientierung weiblicher Jugendlicher ein.

Die nächsten beiden Kapitel sind der Auseinandersetzung mit geschlechterbewusster Sozialer Arbeit, mit Gleichstellungspolitik und Gender Mainstreaming gewidmet. In einem abschliessenden Ausblick werden die verschiedenen Lesarten von Geschlechterwissen erläutert und die Dimensionen der Kategorie Geschlecht für das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit noch einmal zusammenfassend dargestellt.

Diskussion

Es ist der Autorin sehr gut gelungen, die mittlerweile kaum überschaubare Fülle von Publikationen in der Frauen- und Geschlechterordnung zu sichten und wesentliche theoretische Zugänge und empirische Erkenntnisse in Hinblick auf ihre Relevanz für die Soziale Arbeit auszuwählen. Ihr zweites grosses Verdienst besteht darin, den Balanceakt von Kürze und Prägnanz der Ausführungen und Differenziertheit der Argumentation gemeistert zu haben.

Für Studierende wertvoll ist sicherlich das einleitende Kapitel zu den Dimensionen der Kategorie Geschlecht, das eine differenzierte Sichtweise auf ‚Gender‘ erst ermöglicht, sowie die abschliessenden Ausführungen, inwiefern diese Kategorien in der Sozialen Arbeit relevant sind: Geschlecht als Strukturkategorie, um die Mechanismen der Reproduktion von Geschlechterhierarchien in Zusammenhang mit komplexen Ungleichheitslagen entschlüsseln und soziale Probleme angemessen bearbeiten zu können – Geschlecht als soziale Konstruktion in Interaktionsprozessen, in denen Geschlecht in Form gegenseitiger Zuschreibungen von Geschlechterdifferenz immer wieder von Bedeutung ist (doing gender) -- Geschlecht als Kategorie der individuellen Entwicklung (wobei hier die von Ehlert gewählt Bezeichnung ‚Geschlecht als Konfliktkategorie‘ für diese subjekttheoretische Perspektive nicht ganz zu überzeugen vermag). Die Konzentration auf drei ausgewählte Themenbereiche erscheint zweckdienlich, die etwas ausführlichere Behandlung von ‚Gewalt und Geschlecht‘ nachvollziehbar. Diese themenbezogenen Ausführungen vermögen die Relevanz der unterschiedlichen Dimensionen von Geschlecht für Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit zu illustrieren. Die Autorin hat ihr Ziel, einen Beitrag zu leisten zur Verankerung von Geschlechterperspektiven in der Sozialen Arbeit, zweifelsohne erreicht.

Fazit

Den Anspruch der Reihe ‚Grundlagen Sozialer Arbeit‘, in kompakter Weise in die Grundlagen eines Themenbereichs einzuführen, Zusammenhänge herzustellen und Probleme und Herausforderungen zu beschreiben, erfüllt der vorliegende kleine Band vollumfänglich. Der aktuelle Stand des theoretischen Diskurses in der Geschlechterforschung wird differenziert und zugleich prägnant und gut verständlich nachgezeichnet. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sehr gut. Eine nicht nur Studierenden sehr zu empfehlende Einführung in den Themenbereich!


Rezensentin
Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund
Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit (Institut für Professionsforschung und kooperative Wissensbildung) der Fachhochschule Nordwestschweiz. Arbeitsschwerpunkte: Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit, Soziale Diagnostik, Geschlechtersozialisation
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Zitiervorschlag
Ursula Hochuli Freund. Rezension vom 06.06.2012 zu: Gudrun Ehlert: Gender in der sozialen Arbeit. Konzepte, Perspektiven, Basiswissen. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2012. ISBN 978-3-89974-377-7. Reihe: Grundlagen sozialer Arbeit. Wochenschau Studium. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13171.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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