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Niko Paech: Befreiung vom Überfluss

Cover Niko Paech: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom Verlag (München) 2012. 144 Seiten. ISBN 978-3-86581-181-3. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Dieses Buch behandelt das Thema „ökonomisches Wachstum“. Dieses wird als „Droge“ bezeichnet, was sehr deutlich auf die wachstumskritische Einstellung des Verfassers verweist. Um in dieser Terminologie zu bleiben: Das Buch beschreibt die Kosten unserer (…) Abhängigkeit, untersucht die Wege und Weisen dieser Abhängigkeit und macht Vorschläge zur Entwöhnung von der Abhängigkeit: Der Verfasser konstatiert ein nahes Ende der gegenwärtigen Maßlosigkeit mit Suchtcharakter – offen ist allein noch die Frage nach dem Wie des Entzugs. Wird es (…) zu einem sog. „kalten Entzug“ („cold turkey“) oder zu einer langsamen und vielleicht sogar geordneten Entwöhnung kommen? (…) Wenn Herr Paech (…) beispielsweise fordert, den industriellen Wertschöpfungsprozess einzuschränken und lokale Selbstversorgungsmuster zu stärken, (…) bleibt für ihn die Frage (…) offen, ob wir (jetzt noch mehr oder wenig freiwillig) mit einer eigeninitiativen Ausweitung der Selbstversorgung u.a.m. beginnen werden oder ob dies´ gezwungenermaßen geschehen wird.

Autor

Niko Paech (geb. 9. Dezember 1960) ist ein Nachhaltigkeitsforscher. Er erlangte 1987 sein Diplom in Volkswirtschaften an der Universität in Osnabrück und arbeitete über seine Promotion im Jahre 1993 hinaus bis 1997 an selbiger Universität weiter. Nach einer kurzen Phase als Unternehmensberater im Bereich ökologische Lebensmittel und als Agenda-21-Beauftragter der Stadt Oldenburg begann Paech seine Tätigkeit an der Universität Oldenburg.

Er hat das wissenschaftliche Zentrum CENTOS (Oldenburg Center for Sustainability Economics and Management) mit gegründet und ist gemeinsam mit Gerhard Oesten Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ), Mitglied von ZENARIO (Zentrum für nachhaltige Raumentwicklung Oldenburg) und des Netzwerks KoBE e.V. (Kompetenzzentrum Bauen und Energie).

Paech ist außerdem Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von attac-Deutschland und publiziert Artikel in der deutschen Ausgabe der Monatszeitung Le Monde diplomatique.

Im Jahre 2006 wurde ihm für seine Arbeit zum Thema „Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum – Eine unternehmensbezogene Transformationstheorie“ der Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie verliehen (alle Angaben aus Wikipedia) (vgl. auch: www.postwachstumsoekonomie.de).

Aufbau

In den ersten drei Kapiteln macht Herr Paech deutlich, dass wir über unsere Verhältnisse leben (und dies' auch noch als unser vermeintliches Grundrecht betrachten). Er beschreibt Fortschritt („Wohlstand durch Plünderung“) und Freiheit („Neue Abhängigkeiten“) als Illusionen. Für Herrn Paech ist auch das sog. „grüne Wachstum“ eine Illusion – mit verheerenden Folgen für uns und unsere Umwelt (Kap. IV). In Kap. V beschreibt Herr Paech unsere Gier und die Zwänge, unter denen wir stehen und handeln. Kap. VI geht ein auf die sog. „Postwachstumsökonomie“, die zum Abschluss des Buches in einer Grafik überblicksartig vorgestellt wird (S. 151). Das Buch endet mit einem ausführlichen Fazit: „Wir haben (noch) die Wahl“.

Inhalt

Unser Wohlstand verdankt sich einer umfassenden ökologischen Plünderung. Der „gnadenlos auf Expansion und Mobilität gebürstete europäische Wirtschaftsraum“ (S. 14) müsste dringend ent-schleunigt werden. „Nichts drangsaliert die Umwelt Europas harscher als ein mit Engelszungen gepriesenes Integrationsprojekt, das einzig der ungehindert und umso ruinöseren Raumdurchdringung dient. Die europäische Entwicklungslogik ist von bestechender Schlichtheit: Demnach ist alles einzuebnen, was der Ausdehnung von industrieller und landwirtschaftlicher Produktion, dem Gebäude- und Infrastrukturneubau, bis in die letzte Nische reichenden Schiffs- und LKW-Transporten sowie einem kerosintriefenden Bildungs-, Projekt und Party-Nomadentum im Wege sein könnte“ (S. 14/15).

So lesen sich die treffsicheren Formulierungen, mit denen Herr Paech unsere vom Energieverbrauch abhängige Lebenswelt beschreibt. Es gibt in seinem Büchlein so viele zutreffende Beschreibungen – und alle kriegen wir „unser Fett weg“. Lebt es sich doch so bequem in dieser freien und sich immer weiter entwickelnden Gesellschaft! Aber der ach so gepriesene Wohlstand steht auf wackligen Füssen. Nach Paech: Er ist „nur durch einen schmalen Grat von institutionalisierter Verantwortungslosigkeit getrennt“ (S. 17) und muss ständig neu legitimiert werden. Dies geschieht durch die immer wieder wiederholten Beschwörungsformeln der Innovation und des Wachstums – „beides im offiziellen Dienste des Wohlergehens zukünftiger Generationen“ (S. 19). Dabei kann die geläufige Finanzierung dieses Wachstums über Schulden nur gelingen, wenn weiteres und noch höheres Wachstum erwartet werden kann (ebd.).

Wo man auch liest in diesem Buch: Der Mann hat Recht! Herr Paech hält uns gewissermaßen einen Spiegel vor Augen, in dem wir uns so sehen, wie wir wirklich sind. All´ die schicken neuen Kleider, auf die wir eitlen Kaiser und Kaiserinnen so stolz sind und von denen wir meinen, dass wir sie unbedingt benötigen, werden von Herrn Paech wie von dem kleinen Jungen in dem Märchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen „Des Kaisers neue Kleider“ nicht nur als Lug und Trug entlarvt, sondern auch als unser eigenes Leben und das der zukünftigen Generationen gefährdend, zutreffend beschrieben. Da bleibt nur noch Urlaub auf einem entfernten Planeten!

Und noch ein Verweis sei gestattet. Herr Paech hat die Wachstumskritiker Ivan Illich und Ernst Friedrich Schuhmacher gelesen. Mit letzterem beklagt er u.a., dass moderne Technologien den Menschen die Handarbeit rauben. Wir werden immer unselbständiger. „Immer mehr Verrichtungen, die als Arbeit gelten, bestehen offenkundig in nichts anderem als reiner Informationsverarbeitung oder Koordination“ (S. 44). An praktischen Beispielen wie dem elektrischen Schraubendreher, einem „vollwertigen Energiesklaven“, belegt Herr Paech, wie nahezu jede Leistung, die den Menschen in Gesellschaften wie der unsrigen zugerechnet werden kann, in nichts anderem als darin besteht, „selbst nur Leistungen abzurufen“ (S. 45).

All´ das hat seinen Preis. Zum einen „wird die Verfügbarkeit neuer Möglichkeiten insoweit mit einer Steigerung von Energie-, Flächen- und Materialverbräuchen erkauft, als immer mehr technisches Equipment eingesetzt wird“ (S. 49). Zum anderen werden Knappheiten an einem bestimmten Ort durch umso intensivere Inanspruchnahme von Ressourcen und Arbeitskräften an einem anderen Ort kompensiert: „Direkt zugreifen lässt sich damit auf das Coltan im Kongo, die Kohle in Kolumbien…“ ebd.) etc. etc.

Auch die Universitäten und Hochschulen werden von Herrn Paech kritisiert: „Der Vollzug des modernen Bildungsideals konditioniert Individuen, die vollständig in die entgrenzte Arbeitsteilung und Mobilität eingebunden sind“ (S. 55).

Aber wie sieht es aus mit dem von dem Verfasser vorgeschlagenen Alternativen? Paech´s Zwischenfazit (S. 56ff) beruht auf der „logischen Konsequenz“ einer „Rückkehr zum menschlichen Maß“ (Leopold Kohr/Friedrich Schumacher) als „Synonym für die Einhegung körperlicher, räumlicher und zeitlicher Entgrenzung“ (S. 57). Er macht den an den Kant´schen kategorischen Imperativ angelehnten Vorschlag, dass jeder Mensch sich verpflichten solle, ein CO2-Budget von 2,7 Tonnen pro Jahr einzuhalten, welches„keine großen Sprünge“ erlauben würde. Zudem schlägt Paech die verstärkte Nutzung sog. „konvivaler Technologien“ (I. Illich) vor. Dies´ sind Hilfsmittel, die zwar die Produktivität menschlicher Arbeitskraft erhöhen, diese aber nicht ersetzen. Fahrräder, mechanische Nähmaschinen, Mehrwegverpackungen etc. etc. (S. 59). Überdies´ könne ein Rasenmäher auch von 10 Haushalten genutzt werden.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die Argumentation von Herrn Paech detailliert wieder zugeben. Schließlich soll das Buch ja auch gekauft werden! Hier werden jetzt also viele wichtige Themen überschlagen (S. 60-112) und stattdessen auf die Vorschläge zur Verringerung bzw. Rückführung der für uns alle schädlichen Entwicklungen eingegangen (S. 113ff).

Vorgeschlagen wird eine Reduktion des Fremdversorgungsgrades, die von der Regional- über die Lokal- bis zur Selbstversorgung reichen soll (S. 113ff). Vorgeschlagen werden regionale Komplementärwährungen (S. 117), die das Geld im regionalen Kreislauf belassen. Paech sieht auch die Probleme dieses Vorschlags. Sie liegen in einer verringerten materiellen Kaufkraft und Optionenvielfalt (S. 119). Und dieses sind, gemessen am indivduellen Widerstand in der Bevölkerung gegenüber im wahrsten Sinne des Wortes „unbequemen“ Maßnahmen und der politischen Durchsetzbarkeit, vielleicht noch die geringsten Hürden. Daneben ließen sich „mittels urbaner Subsistenz drei Outputkategorien generieren, durch die industrielle Produktion partiell ersetzt werden kann: 1. Nutzungsintensivierung durch Gemeinschaftsnutzung, 2. Verlängerung der Nutzungsdauer und 3. Eigenproduktion“ (S. 120f). Diese Kategorien würden bewirken, dass „beispielsweise eine Halbierung der Industrieproduktion und folglich der monetär entlohnten Erwerbsarbeit keineswegs per se den materiellen Wohlstand halbieren müsste…“ (S. 122).

Diskussion

Der Verfasser macht klar: Es verbleiben nur Reduktionsstrategien. Dies ist wohl das Fazit des Buches von Herrn Paech. Aber er ist klug genug, zu wissen, dass eine Politik, die eine weitere Ausübung des eigenen Lebensstils in Frage stellen würde, nicht gewählt wird (S. 140). Was also tun? Wie diese verhängnisvolle Entwicklung, über die wir mittlerweile so viel wissen, zum Stillstand bringen und gar umkehren? Können wir alle C02 – neutral leben, wie uns dies von Gottfried, der in der Nähe von Osnabrück sein kompromissloses Leben führt, vorgelebt wird (vgl. die beeindruckende Dokumentation eines beeindruckenden Menschen unter: www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1671744/Mensch-Gottfried)? Wollen wir das? Leider müssen all´ diese Fragen für die Mehrheit der Menschen in den Industrieländern wohl mit ´nein´ beantwortet werden. Warten auf die Katastrophe!

Fazit

Das Buch von Niko Paech beginnt mit der Zielformulierung, dass das Buch „dabei helfen soll, einen Abschied von einem Wohlstandsmodell zu erleichtern, das aufgrund seiner chronischen Wachstumsabhängigkeit unrettbar geworden ist“ (S.7). Die Frage sei gestattet, wie das Buch bei diesem hehren Ziel helfen soll? Es informiert, es stellt dar, es klagt ein wenig an. Aber letztlich wissen wir doch schon alles, was in dem Buch steht. Vielleicht hätte die Glückskomponente von Herrn Paech stärker hervorgehoben werden können? Subjektives Wohlbefinden, welches durch eigenverantwortliche, körperliche und nicht körperliche Tätigkeiten, durch Unabhängigkeit (siehe den Beitrag zu Gottfried) und durch Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen entsteht. Das hehre Ziel, welches von dem Verfasser verfolgt wird, steht außer Frage. Offen geblieben ist, wie die Menschen dafür begeistert werden können.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 27.07.2012 zu: Niko Paech: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-86581-181-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13185.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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