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Rainer Sachse, Thomas A. Langens u.a.: Klienten motivieren

Cover Rainer Sachse, Thomas A. Langens, Meike Sachse: Klienten motivieren. Therapeutische Strategien zur Stärkung der Änderungsbereitschaft. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2012. 192 Seiten. ISBN 978-3-88414-543-2. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Fachwissen.
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Thema

„Vom Willen zur Tat! Änderungsbereitschaft und Stabilisierungstendenzen stehen sich in jeder Therapie gegenüber. Aufgabe von Therapeuten ist es, Motivationsprobleme zu identifizieren und den Willen zur Veränderung zu fördern. (…) Die Entschlossenheit, Entscheidungen auch umzusetzen nimmt zu, wenn die zentralen Ziele des Klienten angesprochen und die «Kosten» und «Gewinne» einer Veränderung genau analysiert werden. Zur «Energetisierung» von Klienten eignen sich insbesondere zwei Motivierungstechniken (…): das Ein-Personen-Rollenspiel sowie die Pro-Kontra-Diskussion.“ (Auszug aus dem Klappentext)

Autoren

Der Erstautor, Rainer Sachse, ist Psychologe, Psychotherapeut und Professor für Psychotherapie. Er leitet das Institut für Psychologische Psychotherapie in Bochum. Der Zweitautor, Thomas Langens, ist Motivationspsychologe und als Privatdozent an der Bergischen Universität Wuppertal tätig. Die dritte Autorin, Meike Sachse, ist Psychologin und arbeitet am Institut für Psychologische Psychotherapie in Bochum.

Entstehungshintergrund

Die Autoren gehen davon aus, dass sich in Veränderungsprozessen im Rahmen von Psychotherapie oder Beratung die Änderungstendenz und die Stabilisierungstendenz eines Klienten ambivalent gegenüberstehen. Die Motivation und Motivierungsarbeit für Therapeuten und Berater hat demnach eine wichtige Bedeutung. Das Buch reiht sich konzeptionell in die psychotherapeutischen Lehrschriften von Rainer Sachse ein, der mit seiner „Klärungsorientierten Psychotherapie“ einen spezifischen Ansatz entwickelt hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile.

  1. Im ersten Teil, „Motivationsprobleme in der Therapie“ werden die motivationspsychologischen Grundlagen, das „Rubikon-Modell“, therapeutische Strategien zum „Abbau von Motivationsblockaden“, zur „Steigerung der Motivation“ und zur „Überwindung von Umsetzungsproblemen“ dargestellt.
  2. Im zweiten Teil, „Therapeutische Strategien zur Steigerung der Änderungsmotivation“ werden „grundsätzliche Strategien der Valenz-Steigerung“ und „Gesprächsmethoden“ präsentiert.
  3. Der dritte Teil konzentriert sich auf „spezifische Motivierungstechniken“, das „Ein-Personen-Rollenspiel“ sowie die „Pro-Kontra-Diskussion“ und schliesst mit Gedanken zu den „Grenzen der Motivierung“ ab.

Erster Teil: Motivationsprobleme in der Therapie (S.12-81). Die Autoren führen zunächst in die motivationspsychologischen Grundlagen ein, nehmen Bezug auf Erwartungs-/ mal-Wert-Theorien, Motivtheorien und die lernpsychologischen Aspekte der Motivation. Zudem stellen sie klar, dass Klienten keinesfalls nur dann eine Psychotherapie aufsuchen, wenn sie sich verändern wollen (und somit grundsätzlich von veränderungsbereiten Klienten ausgegangen werden darf), sondern dass auch externe Faktoren wie Druck von Partnern, Vorgesetzten oder der Rentenversicherung sowie unrealistische Vorstellungen der vollständigen „Heilung“ psychischer Schwierigkeiten durch einen aussenstehenden Experten oder der Wunsch nach Stabilisierung eines Systems, die Klienten in eine Psychotherapie führen. Sachse et al. unterscheiden demnach die Motivation zur Aufnahme der Therapie von der Motivation zu Änderung. Als theoretisches Orientierungsmodell verwenden Sachse et al. das auf Heckhausen zurückgehende Rubikon-Modell und zeigen daran motivationale Faktoren wie Entscheidung, Willen, Zielkonflikte und dysfunktionale Kognitionen auf, die sie als „Motivationsblockaden“ bezeichnen. Anschliessend schlagen sie therapeutische Strategien vor, wie diese „Blockaden“ in der Interaktion bearbeitet und gelöst werden können. Ausgehend von ziel- und entscheidungspsychologischen Grundlagen und der Selbstwirksamkeitstheorie erläutern die Autoren in den darauf folgenden Kapiteln, wie Motivation generell erhöht werden kann.

Zweiter Teil: Therapeutische Strategien zur Steigerung der Änderungsmotivation (S. 82-107). Sachse et al. vertiefen an dieser Stelle zunächst die Bearbeitung der „Kosten“ und des „Nutzens“ der Probleme resp. ihrer Veränderung und fokussieren anschliessend auf basale Gesprächsmethoden, die sich auf den Ansatz der „motivierenden Gesprächsführung“ nach Miller/Rollnick beziehen, jedoch – so die Autoren – eher in der Klärungsorientierten Psychotherapie (Sachse) anstelle der Gesprächspsychotherapie verankert seien. Sachse et al. plädieren dafür, ihre „Interventionen zur Motivationssteigerung immer in eine allgemeine Beziehungsgestaltung“ einzubetten (S. 96) und verweisen dabei auf den Ansatz der komplementären Beziehungsgestaltung qua Sachse und der Vorstellung, dass in der therapeutischen Beziehung zunächst ein „Beziehungskredit“ geäufnet werden muss, bevor Veränderungsprozesse im beraterischen/therapeutischen Rahmen möglich werden. Als grundsätzliche Gesprächsführungsstrategien zur Motivationsförderung schlagen die Autoren (erneut) vor, die Kosten bewusst zu machen und die Gewinne der Veränderung herauszuarbeiten.

Dritter Teil: Spezifische Motivierungstechniken (S. 108-162). In diesem Teil stellen die Autoren zwei Techniken vor, die sich in den klärungsorientierten therapeutischen Ansatz von Sachse einfügen: Das Ein-Personen-Rollenspiel und die Pro-Kontra-Diskussion. Beide Techniken zielen darauf ab, dysfunktionale Einstellungen in Situationen von Widerstand gegen die Therapie oder gegen Veränderungen zu klären resp. umzustrukturieren. Beide Techniken sollen die Klienten unterstützen, andere Perspektiven einzunehmen und sich selber zu hinterfragen. Der letzte Teil des Buches schliesst mit Überlegungen zur Grenzen der Motivierbarkeit, die beispielsweise dann vorliegen kann, wenn der Gewinn aus dem dysfunktionalen Verhalten (GdV) zusammen mit den Kosten der Veränderung (KV) grösser ist, als der Gewinn der Veränderung (GV) und die Kosten des gegenwärtigen Zustands (KGZ), was die Autoren mit der Formel (GdV + KV) > (GV + KGV) ausdrücken.

Diskussion

Das Buch überzeugt vor allem im ersten Teil, der es schafft, die wesentlichen therapie- und beratungsrelevanten Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie in verständlicher Weise aufzubereiten und daraus Ansätze für Interventionen zur Motivationsförderung abzuleiten. Sachse et al. leisten hierzu einen dringend notwendigen theoretischen Beitrag, den andere Ansätze im Bereich der Motivationsförderung (z.B. Motivierende Gesprächsführung/MI) geradezu sträflich außer Acht lassen. Außerdem räumt das Buch mit den in einigen Psychotherapieansätzen und in der Praxis noch verbreiteten undifferenzierten Vorstellungen über Therapiemotivation auf, wie beispielsweise dem Verweis auf zu wenig „Leidensdruck“. Sachse et al. zeigen zudem auf, welche Relevanz die Einstellungen eines Klienten auf seine Änderungsbereitschaft haben und bieten – basierend auf verhaltenstherapeutischen Vorstellungen – Interventionsansätze, die „Kosten“ und den „Gewinn“ von problematischen Verhaltensweisen und Veränderungen in der therapeutischen/beraterischen Interaktion zu klären. Die Autoren machen implizit deutlich, dass die Förderung der Änderungsmotivation ausreichend Therapie- und Beratungszeit notwendig macht. In den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit ist diese Zeit oft nur beschränkt vorhanden. Die Erläuterungen zu den Techniken des Ein-Personen-Rollenspiels und der Pro-Kontra-Diskussion mit den beispielhaften Sitzungsprotokollen sind sehr anschaulich. Die präsentierten Strategien zur Motivationsförderung passen gut in individuumszentrierte Therapie- und Beratungsansätze. Der Praktiker aus der Sozialen Arbeit wird kontext-, umfeld- und ressourcenbezogene Strategien zur Motivationsförderung etwas vermissen. Außerdem sorgt die Struktur des Buches mit den verschiedenen Vertiefungsstufen für unnötige Wiederholungen. Zum Kapitel „Grenzen der Motivierung“ wäre einerseits anzufügen, dass die von den Autoren skizzierten beispielhaften Kliententypen für die Grenzen der Motivierung häufig zur Zielgruppe der Sozialen Arbeit gehören und anderseits die von Sachse et al. vorgeschlagenen Strategien seitens der Klienten ausgeprägte Introspektionsfähigkeiten und kognitive Ressourcen erfordern. Es ist zu vermuten, dass viele Klienten der Sozialen Arbeit gerade diese Voraussetzungen nicht mitbringen.

Fazit

Das Buch eignet sich hervorragend für Studierende und Praktiker der Sozialen Arbeit, um sich in die theoretischen Grundlagen der Motivationspsychologie einzuarbeiten und daraus generelle Strategien für die Motivationsförderung in der sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen Beratung abzuleiten, wenn auch einige Vorgehensweisen für die spezifischen Bedürfnisse der Sozialen Arbeit modifiziert und erweitert werden müssen.


Rezensent
Patrick Zobrist
M.A./Sozialarbeiter, Dozent/Projektleiter, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Luzern (Schweiz)
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Zitiervorschlag
Patrick Zobrist. Rezension vom 18.06.2012 zu: Rainer Sachse, Thomas A. Langens, Meike Sachse: Klienten motivieren. Therapeutische Strategien zur Stärkung der Änderungsbereitschaft. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2012. ISBN 978-3-88414-543-2. Reihe: Fachwissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13196.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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