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Ahmet Toprak, Marlene Alshut u.a.: Konfrontative Pädagogik. Intervention durch Konfrontation

Cover Ahmet Toprak, Marlene Alshut, Nilüfer Keskin: Konfrontative Pädagogik. Intervention durch Konfrontation. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. 56 Seiten. ISBN 978-3-86226-131-4. D: 5,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 42,60 sFr.

Centaurus Pocket Apps, Band 16.
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Thema

Die Autoren werfen die Frage auf: „Jugendgewalt – ist Konfrontative Pädagogik eine Lösung?“ und diskutieren dies „insbesondere bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ (Rückumschlag).

Entstehungshintergrund

Die Autoren (Prof. Toprak und Mitarbeiter) arbeiten an der FH Dortmund im FB Angewandte Sozialwissenschaften an dem Forschungsprojekt EMIGMA.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Heftchen (Pocket Apps) von gerade mal 50 Seiten behandelt die längst etablierte Methode der sog. „konfrontativen Pädagogik“ im Umgang mit jugendlichen Gewalttätern. Sie konzentrieren sich dabei auf Jugendliche „türkeistämmiger Herkunft“.

In der Einleitung legen die Autoren dar, dass ihr Anteil als inhaftierte Gewalttäter dreimal so hoch sei wie ihr Bevölkerungsanteil und erklären dies mit ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage der Nachkommen traditioneller Arbeitsmigranten, die schon innerhalb ihrer Herkunftsregion den bildungsbenachteiligten und konservativen Milieus angehören. Türkeistämmige Jugendliche würden zudem von der Polizei stärker kontrolliert und von der Justiz härter betraft (S.9).

Der potentielle Konflikt sozialer und kultureller Erwartungen werde vor allem durch die deutsche Schulkultur gefördert, die eine Chancengleichheit nicht verwirklichen könne und stattdessen systematisch ausgrenze. „Passungsverhältnisse von schulischer und familialer Lebenswelt“ in den bildungsfernen Milieus ergäben gerade für die türkischen Männer besondere Konflikte (S.14).

Die Denkweise und Handlungsbereitschaft von Jugendlichen in den traditionellen Gesellschaften sei geprägt von Solidarität und Loyalität gegenüber Eltern und Familienmitgliedern sowie Freunden. Sie fungieren als deren zentralen Werte und Normen – bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber stattlichen Institutionen (S.17). Jungen in Migrationsfamilien, in denen traditionsgemäß schon eine leicht erhöhte Gewaltbereitschaft herrsche, würden häufig zu „Machos“ erzogen (S.18), denen dann „Ehre“ und „Männlichkeit“ das Wichtigste sei und für sie handlungsleitend wäre – und insofern auch ihre gewisse Neigung zu Aggressivität begünstige (S.20).

Die Konfrontative Pädagogik und ihre bewährten „Leitgedanken“, als grenzsetzende Methode eines „autoritativen Erziehungsstils“ werden als ultima ratio für Mehrfachauffällige und Mehrfachtäter vorgestellt und schließlich ein möglicher Ablauf konfrontativen Gesprächsverlaufs mit dem Kapitel zwei beispielhafte Dialoge aus dem Kontext Schule veranschaulicht. Hier erscheint 1. „Ali“ zu spät zum Unterricht und 2. missachtet „Hakan“ die Anweisung eines Lehrers. Die fiktiven Mini-Dialoge werden jedoch ohne weiteren Bezug zum Thema (Migrationshintergrund) inszeniert. Aber es werden am Ende Anforderungen benannt, um dem Ansatz gerecht werden zu können: „Kenntnisse der interkulturellen Kompetenz“ (S.43), „konfrontative Haltung“, „Erfahrung“ (S.44) und „kognitive Kompetenzen und Fähigkeiten“ (S.45). Näher erläutert wird dies nicht.

Im Fazit wird der Vorteil dieser Methode hervorgehoben, weil wohl gerade „strenge und gleichzeitig faire Fachkräfte von den Jugendlichen bevorzugt“ würden (S.47). Ein Zitat von „Murat“ untermauert das sogleich.

Am Ende wird gefordert, mit dieser Klientel „migrationssensibel“ umzugehen, also „den Migrationshintergrund im Hinterkopf zu behalten“ (ebd.). Aber wie? Und was denn genau?

Diskussion und Fazit

Das Büchlein ist quantitativ wie qualitativ sehr beschränkt; beschränkt auf eine sehr oberflächliche Wiederholung und nur grobe Zusammenfassung von allseits Bekanntem zum Thema, ohne hinreichend wissenschaftliche Diskussion und Belege, nichts Neues etwa. Weder wird die Methode der konfrontativen Pädagogik angemessen dargelegt, noch die Anwendung bei speziell türkischen oder überhaupt Migrations-Jugendlichen. Das Heft ist ein Aufsatz auf mittlerem Schulniveau. Die Autoren wollen mit dem „Aufsatz“ ja auch nur „Anregungen und Empfehlungen sowie Anstöße für eine reflektierte Auseinandersetzung“ bieten (S.9) – das haben sie insofern vielleicht getan. Eine reflektierte Auseinandersetzung des eigentlich sehr spannenden Themas steht nämlich in der Tat noch aus. Von einem universitären Fachteam aber hätte man sicher mehr erwarten können – nein: müssen.


Rezensent
Dr. phil. Dipl. Sozialpäd. Jörg-M. Wolters
Erziehungswissenschaftler. Institut für Budopädagogik. Arbeitsgemeinschaft „Kampfkunst in Pädagogik und Therapie"
Homepage www.Budopaedagogik.de


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Zitiervorschlag
Jörg-M. Wolters. Rezension vom 19.06.2012 zu: Ahmet Toprak, Marlene Alshut, Nilüfer Keskin: Konfrontative Pädagogik. Intervention durch Konfrontation. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-86226-131-4. Centaurus Pocket Apps, Band 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13201.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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