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Margit Datler: Die Macht der Emotion im Unterricht

Cover Margit Datler: Die Macht der Emotion im Unterricht. Eine psychoanalytisch-pädagogische Studie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2012. 244 Seiten. ISBN 978-3-8379-2186-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Psychoanalytische Pädagogik - Band 37.
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Thema

Das vorliegende Werk geht dem bislang noch eher tabuierten oder verschämt behandelten Thema nach, in welcher Weise LehrerInnen im täglichen Unterrichtsgeschehen von zum Teil sehr intensiven Emotionen beeinflusst werden und wie diese ihr Handeln bestimmen. Insbesondere interessiert die Autorin Margit Datler, ihres Zeichens Psychoanalytikerin und Lehrende an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien / Krems, der Universität Wien und der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, welchen Zusammenhang es gibt zwischen den aufkommenden Gefühlen der LehrerInnen und jenen ihrer SchülerInnen. Vor allem geht sie der Frage nach, wie man zu diesen emotionalen Prozessen (als Ausdruck eines bestimmten, sich unbewusst einspielenden Beziehungsarrangements) einen reflektierten und verstehenden Zugang findet und wie man diese Erkenntnis für einen gelingenderen Unterricht nutzen kann. Hierzu hat sie viel interessantes Material aus (Selbst-)Beschreibungen schulischer Wirklichkeit zusammengetragen und systematisch aufbereitet. Meist ist in der aktuellen Debatte um professionstheoretische Konzepte zum Lehrerdasein nur von fachdidaktischen und kognitiv beherrschten Aspekten die Rede. Es geht dort um klare Strukturierungen, um die Verwirklichung und Überprüfung operationalisierter Lernziele, nicht aber um die Kränkungen, um die Verwirrung, die das tatsächliche Unterrichtsgeschehen mit sich bringt. Dass die Berufsgruppe der LehrerInnen zu einer der am stärksten durch Burnout gefährdeten zählt, bleibt – wohl auf Grund der starken Abwehr gegen eine sonst womöglich aufkommende schreckende Angst – verleugnet. Umso erfreulicher ist es, dass hier nun eine Publikation vorgelegt wird, die diesen so sträflich vernachlässigten Bereich des Erlebens schulischer Situationen behandelt.

Aufbau und Inhalt

Mit einem großen Interesse am historischen Hintergrund ihrer Fragestellung hat sich die Autorin an die Arbeit gemacht. Dabei stellt sie die mögliche Parallelität des Umgangs mit den eigenen aufkommenden Empfindungen bei LehrerInnen und PsychoanalytikerInnen in den Mittelpunkt ihrer Forschungsaktivität. Ebenso dezidiert wie detailliert kann sie für beide Gruppen das lange gehegte Verschweigen dieses Phänomens bzw. die Aufforderung zur strengen (Selbst-)Kontrolle belegen. Weder für SchülerInnen noch PatientInnen ist diese Haltung indessen förderlich.

Nach einem einleitenden Kapitel folgt ein Blick in die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, also in jene Epoche, die als Blütezeit der Psychoanalytischen Pädagogik bezeichnet werden kann. Insbesondere den schulorientierten Beiträgen der damaligen „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik“ gilt das Interesse. Ausführlich kommen hier vor allem so namhafte Autoren wie Zulliger oder Aichhorn zu Wort, die sich mit dem unbewussten Geschehen im Schulalltag zu beschäftigen begonnen hatten. Aber es wird auch immer wieder deutlich, dass der Lehrer angehalten ist, ein emotional distanziertes Verhalten zu bewahren und sich weder innerlich noch äußerlich in Konflikte zu verstricken. Zumeist wird der „neurotische Schüler“ als alleiniger Hauptverantwortlicher hingestellt. Es finden sich keine Textstellen, in denen ausführlich von den eigenen Gefühlen berichtet würde, und folglich kann es auch keine Reflexion dieser Gefühle geben.

Im nachfolgenden dritten Kapitel geht es um die Betrachtung des Erlebens der therapeutischen Situationen von PsychoanalytikerInnen, ebenfalls auf diese Zeitspanne bezogen. Vor allem dem Moment der Gegenübertragung – in seiner theoretischen Gestalt ebenso wie in seinem praktischen Erscheinen – gilt jetzt die Aufmerksamkeit. Beginnend bei Freud selbst gewinnt man den Eindruck, dass den AnalytikerInnen geraten wird, sich in der Eigenanalyse von ihren Gefühlen und ihren Verdrängungen reinigen zu lassen. Das in dieser Epoche vorherrschende Bild der kontrollierten, kühlen und wissenden PsychoanalytikerInnen weist eine erstaunliche Ähnlichkeit mit jenem von der idealen Lehrerpersönlichkeit auf. Erst allmählich wird – gegen zunächst große innere Widerstände – zur Gewissheit, dass es PsychoanalytikerInnen unmöglich ist, sachlich korrekt wie ein Roboter und ohne jegliche Beeinflussung durch ihr Gefühlsleben zu funktionieren.

Das vierte Kapitel springt zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und skizziert eindrucksvoll die Weiterentwicklung der Konzepte von Übertragung und Gegenübertragung und die allmähliche Enttabuisierung der eigenen Gefühlsbeteiligung im Sinne einer verbesserten psychotherapeutischen Arbeit. Wichtige Autoren wie Ferenczi („Prinzip der Gewährung“), Reik („Hören mit dem dritten Ohr“), Racker („konkordante und komplementäre Identifikation“) und vor allem Paula Heimann mit ihrem bahnbrechenden Vortrag von 1950 zur Rehabilitierung der Gegenübertragung werden dem Leser nahe gebracht. Dabei wird auch die Gefahr des Mitagierens nicht verharmlost, die durch die Übernahme bestimmter vom Patienten zugewiesener Rollen aufkommen mag und erst durch eine intensive Reflexion, die einer problematischen Komplementärreaktion vorzubeugen weiß, wieder gebannt werden kann. Im direkten Anschluss sind dann – für Psychoanalyse wie Pädagogik gleichermaßen – nach wie vor so aktuelle Themen wie projektive Identifizierung, Containing und szenisches Verstehen Gegenstand der Erörterung. Vor allem durch die eingebauten Fallvignetten werden diese Konzepte in ihrer praktischen Bedeutung einsehbar. Der Abschnitt mündet ein in die Frage, ob diesen Ansätzen für die Psychoanalytische Pädagogik von heute ein ebenso großer Einfluss eignet wie seinerzeit Freuds Schriften für die damaligen psychoanalytisch-pädagogischen Auffassungen.

Hierzu gibt das nachfolgende fünfte Kapitel beredt Antwort. Vor allem ausgehend von einer Sichtung der schulpädagogischen Beiträge im heuer zwanzig Jahre alt werdenden Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik werden die durchaus unterschiedliche, um nicht zu sagen: kontroverse Wahrnehmung von SchülerInnen und das ihr korrespondierende eigene Erleben beleuchtet. An Hand zahlreicher Unterrichtssequenzen wird offenbar, wie massiv LehrerInnen mit intensiven Gefühlen in Berührung kommen. Auch wird sichtbar, dass sie nicht mehr ohne weiteres unter Kuratel gestellt sind, diese Verspüren unter Kontrolle halten zu müssen. Was also bedeutet es, dass sich LehrerInnen mit ihrem Erleben und ihren Gefühlen konfrontiert sehen? Sogleich taucht eine zentrale Ambivalenz auf: Auf der einen Seite möchten sie von ihren SchülerInnen geliebt werden, auf der anderen Seite müssen sie sich deren Disziplinierung verschreiben. Der Mittelweg liegt im Austarieren von Halten und Zumuten, in welchem sich qua intensiver Reflexion der eigenen emotionalen Beteiligung Nähe und Distanz wieder ins Gleichgewicht bringen lassen. (Am Rande: Dass dieses Junktim ursprünglich von Aloys Leber formuliert wurde, wäre einen Hinweis wert gewesen.) Sehr unterschiedliche und oftmals heftige Gefühle werden im schulischen Geschehen aktiviert, immer eingebunden in unbewusste Beziehungs(= Übertragungs)prozesse und also verknüpft mit unbewussten Anteilen im Erleben. Die zitierten AutorInnen belegen eindrücklich, wie die Wahrnehmung, Akzeptanz und schließlich Reflexion dieses intra- wie interpersonellen Geschehens zu einer verbesserten professionellen Haltung führt und somit den pädagogischen Diskurs bereichert.

Im Schlusskapitel werden einige Ansätze zur psychoanalytisch-pädagogischen Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen vorgestellt, die diesem selbstreflexiven Ansatz folgend zu einer Kompetenzerweiterung beizutragen vermögen. Ausgehend von den von Leber begründeten psychoanalytisch orientierten Projektseminaren in der Hochschulausbildung werden vor allem die supervisorische Praxisbegleitung und ein an der Universität Wien jüngst eingerichteter spezieller Masterlehrgang „Integration von Kindern und Jugendlichen mit emotionalen und sozialen Problemen im Kontext von Schule“ ins Feld geführt. Kurzum: Es geht um die Fähigkeit von LehrerInnen, die Beziehungsdimensionen der schulischen Interaktionen angemessen erfassen und die richtigen Antworten finden zu können.

Diskussion

Der Schulalltag hält eine große Palette von Kränkungen und Ohnmachtserfahrungen bereit, was die Handlungsfähigkeit der LehrerInnen über Gebühr einschränkt. Dieser Umstand bleibt aber erstaunlicherweise gemeinhin aus den Fachdiskursen vollkommen ausgeblendet. Wie aber sollen förderliche Lern- und Erziehungsprozesse vonstatten gehen, wenn sich morgens am Schultor zwei Menschengruppen treffen, die da eigentlich beide nicht hindurch gehen wollen: SchülerInnen und LehrerInnen? Und wenn dieses eigene Missbehagen nicht benannt werden darf? Somit verfestigt sich – getragen von eigenen lebensgeschichtlichen Einsprengseln – ganz leicht die Bereitschaft, den jeweils anderen böse Absichten zu unterstellen. Heraus kommt ein oftmals aggressiv aufgeladenes oder von Entwertung getragenes Beziehungsdickicht, das weder der Lehr- noch der Lernfreude zuträglich ist. Ohne eine Betrachtung des eigenen Erlebens, die frei gehalten wird von Scham- und Schuldgefühlen, wird somit die Gefahr des potentiellen Scheiterns von Schulkarrieren zementiert. Mit großer Leichtigkeit zeigt die Autorin dagegen auf, dass ein Hinwenden zu den angestoßenen eigenen Gefühlen zu einem Akt der Selbstbefreiung werden kann. Dass dies – mit Blick auf die Historie – nicht einfach noch selbstverständlich ist, was auch und gerade für die Zunft der PsychoanalytikerInnen zutrifft, ist aus heutiger Sicht doch eher tröstlich zu nennen.

Fazit

Das vorliegende Buch widmet sich den unbewussten Verstrickungen von LehrerInnen in die ungelösten Konfliktthemen ihrer SchülerInnen und zeigt auf, dass erst das Erkennen wie Anerkennen der eigenen, oftmals intensiven Gefühle, die dabei entstehen, und deren Reflexion zu Lösungen (im doppelten Wortsinn) gereichen können. Parallel wird der Umgang mit den Verstrickungen im klinisch-psychotherapeutischen Bereich ausgeleuchtet. Auf beiden Feldern gibt es offenbar einen starken Nachholbedarf. Das Werk füllt eine Lücke in der wissenschaftlichen Literatur zur professionstheoretischen Debatte ums Lehrer(da)sein.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
Hochschule Darmstadt, FB Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik, integrative Pädagogik, Elementarpädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern.


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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 10.08.2012 zu: Margit Datler: Die Macht der Emotion im Unterricht. Eine psychoanalytisch-pädagogische Studie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2012. ISBN 978-3-8379-2186-1. Reihe: Psychoanalytische Pädagogik - Band 37. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13213.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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