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Anne C. Uhlig: Ethnographie der Gehörlosen

Cover Anne C. Uhlig: Ethnographie der Gehörlosen. Kultur - Kommunikation - Gemeinschaft. transcript (Bielefeld) 2012. 385 Seiten. ISBN 978-3-8376-1793-1. 29,80 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Aufbau und Inhalt

Die Autorin identifiziert ihr Buch als die erste umfassende, aber doch auch „fragmentarische“ deutsche Ethnografie über gehörlose Menschen. Sie schließt damit an internationale Vorgänger an, welche zumindest seit den 1990er Jahren entstanden sind. Schon im Vorwort beschreibt sie die konfliktreichen Beziehungen zwischen Gehörlosen und Hörenden, in denen die ersteren praktisch immer die schwächere Position haben.

Nach dem Vorwort behandelt die Autorin im Kapitel 1 „Forschungsdimensionen“ die Kontaktaufnahme und die verschiedenen Methoden der Datenerhebung (u.a. teilnehmende Beobachtung, Interviews und andere Quellen).

Kapitel 2 beschreibt den Forschungsstand in den Unterkapiteln „Medizinethnologie“ (der medizinische Blick auf die Gehörlosigkeit und seine Konfliktfelder), „Altersforschung“ (Alter und Generationen in der Gehörlosengemeinschaft), „Körperforschung“ (spezielle Perspektive auf den „Körper“ als auch soziales Konstrukt), „Ethnizitätsforschung“ (Geschichte ethnografischer/ethnologischer Forschung im Bereich der Gehörlosen und Fragen der Abgrenzung der Gehörlosengemeinschaft) und „Ethnologie der Kommunikation“ (zur Gebärdensprache in ihrer Visualität bzw. ihrer Einbindung in die Praktiken der Gehörlosenkultur). Im Abschnitt „Medizinethnologie“ wird neben den generellen Folgen des medizinischen Blicks auf Gehörlosigkeit als konkretes Beispiel für Konfliktpotenzial zwischen Hörenden und Gehörlosen die Debatte um den Wunsch Gehörloser nach gehörlosen Kindern behandelt. Die grundsätzliche „Reparaturgerichtetheit“ der naturwissenschaftlichen Medizin wird erst im Abschnitt „Körperforschung“ ausgeführt. Im Abschnitt „Altersforschung“ wird speziell auf die Generationenbeziehungen in der Gehörlosengemeinschaft und die veränderten Rahmenbedingungen für junge Gehörlose eingegangen, im Abschnitt „Körperforschung“ auf die Verbindung von „nicht hören können“ zu „nicht denken können“, welche viele Hörende ungerechtfertigterweise herstellen.

Im Kapitel 3 geht die Autorin auf das Fremdbild gehörloser Menschen ein („Gehörlose als andere“); sie behandelt hier die Stigmatisierung Gehörloser und den „Übergang“ einer Person in die Gehörlosigkeit, entweder durch das medizinische Untersuchungsergebnis bei einem Kind oder Formen der Ertaubung, weiters das „Grenzgängertum“ („Liminalität“) gehörloser Menschen zwischen gehörloser und hörender Gesellschaft (hier werden auch Schwerhörige, CODAs und CI-TrägerInnen einbezogen).

Kapitel 4 beschreibt Selbstbild und Selbstorganisation („Gehörlose als eigene“ mit Unterkapiteln zu Verwandtschaft, Personennamen, sowie zu „Macht, Status und Prestige in der Gehörlosengemeinschaft“, zum „Deafhood“-Konzept Ladds und den gemeinschaftsbildenden Aktivitäten bzw. Organisationsformen).

Kapitel 5 formuliert als Zusammenfassung die „Perspektiven für eine Ethnographie der Gehörlosen“. Eine Bibliographie schließt das Buch ab.

Diskussion

Eine Phrase wie „gebärdensprachige und somit ethnisch Gehörlose“ (S. 15) greift meines Erachtens zu kurz und bedroht die Objektivität der ethnografischen Beobachtung: Klarerweise ist die Übertragung ethnografischer Methoden auf die Gehörlosengemeinschaft legitim und sinnvoll. Es soll auch die Frage gestellt werden, ob die Anwendung des Begriffs „Ethnie“ auf diejenigen gehörlosen Menschen, welche sich als Mitglieder der Gehörlosen- bzw. Gebärdensprachgemeinschaft bezeichnen, angemessen ist. Aber sie schon im Vorfeld mit „ja“ zu beantworten, ohne alle möglichen Kriterien zu prüfen, welche für oder gegen diese Begriffsextension sprechen, kann dazu führen, dass alle zu beobachtenden Phänomene ausschließlich als „ethnische“ interpretiert werden. Vgl. dazu auch S. 92f bzw. S. 102: „Das Problem der Grenzziehung ist für ethnische Gruppen von existenzieller Bedeutung und so auch für die Gehörlosengemeinschaft“. Hier wird übersehen, dass Grenzziehung auch ein Merkmal vieler sozialer Gruppen ist, nicht nur ethnischer.

In der Diskussion um die Anwendbarkeit der aus dem Lautsprachbereich kommenden Begriffe „Oralität“ vs. „Literalität“ missversteht die Autorin den Begriff der „Schrift“, wenn sie schreibt: „Das US-amerikanische Notationssystem SignWriting trägt eine irreführende Bezeichnung, da Gebärden nicht geschrieben werden können.“ (Anm. 13 auf S. 136) „Schrift“ ist ja bloß als der aktuellen Sprachproduktion angemessene, relativ rasch herstell- und lesbare beständige Aufzeichnung zu verstehen. Diese Funktion kann SignWriting durchaus erfüllen, während ein tatsächlich linguistisches Notationssystem (die Autorin führt HamNoSys an) diese Funktion nicht erfüllen kann. Interessant ist der Vorschlag der Autorin, Mundbilder als „visuelle Oralität“ zu bezeichnen.

Das tatsächlich mehrfach gegebene Problem, ob aus den Lautsprachen gewonnene Begriffe auf die Gebärdensprachen übertragen werden sollen (beispielsweise, ob man die Parameterbeschreibung von Gebärden als „phonetisch“ bezeichnen soll), wird von der Autorin zu weitreichend interpretiert, wenn sie meint, dass nicht einmal „Wort“ (der Lautsprache) auf „Gebärde“ angewandt werden könne, weil eine Gebärde vierdimensional (3 Raumdimensionen plus Zeit) wäre, hingegen ein Wort nur in der Zeitdimension existiere (diese Interpretationen missachtet die akustischen Dimensionen gesprochener Zeichen (wie z.B. Frequenzbereiche, Intensität usw.). Außerdem haben lautsprachliches Wort und Gebärde(nwort) den Zeichencharakter als wesentliche Gemeinsamkeit. Insgesamt ist aber der Abschnitt „Ethnologie der Kommunikation“ sehr reich an wichtigen Informationen und stellt viele Aspekte (z.B. Wörterbücher, Formen von Gebärdensprachproduktionen) sehr schön dar.

Die angegebene Literatur ist reichhaltig. Was auffällt, ist, dass weder die Geschichte der Gehörlosen (hier würden z.B. die Entwicklung der Eugenik ab Anfang des 20. Jhs. und die NS-Zeit, in der zwischen „guten“ – gehörlos durch Erkrankung – und „schlechten“ – genetisch - Gehörlosen unterschieden wurde, wobei letztere Sterilisation und Tod zu fürchten hatten, während für erstere sogar eine eigene Gehörlosen-HJ offen stand und deren Auswirkungen auf Gehörlosengemeinschaften bis in die Nachkriegszeit reichten) und die Gehörlosenbildung, welche wichtige Indizien für viele Ansätze der Autorin bietet, praktisch nicht berücksichtigt wurde (hier fehlt auch die entsprechende Literatur).

Fazit

Auf Basis der eigenen Forschungsaktivitäten werden viele interessante Ansätze bzw. Gedanken geäußert bzw. vorgestellt und diskutiert; die Autorin scheut sich auch nicht, bestimmte Fragen als „offen“ zu kennzeichnen. Ein umfangreiches Buch, das für den deutschen Sprachraum sicher eine wichtige Informations- und Diskussionsquelle sein wird.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 14.06.2012 zu: Anne C. Uhlig: Ethnographie der Gehörlosen. Kultur - Kommunikation - Gemeinschaft. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1793-1. Reihe: Kultur und soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13240.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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