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Ronald Lutz (Hrsg.): Erschöpfte Familien

Ronald Lutz (Hrsg.): Erschöpfte Familien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 320 Seiten. ISBN 978-3-531-17514-0. 34,95 EUR.
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Thema

Im Mittelpunkt des Buches steht der Versuch einer Inne4bsicht auf Armuts- und Prekarisierungsprozesse. In den Blick genommen werden sozial benachteiligte Familien, die zwar über Ressourcen und Bewältigungsmuster verfügen, aber dennoch kaum in der Lage sind, ihr Leben eigenständig zu gestalten.

Herausgeber

Ronald Lutz ist als Ethnologe und Soziologe Professor für das Lehrgebiet „Menschen in besonderen Lebenslagen“ an der FH Erfurt, Fakultät Sozialwesen. Corinna Frey, Bachelor Soziale Arbeit, studiert an der Universität Frankfurt/Main im Master-Studiengang Politikwissenschaften.

Aufbau und Inhalt

Thematisch gliedert sich dieses Sammelwerk in vier unterschiedlich umfangreiche Abteilungen.

In der 1. Abteilung leistet Ronald Lutz eine umfangreiche Einführung in die Thematik. Ausgangspunkt seiner Darstellung ist die Tatsache einer sich mehr und mehr verfestigenden sozialen Ungleichheit in diesem Land. Die wieder verbreitete dauerhafte Armut, die scheinbar von vielen kaum noch als Skandal erachtet wird, hat gravierende Auswirkungen auf den einzelnen Menschen und speziell Familien. Um das Leben unter solchen Armutsbedingungen besser verstehen zu können, operiert Lutz mit den Begriffen „soziale Verwundbarkeit“, „Kultur der Armut“ und „soziale Erschöpfung“ als Analyseinstrumente. Nach einer kurzen sozialphilosophischen Vorbemerkung argumentiert er zuerst ausführlich über die Verfestigung von Ungleichheit und Armut und belegt dies mit Zahlen. Es folgt eine Darstellung über den Zusammenhang von Verwundbarkeit und Erschöpfung im Kontext verfestigter Ungleichheit.

Die 2. Abteilung ist mit „Analyse“ überschrieben und enthält sechs thematische Beiträge zur Erschöpfungstheorie. Steffen Kohl und Dörthe Gatermann behandeln Aspekte mentaler Erschöpfung in Armutslagen im Hinblick auf Elternschaft. Aus soziologischer Sicht wird dargestellt, welche Auswirkungen Armut auf die Lebenszufriedenheit hat. Karin Jurczyk und Peggy Szymenderski thematisieren ebenfalls aus soziologischer Perspektive die Auswirkungen von Armut auf alle Familienmitglieder und kommen zum Ergebnis, dass die fortschreitende Entgrenzung massive Belastungen auch für die fürsorgerischen und pflegerischen Aspekte von Familienleben bewirkt. Christian Alt und Andreas Lange beschäftigen sich mit dem anstrengenden und zum Teil auslaugenden Charakter von heutiger Elternschaft. Sie führen die neuen und wachsenden innerfamilial zu erbringenden Leistungen an und entwerfen dazu Profile belastender Elternschaft. Carolin Becklas und Andreas Klocke fokussieren in ihrem Beitrag auf die Rolle der Kinder in erschöpften Familien. Sie führen aus, dass Erschöpfung weit mehr als nur Müdigkeit bedeutet. Sie verweisen auf den Zusammenhang von körperlichen, sozialen und materiellen Aspekten, welche sich in Untersuchungen bei Kindern und Jugendlichen belegen lassen. Peggi Liebisch wiederum nimmt in ihrem Beitrag die Situation von Alleinerziehenden in den Fokus. Sie zeigt auf, wie problematisch die doppelte Belastung von Erwerbstätigkeit und Erziehung für die betroffenen Elternteile wirken kann. Nina Oelkers problematisiert den Begriff „Erschöpfte Eltern“ und warnt vor der Tendenz, Eltern in zwei Gruppen zu fassen, nämlich in die fähigen und verantwortungsvollen und die unfähigen und unverantwortlichen Eltern. Ihr Beitrag bietet eine fundierte Sicht auf die Herstellungsleistungen von Familie und ihre Belastungspotenziale.

Die 3. Abteilung ist mit „Reaktion“ überschrieben und umfasst ebenfalls sechs Beiträge. Diese beschäftigen sich alle mit den Aspekten professionellen Tuns auf die Tatsache der Existenz erschöpfter Familien. Stefan Selke problematisiert eingangs die Existenz von „Tafeln“, welche vielen Menschen in Armutslagen den kostenlosen Zugang zu Lebensmitteln bieten. Verena Wittke orientiert sich in ihrem Beitrag an Familien in sozial benachteiligten Lebenslagen als Adressaten von Familienbildung. Uta Gräwe-Meier bietet in ihrem Beitrag zur Verhinderung destruktiver Sozialisationsverläufe von Kindern 12 Handlungsempfehlungen für Kommunen und Kreise an. Uwe Sandvoss stellt aus der Innensicht der kleineren Stadt Dormagen dar, was Kommunen präventiv gegen Erschöpfungssymptome bei Kindern unternehmen. Thomas Eppenstein fokussiert in seinem Beitrag aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive darauf, welche belastenden Beziehungen bei erschöpften Familien vorgefunden werden und was Fachkräfte der Sozialen Arbeit zur Unterstützung dieser Familien benötigen. Friedhelm Peters schließlich problematisiert die Lage auf der Helferseite, in dem er den „erschöpften Familien“ die „ausgezehrte Soziale Arbeit“ gegenüber stellt. Am Beispiel von Hilfe zur Erziehung nach § 27 SGB VIII und der Hilfeform Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) stellt er anschaulich dar, wie die heute häufig vorzufindende Ökonomisierung der Sozialen Arbeit auf beiden Seiten Belastungen und Verlierer produziert.

Die kurze 4. Abteilung ist mit „Mahnung“ überschrieben und umfasst nur einen Beitrag. Doron Kiesel beschäftigt sich hier mit Aspekten von Kultur, Kulturtheorien und Interkulturellem Diskurs und dessen Fallstricke. Sein Beitrag ist ein abschließendes Plädoyer für eine Ausweitung von interkultureller Sozialer Arbeit.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für alle Fachkräfte, zu deren Aufgaben eine professionelle Arbeit mit Familien gehört. Ihnen sowie Studierenden der Sozialen Arbeit kann dieses Buch wertvolle Denkanstöße und Reflexionshilfen bieten.

Fazit

Alle Beiträge sind in einer verständlichen Sprache geschrieben. Es ist ein lesenswertes Buch, welches die vielen Facetten von sozialer Benachteiligung von Familien bündelt und wie unter einem Brennglas für die Betrachtung vergrößert. Während anderswo immer noch von „Multiproblemfamilien“, „Hartz-IV-Familien“ oder „Unterschichtsfamilien“ gesprochen wird, legt dieses Buch in seiner Analyse erfreulich den Fokus auf die gesellschaftlichen Bedingungen, die entscheidend dazu beitragen, dass viele Familien ihre gesellschaftlich erwarteten und geforderten Leistungen nicht mehr ausreichend erbringen können. Ohne die persönlichen Anteile der Menschen zu ignorieren, wird eine Diskussion ermöglicht, die nicht nur beklagt, sondern auch Ideen für Veränderung bietet. Es wäre daher zu wünschen, dass dieses Buch im Rahmen der Sozialen Arbeit eine weite Verbreitung erfährt.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Bünder
Fachhochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf. Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 27.08.2012 zu: Ronald Lutz (Hrsg.): Erschöpfte Familien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-17514-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13256.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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