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Vera Moser, Detlef Horster (Hrsg.): Ethik der Behindertenpädagogik

Cover Vera Moser, Detlef Horster (Hrsg.): Ethik der Behindertenpädagogik. Menschenrechte, Menschenwürde, Behinderung ; eine Grundlegung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 211 Seiten. ISBN 978-3-17-021298-5. 27,90 EUR.

Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
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Thema

Dieser Herausgeberband enthält Beiträge, die das Verhältnis von Behinderung und Gesellschaft unter moralischen Gesichtspunkten reflektieren.

Herausgeberin und Herausgeber

Vera Moser ist Professorin für Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens und Allgemeine Rehabilitationspädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Detlef Horster war von 1984 bis 2007 Professor für Sozialphilosophie an der Leibniz-Universität Hannover.

Aufbau

  1. Vera Moser, Detlef Horster: Einleitung: Ethische Argumetation der Behindertenpädagogik – eine Bestandsaufnahme
  2. Detlef Horster: Was ist Moral?
  3. Detlef Horster: Angewandte Ethik
  4. Andreas Kuhn: Was ist Behinderung?
  5. Eike Bohlken: Anthropologische Grundlagen einer Ethik der Behindertenpädagogik
  6. Jörg Zirfas: Eine Pädagogische Anthropologie der Behinderung – Über Selbstbestimmung, Erziehungsbedürftigkeit und Bildungsfähigkeit
  7. Michael Quante, David P. Schweikard: Person
  8. Vera Moser: „Kampf um Anerkennung“ aus behindertenpädagogischer Perspektive
  9. Ernst von Kardorff: Stigmatisierung, Diskriminierung und Exklusion von Menschen mit Behinderungen
  10. Peter Schaber: Menschenwürde
  11. Heiner Bielefeldt: Inklusion als Menschenrechtsprinzip: Perspektiven der UN-Behindertenrechtskonvention
  12. Elisabeth Conradi: Selbstbestimmung durch Achtsamkeit
  13. Christian Liesen, Franziska Felder, Peter Lienhard: Gerechtigkeit und Gleichheit

Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Verlagshomepage.

Inhalte

In ihrem Vorwort gehen die Herausgeberin und der Herausgeber der Begriffsbestimmung der Ethik auf den Grund. In der ersten Fußnote schreiben Moser/Horster auf Seite 11: „Verschiedentlich gebraucht man die Begriffe Moral und Ethik identisch, was daher rührt, dass das alt-griechische 'ethos' in der Übersetzung Gewohnheit und Sitte bedeutet. Der Lateiner übersetzte es mit 'mos/moris', woher der Begriff Moral kommt, der übersetzt ebenfalls Gewohnheit, Sitte oder Brauch bedeutet. In Abgrenzung von der Antike nimmt Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten eine Zweiteilung vor […]. Ethik ist […] auf das Individuum bezogen. Mit Moral bezeichnet man die Regeln, die zwischen mindestens zwei Personen gelten. Die dritte Weise der Begriffsverwendung bedeutet, dass mit Ethik die akademische Moralphilosophie gemeint ist. Dieser […] Version folgen wir hier.“

In ihrer Einleitung geben die Herausgeberin und der Herausgeber einen kursorischen Überblick, welcher die ethische Grundlegung der Behindertenpädagogik verdeutlicht. Gegenwärtig müssen unter ethischen Aspekten diskutiert werden:

  • „eine vorwiegend auch dekonstruktivistisch formulierte Auseinandersetzung mit dem Behinderungsbegriff;
  • eine Bestandsaufnahme der Moralphilosophie und der Angewandten Ethik
  • eine aktuelle, interdisziplinäre Anthropologie;
  • eine zeitgemäße Bestimmung des Personenbegriffs;
  • sozialphilosophische und sozialpsychologische Bestimmungen des Anerkennungsverhältnisses;
  • Studien über Exklusions- und Stigmatisierungsprozesse,
  • neuere Thematisierungen der Menschenwürde und der Menschenrechte in aktuellen rechtsphilosophischen Debatten;
  • sowie neuere gerechtigkeitsphilosophische Konzepte, einschließlich der Berücksichtigung von Care-Ethiken“ (S. 18).

Der Zweitherausgeber fragt in seinem Beitrag danach, was Moral ist. Mit Bezug auf Menschen mit einer Behinderung ist Moral „die Gesamtheit der Regeln, die zur Realisierung der Werte (z. B. wechselseitige Anerkennung und Achtung – CR) oder zum Wohl des Menschen beiträgt, bzw. man kann auch sagen, dass die moralischen Regeln, wenn sie angewendet werden, die Menschen, die vom Handeln anderer betroffen sind, schützen sollen“ (S. 24). Weiter widmet sich der Autor den Fragen, wie moralische Regeln erkannt werden können und ob Menschen mit einer Behinderung zur moralischen Gemeinschaft dazugehören.

In seinem zweiten Beitrag widmet sich der Zweitherausgeber u. a. den Problemen und Bereichen der angewadten Ethik. Hier widmet er sich dann insbesondere der Präimplantationsdiagnostik, der akademischen und außerakademischen angewandten Ethik und den Ethiktools, die in der außerakademischen angewandten Ethik diskutiert werden.

Andreas Kuhn versucht rekonstruktiv herauszuarbeiten, „wie sich Behinderung als Problem von Pädagogik und Ethik darstellt und was sich dabei als Behinderung zeigt“ (S. 41). Es stellen sich hierzu zwei Fragen:

  1. inwiefern stellt Behinderung ein pädagogisches und ehisches Problem dar und reicht das aus eine Behindertenpädagogik zu begründen und zu legitimieren;
  2. inwiefern ist Behinderung ein allgemeines, grundlegendes, durchgängiges und/oder stabiles Problem für menschliches Zusammenleben, die auf eine stellvertretende Bearbeitung angewiesen ist.

Erika Bohlken untersucht die Frage, „inwieweit eine Ethik der Behindertenpädagogik auf ein anthropologisches Fundament angewiesen ist und wie ein solches gelegt werden kann“ (S. 59).

Jörg Zirfas „versucht zu zeigen, inwieweit es pädagogisch und moralisch sinnvoll sein kann, von pädagogisch-anthropologischen Erkenntnissen auszugehen, ohne dass dies zu einer Sonderanthropologie von Menschen mit Behinderungen führen muss“ (S. 75). Für dieses Unternehmen diskutiert Zirfas:

  1. ein Modell der Pädagogischen Anthropologie;
  2. einen anthropologisch-ethischen Begründungsansatz;
  3. eine pädagogisch-anthropologische Kritik der Sonderanthropologie;
  4. eine (behindertenpädagogische) Ethik aus pädagogisch-anthropologischer Perspektive.

Michael Quante und David P. Schweikard blicken auf den moralischen Status des Menschen in allen seinen Existenzformen. „In diesen Diskussionen wird von manchen Beteiligten der Begriff „Person“ als Begründungsressource verwendet“ (S. 90). Die Verfasser erörtern, ob der Personbegriff diese Begründungslast tragen kann.

Die Erstherausgeberin betrachtet den grundlegenden Entwurf von Anerkennung Axel Honneths. Letztgenannter hat ein Konzept vorgelegt, welches eine wesentliche Strukturbasis von zunehmend individualisierten Gesellschaften darstellt. Behindertenpädagogisch sind drei Fragen zu klären:

  1. sind Personen, die nicht über umfangreiche kognitive Fähigkeiten verfügen, aus der Gemeinschaft der moralischen Subjekte ausgeschlossen?
  2. werden Personen, die zur Ausführung individueller Leistungen, welche von vielen gesellschaftlichen Mitgliedern geschätzt werden, nicht in der Lage sind, von Anerkennungsprozessen ausgeschlossen?
  3. welchen Platz haben die Dimensionen der Angewiesenheit und der Abhängigkeit eines autonomen Subjekts in Honneths Konzept.

Emil von Kardorff widmet sich dem Einfluss und den Folgen „sozialen Wandels und veränderter Dispositive und Praktiken der gesellschaftlichen Organisierung von Behinderung im Kontext sozialer Differenzierungsprozesse moderner Gesellschaften“ (S. 119).

Peter Schaber folgend spielt der Begriff Menschenwürde in der Behindertenpädagogik eine nicht zu unterschätzende Rolle, da er häufig verbunden wird mit den Fragen des Lebensschutzes und der Nicht-Diskriminierung.

Heiner Bielefeldt betrachtet in seinem Artikel die UN Behindertenrechtskonvention nicht als eine Spezialkonvention. Die UN Behindertenrechtskonvention steht für eine Weiterentwicklung des Menschenrechtsanspruchs insgesamt.

Elisabeth Conradi stellt in ihrem Beitrag die Vorrangstellung der Selbstbestimmung gegenüber anderen Leitideen im Hinblick auf die Ethik in Frage.

Gerechtigkeit und Gleichheit werden von Christian Liesen, Franziska Felder und Peter Lienhard erläutert und zueinander in Beziehung gesetzt.

Fazit

Dem Buch ist zu wünschen, dass es viele kritische Leserinnen und Leser bekommt.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 03.05.2012 zu: Vera Moser, Detlef Horster (Hrsg.): Ethik der Behindertenpädagogik. Menschenrechte, Menschenwürde, Behinderung ; eine Grundlegung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-17-021298-5. Reihe: Heil- und Sonderpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13269.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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