socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christiane Gelitz (Hrsg.): Psychotherapie heute

Cover Christiane Gelitz (Hrsg.): Psychotherapie heute. Seelische Erkrankungen und ihre Behandlung im 21. Jahrhundert. Schattauer (Stuttgart) 2012. 188 Seiten. ISBN 978-3-7945-2867-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Gehirn & Geist.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Es geht um psychische Störungen und ihre Behandlung heute.

Herausgeberin

Christiane Gelitz ist Diplompsychologin. Als Wissenschaftsjournalistin arbeitet sie seit 2007 als Redakteurin für das Psychologiemagazin Gehirn&Geist. „Nach dem Diplom in Psychologie gewann sie die ersten praktischen Einblicke in das menschliche Seelenleben als Lokalredakteurin einer Tageszeitung. Das Thema seelische Gesundheit ist heute ihr Steckenpferd“ (Klappentext).

Entstehungshintergrund

Das Buch versammelt Beiträge unterschiedlicher Autorinnen und Autoren, die erstmals in der Zeitschrift Gehirn&Geist publiziert wurden.

Aufbau

Einleitung

  • Jochen Paulus: Stammbaum der Störungen

Störungsbilder

  • Joachim Marschall: Gesammeltes Leid
  • Christiane Gelitz: Sucht nach virtuellem Prestige
  • Astrid Müller: Im Kaufrausch
  • Susanne Rytina: Der eingebildete Makel
  • Esther Sobanski und Barbara Alm: Gedanken auf Abwegen
  • Kai Baumann und Michael Linden: Frieden mit früher
  • Christiane Gelitz: Quälende Sehnsucht
  • Sabine Müller: „Dieses Bein will ich nicht“

Schwerpunkt Ängste

  • Rabea Rentschler: Fliegen lernen
  • Christiane Gelitz: Angst vor den Anderen

Schwerpunkt: Depressionen

  • Sarah Kayser und Thomas Schläpfer: Hirn unter Strom
  • David Dobbs: Strom an, Schwermut aus

Stationäre Psychotherapie

  • Sabrina Boll: Dialektik fürs Gemüt
  • Christiane Gelitz: Sanfte Psychiatrie

Bausteine moderner Psychotherapie

  • Nikolas Westerhoff: Therapie 2.0
  • Steve Ayan: Willkommen im Jetzt
  • Cbristiane Gelitz: Sprechstunde in der Traumfabrik

Evaluation

  • Herta Flor: Bilder für eine gesunde Psyche
  • Günter Schiepek und Vinzenz Schönfelder: Musterhafter Wandel
  • Susanne Rytina: Der Medizin-TÜV

Inhalte

Im ersten Beitrag nimmt der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Jochen Paulus die psychiatrischen Krankheiten in den Blick. Dabei diskutiert der Autor die neuen Begriffe, welche für alte Konzepte stehen und führt die aktuelle Klassifikation psychischer Störungen auf. Ob die psychischen Störungen erblich bedingt sind, wird in seinem letzten Abschnitt besprochen.

Der Diplompsychologe und Redakteur bei Gehirn&Geist Joachim Marschall beschäftigt sich mit dem Messie-Syndrom, bei dem der hiervon Betroffene unter einer schweren Unordnung leidet. Jeder Müll wird gehortet!

Die Sucht nach dem virtuellen Prestige ist die Computerspielsucht, wofür die Universitätsklinik Mainz seit 2008 eine ambulante Therapie bereithält. Der 1971 geborene medizinische Psychologe Dr. Klaus Wölfling leitet dieses bundesweite einzigartige Projekt. Er erklärt Christiane Gelitz, warum so viele Onlinegames süchtig machen und wie die Süchtigen ihre Sucht überwinden können.

Dr. Astrid Müller, Psychologin, betrachtet die außer Kontrolle geratene Kauflust, die nämlich dann als Kaufsucht bezeichnet wird, wenn „jemand permanent und über längere Zeit überflüssige Dinge erwirbt. Der Akt des Kaufens löst dabei ein Hochgefühl aus, das schnell wieder verfliegt“ (S. 25).

Die Jurnalistin Susanne Rytina befasst sich mit einem Thema, das 1% aller Deutschen angeht. Nämlich „1 von 100 Deutschen leidet an der eingebildeten Hässlichkeit“ (S. 33). Das sind Menschen mit einer Körperdysmorphen Störung.

Menschen, deren Gedanken auf Abwegen sind, bei denen Ruhe Not tut können sich schlecht konzentrieren, sind impulsiv, haben Probleme auf den Feldern Arbeit und Beziehung. Es sind Menschen mit ADHS, mit denen sich die am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit arbeitenden Psychiaterinnen Dres. Esther Sobanski und Barbara Alm befassen.

Eine Therapie gegen die posttraumatische Verbitterung, die oft zu Kündigung und Konflikten am Arbeitsplatz führt, ist das Weisheitstraining. Dieses Training wird von dem Professorfür Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Michael Linden und dem Psychologen und Psychologischen Psychotherapeuten Dr. Kai Baumann diskutiert.

Chronische Traurigkeit ist die quälende Sehnsucht, mit der sich die Herausgeberin ihrem zweiten Aufsatz befasst. Es ist die Traurigkeit der Hinterbliebenen, wenn ein Mensch stirbt.

Menschen mit Body Integrity Identity Disorder (BILD) wollen eins ihrer beiden Beine einfach nicht. Dieses Körperteil stört sie oder sie empfinden es als überflüssig. Die Diplomphysikerin und Philosophin Dr. Sabine Müller diskutiert in ihrem Beitrag u. a. das Recht auf Amputation.

„Wenn das Flugzeug startet, ist vielen mulmig zu Mute. Manche steigen am liebsten erst gar nicht ein“ (S. 72). Menschen, die Derartiges durchmachen, müssen das Fliegen lernen. Die Theologin, Philosophin und Redakteurin bei Gehirn&Geist Rabea Rentschler stellt in ihrem Beitrag ein Angstbewältigungstraining bei Flugangst vor.

Die „Soziale Phobie gilt als dritthäufigste psychische Störung nach Depression und Alkoholabhängigkeit“ (S. 83) stellt die Herausgeberin in ihrem dritten Artikel fest. Das ist die Angst vor den Anderen, die durch eine andauernde, übertriebene Angst vor sozialen Situationen charakterisiert ist.

Die Neurologin, Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Sarah Kayser und der Professor am Department of Psychiatry and Mental Health der Johns Hopkins University in Baltimore (USA) Dr. Thomas E. Schläpfer zitieren aus einer Stellungnahme der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2003, dass „„die Darstellung der Elektrokrampftherapie als überholte oder gar inhumane Behandlungsmethode […] (falsch – CR) ist„“ (S. 91). Die Wirksamkeit der Elektrokrampftherapie bei Depressionen besprechen die Autorin und der Autor in ihrem Beitrag.

Der in New York lebende Wissenschaftsjournalist David Dobbsbefasst sich in seinem Artikel mit der Frage, ob sich Trauer, Angst und Verzweiflung einfach so ausknipsen lassen. Dabei lehnt er sich an die Erfahrungen der Psychiaterin Helen Mayberg an, die über die künstliche Hirnstimulation depressive Menschen von ihrem Leid befreit.

Die sich am Institut für Neurowissenschaften der Universität Hamburg promovierende Psychologin Sabrina Boll befasst sich mit Borderline-Patienten. Sie stellt ein Behandlungskonzept vor, welches den Betroffenen dabei hilft, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. „Es setzt auf ein Gleichgewicht von Akzeptanz und Veränderung“ (S. 104).

Eine Alternative zur medikamentösen Ruhigstellung psychotischer Patienten ist das Therapiekonzept Soteria. Soteria heißt, aus dem Griechischen übersetzt, Schutz, Geborgenheit, Rettung, Entspannung. Und das ist die sanfte Psychiatrie, die Christiane Gelitz hier vorstellt.

Wie die modernen multimedialen Hilfsmittel die Psychotherapie und Notfallberatung per SMS beeinflussen stellt der Professor für Wirtschaftspsychologie Dr. Nikolas Westerhoff in seinem Beitrag dar.

Steve Ayan, Psychologe und Redaktionsleiter von Gehirn&Geist, justiert Verhalten und Gedanken mithilfe einer fernöstlichen Geisteshaltung. Die Lehre derselben basiert auf der Wahrnehmung mit allen Sinnen., ohne diese jedoch zu bewerten.

Die Kinotherapie thematisiert Christiane Gelitz in ihrer Sprechstunde in der Traumfabrik.

Die Professorin für Neuropsychologie und Klinische Psychologie Dr. Herta Flor wagt einen Blick in das Gehirn, d. h. auf bildgebende Verfahren, die für die psychotherapeutische Diagnostik und für die Therapie vielfältig genutzt werden kölnnen.

Dr. Günter Schiepek, Leiter des Instituts für Synergetik und Psychotherapieforschung der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg und der LMU München, sowie der Doktorand Vinzenz Schönfelder, der sich dem Studium der Physik mit dem Schwerpunkt Neurowissenschaften gewidmet hat, befassen sich mit den Werkzeugen der Synergetik. Mit diesen Werkzeuge „können Therapeuten den Erfolg verschiedener Behandlungsmethoden wissenschaftlich fundiert deuten und […] steuern“ (S. 162).

Schließlich befasst sich die freie Wissenschaftsjournalistin Susanne Rytina mit der evidenzbasierten Medizin, worunter eine Gesundheitsversorgung zu verstehen ist, „bei der Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten behandelt werden“ (S 175).

Diskussion

Sehr schön ist die Aufmachung der Beiträge. Auf der ersten Seite ist jeweils in drei Punkten das Thema umrissen. Für den Leser erleichtert das die Suche nach dem, was ihn interessiert.

Fazit

Eine sehr lesenswerte Publikation, die sich an Mediziner, Therapeuten und Interessierte der Psychotherapie und der Neurowissenschaften wendet.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 118 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 03.04.2012 zu: Christiane Gelitz (Hrsg.): Psychotherapie heute. Seelische Erkrankungen und ihre Behandlung im 21. Jahrhundert. Schattauer (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-7945-2867-7. Reihe: Gehirn & Geist. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13273.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!