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Birgit Rothenberg: Das Selbstbestimmt Leben-Prinzip und [...] Hochschulstudium

Cover Birgit Rothenberg: Das Selbstbestimmt Leben-Prinzip und seine Bedeutung für das Hochschulstudium. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 378 Seiten. ISBN 978-3-7815-1850-6. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Thema

Die zu besprechende Publikation ist ein Beitrag der Disability Studies. „Anhand ausgewählter Aktivitätsstränge der Politischen Behindertenselbsthilfe wird Selbstbestimmt Leben als leitendes Prinzip herausgearbeitet und mit Dokumenten der Behindertenbewegung belegt“ (Klappentext).

Autorin

Die 1955 geborene Diplompädagogin Birgit Rothenberg „ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dortmunder Zentrum Behinderung und Studium (DoBuS) der TU Dortmund“ (Klappentext). Ihre Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte liegen im Bereich Behinderung und Studium, Assistenz, Selbstbestimmt Leben, Geschichte der Behindertenbewegung und Begleitete Elternschaft. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied von „MOBILE – Selbstbestimmt Leben Behinderter e. V. Birgit Rothernberg ist Gründungsmitglied der „Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland.“

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende Publikation ist eine Dissertation, die 2010 von der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund unter dem Titel „Das Selbstbestimmt Leben-Prinzip als Paradigma der Behindertenpädagogik“, nach der Begutachtung durch Svetluse Solarová und Reinhilde Stöppler, angenommen wurde.

Aufbau

Teil I: Das Selbstbestimmt Leben-Prinzip als Paradigma der Behindertenpädagogik

  1. Einleitung
  2. Das Selbstbestimmt Leben-Paradigma
  3. Konseuqenzen aus dem Selbstbestimmt Leben-Prinzip für die Behindertenpädagogik

Teil II: Selbstbestimung und Persönliche Assistenz an der Hochschule

  1. Einleitung
  2. Anlage und methodisches Design der Studie
  3. Selbstbestimmung – Selbsteinschätzung und Eigendefinition
  4. Bedingungen, die einem selbstbestimmten Leben entgegenstehen
  5. Strategien und Methoden der Deckung des Hilfebedarfs
  6. Begründung für die Wahl der Methoden
  7. Kompetenzwahrnahme der Studierenden
  8. Fazit

Teil III: Selbstbestimmt Leben und seine Bedeutung für das Hochschulstudium

  1. Einleitung
  2. Beratungsangebot und Dortmunder Arbeitsansatz
  3. Rechtsansprüche und Nachteilsausgleiche
  4. Personelle Hilfen im und für das Studium
  5. Beratung, Unterstützung der kollektiven Selbsthilfe und Strukturarbeit
  6. Die selbstbestimmungsfördernden Grundsätze des Dortmunder Arbeitsansatzes
  • Zusammenfassung
  • Literatur und Materialien
  • Anhang

Inhalte

In Teil I wird Selbstbestimmt Leben als Prinzip aufgezeigt, was in Anlehnung an den Begriff des Paradigmas erfolgt und fortgeführt wird über:

  • Selbstbestimmt Leben als Prinzip
    • Selektion durch Ausschluss Einzelner bzw. von Gruppen von der gleichberechtigten Teilhabe
    • Selektion als gesellschaftlicher Diskurs und reales Handeln am Lebensanfang und -ende
    • Bewertung von Selbstbestimmt Leben als (Gegen-)Prinzip.

Die Diskussion des Wohnens Behinderter und der Abdeckung notwendiger Hilfen stellt den dialektischen Charakter des Selbstbestimmt Leben-Prinzips dar. Das geschieht über:

  • die Kritik an Institutionen der Behindertenhilfe und an fremdbestimmter Fachlichkeit zum Modell der Persönlichen Assistenz

Eine besondere Aufmerksamkeit erhält das Modell der Persönlichen Assistenz, „da es im Sinne eines Theorie- und Handlungsmodells als Gegenmodell gegen das tradierte Behindertenhilfesystem und gegen die Fachlichkeit der in diesem Modell arbeitenden Professionellen gesehen werden muss“ (S. 13).

In den Kapiteln 2.4 und 2.5 geht die Autorin gezielter auf die Grundsätze und Grundbegriffe des Selbstbestimmt Leben-Prinzips ein. Rothenberg widmet sich den Termini technici:

  • Selbstbestimmung mit den Gegenbegriffen
    • Fremdbestimmung
    • Abhängigkeit
    • fremdbestimmende Fachlichkeit und Betreuung.

Im dritten Kapitel wird die Auseinandersetzung der Behindertenpädagogik mit dem Selbstbestimmt Leben-Prinzip ins Auge gefasst. Das geschieht unter den Gesichtspunkten:

  • Selbstbestimmung und Assistenz in der behindertenpädagogischen Fachliteratur und
  • den daraus folgenden Konsequenzen aus dem Selbstbestimmt Leben-Prinzip für Professionalität, Institutionen und Wissenschaft, mit Blick auf:
    • Radikalisierung und Rehistorisierung;
    • Definitionen und Begrifflichkeiten ausgehend vom Modell 'Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz';
    • Konsequenzen für die Professionalität;
    • Konsequenzen für Institutionen, Umgang mit Strukturen und struktureller Gewalt;
    • Konsequenzen für die Behindertenpädagogik als Wissenschaft.

Teil II dieser Arbeit befasst sich mit der Selbstbestimmung und der Persönlichen Assistenz an der Hochschule. Hier stellt die Autorin nach einleitenden Worten die Anlage und das methodische Design ihrer Studie vor: „Die […]Untersuchungsergebnisse basieren auf teilstandardisierten Leitfadeninterviews mit 27 behinderten Studenten und Studentinnen. Die Technik des qualitativen Leitfadeninterviews soll als Datenerhebungsmethode gewählt werden, da sie den Interviewpartnern und -partnerinnen in besonderer Weise die Gelegenheit gibt, als 'Experten und Expertinnen in eigener Sache' […] ihre Erfahrungen und ihre Perspektive einzubringen und einer systematischen Analyse zugänglich zu machen“ (S. 104-107).

Das folgende Kapitel 3 befasst sich mit der Selbstbestimmung in der Selbsteinschätzung und als Eigendefinition. So diskutiert Rothenberg:

  • die Eigendefinition von Selbstbestummung der Interviewpartnerinnen und -partner u. a. unter den Aspekten:
    • Selbstbestimmung als das Bestimmen über das eigene Leben;
    • Selbstbestimmung als Gegenbegriff zu Fremdbestimmung;
    • Selbstbestimmung als Aufgabe, die auch Mühe erfordert;
    • Selbstbestimmung als Kompetenz beim Management des eigenen Hilfebedarfs;
    • Selbstbestimmung in Abgrenzung zum Begriff der Selbstständigkeit;
    • die Selbsteinschätzung: selbstbestimmt – ja oder nein?

Welche Bedingungen nun einem selbstbestimmten Leben entgegen stehen wird in Kapitel 4 untersucht. Diskussionspunkte sind hier:

  • die Praxis de Sozialleistungsträger;
  • die Belastungen, die mit der Sozialleistungsabhängigkeit verbunden sind;
  • die bebaute Umwelt;
  • die Hochschulorganisation;
  • das Verhalten der Hochschulangehörigen;
  • die mangelhafte Vorbereitung durch die Sonderschule;
  • das Verhalten von Mitgliedern des Lehrkörpers und der Berufsberatung;
  • das unzureichende Angebot an qualifizierten DGS-Dolmetscherinnen (DGS: Deutsche Gebärdensprache);
  • fremdbestimmte Momente in der von Abhängigkeit geprägten Hilfebeziehung;
  • soziale Isolation.

Welche Strategien und Methoden der Deckung des Hilfebedarfs entwickelt werden können bespricht die Autorin über die Nutzung:

  • unbezahlter Hilfen;
  • von Dienstleistungen;
  • von Persönlicher Assistenz;
  • des Selbermachens;
  • des Verzichts

„Die Auswertung der im Studium eingesetzten Methoden und Strategien,“ so Birgit Rothenberg, „hat gezeigt, dass behinderte Studierende schwerpunktmäßig sowohl das Modell der Persönlichen Assistenz einsetzen, Dienstleistung oder unbezahlte Hilfen in Anspruch nehmen als auch die Strategie des „Selbermachens“ anwenden und häufig mit anderen Methoden und Strategien kombinieren, um ihren Hilfebedarf im Studium abzudecken“ (S. 161). So werden im sechsten Kapitel der Publikation besprochen:

  • Gründe für die Einschränkung der Wahlfreiheit zwischen Selbermachen und Personeller Hilfe im Studium;
  • Gründe für die Strategie des Selbermachens im Studium;
  • Methodeneinsatz in der Strategie des Slbermachens;
  • Gründe für die Strategie des Mit-personeller-Hilfe-machen;

Kapitel 7 legt das Augenmerk auf die Kernkompetenzen bei Wahrnehmung der Persönlichen Assistenz. Das sind:

  • bei der Personalkompetenz:
    • - Strategien und Probleme behinderter Studierender bei der Suche nach Studienhelfern und unentgeltlicher Hilfe;
    • - Qualitäten und Qualifikationen von Helfern und Helferinnen;
  • die Anleitungskompetenz der behinderten Studierende.

Teil III dieser Arbeit „zeigt die Umsetzung des Selbstbestimmt-Leben-Paradigmas mit seinen Grundsätzen, Elementen und Methoden als pädagogisches Konstrukt im Handlungsfeld Hochschule“ (S. 209). Eine besondere Betrachtung in diesem Feld erfährt die Universität Dortmund mit Blick auf die Jahre 1977 bis 2009. Es wird dann zu Beginn dieses Teils das Beratungsangebot und der Dortmunder Arbeitsansatz angeführt.

Da eine juristische Bedeutung in diesem Feld nicht unterschätzt werden darf, befasst sich die Autorin mit den Rechtsansprüchen und Nachteilsausgleichen. Sie tut dies über:

  • die Recherche der relevanten juristischen Grundlagen;
  • die Durchsetzung individueller Rechtsansprüche, als da wären:
  • Prüfungsmodifikationen;
  • das Bundesausbildungsförderungsgesetz;
  • die Hilfe zum Lebensunterhalt;
  • Hilfen zum Besuch einer Hochschule im Rahmen der Eingliederungshilfe;
  • Empfehlungen der überörtlichen Träger der Sozialhilfe für Hilfen zum Besuch einer Hochschule im Rahmen der Eingliederungshilfe für Behinderte;
  • die kritische Begleitung von Gesetzesvorhaben und Novellierungen;
  • die Kooperation als Instrument zur Änderung rechtlicher Normen.

Sehr bedeutsam waren von Beginn der Arbeit an individuell eingesetzte Hilfen. Es gilt der Grundsatz: „Alle Studierenden sollen unabhängig von der Art ihrer Beeinträchtigung die Möglichkeit haben, an der gewünschten Hochschule das Studienfach ihrer Wahl zu studieren“ (S. 239). Richtungsweisend sind hier:

  • die Sicherung von täglicher Hilfe und Pflege körperbehinderter Studierender;
  • die Bemühungen hörgeschädigter Studierender, sich den Studienstoff zu erschließen;
  • Strategien sehgeschädigter Studierender zur Versorgung mit Studienliteratur;
  • beeinträchtigungsübergreifend organisierte Bemühungen um (sozialhilfe-)rechtliche Verbesserungen;
  • die Ausdifferenzierung und konzeptionelle Weiterentwicklung personeller Hilfen im Hochschulbereich;
  • die Umsetzung der Grundsätze des Dortmunder Arbeitsansatzes in seiner Bedeutung für die konzeptionelle Weiterentwicklung der personellen Hilfen im Hochschulbereich.

Kristallisationspunkt der Arbeit war und ist die gezielte Beratung von behinderten und chronisch kranken Studierenden. Folgende Aspekte werden in Richtung Selbstbestimmt-Leben-Prinzip vorgestellt:

  • Beratung;
  • Kontakte zu Peers und Peer Involvement;
  • Unterstützung der kollektiven Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Studierender;
  • Strukturarbeit.

Abschließend befasst sich Birgit Rothenberg mit den selbstbestimmungsfördernden Grundsätzen des Dortmunder Arbeitsansatzes.

Fazit

Ein wertvolle und sinnvolle Publikation legt Birgit Rothenberg mit ihrer Dissertation vor. Jeder und jedem in der Behindertenarbeit Tätigen muss sie bereits in der Ausbildung eine Pflichtlektüre sein.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 23.04.2012 zu: Birgit Rothenberg: Das Selbstbestimmt Leben-Prinzip und seine Bedeutung für das Hochschulstudium. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1850-6. Reihe: Klinkhardt forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13278.php, Datum des Zugriffs 28.05.2016.


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