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Hans Bertram, Martin Bujard: Zeit, Geld, Infrastruktur - zur Zukunft der Familienpolitik

Cover Hans Bertram, Martin Bujard: Zeit, Geld, Infrastruktur - zur Zukunft der Familienpolitik. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. 376 Seiten. ISBN 978-3-8329-7243-1. 39,00 EUR.

Soziale Welt - Sonderband 19.
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Entstehungshintergrund

„Diese Veröffentlichung entstand im Rahmen der interdisziplinären Akademiegruppe Zukunft mit Kinder – Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung, die gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaft Leopoldina getragen und von der Jacobs Foundation gefördert wird.“ – Soweit der Hinweis der Herausgeber.

Thema

Die Familienpolitik verändert sich. Das Familienleben ist durch neue Lebensverläufe gekennzeichnet. Offensichtlich kommt der Familie und dem Politikfeld Familienpolitik zunehmend Aufmerksamkeit zu.

Seit dem siebten Familienbericht werden Zeit, Geld und Infrastruktur in den Fokus der Familienpolitik gerückt. In diesem Sonderband wollen die Autoren diesen Ansatz konzeptionell weiterentwickeln und die Zukunftsperspektiven der Familienpolitik skizzieren. Dabei geht es insbesondere um die Darstellung der neueren Lebensverläufe, zeitpolitische Paradoxien, Paarinteraktionen und familienpolitische Wirkungen – so der Klappentext in Auszügen.

Aufbau

Der Band umfasst vier Abschnitte (Hauptkapitel), die sich wie folgt gliedern:

  1. Neue Lebensverläufe und die Konzeption der Familienpolitik als integrative Kombination von Zeit, Geld und Infrastruktur
  2. Familienpolitik im internationalen Vergleich aus institutioneller Perspektive
  3. Zeitpolitische Herausforderungen spezieller Berufsgruppen und die Paarinteraktion
  4. Wirkungen von Familienpolitik

Vorweg umgrenzen die Herausgeber die Zielsetzung des Bandes und fassen wichtige Ergebnisse zusammen.

Ad I.

Hans Bertram setzt sich mit der Rushhour des Lebens auseinander als Überforderung der nachwachsenden Generation. Dem folgt von Ute Klammer eine Betrachtung der Lebensverlaufsperspektive als Referenzrahmen und Gestaltungsaufgabe als Herausforderung an Politik und Betriebe.

Richard Hauser und Irene Becker setzen sich in ihrem Artikel mit der Kinderarmut und Reformoptionen des Familienlastenausgleichs auseinander, umgrenzen Wirkungen und geben Empfehlungen.

Aila-Leena Matthies und Marjo Kuronen gehen auf die Herausforderungen der finnischen familienpolitischen Infrastruktur in neuen Lebensverläufen ein und Helen Bykara-Krumme stellt die Lebenslage und Familienpolitik im Integrationskontext dar, es geht um Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.

Ad II.

Carina Marten, Gerda Neyer und Ilona Oster setzen sich mit dem familienpolitischen Wandel in Deutschland, Österreich und der Schweiz auseinander und verdeutlichen neue soziale Risiken.

Beat Fix wiederum zeigt den Kontext von Föderalismus und Familienpolitik am Bespiel der Schweiz auf und Wolfgang Mazal umgrenzt die Familienpolitik in Österreich.

Irene Gerlach betrachtet den Generationenvertrag im Wandel der Interpretationen.

Ad III.

Miriam Beblo untersucht den Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen auf die Arbeitsteilung von Paaren. Guido Heineck und Joachim Möller setzen sich mit dem geschlechtsspezifischen Arbeitsmarktverhalten, Verdienste und Wohlbefinden im Familienkontext auseinander.

Jan Eckhard und Thomas Klein fragen nach den Rahmenbedingungen, den Motiven und die Realisierung von Kinderwünschen. Alexandra Rusconi und Heike Solga untersuchen den Zusammenhang von Karriere und Familie in der Wissenschaft.

Sigrid Metz-Göckel, Kirstin Heusgen und Christina Möller betrachten generative Entscheidungen im wissenschaftlichen Lebenszusammenhang im Zeitkorsett.

Ad. IV.

Marina Hennig Mareike Ebach, Stefan Stuth und Anna Erika Hägglund gehen auf Frauenzwischen Beruf und Familie im europäischen Vergleich ein. C. Katharina Spieß referiert empirische Befunde zu Mikrostudien und was wir daraus lernen können im Kontext von Zeit, Geld, Infrastruktur und Fertilität.

Martin Bujard schließt den Band mit einem Beitrag zu den Makroanalysen: Potenziale, Grenzen und methodische Optionen am Beispiel des Nexus Familienpolitik und Fertilität ab.

Überblick über den Inhalt

Bertram u.a wollen in diesem Buch herausarbeiten, wie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ein grundsätzlicher Wandel der Familienpolitik erfolgte. War bisher die Familie als Institution im Blickpunkt der Familienpolitik, so wird dies zunehmend abgelöst durch die stärkere Ausrichtung der Unterstützung von Familien an Zeit, Infrastruktur und Geld. Dies sei nicht zuletzt dem Anpassungsdruck geschuldet, der durch den zweiten demografischen Übergang, dem kulturellen Wandel und der Frauenemanzipation geprägt würde.

Da sich die Lebensverläufe strukturell gewandelt hätten, hinsichtlich des Zeitpunkts für Kinder, der Lebensformen und der Bildungs- und Berufsbiografien, erscheine es als sinnvoll, die Familienpolitik im Kontext der Lebensverläufe zu thematisieren und Widersprüche der gegenwärtigen Familienpolitik und aber auch Reformperspektiven aufzuzeigen.

Diese Betrachtung wird im I. Abschnitt in eine international vergleichende Analyse eingebettet, die aber auch dazu dienen soll die häufig als Vorbild genannten Länder Nordeuropas kritisch zu würdigen. Auch in Finnland wird deutlich, dass der Ausbau von Betreuungsangeboten alleine nicht „das Dilemma der Familien zwischen Geld und Zeit nicht allein durch Betreuung lösen“ lässt. Hier suchen „zwei kontroverse familienpolitische Absichten [...[ Konsens: Erweiterung der öffentlich garantierten Betreuungsangebote angesichts der neuen Anforderung des Arbeitsmarktes (Nachmittagsbetreuung der SchülerInnen, Betreuung während der flexiblen und unregelmäßigen Arbeitszeiten der 24/7- Gesellschaft) oder mehr Zeitflexibilität für Eltern in entsprechenden Situationen (Arbeitszeitverkürzung im Einschulungsjahr des Kindes, stärkere väterliche Beteiligung an Betreuungszeiten)“ (S.85f.). In Finnland werden die Familienformen immer vielfältiger, es entstehen neuartige und unvorhersehbare Lebenslagen und Risiken der Familien, auf die eine flexible und zuverlässige Familienpolitik reagieren muss.

Auch in Finnland gibt es Kinderarmut und betragen in Ein-Elternfamilien 22 Prozent. Ein Elternfamilien haben Betreuungsdefizite, doch auch „für die Doppelverdiener-Familie mit Kleinkindern reicht die etablierte Kindertagesbetreuung nicht aus.“ „Ein chronischer Zeitmangel quält die Familien, in denen beide Elternteile voll berufstätig sind“ (S.93).

Doch Deutschland kann aus den Ansätzen und Debatten um eine flexible Familienpolitik lernen, „dass die Dienstleistungen (Betreuung der unter 3-jährigen Kinder, Ganztagsschule) nicht nach einem kategorisch einheitliche Muster gestaltet, sondern von Anfang an der Pluralität von Familie, der Zeit und der Arbeit angemessen angepasst werden sollten.“ Es gehe auch um Hilfen in riskanten Übergangsphasen bzw. ungeplanten Situationen wie „ambulante Hausdienste, vorübergehende Kinderbetreuung und eine generelle Krisenbereitschaft der familienpolitischen Infrastruktur.“ Auch in Finnland müssen sich die Familien in ihrer“ Lebensgestaltung den Bedingungen des Arbeitsmarktes anpassen, nicht andersherum“ (S.95).

Im II. Abschnitt werden die Institutionen der Familienpolitik in Deutschland, Österreich und der Schweiz anhand verschiedener Fallstudien dargestellt.

Im III. Abschnitt geht es um den Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen auf die Arbeitsteilung von Paaren. Ein Thema das aktuell auch von Tomke König (2012) diskutiert wird (vgl. die Rezension). In diesem Abschnitt geht es um geschlechtsspezifisches Arbeitsmarktverhalten, um die Realisierung von Kinderwünschen, den Kontext von Karriere und Familie, also generell um die Paarinteraktion bei generativen und beruflichen Lebensentscheidungen. Ein sehr informatives Hauptkapitel, das auch konkrete Empfehlungen zur Gestaltung der Familienpolitik beinhaltet.

Im IV. Abschnitt werden die Wirkungen der Familienpolitik analysiert. Vor allem wird der Zusammenhang von Fertilität und Familienpolitik erörtert, ein Thema, das in Deutschland in Anbetracht der niedrigen Geburtenrate hohe Relevanz hat. Doch wird in diesem Kapitel auch eine Zielsetzung für eine (neue) Familienpolitik umgrenzt, die sich am Wohlbefinden der Familienmitglieder orientiert. Es geht also auch um die Entwicklungsperspektiven für die zukünftige Familienpolitik und deren wissenschaftlichen Analysen.

Das Einleitungskapitel führt informativ in die unterschiedlichen Themenaspekte ein und gibt zunächst einen knappen Überblick über den Wandel der familienrechtlichen und sozialstaatlichen Regelungen. Hier wird verdeutlich, wie der enorme Wandel der Familienformen und Lebensweisen sich mit ökonomischen Veränderungen und Anforderungen verbindet und nicht zuletzt der zunehmend spätere berufliche Einstieg von Frauen neue Herausforderungen an die Familienpolitik stellt. Die aktuellen Debatten um das Betreuungsgeld, die bisher nicht eingelöste, gesetzlich fixierte, Erweiterung der Betreuungsangebote im gesamten Vorschulbereich, können die in diesem Band dargestellte „Inkonkruenz zwischen der Diffusion des Wandels und der (familienpolitischen) Akkomodation“ (S.5) nur bestätigen.

Offensichtlich besteht in der deutschen Familienpolitik noch (implizit) die Tendenz, innerhalb der Ehe klassische Rollenverteilungen (weibliche Hausarbeit und männliche Erwerbsarbeit) zu favorisieren. So z.B. durch den Familienzuschlag im Öffentlichen Dienst, Krankenversicherung und nicht zuletzt das Ehegattensplitting. Der Beitrag von Marian Hennig u.a. verdeutlicht im „Ländervergleich, dass eine individuell orientierte Wohlfahrtsstaatspolitik die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser ermöglicht“ (S.6).

Dennoch gibt es auch zunehmend eine Orientierung der Familienpolitik an Einelternfamilien und dem „Zweiverdienermodell“. Dies wird durch den Ausbau der Kinderbetreuung, aber auch der Ganztagsschulen deutlich. Allerdings befände sich, so die Verfasser der Einleitung, „Deutschland noch mitten auf dem Wege in der Transformation zu einer kohärenten modernen Familienpolitik“ (S.7).

Gefordert wird aber nicht nur der Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen im Vorschulbereich, sondern auch für die Grundschule und weiterführenden Schulen, deren Angebote verlässlich sein müssen, deren pädagogischen Qualität gewährleistet sein muss und auch das Wohlbefinden der Kinder unterschiedlicher regionaler und ethnischer Herkunft eine wichtige Rolle spielen müsste.

Wenn in diesem Band das Wohlbefinden der Kinder und Eltern zum Maßstab der Familienpolitik wird, dann wird hier auch neuere Konzepte zur Erfassung würdigen Lebens Bezug genommen, dem Capability Approach von A. Sen u.a. und dem Konzept von J. Bradshaw, der sechs Dimensionen nennt: Materielles Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung, Beziehung zu Gleichaltrigen und zur Familie, Verhalten und Risiken und subjektives Wohlbefinden.

Fazit

Ein wichtiger Beitrag zur Diskussion um sich notwendigerweise verändernde familienpolitische Ansätze und Leistungen, der gerade durch den Blick auf die Nachbarn und die nordischen Länder Vergleichsmöglichkeiten eröffnet. Außerdem ist dieser Band eine informative Ergänzung des von Hans Bertram und Nancy Ehlert (2011) herausgegebenen Sammelbandes. „Familie, Bindung und Fürsorge. Familiärer Wandel in einer vielfältigen Moderne (vgl. die Rezension).

Die Familienpolitik im Kontext der Lebensverläufe der Menschen zu analysieren und zu bewerten, dies öffnet den Blick auf die Differenzierung von Lebenszeit und Alltagszeit und damit auch auf Ansätze, in der Phase mit kleinen Kindern, den Eltern mehr Zeit für Fürsorge zu ermöglichen durch Elternzeitmodelle und gezielte Arbeitsmarkt- und Betriebspolitik. Lebenszeitorientiertes Personalmanagement, eine Balance zwischen Beruf und Familie herzustellen, dies müsste als langfristige Perspektive über eine sequentielle Balance hinausgehen, nicht nur als temporärer Erwerbsausstieg, sondern als familienfreundliche Zeitpolitik im gesamten Lebensverlauf. Hier liefert dieser Band wichtige Hinweise auf eine prinzipielle Umgestaltung der Familien- und Sozialpolitik.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 12.09.2012 zu: Hans Bertram, Martin Bujard: Zeit, Geld, Infrastruktur - zur Zukunft der Familienpolitik. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. ISBN 978-3-8329-7243-1. Soziale Welt - Sonderband 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13295.php, Datum des Zugriffs 23.08.2016.


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