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David Graeber: Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus

Cover David Graeber: Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2012. 160 Seiten. ISBN 978-3-570-55197-4. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Raus aus der wirtschaftlichen Sackgasse?

In der zunehmenden und sich immer ungeduldiger und drängender artikulierenden Kapitalismuskritik, die gleichzeitig Gesellschafts- und Systemkritik ist, überwiegt der Tenor: „So kann es nicht weiter gehen!“ Und zwar auf allen Gebieten des lokalen und globalen menschlichen Daseins. Der immer wieder beschworene und spätestens seit den Berichten an den Club of Rome und den Prognosen und Analysen zur Lage der Welt geforderte Perspektivenwechsel lässt sich scheinbar nur schwer durchsetzen, und es bedarf drastischer Begriffe und Aufrüttelungsversuche, wenn es um die negativen Folgen von Globalisierung und psychosozialer Destabilisierung im „Raubtierkapitalismus“ geht (Peter Jüngst, 2004; sämtliche angeführte Literatur in www.socialnet.de), wenn Verschwendung, Arbeitslosigkeit und Mangel den Unterschied zwischen lokaler und globaler Armut und Reichtum darstellt ( Karl Georg Zinn, 2006), wie sich die Weltrisikogesellschaft gestaltet (Ulrich Beck, 2007), welche Politik notwendig ist, um 9 Milliarden Menschen in Einer Weltgesellschaft ernähren zu können (Christoph Zöpel, 2008), wie sich der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur entwickelt hat (Elmar Altvater, 2010), wie sich die Krisen an den kapitalistischen Systemen und der weltweiten kapitalistischen Entwicklung zeigen (Saral Sarkar, Hrsg., 2010), wie es gelingen kann, den Kapitalismus aufzubrechen (John Holloway, 2010), wie der Kommunismus als Voraussetzung für das Individuum verstanden werden könnte (Jürgen Meier, 2010), wie Gier und Neid überwunden und Gleichheit für Fortgeschrittene geschaffen werden können (Bernhard H. F. Taureck, 2010), wie das Gespenst des Kapitals überwunden werden kann (Joseph Vogl, 2010), wie Narzissmus in der Arbeitswelt zustande kommt, wirkt und Macht krank macht (Werner Berschneider, 2011), wie ehrliche Arbeit möglich wird (Norbert Blüm, 2011), wer die Welt regiert (Ian Morris, 2011), was mehr wird, wenn wir teilen (Elinor Ostrom, 2011), wie sich die Ära der Ökonomie entwickelt hat (Joachim Radkau, 2011), was erforderlich ist, um die dritte industrielle Revolution einzuleiten (Jeremy Rifkin, 2011), dass eine Revolution notwendig ist (Peter M. Senge, 2011), wie Überleben in einer verrückten Arbeitswelt möglich wird (Theresia Volk, 2011), warum Geld, Gier & Betrug vorherrschen und unser Vertrauen missbraucht wird (Tilmann Moser, 2012), wie sich die Ökonomie von Gut und Böse aufgebaut hat (Tomás Sedlácek, 2012) – um nur einige der Stimmen aus dem vielstimmigen Konzert der Kritiker am bestehenden Wirtschaftssystem zu nennen.

Entstehungshintergrund und Autor

„Kamikaze-Kapitalismus“, als Begriff der bewussten Selbstzerstörung, ist nicht schlecht gewählt, um die selbstverschuldete und bedenkenlos veranlasste ökonomische Praxis des „Raubtierkapitalismus“ zu charakterisieren. Gleichzeitig wird im Untertitel des zu besprechenden Buches die optimistische und überzeugte Auffassung vertreten: „Es gibt Alternativen zum herrschenden System“. Es gilt also, nicht den Kopf in den Sand zu stecken oder resigniert und fatalistisch die Auswirkungen des kapitalistischen und neoliberalen Systems zu ertragen, etwa mit der allzu einfachen, hilflosen und passiven Meinung – „Da kann man sowieso nichts machen“ und „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – oder zurückzuschrecken vor der scheinbaren Übermacht der Kapitalseigner, sondern sich der Möglichkeiten bewusst zu machen, die auch anscheinend Ohnmächtige in einer Zivilgesellschaft haben. Denn das stellt sich immer deutlicher heraus, freiwillig und einsichtig werden diejenigen, die von dem Immer-mehr-System und der Wachstumsideologie profitieren, nicht umdenken (vgl. dazu auch: Petra Pinzler, Immer mehr ist nicht genug! Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück, 2011, 312 S.).

Es bedarf also einer weltweiten antikapitalistischen Bewegung, um den eher appellativen Aufruf der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) in die Tat umzusetzen: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Die „Occupy Wall Street-Bewegung“ könnte eine wirksame und spürbare Initiative sein, der Übermacht des kapitalistischen und neoliberalen Systems eine Alternative entgegen zu setzen. Der bekennende Anarchist, Ethnologe und Anthropologe vom Goldsmiths College der Londoner Universität, David Graeber (geb. 1961) gehört zu den führenden Theoretikern und Praktikern der Occupy-Bewegung, deren Motto, Antrieb und Überzeugung es ist, dass es einen „guten Kapitalismus“ nicht gibt (Sebastian Dullien, u.a., Der gute Kapitalismus… und was sich nach der Krise ändern müsste, 2009) und es notwendig ist, dass die mächtigen Gutmütigen und Einsichtigen „die Dinge selbst in die Hand nehmen“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor publiziert in dem Buch Essays, Analysen und Berichte, die mit dem Aufkommen der Bewegung für globale Gerechtigkeit (Global Justice Movement) seit etwa 1998 vor allem in den USA entstanden sind und zu den verschiedenen Entwicklungen des offiziellen politischen, globalen Diskurses, etwa im Rahmen der G8- und G20-Proteste, der UN-Klima- und Entwicklungskonferenzen, Position geführt haben. Es sind Resümees und Reaktionen auf die Erfolge und Misserfolge, die Ziele, Wege, Um- und Irrwege, die Reflexionen der Machtkämpfe und Auseinandersetzungen, Utopien und Realitäten, die durchaus selbstkritisch danach fragen, „ob wir überhaupt eine Chance haben, eine lebenswerte Welt zu schaffen“. Es ist das Bemühen, alternative Theorien zu entwickeln und danach zu forschen, wie die Gegenwart zu verstehen ist, um eine „erlösende Zukunft“ zu ermöglichen. Dazu formuliert der Autor sechs Aufsätze.

Der erste Text ist überschrieben mit „Der Schock angesichts des Sieges“; denn, so der Autor, „das größte Problem für Bewegungen der direkten Aktion ist: Wir wissen nicht, wie wir mit Siegen umgehen“. An den Beispielen der Anti-Atomkraft-Bewegung und der Bewegung für globale Gerechtigkeit zeigt er auf, dass die revolutionären Vorstellungen von einer plötzlichen tabula rasa für eine aktive Auseinandersetzung mit dem zu bekämpfenden System eher demotivierend sind: Es geht vielmehr darum, „dass wir erkennen, dass wir in Wirklichkeit durchaus erfolgreich sind“ und wie es gelingen kann, den „Kreislauf der Begeisterung und Resignation (zu) durchbrechen und verschiedene strategische Vorstellungen … entwickeln, wie diese Siege aufeinander aufbauen können, damit daraus eine kumulative Bewegung für eine neue Gesellschaft erwächst“.

Der zweite Aufsatz setzt sich auseinander mit „geteilte(r) Hoffnung“, nämlich einerseits der Erkenntnis, dass der Kapitalismus, wie er überliefert ist, keine Zukunft hat; einfach aus dem einsichtigen und realen Grund, „dass es unmöglich ist…, eine Maschine des immerwährenden Wachstums auf einen endlichen Planeten kontinuierlich am Laufen zu halten“. Weil es allerdings so schwer ist, sich eine Form von „kommunistischer“ Wirtschaft vorzustellen, die auf vielen eigenständigen, selbstbestimmten und freiheitlichen „Formen planetarischer Allmenden“ besteht, bedarf es des Bewusstseins, dass Vertrauen und Versprechen auf zivilgesellschaftlichen Grundlagen beruhen müssen.

Der dritte Text handelt von „Revolution rückwärts“, gewissermaßen als Paradoxon der historischen Auffassung von revolutionären Bewegungen und Veränderungen; und doch stellt Graeber mit der Utopie die Wirklichkeit her, indem er rät: „Seien wir realistisch“, nicht, um sich den herrschenden Mächten anzupassen, auch nicht, um mit den Wölfen zu heulen, sondern staatliche Gewalt gewissermaßen umzuleiten auf den Ursprung des Volkes Wille und Macht und damit dem Gewaltbegriff eine „populäre“ und „imaginative“ Bedeutung zu geben. „Es ist … die Logik… der direkten Aktion: das trotzige Beharren darauf, so zu handeln, als wäre man bereits frei“.

Im vierten Text geht es um die „Armee der Altruisten“, gewissermaßen als die unzulässige Alternativen: „Patriotismus kontra berufliche Chancen“, „Werte kontra Alltagsthemen wie Arbeitsplätze und Bildung“ – und nicht zuletzt: Wohltätigkeit kontra (statt) Freiheit.

Damit sind wir schon bei einer Misere, nämlich der des „Postoperaismus“, wie wir sie bei John Holloway und seinen Überlegungen, „die Welt zu verändern, ohne die Macht zu übernehmen“ kennen gelernt haben (Münster 2002, www.socialnet.de/rezensionen/10535.php). Die Vermutung, wir lebten bereits im Kommunismus, wüssten oder merkten es nur nicht, klingt bizarr und irgendwie gekünzelt; aber ist Kunst nicht ein Mittel, mit unseren Augen und unserer Empathie eine „erlösende Zukunft“ zu erahnen, oder gar zu erleben?

Damit sind wir beim sechsten Text angelangt, der dem Buch den Titel verpasst hat: „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus“. Die Erzählung von Aktionen, wie sie z. B. beim Protestprojekt „Crude Awakening“ stattfanden, um deutlich zu machen, dass die Ölindustrie die Umwelt zerstört, legt ja offen, dass es ohne soziale Gerechtigkeit auch keine Umweltgerechtigkeit geben kann. Sich auf diesen Gewissheiten nicht auszuruhen und darauf zu warten, dass einem die Früchte der Aktion schon in den Schoß fallen, kann als eine Lehre betrachtet werden; denn der Kamikaze-Kapitalismus wird alles unternehmen, seine Gegner auszumerzen. Was diese dagegen tun können? Sich bewusst zu machen, „dass wir alle Arbeiter sind, insofern, als wir kreativ sind“.

Fazit

Die unterschiedlichen Diskurse, die der Autor führt, münden letztlich in seiner Überzeugungskraft, dass die „Tyrannei der Schulden“, die der Einzelne im kapitalistischen System sich in der Form von entfremdeter Arbeit einhandelt, erkannt und aufgeklärt und widerstanden werden muss. „dass die einzige Lösung jeder moralischen Krise nur darin bestehen kann, einen weiteren Bereich des freien menschlichen Lebens in Arbeit umzuwandeln“. Und sie nehmen die futuristische und gleichzeitig lebensnahe Frage von Kurt Marti in Berner Mundart auf, die Hans A. Pestalozzi in seinem bereits 1979 erschienenem Buch „Nach uns die Zukunft. Von der positiven Subversion“ ins Deutsche übersetzt hat: Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.06.2012 zu: David Graeber: Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2012. ISBN 978-3-570-55197-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13337.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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