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Daniela Münch: Evaluation musiktherapeutischer Interventionen [...]

Cover Daniela Münch: Evaluation musiktherapeutischer Interventionen bei chronisch Hautkranken. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2010. 289 Seiten. ISBN 978-3-8300-5169-5. 88,00 EUR.

Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse - Band 153.
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Thema

Daniela Münch beschäftigt sich im vorliegenden Buch mit Musiktherapie bei chronisch Hautkranken. Sie evaluiert in ihrer als Buch erschienenen Dissertation spezifische musiktherapeutische Interventionen bei diesem Klientel.

Aufbau und Inhalt

Frau Münch umreißt in einer Einleitung die Evaluation kreativtherapeutischer Verfahren mit typischen Problemstellungen wie z.B. dass der Forscher sich meist selbst im therapeutischen Prozess mit dem Patienten und somit im Beeinflussungsfeld befindet. Daraus entwickelt sie die Forderung der kontrollierten Subjektivität als wichtigen Bestandteil musiktherapeutischer Forschung. Sie bemängelt gleichzeitig, dass „indikationsspezifische Forschung im Rahmen von Ergebnisforschung zur Messung der Effektivität von Musiktherapie“ (S. 27) kaum vorliegen. Im zweiten Teil der Einleitung nennt die Autorin grundlegende Hypothesen: „Mit Hilfe eines quasi-experimentellen Designs, wird überprüft, ob die Einzelmusiktherapie bei Patientinnen und Patienten mit den chronischen Hauterkrankungen Neurodermitis und Psoriasis differentielle Effekte aufweist bzgl.

  • der Einstellung zur Musik und deren konstruktive Nutzung zur Bewältigung alltäglicher Konfliktfelder im Sinne eines Selbstmanagementansatzes
  • der Lebensqualität
  • psychopathologischer Begleitsymptome
  • der Kontrollüberzeugungen in Bezug auf die Hauterkrankung
  • Hautsymptome“ (S. 28).

Danach beschreibt Frau Münch detailliert den Stand der Forschung zu chronischen Hauterkrankungen unter Berücksichtigung biologischer, psychologischer, sozialer und soziologischer, und neurowissenschaftlicher Aspekte. Sie betont dabei die drastische Weiterentwicklung des psychosomatischen Verständnisses verschiedener Hauterkrankungen durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Daneben verdeutlicht sie, „dass ein Forschungsbedarf für interdisziplinäre Studien, die Zusammenhänge zwischen den Forschungsgegenständen der einzelnen Disziplinen aufzeigen (…)“ notwendig ist und dass in den neurowissenschaftlichen „Forschungsarbeiten die verschiedenen Disziplinen berücksichtigt werden und somit zu mehr Verständnis im biopsychosozialen Krankheitsgeschehen der chronischen Hauterkrankungen verholfen wird“ (S. 94).

Im nächsten Kapitel umschreibt die Autorin neben geschichtlichen Aspekten zur Theoriebildung der Musiktherapie verschiedene Formen, Wirkungsebenen und Wirkungskomponenten sowie Einsatzbereiche und Grenzen der Musiktherapie. Bei der Definition von Musiktherapie beruft sich Frau Münch auf die Kasseler Thesen und Herrn Prof. Hartmut Kapteina: „Musiktherapie im engeren Sinne ist ein Handeln mit Musik, bei dem deren körperliche, seelische, soziale und kulturelle Funktion zur Heilung kranker Menschen wirksam werden. Musiktherapie im weiteren Sinne, insbesondere im dem Verständnis, das für die Soziale Arbeit maßgeblich ist, meint ein Handeln mit Musik, bei dem deren körperliche, seelische, soziale und kulturelle Funktion wirksam werden zur Verbesserung der Lage der Adressaten, die mit sich selbst, ihrem sozialen Umfeld und den an sie gestellten gesellschaftlichen Erwartungen in Konflikt geraten sind“ (S. 114).

Das folgende Kapitel ist theoretischem Hintergrund und Methodik einer Pilotstudie gewidmet. Frau Münch beschreibt die Entwicklung des Davoser Fragebogens zur Musiktherapie (DFM), der aus 22 Items besteht und „erhebt die Einstellung zur Musik sowie deren konstruktive Nutzung für den Umgang mit der Erkrankung“ (S. 143). Im Verlauf konnten die Items drei Gruppen zugeordnet werden (Musik als Ressource, Musik als Selbstzeug und Transfer im Alltagserleben, Musik als emotionales Coping). „Der DFM kann aufgrund seiner faktoriellen Struktur, seiner internen Konsistenz der drei Skalen und seiner Retest-Reliabilität als valide betrachtet werden“ (S. 163).

In Kapitel vier wird die Studie zu musiktherapeutischen Interventionen bei chronisch Hautkranken beschrieben. Ausgehend von grundlegenden Hypothesen und der Pilotstudie verfolgt Frau Münch für ihre Arbeit drei Forschungshypothesen:

  1. „Die Patienten mit Musiktherapie-Behandlung sollten sich in den Hauptzielkriterien im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant verbessern.
  2. Die Effekte sollten nach katamnestischer Untersuchung stabil bleiben.
  3. Auch bei Kontrolle der medizinisch relevanten Veränderungen sollten diese Effekte noch bedeutsam sein“ (S. 165).

Dazu teilt Frau Münch ihre Stichprobe (N=128) in eine Treatmentgruppe (Einzel-Musiktherapie, keine weitere Psychotherapie) und eine Kontrollgruppe (Keine Musik- und Psychotherapie, weder Einzel- noch Gruppentherapie) ein, deren Entwicklungen sie zu drei Messzeitpunkten (Studienbeginn, Klinikaustritt, 3 Monate Katamnese) untersucht. Zur Vergleichbarkeit der Gruppen wurden über verschiedene Forschungsmethoden unter anderem Lebensqualität, Gruppenvalidität und Veränderungssensitivität, Psychopathologie und Bewältigung von chronischen Hauterkrankungen, Kontrollüberzeugungen zu Krankheit und Gesundheit, Einstellung zur Musik und deren konstruktive Nutzung und weitere medizinisch Parameter (SCORAD Index und PASI Index) erhoben.

Die spezifischen musiktherapeutischen Interventionen der Treatmentgruppe sind:

  1. „Erstgespräch,
  2. Malen nach Musik,
  3. Aktive Musiktherapie,
  4. Rezeptive Musiktherapie,
  5. Abschlussgespräch.“ (S. 192)

Im weiteren Verlauf beschreibt die Autorin ihre Vorgehensweise und ihr Verständnis der einzelnen Phasen der spezifischen musiktherapeutischen Interventionen.

In fünften Kapitel werden die Ergebnisse im Einzelnen dargestellt und zusammengefasst. Beispielhaft soll hier auf die Kategorie Einstellung zur Musik und deren konstruktive Nutzung eingegangen werden. „Im Vergleich zwischen den Gruppen zeigt sich, dass die Treatmentgruppe im DFM vor und nach der Intervention sowie zum Katamnesezeitpunkt im Vergleich zur Kontrollgruppe die höheren Werte aufwies. Dieses Ergebnis lässt den Schluss zu, dass die Einstellung der Treatmengruppe, Musik konstruktiv zu nutzen ausgeprägter als in der Kontrollgruppe ist. Die Hypothese 1 und Hypothese 2 kann hier bestätigt werden“ (S. 246).

Im sechsten Kapitel Diskussion führt Frau Münch die einzelnen Ergebnisse zusammen und diskutiert kritisch den Wert der Ergebnisse und damit der Forschungsarbeit. „Im Gruppenvergleich zeigt sich überwiegend eine Überlegenheit der Kontrollgruppe (…). Durch die Zuweisung der Ärzte in Absprache mit dem Patienten (…) fand eine Selektion statt, die zur Folge hatte, dass die Patienten mit einem schlechteren Hautzustand (SCORAD und PASI) und in schlechterer psychischer Verfassung, aber mit einer besseren Einstellung zur Musik als Ressource, die Treatmentgruppe bildeten. (…) Daher kann im Sinne der Hypothesen, dass sich die Treatmentgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant verbessert, die Ergebnisse auch nach katamnestischer Untersuchung stabil bleiben und diese Effekte auch in den medizinisch relevanten Veränderungen bedeutsam sind, nicht bestätigt werden“ (S. 248).

Erschwerend für die Auswertung und damit die Interpretation der Ergebnisse stellt sich heraus, dass die Treatment- und Kontrollgruppe in vielen Parametern unterschiedlich waren, so dass ein echter Vergleich der Ergebnisse nur vorsichtig gezogen werden kann.

Fazit

In ihrem Buch stellt Daniela Münch klar und transparent ihre Forschungsarbeit auf dem Gebiet der musiktherapeutischen Interventionen bei chronisch Hautkranken vor. Das lesenswerte Buch vermittelt neben Grundwissen zu den Erkrankungen und der Bedeutung von interdisziplinärer Arbeit auf der einen Seite einen beeindruckenden Einblick in eine groß angelegte quantitative Forschungsarbeit mit all den zu beachtenden Hürden. Auf der anderen Seite wird durch Frau Münch die musiktherapeutische Arbeit bei chronisch Hautkranken erstmals empirisch untersucht und bietet somit Ausgangspunkt und gleichzeitig Anregung zu weiterer Forschung auf dem Gebiet.


Rezensent
Dipl. Musiktherapeut Thomas Schrauth
M.A. - Musiktherapeut am Klinikum Stuttgart, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
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Zitiervorschlag
Thomas Schrauth. Rezension vom 30.08.2012 zu: Daniela Münch: Evaluation musiktherapeutischer Interventionen bei chronisch Hautkranken. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-8300-5169-5. Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse - Band 153. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13342.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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