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Angelika Frost: Berufsethik in der Sozialpädagogik

Cover Angelika Frost: Berufsethik in der Sozialpädagogik. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2012. 223 Seiten. ISBN 978-3-427-50558-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR.

Reihe: Ausbildung und Studium.
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Thema

Lange Zeit fand die Berufsethik Sozialer Arbeit wenig Beachtung. Empirische Theorien und Methodenlehre – so glaubte man – reichen aus, um den sozialpädagogischen Alltag zu bewältigen. Inzwischen ist hier ein Umdenken eingetreten. Werte und Normen werden als konstitutive Größen angesehen, um Soziale Arbeit zu orientieren und zu begründen. Dies schlägt sich auch nieder in zahlreichen Lehrbüchern, die zur Ethik Sozialer Arbeit in den letzen Jahren erschienen sind.

Angelika Frost wendet sich mit ihrem Buch an den Kreis der Fachschüler und Berufsfachschüler, die eine Ausbildung zum Erzieher, Heilerziehungspfleger oder Sozialassistenten machen. Auch Studierende der Sozialpädagogik werden als Zielgruppe genannt.

Autor

Im Buch finden sich keinerlei Hinweise auf die Autorin. Auch eine Internetrecherche bleibt ergebnislos bzw. ist nicht eindeutig Von der Autorin ist derzeit lediglich die hier besprochene Publikation auf dem Buchmarkt erhältlich.

Aufbau

Das Buch orientiert sich am Lehrplan für Fachschulen für Sozialpädagogik sowie am bayerischen Lehrplan für die Erzieherinnenausbildung.

In den Kapiteln 1. – 3. werden ethische Begriffe sowie ethische Grundpositionen dargelegt. Das 4. Kapitel bietet eine Anleitung zur ethischen Entscheidungsfindung sowie zum Umgang mit moralischen Dilemmata. Im 5. Und 6. Kapitel wird die berufliche Motivation sowie die Helfer – Klient Beziehung ethisch reflektiert. Das 7. Kapitel (103-215) greift Fragestellungen zu einzelnen Bereichen (Behinderung, Adoption, Gewalt usw.) auf.

Inhalt

In den ersten drei Kapiteln erfolgt eine knappe Darstellung einzelner Grundbegriffe sowie einzelner Theorien. Genannt seien hier die Begriffe Ethik, Moral, Wert, Norm und Tugend. In Bezug auf die Theorien der Ethik legt die Verfasserin die Ethik des Aristoteles, den Utilitarismus, die Ethik Kants, die Diskursethik von Apel und Habermas, die Vertragsethik nach Rawls sowie die Fürsorgeethik nach Gilligan dar. Die Kapitel sind durchgängig sehr knapp gehalten (ca. jeweils eine Seite) und streifen die Thematik nur oberflächlich.

Im 4. Kapitel wird die Problematik der ethischen Entscheidungsfindung dargelegt. Ein zentraler Punkt ist hier, dass keine für alle verbindlichen Verfahrensregeln bzw. Werte oder Normen zur Verfügung stehen. Von daher sind der einzelne oder eine Gruppe herausgefordert, in Unsicherheit zu entscheiden. Es gibt keine absoluten Gründe, um eine Seite zu präferieren. Ganz im Sinne von Heinz v. Försters Maxime „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden“ hebt Frost hervor, dass es zwar plausible Gründe gibt, dass aber immer auch andere Optionen bestehen. Radikalisiert wird diese Konstellation bei den ethischen Dilemmata. Hier stehen Wertmaßstäbe konträr gegenüber und die Entscheidung für eine Seite geht immer auf Kosten der anderen. Entscheidungsfindungsmodelle können die Komplexität reduzieren. Sie sind kein Allheilmittel, geben jedoch präzise definierte Verfahrensschritte an, die eine gut begründete Entscheidung wahrscheinlicher machen. Im Einzelnen stellt Frost die Modelle von Eduard Tödt, Verena Tschudin und Gregor E. Becker dar. Dabei beschränkt sich die Autorin auf eine listenmäßige Aufzählung der Grundschritte der einzelnen Verfahren. Einen Vergleich nimmt die Autorin nicht selbst vor, sondern legt ihn dem Leser als Aufgabe vor.

Das 5. Kapitel greift das Thema der Motivation und Identifikation von professionellen Helfern im Bereich der Erziehung und Sozialpädagogik auf. Dabei geht es um die ethische Bewertung von Haltungen des Helfers. Letztere wirken sich nicht nur auf ihn selbst, sondern immer auch auf seine Arbeit mit den Klienten aus. Zum Einstieg in die Thematik werden allgemeine Grundlagen zur Motivation (z.B. die Bedürfnispyramide von Maslow) sowie zur Identifikation mit dem Beruf vorgestellt. Ethische und moralische Signifikanz entsteht in diesem Feld insbesondere bei beruflicher Überidentifikation (Helfersyndrom, Nähe-Distanz-Problem, Born-out). Das Problem ist hier entweder ein ethisch nicht zu vertretender Umgang mit sich selbst (im Sinne einer Verfehlung des eigenen guten Lebens) oder ein moralisch fragwürdiges Verhalten in Bezug auf die Klienten (z.B. Benutzung des Klienten, um seine eigene Größe und Überlegenheit für sich zu bestätigen).

Im 6. Kapitel wird noch stärker als im 5. Kapitel auf die Problematik der Helfer-Klient Beziehung reflektiert. Dabei ist immer grundlegend, dass der Klient das schwächere Glied in der Beziehung ist und dass er deshalb eines besonderen ethisch-moralischen Schutzes bedarf. Zu Beginn des Kapitels werden einige Grundlagen zum Themenfeld „Helfen in der Sozialpädagogik“ vorgestellt. Zentral ist hier die Unterscheidung in altruistisches und egoistisches Helfen. Entgegen der prima facie einleuchtenden Einschätzung, dass altruistisches Helfen grundsätzlich ethisch höher einzustufen ist als egoistisches Helfen, votiert Frost in Bezug auf professionelles Handeln für eine Synthese zwischen Altruismus und Egoismus. Letztere schützt den Helfer und auch den Klienten. Ansonsten wären Überlastung und Paternalismus wahrscheinliche Folgen, die ethisch und moralisch unvertretbar sind. Als konstruktive Gestaltungselemente zur Schaffung einer ethisch und moralisch verantwortbaren Beziehung erläutert Frost u.a. die Methode Empowerment, die ganzheitliche Sicht des Klienten, eine wertschätzende und partnerschaftliche Kommunikation, die Balance zwischen Nähe und Distanz sowie kritische Selbstreflexion. Das Kapitel schließt mit dem Zitat des sokratischen Eides des Pädagogen Hartmut v. Henting.

Das umfangreiche 7. Kapitel behandelt vielfältige ethische Fragen aus der Praxis der Sozialpädagogik. Es gliedert sich in folgende Themenbereiche:

  • Fragen der Erziehung
  • Fragen zu familienergänzender Erziehung
  • Fragen zur Fremdplatzierung von Jugendlichen
  • Fragen bei Behinderung
  • Fragen im Alter

Bei der Darstellung zu Fragen der Erziehung steht der Grundkonflikt zwischen Autonomie und Zwang im Zentrum. Da Kinder noch nicht über umfassende Autonomie verfügen ist weicher Paternalismus oder advokatorisches Handeln erforderlich. Die ethische Frage ist die nach dem begründ- bzw. legitimierbaren Grad des Eingriffes. Das Unterkapitel wird ergänzt mit einer Darstellung von Kohlbergs Stufenlehre zur Moralentwicklung sowie zur moralischen Bildung.

Es folgt ein Kapitel über ausgewählte ethische Fragestellungen familienergänzender Erziehung. Hier beginnt die Autorin mit dem Thema der interkulturellen Erziehung. Dabei steht im Mittelpunkt der Konflikt zwischen Paternalismus und Autonomie.

Als weiteres Handlungsfeld der familienergänzenden Erziehung führt die Autorin die Sexualerziehung an. Es folgen Darlegungen zur Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und zur Trauerbegleitung. Diese Komplexe können sozialpädagogische Aufgabenstellungen bilden. Sie sind durch ethische Prinzipien fundiert und können ethische Dilemmata bzw. Konflikte hervorrufen.

Es folgen umfangreiche Darlegungen zum Thema Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen. Hier dominiert der Konflikt zwischen dem Ideal einer Erziehung in der Familie bzw. durch die Eltern und den Gefahren, die für das Kind bzw. den Jugendlichen bei Kindeswohlgefährdung hier bestehen.

Im Kapitel über ethische Fragen bei Behinderung stellt die Autorin die hier einschlägigen Konflikte dar (z.B. die Frage der Abtreibung bei vorgeburtlicher Diagnose einer Behinderung). Das Thema der ethischen Leitideen (Menschwürde, Autonomie, Gerechtigkeit, Individualität) wird ebenfalls gründlich dargelegt. Die praktischen Implikationen dieser Leitbegriffe werden durch das Konzept der Assistenz ausbuchstabiert.

Die Autorin schließt mit einem Kapitel zum Thema Alter, wobei hier die Themen Demenz und Sterbehilfe den zentralen Fokus bilden.

Diskussion

Das Buch beleuchtet die ethische Dimension Sozialer Arbeit vielschichtig. Ethische Grundbegriffe, ethische Theorien, die Problematik der ethischen Entscheidungsfindung, die Fragen der Motivation des Helfers, die normativen Ansprüche an die Helfer-Klient-Beziehung sowie Fragen zu einzelnen Handlungsfeldern werden dargelegt. Es gelingt der Autorin viele Informationen zusammen zu tragen. Für das Buch sprechen auch die vielen Aufgaben, die man in Unterricht und Lehre einsetzen kann. Bilder, Cartoons und Grafiken lockern das Buch auf bzw. helfen Sachverhalte auch intuitiv zu erschließen.

Das Buch hat keinerlei systematischen Anspruch. Die ethischen Theorien werden auf dem Niveau eines Schulbuches der Sekundarstufe referiert. Ethische Grundsätze werden nirgends abgeleitet, sondern als selbstverständliche Voraussetzungen des gesellschaftlichen Diskurses eingeführt.

Im Hochschulbereich kann das Buch ergänzend Verwendung finden. Hier sind insbesondere die Fragen und die Bilder sowie Grafiken wertvolle Hilfsmittel zur Verbesserung der Lehre unter methodisch-didaktischen Aspekten.

Das umfangreiche Kapitel zu den ethischen Fragen der Sozialpädagogik stellt auch eine Art Lexikon dar, das den Lehrenden unterstützen kann, für ihn sachfremde Aspekte leicht zu erschließen.

Für den Praktiker, der noch wenig Erfahrung in Bezug auf eine ethische Reflexion Sozialer Arbeit hat, kann das Buch eine Sensibilisierung schaffen und zu weiteren Fragen anregen.

Fazit

Das Buch stellt einen soliden Überblick zum Thema sozialpädagogischer Berufsethik dar. Es kann für Praktiker eine Sensibilisierung zum Thema darstellen. Lehrenden liefert es Material insbesondere zur didaktisch-methodischen Aufbereitung einzelner Themen. Ein systematischer Anspruch liegt nicht vor. Wer hohe Erwartungen in Bezug auf eine explizierte ethische Theorie Sozialer Arbeit hat, kann auf die Lektüre des Buches verzichten.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 10.12.2012 zu: Angelika Frost: Berufsethik in der Sozialpädagogik. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2012. ISBN 978-3-427-50558-7. Reihe: Ausbildung und Studium. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13359.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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