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Marianne Kleiner-Wuttke: Verhaltensungewöhnliche Kinder in die Gruppe holen

Cover Marianne Kleiner-Wuttke: Verhaltensungewöhnliche Kinder in die Gruppe holen. Integrationsprozesse gestalten und begleiten ; [mit vielen Kopier- und Präsentationsvorlagen]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 124 Seiten. ISBN 978-3-407-62810-7. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Frühpädagogik.
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Thema

Einige Kinder fallen durch ungewöhnliches Verhalten auf. Im Alltag ergeben sich daraus oft Situationen, die für ErzieherInnen belastend sind und auch im Umgang mit den Eltern zu Missverständnissen führen. Das Buch unterstützt ErzieherInnen dabei, in alltäglichen Situationen mit diesen Kindern sicher umzugehen und auch deren Eltern gut zu begleiten. Die Autorin arbeitet in das Buch theoretische Erkenntnisse der Erziehungswissenschaften, ihrer systemischen Ausbildung und aus ihren Erfahrungen als Facherzieherin für Integration von verhaltensoriginellen Kindern ein. Dadurch bietet das Buch eine neue Perspektive auf ein altes Phänomen und gibt Orientierung, wie alle Bezugspersonen in den Förderprozess von Kindern eingebunden werden können.

Aufbau

In sechs Kapiteln beschäftigt sich das Buch mit den Fragen, was ungewöhnliches Verhalten ist, wo es herkommt und wie man damit umgehen kann. In den Kapiteln enthalten sind immer wieder „Einladungen zum Selbstgespräch“, welche die Fachkräfte dazu anregen, sich selbst und ihre eigenen Biografien und Lernerfahrungen zu reflektieren.

  • Kapitel 1: Verhaltensauffällig, verhaltensgestört, verhaltensoriginell oder verhaltensungewöhnlich? – Eine ganz individuelle und persönliche Begriffsklärung.
  • Kapitel 2: Potenzielle Ursachen und Risikofaktoren besonderen Verhaltens.
  • Kapitel 3: Prozessbegleitende Interventionen.
  • Kapitel 4: Emotionale Erziehung.
  • Kapitel 5: Interventionsstrategien im alltäglichen Umgang mit verhaltensungewöhnlichen Kindern.
  • Kapitel 6: Ausblick.

Inhalt

1 Verhaltensauffällig, verhaltensgestört, verhaltensoriginell oder verhaltensungewöhnlich? – Eine ganz individuelle und persönliche Begrifftsklärung. Die Autorin geht davon aus, dass Kinder, die durch ein unerwünschtes Verhalten auf sich aufmerksam machen, damit eine für sie problematische Lebenssituation zum Ausdruck bringen. In der unmittelbaren Umwelt des Kindes gibt es Belastungsfaktoren, auf die das Kind reagiert, indem es ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigt. Kleiner-Wuttke betont dabei, dass das Verhalten eines Kindes immer in der Vorstellung der Erwachsenen bewertet wird und an den Vorstellungen, was ein normales Verhalten sei, gemessen wird. Weiterhin ist es ihr wichtig, das ungewöhnliche Verhalten nicht als negativ zu betrachten sondern vielmehr als Potential zu begreifen, mit dem das Kind sich – oft auf sehr kreative und einfallsreiche Weise – auszudrücken versucht. Aus dieser Haltung entsteht die Bedeutung des Begriffs verhaltensoriginell.

2 Potenzielle Ursachen und Risikofaktoren besonderen Verhaltens. Dieses Kapitel stellt einen Zusammenhang verschiedener Ursachen vor, die in ihrer Summe dazu führen, dass Kinder ungewöhnliches Verhalten entwickeln. Das Kapitel stellt zunächst die Bedeutung der Bindungsqualität dar und beschreibt die Bindungstypen und die möglichen Auswirkungen. Weiterhin gibt das Kapitel einen Überblick über verschiedene Erziehungsstile und deren Effekte, im Anschluss daran wird das Familiensystem als Ganzes betrachtet. Die Folgen von Scheidungen, Familienkonflikten aber auch die von den Eltern unbewältigten Konflikte ihrer eigenen Geschichte äußern sich oft im Verhalten der Kinder. Auch kulturelle Unterschiede und damit verbundene verschiedene Norm- und Wertvorstellungen haben Einfluss auf das Verhalten von Kindern. Als weitere Einflussfaktoren werden beschrieben: Armut, Hochbegabung, Sinneswahrnehmung und ADHS.

3 Prozessbegleitende Interventionen. In diesem Kapitel werden verschiedene Interventionsmöglichkeiten vorgestellt, mit deren Hilfe die Einflussnahme auf das Verhalten des Kindes und seine Umwelt positiv gestaltet werden kann. Ausgangspunkt ist eine sorgfältige Anamnese, mit deren Hilfe ein Bild über die Lebensgeschichte, den Familienhintergrund und die Lebensumstände des Kindes erfragt werden kann. Basis für ein gutes Anamnesegespräch ist immer ein Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und pädagogischer Fachkraft. Das Bild aus dem Anamnesegespräch wird ergänzt durch strukturierte Beobachtung und Dokumentation des Verhaltens des Kindes in der Kita. Daraus ergeben sich Bedarfe für weitere Elterngespräche, in denen die Eltern einbezogen und ein gemeinsames Handeln von Familie und Kita entwickelt werden sollen. Das Kapitel bietet hier eine Handreichung zu Vorbereitung, Aufbau und Nachbereitung des Gesprächs, verweist aber auch auf die Bereiche Elternbildung / Elternabende, Kooperation mit Eltern und Resilienzförderung. Durch die Zusammenarbeit mit externen Professionen wird das Handlungsspektrum deutlich erweitert und eine bessere Ursachenforschung ermöglicht. Schließlich zeigt das Kapitel, wie individuelle Förderpläne erstellt werden können und was dabei – auch durch die Auswertung der vorangegangenen Erkenntnisse – zu berücksichtigen ist. Darüber hinaus wird an Hand eines exemplarischen Entwicklungsberichts erklärt, wie der fortlaufende Lernprozess eines Kindes beschrieben werden kann. Außerdem zeigt das Kapitel, wie in Integrationsbesprechungen alle Fachkräfte die Möglichkeit haben, sich über die problematischen Verhaltensweisen eines Kindes auszutauschen und eine gemeinsame Handlungsweise zu entwickeln.

4 Emotionale Erziehung. Dieses Kapitel beschreibt ausführlich, welche Bereiche emotionale Erziehung umfasst und welches Verhalten des Erwachsenen förderlich ist für die Entwicklung der emotionalen Intelligenz eines Kindes. Die Wahrnehmungsfähigkeit der eigenen Emotionen und das empathische Sich-einlassen-können auf die Emotionen anderer sind Grundvoraussetzungen für eine angemessene Kontaktaufnahme von Kindern untereinander und eine gesunde psychische Entwicklung. Wie Fachkräfte im Konfliktfall genau diese Lernprozesse durch bedürfnisorientierte Lösung des Konflikts befördern können, wird am Ende des Kapitels dargestellt.

5 Interventionsstrategien im alltäglichen Umgang mit verhaltensungewöhnlichen Kindern. Die hier vorgestellten Interventionsstrategien beginnen zunächst nicht mit einer direkten Einflussnahme auf das Kind, sondern mit der Auseinandersetzung der Fachkräfte mit ihrer Haltung dem Kind gegenüber. Es wird davon ausgegangen, dass der Erfolg einer aktiven Intervention wesentlich von der Beziehungsqualität zwischen Kind und Fachkraft abhängt. Die dann folgenden Interventionsstrategien setzen an verschiedenen Ebenen an: durch das klare schaffen von Strukturen und Regeln (und der entsprechenden Absprache aller betroffenen Fachkräfte untereinander), durch das Umlenken der Aufmerksamkeit des Kindes von dem Konfliktthema auf einen anderen Bereich, durch Grenzen setzen oder die Konfrontation mit den Auswirkungen von gewünschten und unerwünschtem Verhalten, durch körperliche Nähe, positive Verstärkung oder Spiegeln des Verhaltens kann Kindern die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Verhalten ermöglicht und das Ausprobieren anderer Verhaltensweisen angeregt werden. Das Kapitel schließt mit dem Hinweis, dass Fehler zum Leben dazugehören und ein gelassener Umgang mit Fehlern auch bei den Kindern gelassenes Verhalten auslöst.

6 Ausblick. Das Kapitel thematisiert die politische Bedeutung von integrativer Bildung und diskutiert auch mögliche Grenzen von Inklusion im pädagogischen Alltag. Auch weitere Einflussfaktoren wie die Personalbemessung, die gesteigerten Erwartungen und Anforderungen an pädagogische Fachkräfte und die Erwartungshaltung der Eltern sind Punkte, die das Berufsbild eines Erziehers prägen. Um langfristig den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden zu können, um den Bildungsauftrag gut erfüllen zu können und Kinder angemessen zu fördern ist es aus Sicht der Autorin nötig, strukturell angelegte Schwierigkeiten klar zu benennen, um lösungsorientiert Möglichkeiten zu finden, mit denen diese Schwierigkeiten behoben werden können.

Diskussion

Das Buch bietet gut strukturiert eine praxisnahe Begleitung für pädagogische Fachkräfte. Es zeichnet in gut verständlicher Weise ein sehr vollständiges Bild von den Hintergründen ungewöhnlichen Verhaltens bei Kindern und möglichen Interventionsmaßnahmen, mit denen der Alltag in der Kita für Fachkräfte, Eltern und alle Kinder vereinfacht werden kann. In bewundernswerter Kürze erfasst es alle wesentlichen Aspekte, ohne dabei zu oberflächlich zu werden. Überzeugend ist vor allem der Ansatz, das ungewöhnliche Verhalten der Kinder als Chance und Potential zu begreifen und zunächst die eigene Haltung gegenüber unerwünschtem Verhalten zu verändern. Für interessierte Leser gibt es zahlreiche Querverweise auf weiterführende Literatur, um den ein oder anderen Themenbereich zu vertiefen. Auch verweist es an entsprechender Stelle im Text auf die im Anhang beigefügten, selbsterstellten Kopier- und Präsentationsvorlagen der Autorin, so dass die direkte Umsetzbarkeit auf eine Situation aus dem eigenen Alltag problemlos möglich ist. Durch die immer wieder eingebauten Einladungen zum Selbstgespräch wird es weiterhin möglich, die im Buch beschriebenen Strategien direkt auf das eigene Handeln zu übertragen.

Fazit

Das Buch ist ein absolut gelungener Beitrag, den Alltag von pädagogischen Fachkräften zu erleichtern und sollte in jeder Kita bereit stehen. Es sollte aber nicht als Allheilmittel betrachtet werden und die Lektüre ersetzt auf keinen Fall kontinuierliche Fortbildungen oder Supervisionen, ergänzt diese jedoch perfekt. Um die Handlungsanregungen zielgerichtet und erfolgreich umsetzen zu können, ist eine fundierte Ausbildung jedoch unerlässlich, weshalb das Buch trotz seiner guten Lesbarkeit für die Anwendung durch Nicht-Fachkräfte ungeeignet ist.


Rezensentin
Dipl. Pädagogin Lorena Rautenberg
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Zitiervorschlag
Lorena Rautenberg. Rezension vom 06.09.2012 zu: Marianne Kleiner-Wuttke: Verhaltensungewöhnliche Kinder in die Gruppe holen. Integrationsprozesse gestalten und begleiten ; [mit vielen Kopier- und Präsentationsvorlagen]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-407-62810-7. Reihe: Frühpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13374.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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