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Veronika Hammer (Hrsg.): Kommunale Bildungslandschaft des Landkreises Coburg

Cover Veronika Hammer (Hrsg.): Kommunale Bildungslandschaft des Landkreises Coburg. Exemplarische Analysen informeller und formeller Lernwelten. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2012. 276 Seiten. ISBN 978-3-86585-552-7. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR.

Reihe: Edition Sozialplanung - 02.
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Thema

Bildungslandschaften stehen derzeit im Fokus wissenschaftlicher Diskussionen und politischer Planungskonzepte zur Verbesserung des Bildungs- und Erziehungswesens in Deutschland. Sie werden als notwendige Strategie dafür verstanden, ein kohärentes Bildungssystem zu etablieren, das die Bildungschancen aller Bürgerinnen und Bürger einer Kommune verbessern kann. Die Analyse von bestehenden und die Planung von zukünftigen formellen und informellen Lernwelten sind wichtige Voraussetzungen für den Erfolg von kommunalen Bildungslandschaften. Für beides ist der sozialraum- und beteiligungsorientierte Blick erforderlich. Die Publikation verbindet die genannten Zugänge miteinander. Sie ist interessant für Personen, die sich in Theorie und/oder Praxis mit zentralen Aspekten von Bürgerbeteiligung und integrierter Bildungs- und Sozialplanung beschäftigen.

Entstehungshintergrund

Als Band II der Edition Sozialplanung im Paolo Freire Verlag gibt Veronika Hammer ein Werk heraus, das sich mit den informellen und formellen Lernwelten der Kommunalen Bildungslandschaft des Landkreises Coburg beschäftigt. Während es in Band I, der in 2008 ebenfalls von ihr herausgegeben wurde, um Beiträge zum Aufbau der Kommunalen Bildungslandschaft der Stadt Coburg ging, weitet sich die Perspektive nun auf den gesamten Landkreis, denn „Bildung für und von Menschen (hört) nicht an den Stadt- und Gemeindegrenzen (…) auf“ (S. 31). Ebenso wie der erste Band ist die Publikation getragen von empirischen Befunden Studierender des Vertiefungsbereichs Sozialplanung der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Coburg. Die „spezifische Morphologie“ (S. 37) einer so großen Einheit wie die eines Landkreises erforderte aber eine andere empirische Vorgehensweise als die der „Reportage“ des ersten Bandes: Grundlegende Theorie- und Wissensbestände relevanter Themen kommunaler Bildungsplanung werden aufgearbeitet und mit selbst erhobenem Datenmaterial aus der Region verknüpft. Als Bezugspunkte dienen dabei Elemente des Sozialraumkonzeptes des Landkreises. Mit diesem Vorgehen sollen die Beiträge als „qualitative Ergänzung“ (S. 13) eines kommunalen Bildungsberichtes des Landkreises Coburg dienen.

Herausgeberin und AutorInnen

Dr. Veronika Hammer ist Professorin für Sozialarbeitswissenschaft, Methoden empirischer Sozialforschung und Gesellschaftswissenschaften an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Coburg.

Martina Berger ist Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Sozial-, Kultur- und Bildungsreferentin des Landkreises Coburg

Dr. Andrea Tabatt-Hirschfeldt ist Professorin für Social Management an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Coburg.

Die Autorinnen und Autoren der exemplarischen Analysen, Andreas Beyerlein, Andrian Dragotoniu, Anne Klemm, Alexander König, Simone Püttner, Christopher Romanowski, Christina Rottler, Annika Weber und Ina Weberpals sind Studierende aus dem 6. und 7. Semester des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit an der Hochschule Coburg,

Aufbau und Inhalt

Das Buch greift aktuelle Themen kommunaler Bildungsplanung auf und vermittelt feldbezogene Vorstellungen darüber, was die Bildungslandschaft des Landkreises Coburgs ausmacht. Darüber wird beispielhaft deutlich, womit sich Bildungslandschaften generell beschäftigen müssen.

  1. Abschnitt I beinhaltet theoretische „Zugänge“, jeweils mit Bezug auf das Thema kommunale Bildungsplanung im Allgemeinen und mit Bezug auf die Bildungslandschaft Coburg im Besonderen.
  2. Der Abschnitt II bildet mit seinen acht „exemplarischen Analysen informeller und formeller Lernwelten im Landkreis Coburg“ das Kernstück der Publikation. Es werden relevante Themen der Bildungslandschaft Coburg aufgegriffen, Themen, die auch im Fokus der nationalen Bildungsberichterstattung stehen. Alle Beiträge dieses Abschnitts beginnen mit einer Einführung in die jeweilige Thematik unter Berücksichtigung einschlägiger Theoriekonzepte und aktuellen Datenmaterials. Dabei wird auch „ausgehend von einer Forschungsfragestellung (…) von den Studierenden ein bildungsplanerischer Bezug eröffnet“ (S. 38). Maßgeblich durch qualitative Interviews erfolgt der Zugang zum Feld, in dem Einschätzungen und Sichtweisen sowohl von ExpertInnen in eigener Sache als auch von verschiedenen FachexpertInnen fokussiert werden. Die Ergebnisse der qualitativen Studien werden komprimiert und zugespitzt auf den bildungsplanerischen Bezug dargestellt. Am Ende stehen Empfehlungen, methodische Vorschläge oder Fragen für die weitere kommunale Bearbeitung.

Zu Abschnitt I

Im ersten Kapitel werden die Besonderheiten von „Bildung im ländlichen Raum“ und die Frage erörtert, ob der ländliche Raum eine Zukunft als Bildungsstandort hat. Zentrale Problemstellungen von Bildungslandschaften in der Planungs- und Verwaltungseinheit Landkreis, wie z. B. Vielfalt und Auslastung, NutzerInneninteressen und Erreichbarkeit, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten werden diskutiert. Das zweite Kapitel zeigt auf, dass Bildungslandschaften als „neu zu buchstabierende Bildungsmöglichkeiten in einer Region eine große Chance für bildungsferne Kinder und Jugendliche (sind), zeitlich, räumlich und sozial ernst genommen zu werden“ (S. 34). Die Bildungsregion Coburg wird in ihren Strukturdaten umrissen und das Vorgehen der in dem Band dargestellten Feldstudien erläutert. Der dritte Beitrag gibt einen strukturierten Überblick über die „verschiedenen Formen bürgerschaftlichen Engagements“ (S. 41). Darüber hinaus werden Grundvoraussetzungen des Gelingens, mögliche Mängel und Anerkennungsinstrumente von Bürgerbeteiligung thematisiert.

Zu Abschnitt II

In acht Beiträgen stellen Studierende ihre exemplarischen Analysen kommunaler „informeller und formeller Lernwelten“ vor:
Das Kapitel „Berufliche Ausbildung als gesellschaftsintegrierende Kraft“ geht der Frage nach, was benachteiligte Jugendliche wirklich brauchen und was Einrichtungen der Jugendsozialarbeit dementsprechend leisten müssen. Die Analyse arbeitet allgemein gültige Anforderungen des Ausbildungssystems heraus und verschränkt diese mit Expertensichtweisen.

Die Frage „Integrative Bildung – Inklusion oder Exklusion?“ richtet ihren Blick auf die Integration von Menschen mit Behinderungen in das Regelschulsystem. Es werden (gesellschafts)politische, ethische und rechtliche Anforderungen auf verschiedenen Systemebenen aufgezeigt und mit Erfahrungen aus der kommunalen Praxis verlinkt.

Der Beitrag „Frühkindliche Bildung: Lernen und Bewegung im Sozialen Raum“ ist ein Plädoyer für die sozialräumliche Arbeit in und von Kindertageseinrichtungen. Es wird aufgezeigt, welche (Bildungs)Bedeutung der Sozialraum für Kinder hat und mit welchen Methoden dieser erschlossen werden kann.

Die Analyse mit der Überschrift „Freiwillig, partizipativ und selbstorganisiert – Non-formale Lernorte“ greift das viel diskutierte Thema um die Bedeutung der Kinder- und Jugendhilfe im Bildungsbereich auf. Non-formale Bildungsangebote einer Gemeinde werden beschrieben und die schwierige, aber kommunal bedeutsame Frage nach „Erfolg“ und „Qualität“ aufgeworfen.

Das Kapitel „Sind gute Noten alles? Berufliche Ausbildung“ fordert eine bessere Vorbereitung junger Menschen auf die Berufswelt im Zuge von „Umbau und (…) Optimierung des deutschen Bildungssystems (S. 201). Die Aussagen eines Personalverantwortlichen aus der regionalen Wirtschaft liefern Ansatzpunkte für die Auseinandersetzung.

Unter der Überschrift „Projekt ‚Modus 21‘: Schnittstelle Gymnasium – Hochschule – Berufswelt“ wird ein Projekt zur Förderung des Übergangs in die Berufswelt beleuchtet. Neben Zielen, Methoden und Wirkungen findet auch ein kritischer Blick auf benachteiligende Aspekte des Projekts Darstellung.

Der Beitrag „Lebenslanges Lernen und Partizipation von Seniorinnen und Senioren am Beispiel des Mehrgenerationenhauses Bad Rodach“ veranschaulicht den (Lern)Gewinn verschiedener sozialraum- und ressourcenorientierten Beteiligungsformen für ältere BürgerInnen einer Kommune.

Das Kapitel „Bildung und Lernen in der Familie“ thematisiert die Bedeutung familialer Ressourcen für die Bildungschancen von Kindern. Eine Beispielfamilie dient der Verdeutlichung von bildungsrelevanten „Transmissionsprozessen“ (S. 268). Es wird der Frage nachgegangen, ob und wie kommunale Sozial- und Bildungsplanung kompensatorisch wirken kann.

Fazit

Es ist der Herausgeberin zuzustimmen, dass der Band mit seinem „handlungspraktischen und lokalen Ansatz (…) die bundesweite Debatte um Bildung (bereichert)“ (S. 13). Die Publikation leistet dies einerseits durch die Verdeutlichung von spezifischen Bedingungen großräumiger Bildungslandschaften, andererseits durch das Schärfen des kleinteiligen Blicks auf Nutzen und Erfordernisse informeller und formeller Lernwelten im sozialen Nahraum. Sehr konsequent werden Gestaltungsansätze kommunaler Bildungsplanung entlang einer beteiligungsorientierten und theoriegestützten Sichtweise analysiert, um zukunftsweisende Vorschläge für die Ausgestaltung der Bildungslandschaft Coburg zu formulieren. Die Hochschule Coburg und ihre Studierenden erweisen sich auf diese Weise selbst als wichtige sozialräumliche Ressource für die Bildungslandschaft des Landkreises Coburg. Sehr eindrücklich wird deutlich, wie Theorie und Praxis in und für Bildungslandschaften verzahnt werden können. Auch wenn der Band nur „exemplarische Analysen“ bereitstellen kann, vermag er es doch einen Eindruck über die Komplexität des Themas zu vermitteln. Die Lektüre ist Gewinn bringend für „Akteure“ in Bildungslandschaften und beispielhaft für den Zugang zum Thema „kommunale Sozialplanung“ in Studium und Lehre.


Rezensentin
Prof. Dr. Bettina Müller
Hochschule Esslingen Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Bettina Müller. Rezension vom 13.08.2012 zu: Veronika Hammer (Hrsg.): Kommunale Bildungslandschaft des Landkreises Coburg. Exemplarische Analysen informeller und formeller Lernwelten. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2012. ISBN 978-3-86585-552-7. Reihe: Edition Sozialplanung - 02. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13376.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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