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Wolfgang George, Ute George: Angehörigenintegration in der Pflege

Cover Wolfgang George, Ute George: Angehörigenintegration in der Pflege. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2003. 264 Seiten. ISBN 978-3-497-01676-1. 24,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Die Demoskopen prophezeien, dass in absehbarer Zeit die Anzahl der Pflegebedürftigen die Möglichkeiten der professionellen Pflege bei weitem Übersteigen wird. Schon heute kann professionelle Pflege allein eine adäquate Versorgung im häuslichen Umfeld nicht gewährleisten. Dies wird sich zukünftig auch in der akut-medizinischen Krankenhausbehandlung und in der stationären Langzeitpflege einstellen. Es mehren sich aber auch die empirischen Hinweise, dass die Integration der Angehörigen in die pflegerischen Aktivitäten einen positiven Effekt auf die Situation der pflegebedürftigen Menschen hat. Es stellt jedoch grundsätzlich die Frage, wer sich hier in was integrieren muss. Die Angehörigen in die professionelle Pflege oder muss es nicht vielmehr umgekehrt sein? Leider fehlen in der pflegewissenschaftlichen Diskussion und in der praktischen Arbeit noch entsprechende Handlungskonzepte, die das Verhältnis zwischen professioneller Pflege und Angehörigenpflege klären und handlungsleitende Empfehlungen geben. In dieses Umfeld tritt das Buch von Wolfgang und Ute George ein.

Autoren

Dr. Wolfgang George ist Diplom-Psychologe und Krankenpfleger und leitet das Medizinische Seminar Dr. George. Er ist Autor zahlreicher Aufsätze zu den Themenbereichen Pflegemanagement, Beratung und Personalentwicklung. Ute George ist Krankenschwester auf der Intensivpflege im Klinikum der Universität Gießen.

Hintergrund des Buches

Die Autoren treten mit ihrem Buch mit Nachdruck für eine Integration der Angehörigen in die Versorgungsstrukturen des Gesundheits- und Sozialwesens ein. In unterschiedlichen Situationen der Patientenversorgung stellen sie die Rolle der Angehörigen heraus und möchten so die Akteure in den Gesundheits- und Sozialeinrichtungen für die Beschäftigung mit diesem Thema sensibilisieren und ihnen praktische Umsetzungsmöglichkeiten anbieten.

Aufbau, Inhalt, Gliederung

Das Buch gliedert sich in 22 Kapitel, die in sich abgeschlossen sind und somit gut separat voneinander gelesen und bearbeitet werden können.

Die ersten vier Kapitel beschäftigen sich mit einer Hinführung zum Thema und der Herleitung der Notwendigkeit der Angehörigenintegration. Darin wird besonders die Wirkung der Angehörigenintegration dargelegt und die Zielsetzung der Pflege herangezogen. In den weiteren Kapiteln widmen sich die Autoren unterschiedlichen Anlässen, um Angehörige in die Versorgung zu integrieren, so z.B. bei Kontaktgesprächen und der Pflegeanamnese, bei Information und Beratung, in Belastungs- und Konfliktsituationen, bei Anleitung und Schulung, Überleitung und Abreise sowie bei der Organtransplantation und Sterbegeleitung. Ferner werden Themen wie die Angst der Angehörigen, ihre Motivation, die Arbeit von Angehörigengruppen und Angehörige auf Intensivstationen thematisiert. Ein eigenes Kapitel widmen sie der Angehörigenintegration in der ambulanten Pflege und der Rolle der Eltern im Krankenhaus. Besonderen Verdienst haben sich die Autoren mit der Aufnahme des Kapitels zur Integration Betroffener islamischen Glaubens erworben.

Das Buch schließt ab mit Ausführungen zur Relevanz des Themas in Ausbildung und Lehre, für das Management und innerhalb des Qualitätsmanagements im Krankenhaus. Schließlich werden noch Tipps für die Einführung der Idee der Angehörigenintegration im Krankenhaus durch ein Projektmanagement gegeben.

 

Jedes Kapitel beginnt mit einem Überblick über die Ziele und die Inhalte, die im Text dargelegt werden. So wird der Leserin und dem Leser die Möglichkeit gegeben, für sich zu entscheiden, welcher Nutzen die Beschäftigung mit diesem Kapitel für sie und ihn hat. Dadurch gewinnt das Buch an Übersicht und Effizienz in der Bearbeitung. Dies wird noch durch die jedem Kapitel nachgestellten Guidlines, die Auflistungen weiterer gedruckter Literatur, informativer Seiten im Internet und von Schlüsselbegriffen zu diesem Kapitel gesteigert.

Dieser gute Eindruck wird durch zwei Checklisten zur Eigenbewertung, ein Glossar, das wichtige Begriffe kurz erläutert, und ein wenn auch kurzes Sachregister verstärkt.

Zielgruppen

Die Autoren haben mit diesem Buch eine breite Leserschaft im Blick. Wie der Titel verrät, sind in erster Linie Pflegende angesprochen. Besonders betonen sie die Relevanz für die Lehre in der Grundausbildung aber auch im Studium. Auch die Pflegepraxis soll von den Inhalten profitieren und ebenso das Management.

Angehörigenintegration ist im Verständnis der Autoren jedoch eine Aufgabe für alle und als interdisziplinärer Auftrag anzusehen. Somit sind alle Berufsgruppen hier als Zielgruppe genannt, da sie sich dieser gemeinsamen Aufgaben, trotz fachspezifischer Zugänge, verpflichtet sehen. Obwohl das Krankenhaus als Setting für die Angehörigenintegration dominiert, beanspruchen die Autoren die Übertragbarkeit auf "verschiedene Organisationen des Gesundheitswesens (...), die sich aus der Perspektive der Angehörigen und Patienten ohnehin eher ähneln als unterschieden."

Hier irren m. E. die Autoren jedoch. Die Ausgangssituation im Krankenhaus ist grundlegend anders auf Angehörige wirksam als in einer stationären Pflegeeinrichtung oder im häuslichen Umfeld. Hier wäre eine differenzierte Betrachtung der Angehörigenrolle in allen drei Bereichen notwendig gewesen, um den unterschiedlichen Situationen der Pflegenden und der Angehörigen auch nur annähernd gerecht zu werden. Dies ist eine grundlegende Schwäche des Buches, die sich wie ein roter Faden durchzieht.

Lesbarkeit

Das Verständnis des Lesers wird durch eine gute optische Gliederung gefördert. Hervorhebungen, Tabellen und Übersichten lockern den Fließtext auf und machen komplexere Schilderungen verständlich. Fallbeispiele und ihre Reflexion sorgen darüber hinaus für einen guten Praxisbezug. Der didaktische Aufbau unterstützt das Verständnis und kann vielen anderen Büchern als Vorbild empfohlen werden.

Tauglichkeit

Meines Erachtens ist es fraglich, ob die Autoren ihrem Anspruch, ein Buch für die Pflege zu schreiben, gerecht werden. So fehlen in vielen Kapiteln ein klarer Bezug zu pflegewissenschaftlicher Literatur und eine entsprechende Diskussion. Als Beispiel wird hier Kapitel 4 "Ziele und Auftrag der Pflege" herangezogen. Dort wird zur Darlegung des Zusammenhangs von Angehörigenintegration und professioneller Pflege ein ethisches Verfahren, nämlich der Pragmatismus von John Dewey, herangezogen. Von einem Buch für die Pflege kann erwartet werden, dass hier eine pflegetheoretische Herleitung angeboten wird.

Das vorliegende Buch ist auf die Situation im Krankhaus abgestellt. Daran ändern auch die zehn Seiten zur ambulanten Pflege nichts, weil sie die ambulanten Spezifika nicht ausreichend inhaltlich vertiefen. Die Situation in der stationären Langzeitpflege wird so gut wie nicht thematisiert.

Die Zielgruppen, die das Buch ansprechend soll, scheinen schlecht gewählt. Für Menschen, die in der pflegerischen Ausbildung stehen, ist der pflegetheoretische Bezug einfach zu schwach. Dies sollte gerade ein Buch, das Schülerinnen und Schüler ansprechen möchte, liefern. Gerade sie sind auf eindeutige pflegetheoretische Bezüge angewiesen. Für Studierende fehlen klare Literaturbezüge, als Beleg für die gemachten Aussagen. Für ihr Literaturstudium sind entsprechende Hinweise im Text notwendig. Sie entsprechen auch guter wissenschaftlicher Arbeitsweise. Die Hinweise auf die Literatur am Ende jeden Kapitels sind m. E. nicht ausreichend. Leider wird auch die Zielgruppe der Manager nicht ausreichend im Buch bedient. Die Kapitel zur Angehörigenintegration im Management, zum Projektmanagement und zum Qualitätsmanagement tragen für diesen spezifischen Leserkreis nicht ausreichend zur Erkenntniserweiterung bei.

Fazit

Das Buch von George und George hat einen großen Schwachpunkt. Es hat den falschen Titel. Es beschreibt auf eine gelungene Weise die Angehörigenintegration in die Organisation Krankenhaus. Für die spezifische Aufgabenstellung der Angehörigenintegration in die professionelle Pflege ist die pflegetheoretische Fundierung nicht ausreichend. Aus pflegewissenschaftlicher Perspektive ist festzuhalten, dass es um eine Integration der professionellen Pflege in die Lebenssituation der pflegebedürftigen Menschen und ihrer Angehörigen gehen muss und nicht umgekehrt. Die pflegerische Schwerpunktsetzung ist nicht gerechtfertigt.

Das Werk besticht durch seine praktischen Bezüge und seinen didaktischen Aufbau. Es sollte sich besser ganz allgemein an die interessierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenden, die sich um die Angehörigenintegration in der täglichen Praxis kümmern wollen. Für sie bietet es Orientierung und konkrete Hilfen. Der Verdienst dieses Buches ist es zweifellos, die Rolle der Angehörigen in Diagnostik und Therapie deutlich zu machen, und dies in einer Zeit, in der unser Gesundheits- und Sozialwesen verstärkt auf diese Kräfte setzen muss.

 


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 23.03.2004 zu: Wolfgang George, Ute George: Angehörigenintegration in der Pflege. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2003. ISBN 978-3-497-01676-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1338.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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