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Werner Thole, Alexandra Retkowski u.a.: Sorgende Arrangements

Cover Werner Thole, Alexandra Retkowski, Barbara Schäuble: Sorgende Arrangements. Kinderschutz zwischen Organisation und Familie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 252 Seiten. ISBN 978-3-531-18475-3. 29,95 EUR.
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Thema

Die HerausgeberInnen widmen sich mit dem vorliegenden Herausgeberband den Themen der Kindeswohlgefährdung und des Kinderschutzes. Im Rahmen der Veröffentlichung werden „[…] professionelle[n] Dynamiken, organisationelle[n] Kulturen und institutionelle[n] Rahmenbedingungen der Praxen, die Kinder vor Gewalt schützen sollen “ (Buchrückseite), diskutiert. HerausgeberInnen und AutorInnen möchten hierdurch den Diskurs über Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit hinsichtlich des Umgangs mit möglichen Kindeswohlgefährdungen anregen und einen Beitrag zur empirischen Aufklärung in diesem Bereich leisten (vgl. S. 14).

Herausgeber und Herausgeberinnen

Dr. phil. habil. Werner Thole, Diplom-Pädagoge und Diplom-Sozialpädagoge, ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und außerschulische Bildung an der Universität Kassel.

Dr. Alexandra Retkowski, M.A., ist Vertretungsprofessorin am Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel.

Dr. phil. Barbara Schäuble ist Vertretungsprofessorin an der Fakultät für Management, Soziale Arbeit, Bauen an der Fh Hildesheim, Göttingen und Holzminden.

Entstehungshintergrund

Am 4. und 5. November 2010 erfolgte im Rahmen des Forschungsprojektes „Familiale Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – Brüche und Unsicherheiten in der sozialpädagogischen Praxis (Usoprax)“ die Fachtagung "Helfen, aber wie? Auf der Suche nach dem Königsweg. Professionelle Praxis in Fällen der Kindeswohlgefährdung". Innerhalb dieser Fachtagung wurden „[…] das fachlich vorhandene und empirisch evaluierte Wissen über Fragen und Praktiken, organisationale Rahmungen und Reflexionsformen des bundesrepublikanischen Kinderschutzes“ (S. 9) beleuchtet und diskutiert. Der vorliegende Herausgeberband enthält einige publizierte Beiträge dieser Fachtagung.

Aufbau

Der Herausgeberband beginnt mit einer ausführlichen Einleitung der HerausgeberInnen und gliedert sich anschließend in fünf Kapitel, welche jeweils drei vertiefende Beiträge beinhalten. Die Literaturangaben befinden sich am Ende eines jeden Beitrages. Abschließend erfolgt eine kurze Vorstellung aller AutorInnen. Insgesamt umfasst die Veröffentlichung 252 Seiten.

Inhalt

In der Einleitung führen die AutorInnen umfassend in das Thema des Herausgeberbandes ein und beleuchten die Diskussion um die Einführung des neuen Bundeskinderschutzgesetzes. Ferner erläutern sie die Verwendung des Begriffs „Arrangement“ im Kontext des Kinderschutzes und beleuchten Aufbau und Inhalt der folgenden Beiträge.

Das erste Kapitel setzt sich mit der Perspektive „Gesellschaftliche Erwartungen und institutionelle Reaktionen“ auseinander. Karin Böllert und Martin Wazlawick widmen sich der bisher geringen Präsenz von Jugendlichen in der aktuellen Debatte um die Wahrnehmung des Schutzauftrages und arbeiten den Bedarf an einer fachlich fundierten Konzeptionierung und Implementierung von Handlungsstrategien für den zielgruppenorientierten Schutz von Jugendlichen heraus. Ingo Bode, Steffen Eisentraut und Hannu Turba zeigen auf, dass jegliche Intervention im Kinderschutzkontext Systemproblematiken ausgesetzt ist, die das Handeln im Einzelfall erheblich beeinflussen und für eine realistische Systemverbesserung unbedingt berücksichtigt werden müssen. Hans Thiersch fokussiert – unter Bezugnahme auf Fälle des sexuellen Missbrauchs in pädagogischen Institutionen – Muster der Skandalisierung und deren Auswirkungen auf eine differenzierte und konstruktive Auseinandersetzung mit den entsprechenden Problemsituationen. Darüber hinaus zeigt er die Notwendigkeit auf, dass die (Sozial-) Pädagogik das in ihr liegende Potential weiter ausbaut und das Vertrauen in pädagogisches Handeln wiederherstellt und festigt.

Im zweiten Kapitel werden „Facetten des Kinderschutzes“ betrachtet. Sabine Wagenblass diskutiert den Zusammenhang von Kindeswohl und Erziehungsfähigkeit in Familien, in denen ein Elternteil eine psychische Erkrankung aufweist. Hierzu skizziert sie spezifische Auswirkungen von psychischen Erkrankungen auf die Erziehungsfähigkeit und arbeitet Kriterien zur Einschätzung von Gefährdungssituationen und Belastungen sowie hierauf aufbauend Herausforderungen im Beratungs- und Hilfeprozess mit betroffenen Familien heraus. Mike Seckinger nimmt sich der gleichen Thematik an und stellt dar, dass der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Erwachsenenpsychiatrie eine Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, um der Entstehung einer Kindeswohlgefährdung infolge einer bestehenden psychischen Erkrankung eines Elternteils entgegenzuwirken. Im letzten Beitrag des zweiten Kapitels nimmt Fenn Felsteshausen das Handlungsfeld der frühkindlichen Betreuung und die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf die Arbeit der Kindertagesstätten in den Blick. Anhand des psychologischen Beratungsangebotes der Stadt Kassel für Kindertagesstätten arbeitet sie die Bedeutung einer frühzeitigen und intensiven Beratung der Fachkräfte vor Ort sowie die Schulung dieser im Erkennen und Beurteilen von aber auch im Umgang mit Kindeswohlgefährdung heraus.

Kapitel drei fokussiert „Organisationale Rahmungen des Kinderschutzes“. Sarina Ahmed und Petra Bauer beleuchten anhand zweier Beispiele aus einer empirischen Studie den Zusammenhang von Organisationskultur und dem Verständnis von professionellem Handeln in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Timo Ackermann befasst sich mit der Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, und zeigt dabei die Herausforderung auf, Fehler im Kontext von Kinderschutz überhaupt als solche zu definieren. Dabei stellt er den Zusammenhang dieser komplexen Konstruktionsleistung mit der jeweiligen Organisationskultur dar. Beate Köhn widmet sich dem Zusammenwirken von Fachkräften, Familien und Kindern, identifiziert sich hierbei ergebende Spannungsfelder und betont die umfangreichen Anforderungen und Herausforderungen, die an Fachkräfte in diesem Bereich gestellt werden.

Das zentrale Thema des vierten Kapitels sind die „Akteure des Kinderschutzes I: Teams und Professionen“. Jens Pothmann und Agathe Wilk betrachten anhand eines Forschungsprojektes des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund, wie ASD-Teams über den Hilfebedarf entscheiden. Sie zeigen auf, dass große Unterschiede hinsichtlich des jeweiligen Entscheidungsprozesses, der gewählten Hilfeform sowie der Sensibilität für Falldetails beobachtbar sind und dass vor allem die Anwesenheit und der Führungsstil der Leitungskräfte während der Teamberatung den Entscheidungsprozess erheblich beeinflussen. Franziska Hübsch beschäftigt sich mit der Bedeutung informeller Austauschmöglichkeiten von ASD-MitarbeiterInnen mit Blick auf persönliche Stabilität und kollegiale Unterstützung. Anne Lohmann, Anna-Kristen Hentschke, Virginia Dellbrügge, Pascal Bastian, Wolfgang Böttcher und Holger Ziegler betrachten anhand einer quantitativen Untersuchung in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein die Kooperation zwischen den Einrichtungen der ‚Frühen Hilfen‘ mit Institutionen der Gesundheitshilfe, der Schwangerschaftsberatung sowie der Kinder- und Jugendhilfe. Orientiert an vier Etappen des Hilfeprozesses werden Kooperationsbeziehungen und -verläufe analysiert und die durchgängige Relevanz von Kooperationsbeziehungen im Kontext der ‚Frühen Hilfen‘ dargelegt.

Im abschließenden fünften Kapitel stehen die „Akteure des Kinderschutzes II: Familien, Kinder und SozialpädagogInnen“ im Fokus der Betrachtung. Heinz Kindler beleuchtet die Einbeziehung von Kindern in Gespräche im Kinderschutzkontext und unterscheidet hierzu vier verschiedene Gesprächsanlässe. Reinhart Wolff richtet den Blick auf das Wohlergehen der im Kinderschutz tätigen Fachkräfte. Er arbeitet hiermit einhergehende Belastungen und Stresssituationen sowohl für Fachkräfte als auch die betroffenen Familien heraus und hebt das Wohlbefinden der Fachkräfte als eine wesentliche Einflussgröße für gelingende Kinderschutzarbeit hervor. Alexandra Retkowski und Barbara Schäuble zeigenauf Grundlage der Erkenntnisse der Untersuchung „Uso Prax“ Beziehungskonstellationen zwischen ASD-MitarbeiterInnen und AdressatInnen auf und legen die Verbindung dieser zur Gestaltung der Interaktion sowie zur Strukturierung des pädagogischen Handelns dar.

Diskussion

Grundlagen und Voraussetzungen eines gelingenden Kinderschutzes werden in den vergangenen Jahren in öffentlichen, politischen und fachlichen Kontexten intensiv diskutiert. Die Frage danach, in welcher Weise die professionelle Praxis in Kinderschutzfällen verbessert werden kann, trägt dabei viele verschiedene Facetten und Betrachtungsschwerpunkte in sich.

Die inhaltliche Strukturierung des vorliegenden Herausgeberbandes bildet hierbei einige dieser Facetten ab und ermöglicht eine themenspezifische oder themenübergreifende Auseinandersetzung. Besonders hervorzuheben ist die thematische Mischung, welche die Komplexität des zugrunde liegenden Themas aufzeigt und dieses durch den Einbezug vieler verschiedener Erhebungen und Studien sowie verschiedener Fallbeispiele ausgesprochen vielseitig aufbereitet. Hierdurch ergeben sich sowohl für die Theorie als auch für die Praxis Sozialer Arbeit viele Anknüpfungspunkte sowie Anregungen zum Weiterdenken und Weiterforschen.

Fazit

Den Herausgebern ist mit diesem Band eine ansprechende und komplexe Zusammenstellung von Beiträgen zur professionellen Wahrnehmung des Kinderschutzes gelungen. Dies stellt eine umfangreiche Basis zur Auseinandersetzung mit verschiedenen und aktuell diskutierten Aspekten und Perspektiven im Kontext des Kinderschutzauftrages dar und leistet hierdurch sowohl einen Beitrag für Forschung, Studium und Lehre als auch für die Praxis Sozialer Arbeit.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Verena Klomann
Diplom-Sozialpädagogin/Master of arts in social services administration/Supervisorin (DGSv)
Professur für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der KatHO NRW, Abteilung Aachen
Homepage www.katho-nrw.de/aachen/studium-lehre/lehrende/haup ...
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Zitiervorschlag
Verena Klomann. Rezension vom 13.09.2012 zu: Werner Thole, Alexandra Retkowski, Barbara Schäuble: Sorgende Arrangements. Kinderschutz zwischen Organisation und Familie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18475-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13382.php, Datum des Zugriffs 02.10.2016.


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