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Katharina Barandun: Partizipation in interkulturellen Siedlungen

Cover Katharina Barandun: Partizipation in interkulturellen Siedlungen. Erfolg durch Väterbeteiligung. Seismo-Verlag (Zürich) 2012. 152 Seiten. ISBN 978-3-03-777108-2. 26,00 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Thema

In „Partizipation in interkulturellen Siedlungen“ wird beschrieben, wie durch aufsuchende Sozialarbeit erreicht werden konnte, dass Bewohnerinnen und Bewohner einer städtischen Siedlung in Zürich bestehende Probleme selber in die Hand nehmen und lösen konnten. Dabei wurde ein Schwerpunkt auf die Partizipation der Männer und Väter in der Siedlung gelegt.

Herausgeberin

Die Herausgeberin und hauptsächliche Autorin des vorliegenden Buches, Katharina Barandun, ist seit 2004 als Sozial- und Gemeinwesenarbeiterin bei der Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien der Stadt Zürich angestellt. Im Rahmen dieser Arbeit initiierte und realisierte sie auch das im Buch beschriebene Projekt „Fit in die Zukunft“.
Davor war Katharina Barandun lange Zeit als Sozialarbeiterin im Suchtbereich tätig. Sie hat an der Fachhochschule Nordwestschweiz einen Master of Advanced Studies in Gesundheitsförderung und Prävention absolviert.

Entstehungshintergrund

Aufgrund akuter Probleme, zu deren Lösung sich die eingesetzten repressiven Mittel als nicht geeignet erwiesen, wurde die Sozialarbeiterin Katharina Barandun von der Stadt Zürich (Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien) befristet angestellt. Ihr Auftrag war es, gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlung die Situation in der Siedlung zu verbessern.

Aufbau

Das Buch ist in vier Teile gegliedert, wobei die einzelnen Kapitel von verschiedenen Personen geschrieben wurden.

  1. Der erste Teil beschreibt Partizipation als Konfliktprävention in interkulturellen Siedlungen;
  2. Der zweite Teil trägt den Titel „Migrationsväter zwischen Männlichkeit und Väterlichkeit“;
  3. Der dritte Teil befasst sich mit dem Konzept der „Erwachsenen-Präsenz“ als Ansatz zur Konfliktbewältigung in interkulturellen Siedlungen;
  4. Im vierten Teil schliesslich werden Ansätze für zukünftige Integrationsprojekte in Wohnsiedlungen beschrieben.

Dazwischen sind immer wieder Interviews mit Projektbeteiligten und Fotos aus der Siedlung Luchswiesen eingestreut. Ein „Werkzeugkoffer für interkulturelle Siedlungsarbeit“ und ein Glossar schliessen das Buch ab.

Inhalt

Zentral in diesem Buch ist sicher die Beschreibung des Empowerments der Väter. Ausgangspunkt war eine desolate Situation in der Siedlung Luchswiesen. Der Pavillon beim Spielplatz mitten in der Siedlung wurde nachts von Jugendlichen in Beschlag genommen. Sie waren laut, die Bewohnerinnen und Bewohner wagten sich nachts nicht aus dem Haus. Nach Berichten der Siedlungsbewohner/innen lagen am Morgen regelmässig Flaschen und Essensabfälle herum. Die Polizei wurde fast nächtlich gerufen, schliesslich wurde ein privater Sicherheitsdienst angestellt. Dieser quittierte jedoch drei Monate später den Dienst, ohne eine Verbesserung der Situation erreicht zu haben, im Gegenteil, die Stimmung wurde immer gewalttätiger und feindlicher.

Nicht nur der Pavillon bereitete den Bewohner/innen der Siedlung Sorgen. In der engen Siedlung, in welcher gemäss Stiftungszweck ausschliesslich kinderreiche Familien mit geringem Einkommen wohnen, waren die ehemaligen Schrebergärten an der Längsseite eines von zwei parallel stehenden Wohnblocks von Unrat und Abfällen bedeckt. Es stank und Ungeziefer breitete sich aus.

Auf Initiative der Siedlungssozialarbeiterin und ihrem Appell folgend, haben sich die Männer in der Siedlung, welche alle Väter von mehreren Kindern sind, organisiert und zusammengeschlossen. Sie haben sich mit Fragen der Autorität auseinandergesetzt. Während die Siedlung Luchswiesen früher traditionelle Arbeiterfamilien beherbergte, wohnen heute Familien aus zahlreichen Nationen dort. Viele von ihnen sind Flüchtlinge. Die Väter haben sich kennen gelernt und ausgelotet, wie sie am besten mit ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden zurande kommen. Sie haben ihre Telefonnummern ausgetauscht, und wenn es im Pavillon wieder laut wurde, sind sie zu dritt hinausgegangen und haben die Jugendlichen konfrontiert. Dabei haben sie die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen – meist auch sie männlich – ihre Einwände nachvollziehen und respektieren konnten. Die Väter haben mit den Jugendlichen der Siedlung zusammen Sitzbänke von Kritzeleien und Tags gereinigt und neu gestrichen. Und sie haben sich zusammengeschlossen, um den Jugendlichen einen Raum anzubieten, in welchem sie für sich sein können und ihre Freizeit verbringen können. Dabei haben die Väter Verantwortung übernommen, aber teilen sie auch: der Schlüssel zum Raum ist für die Jugendlichen gegen ein Depot von CHF 20.- erhältlich.

Als zweiten Punkt möchte ich die Art und Weise hervorheben, wie die Familie als Ressource wahrgenommen wird. Sicher ist dies in der Siedlung Luchswiesen als städtische Siedlung der Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien in Zürich naheliegend. Doch auch in anderen Siedlungen und Quartieren ist die Ausgangskonstellation mit einem hohen Anteil von Familien oft anzutreffen, häufig auch mit Migrationsgeschichte. Dies könnte in vielen Projekten vermehrt als Chance und Potenzial wahrgenommen werden. Auch handelt es sich bei dieser Form von Projektarbeit um eine Form von Partizipation, welche breit verstanden und umgesetzt werden kann. „Wir brauchen Sie!“, war der Appell der Siedlungssozialarbeiterin.

Als dritten und letzten Punkt möchte ich hier auf die Bedeutung der Siedlungssozialarbeit hinweisen. Was Polizei und Sicherheitsfirmen nicht zustande brachten, gelang mit dem Engagement einer flexiblen, innovativen Sozialarbeiterin, welche über zwei Jahre lang intensiv und vor Ort in der Siedlung arbeitete. Wichtig auch, dass dieses Engagement weiterläuft, wenn auch auf mehrere Schultern verteilt und mit einem kleineren Pensum. Projektbeteiligte Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung arbeiten an der Verstetigung des Erreichten und an der Verbreitung ihrer Konzepte

Diskussion

Das Projekt „Fit in die Zukunft“ ist in der deutschsprachigen Schweiz auf grosse Resonanz gestossen. Es ist einer Gruppe von in der Siedlung Luchswiesen wohnhaften Männern gelungen, in einen Dialog mit den Jugendlichen zu treten, welche vorher mit repressiven Mitteln nicht „im Zaum“ zu halten waren. Die Väter wurden dadurch ermächtigt und von Erduldenden zu – erfolgreich – Handelnden. Die Jugendlichen verfügen heute über einen Raum, in welchem sie gemeinsam Zeit verbringen können; dabei wurde ihrem Bedürfnis nach gendergetrennten Gruppen Rechnung getragen. Wo früher Unrat und Ungeziefer das Leben in der engen und dicht gebauten Siedlung zusätzlich belasteten, befinden sich heute gepflegte und ertragreiche Gartenbeete, die von Bewohnerinnen und Bewohnern bewirtschaftet werden. Zusätzlich steht ein Grillplatz allen zur Verfügung. Gesamthaft konnte im Projekt die Lebensqualität für die Siedlungsbewohnerinnen und -bewohner massiv gesteigert werden. Die transparente Kostenaufstellung zeigt auf, dass ein solches Unterfangen eine beträchtliche finanzielle Investition für die Eigentümer bedeutet – jedoch rechnet sich dieser Beitrag auch finanziell auf jeden Fall, da Kosten für Instandstellung, Kontrolle und Repression sowie Reinigung gesenkt werden können.

Neben diesen direkten wirtschaftlichen Gewinnen ist der soziale Gewinn für alle Beteiligten (inklusive auch hier den Eigentümern) auf jeden Fall noch viel weniger zu unterschätzen. Noch wertvoller als Ordnung und Ruhe sind die Erkenntnis und die Erfahrung, einen notwendigen und sinnvollen Beitrag zur Gemeinschaft und zum guten Zusammenleben leisten zu können.

Fazit

Ein Muss für Fachpersonen aller Disziplinen, welche sich mit Empowerment, partizipativen Prozessen, Migration, Gender- und Generationenfragen oder Nachbarschaft befassen.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 26.06.2012 zu: Katharina Barandun: Partizipation in interkulturellen Siedlungen. Erfolg durch Väterbeteiligung. Seismo-Verlag (Zürich) 2012. ISBN 978-3-03-777108-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13387.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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