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Michaela Schmid: Erziehungsratgeber und Erziehungswissenschaft

Cover Michaela Schmid: Erziehungsratgeber und Erziehungswissenschaft. Zur Theorie-Praxis-Problematik populärpädagogischer Schriften. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. 404 Seiten. ISBN 978-3-7815-1782-0. 36,00 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
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Autorin

Michaela Schmid ist promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Augsburg. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind unter anderem die Auseinandersetzung mit der Erziehungs- und Bildungsgeschichte, mit historischen und aktuellen Erziehungstheorien sowie mit der Popularisierung pädagogischen Wissens.

Entstehungshintergrund

Pädagogische Ratgeber sind auf dem Markt pädagogischer Angebote gegenwärtig ein weit verbreitetes Medium. Vor allem für Eltern steht dieses Genre u.a. in Buchform zur Verfügung und bietet sowohl im Allgemeinen pädagogische Ratschläge als auch im Besondern Hilfe und Tipps an – etwa bei abweichendem Verhalten des Kindes. Die Erziehungswissenschaft beschäftigte sich mit Elternratgebern bisher kaum ausführlich. Das Material selbst bietet selbstverständlich unterschiedliche fachliche Zugänge. U.a. aus diesem Grund fehlten bislang wissenschaftliche Analysen, die sich mit dem Theorie- und Praxisverständnis der Ratgeber beschäftigt haben. Aufgrund dieses Forschungsdesiderats untersucht Michaela Schmid Elternratgeber, die seit den 1940er Jahren bis ins vergangene Jahrzehnt hinein in der BRD publiziert wurden. Dabei spielt neben dem systematischen Aspekt des Theoriezugangs von Elternratgebern auch die historische Perspektive eine Rolle. Denn bisher fand sich hier trotz der Untersuchungen von Markus Höffer-Mehlmer (2003) und Jürgen Oelkers (1995) für die Nachkriegsgeschichte ein eher unbeleuchtetes Feld wissenschaftlicher Reflexion. Leitende Forschungsfragen sind für Schmid daher: Welche Theorien finden Eingang in die Ratgeber und welcher Art sind diese Theorien? Kann das in Buchform vermittelnde Wissen über Pädagogik eher zu individuellem Handeln befähigen oder finden sich vielmehr rezeptologische Hinweise? Und: Wie steht es in den Ratgebern mit Reflexionsangeboten? Die zu diesen und weiteren Fragen veröffentlichte Studie Schmids stellt ihre im Zeitraum von 2007 bis 2010 verfasste Dissertation dar.

Aufbau und Inhalt

Um die gestellten Forschungsfragen zu beantworten leitet Schmid die LeserInnen in der „Einführung“ (I) ihrer Untersuchung mittels eines Problemaufrisses sowie der Darstellung der Zielsetzung der ein. Dabei nähert sie sich folgend an das Thema an, wobei bereits Aspekte zu Elternratgebern aus der Sekundärliteratur skizziert werden. Das Kapitel wird schließlich mit der Zielsetzung der Arbeit beendet: Schmid will das Genre des Elternratgebers in seinen Eigenheiten, dabei vor allem im Unterschied zu Theoriewerken systematisch untersuchen. Dafür wählt sie als Untersuchungskategorien die Begriffe „Theorie“ und „Praxis“.

Um ein wissenschaftliches Instrument zu einer solchen Untersuchung zu schaffen, stellt Schmid dann im folgenden Kapitel zum „Forschungsstand“ (II) zunächst knapp die bisher verfügbare Forschung zum Theorie-Praxis-Verhältnis in der Erziehungswissenschaft sowie über Erziehungsratgeber dar. Dabei geht sie über weite Strecken ausführlich und tiefgründig vor (vgl. die Diskussion der vorliegenden Rezension). Eingebettet in den skizzierten Forschungsstand wird schließlich die Fragestellung ihrer Untersuchung begründet.

Im Kapitel über „Theoretische Grundlagen und methodische Vorgehensweise“ (III) folgen neben der Forschungslogik als Auseinandersetzung mit der geeigneten Methodologie (Inhaltsanalyse bzw. Textinterpretation) vor allem die Darstellung der Ausführungen Winfried Böhms (1995) sowie – ergänzend – Erich Wenigers (1952) über Theorie und Praxis der Erziehung und Pädagogik. Diese Ausführungen werden zusammengefasst und für die Untersuchung der Elternratgeber operationalisiert. Mittels verschiedener Theoriegrade entwickelt Schmid somit ein Instrument zur Analyse der Elternratgeber, mittels derer ihre o.g. wesentlichen und weiterführenden Forschungsfragen beantwortet werden können. Die Auswahlkriterien (S. 82-86) der Ratgeber begründet Schmid mit einer möglichst hohen Bekanntheit und Auflage, wenngleich sich diese aufgrund verlagsinterner Gründe nicht vollständig rekonstruierten lässt. Es wird damit dennoch eine gewisse representative Verteilung – auch bzgl. der einzelnen Berufe und des Geschlechts der RatgeberautorInnen – angestrebt. Gleichwohl bezeichnet Schmid ihre Untersuchung letztlich „unter den gegebenen Umständen“ als „exemplarisch“ (S. 86).

Mit der „Analyse“ (IV) folgt der Kern der Arbeit. Einsetzend in den 1940er Jahren folgt die ausführliche Untersuchung von in der Bundesrepublik publizierten Ratgebern von Johanna Haarer, Anton Wallenstein, Heinz Graupner, Hans Zulliger, Johannes A. Stöhr, Christa Meves, Elisabeth Dessai, Hubertus von Schoenebeck, Andreas Flitner, Peter Struck, Jan-Uwe Rogge, Bernhard Bueb und Katia „Super Nanny“ Saalfrank. Die vorliegende Rezension ist nicht der geeignete Ort, zu allen Werken die entsprechenden Analysen zusammenzufassen. Es sei dahe lediglich angemerkt, dass nur eines der Werke (Flitner) einen hohen Theoretisierungsgrad aufweist. Die Inhaltsanalyse ist tiefgründig und zugleich sprachlich plausibel ausgeführt. Zudem werden die öffentlichen und wissenschaftlichen Umstände des jeweiligen Jahrzehnts als zeitgenössischer Hintergrund zum Verfassen der Ratgeber und zur Gewichtung bestimmter Topoi berücksichtigt – die Nachkriegszeit bot etwa einen anderen Umstand des Verfassens von Ratgeberliteratur als die 1980er Jahre, die durch Glasnost und Perestroika gekennzeichnet waren. So können u.a. Kontinuitäten oder Brüche in den Themen der Ratgeber herausgearbeitet werden.

Abschließend (V) zieht Schmid eine Bilanz und bietet diesbezüglich Forschungsausblicke

Diskussion

Das Werk von Michaela Schmid ist nachvollziehbar gegliedert und arbeitet streng systematisch die entsprechenden Sachverhalte heraus. Lediglich im Forschungsstand zu den Elternratgebern fehlt die auf wenige Quellen eingeschränkte Studie über die häusliche Erziehung der Arbeiterfamilie von Lesanovsky (1996), die jedoch – sieht man vom Streben nach Vollständigkeit einmal ab – im Gesamtbild für Schmids Untersuchung letztlich unwesentlich erscheint. Darüber hinaus bleibt etwas unklar, weshalb Flitners Werk „Konrad, sprach die Frau Mama …“ als Elternratgeber in die Untersuchung aufgenommen wird, handelt es sich dabei doch offensichtlich um eine primäre wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bewegung der Antipädagogik zu Beginn der 1980er Jahre – was auch Schmid selbst festhält (S. 269) –, wie sie etwa von Winkler (1982) und auch Mollenhauer (1983) als wissenschaftliche Reflexion vorgenommen wurde.

Fazit

Gleichwohl ist Kritik an der Untersuchung nur äußerst partiell anzumerken. Im Gesamtbild überzeugt die Studie vollends. Sie schließt an den historisch interessierten Forschungsstand von Höffer-Mehlmer sowie an Kellers (2008) empirische Untersuchung der Leserschaft von pädagogischen Ratgebern unter einer geeigneten Fragestellung an, erweitert diesen und stellt letztlich sogar die bisher ausführlichste systematische Untersuchung von Elternratgebern dar. Schmids Analyse muss damit als wertvoller Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Grundlagenforschung über pädagogische Ratgeber betrachtet werden, dem künftig vor allem die von ihr bemängelte, da fehlende und historisch ausgerichtete, vollständige Bibliografie von Elternratgebern (S. 83) folgen sollte. Das Werk Schmids bietet durch das plausibel operationalisierte Instrument der unterschiedlichen Theoriegrade zudem weitreichendes Reflexionspotential für das künftige Lesen von Ratgeberliteratur. In jeder Hinsicht handelt es sich um ein lesenswertes Buch!

Literaturverweise

  • Böhm, W. (1995, zuerst 1985): Theorie und Praxis. Eine Einführung in das pädagogische Grundproblem, 2., erw. Aufl., Würzburg : Königshausen & Neumann.
  • Höffer-Mehlmer, M. (2003): Elternratgeber. Zur Geschichte eines Genres, Baltmannsweiler : Schneider-Verl. Hohengehren.
  • Mollenhauer, K. (1983): Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur und Erziehung, München : Juventa.
  • Oeklers, J. (1995): Pädagogische Ratgeber. Erziehungswissen in populären Medien, Frankfurt/M. : Diesterweg.
  • Weniger, E. (1952): Die Eigenständigkeit der Erziehung in Theorie und Praxis. Probleme d. akademischen Lehrerausbildung, Weinheim : Beltz.
  • Winkler, M. (1982): Stichworte zur Antipädagogik. Elemente einer historisch-systematischen Kritik, Stuttgart : Klett-Cotta.

Rezensent
Dr. Ulf Sauerbrey
Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Homepage www.uni-bamberg.de/efp/lehrstuhlteam/dr-phil-ulf-sa ...
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Zitiervorschlag
Ulf Sauerbrey. Rezension vom 22.05.2012 zu: Michaela Schmid: Erziehungsratgeber und Erziehungswissenschaft. Zur Theorie-Praxis-Problematik populärpädagogischer Schriften. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. ISBN 978-3-7815-1782-0. Reihe: Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13393.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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