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Lakshmi S. Kotsch: Assistenzinteraktionen (körperbehinderte Menschen)

Cover Lakshmi S. Kotsch: Assistenzinteraktionen. Zur Interaktionsordnung in der persönlichen Assistenz körperbehinderter Menschen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 213 Seiten. ISBN 978-3-531-17545-4. 34,95 EUR.

Reihe: Research.
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Thema

Persönliche Assistenz ist ein inzwischen als Dienstleistung etabliertes und institutionalisiertes Modell von Hilfe- und Pflegeleistungen, das in der Behindertenbewegung entstanden ist und sich von Praktiken der institutionellen Behindertenhilfe wie der Heimunterbringung und der traditionellen Pflege absetzt. Persönliche Assistenz reicht von der alltäglichen Gesundheits- und Körperpflege über alltägliche Verrichtungen im Haushalt, bei Behördengängen, bei der Informationsgewinnung bis zur gelegentlichen Assistenz bei der Freizeitgestaltung. Persönliche Assistenz wird durch Gelder der Pflegeversicherung und der Behindertenhilfe nach SGB XII finanziert. Es soll Selbstbestimmung realisieren und die als bevormundend und fremdbestimmend wahrgenommene traditionelle Behindertenhilfe ablösen und damit der Emanzipation behinderter Menschen dienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem kurzen Überblick über den geschichtlichen Hintergrund des Assistenzmodells und des Selbstbestimmungsbegriffs. Selbstbestimmung steht im Zentrum der Behindertenbewegung; sie ist mit der Durchsetzung des Assistenzmodells verbunden. Sie soll durch eine konzeptionelle Umkehr von Machtverhältnissen bzw. Asymmetrien in der Hilfebeziehung erreicht werden. Nach einer kurzen Diskussion eines vierfachen Verständnisses von Selbstbestimmung schreibt Kotsch dem Konzept der Selbstbestimmung, das dem Modell persönlicher Assistenz zugrunde liegt, einen negativen Begriff von Freiheit von fremdbestimmendem Zwang und einen positiven Begriff von Freiheit als der Wahl und Definition eigener Regeln im Sinne einer Expertenschaft für sich selbst zu. Konkret äußert sich Selbstbestimmung in den von Kotsch analysierten Schulungskonzepten in der Ausübung verschiedener Kompetenzen, deren wichtigste Personalkompetenz (Auswahl der Assistentinnen durch Assistenznehmerinnen), Finanzkompetenz (Verfügung über die Gelder), Organisationskompetenz (Planung und Besetzung der Dienstzeiten) Und Anleitungskompetenz (Hilfeleistungen orientiert an Vorstellungen der Assistenznehmerinnen) sind. Assistenznehmerinnen fungieren dabei entweder als Arbeitgeber oder nehmen vermittelnd einen Assistenzdienst in Anspruch.

Kapitel 2 fasst den Forschungsstand zusammen: Bisher vorliegende Studien über persönliche Assistenz beruhen vor allem auf Befragungen. „Wenig erfährt man allerdings über das tatsächliche interaktive Zusammenspiel der Beteiligten“ (S. 34). Die vorliegende Studie analysiert auf der Basis von in-situ-Beobachtungen, „wie die Beteiligten interaktiv das Handeln in Assistenzsituationen meistern“ (S. 34). Dabei untersucht sie sprachliche und körperliche Aspekte der Interaktion.

Kapitel 3 und 4 entwickeln die Fragestellung vor dem Hintergrund der gewählten Methoden im methodologischen Begründungszusammenhang. Die Studie fragt nach Regelmäßigkeiten der Interaktionen im Rahmen von Persönlicher Assistenz und ob und wenn ja, wie sich in diesen Regelmäßigkeiten Selbstbestimmung ausdrückt. Persönliche Assistenz als Handlungsgeflecht versteht Kotsch als „Interaktionsordnung“ im Sinne Erving Goffmans. Das mit qualitativen Methoden gewonnene Material sind Videoaufzeichnungen, Interviews und teilnehmende Beobachtungen, die Kotsch bei drei Assistenznehmerinnen persönlicher Assistenz und zwei Klientinnen traditioneller häuslicher ambulanter Pflege durchgeführt hat. Der Hauptakzent liegt dabei in der vorliegenden Studie auf der Videographie. Der Forschungsprozess ist dabei spiralförmig: zunächst wurde explorativ, offen, beschreibend und unstandardisiert an den Forschungsgegenstand herangegangen, dann im Verlauf zusehends konzeptionell und fokussiert. Die Auswertung der Daten richtet sich nach hermeneutischen Verfahren und wird in 5 Fallrekonstruktionen dargestellt.

Kapitel 5 widmet sich ausführlich der Fallrekonstruktion am empirischen Material. Kotsch kommt dabei zu folgenden Ergebnissen: Das „gleichförmige Interaktionsverhalten ihrer Assistentinnen“ zeigt, „dass der spezifische Interaktionsstil, der bei den einzelnen Assistenznehmerinnen zu beobachten ist, stets durch die Relevanzen der Assistenznehmerinnen geprägt ist“. (S. 179) Demnach haben Assistenznehmerinnen tatsächlich Macht ihren Assistentinnen gegenüber und setzen somit Selbstbestimmung um. Dieses geht dabei nicht immer auf einem expliziten, verbalen Wege sondern oft implizit, nonverbal und auf körperlich basierte Weise vonstatten: Sprachlich präzise Anweisungen – wie sie in Schulungskonzepten empfohlen werden – sind dabei nur ein Aspekt, der von implizit bleibenden, charakteristischen Stimmlagen, körperlichen Gesten und nicht steuerbarem, körperlichem Verhalten unterstützt wird. Aber auch Unterschiede im Stil der Assistenznehmerinnen zeigt Kotsch auf: Diese unterscheiden sich zunächst in der Quantität, „die von einer Assistentin in ihrem Auftrag auszuführenden Tätigkeiten direkt anzuleiten oder zu kontrollieren“ (S. 187). Dabei werden die Idealtypen der „Ergebnis- und der Ablauforientierung“ voneinander getrennt. Die nächste Unterscheidung trifft Kotsch zwischen „Strukturgebendem oder -annehmendem Interaktionsverhalten“. Wer ist in der Interaktionsbeziehung der überlegene Teil? „Strukturgebend ist … wer mit zu verzeichnender Regelmäßigkeit die Impulse zu diesen Tätigkeiten setzt“ (S. 189). „Strukturnehmend“ sind demgemäß diejenigen Assistenznehmerinnen, die ihren Assistentinnen die Strukturierung des Geschehens überlassen. Die Autorin setzt nun nicht eineindeutig „Strukturgebend“ mit dominant und „Strukturnehmend“ mit submissiv gleich, denn neben der auch für sie offenkundigen Gleichsetzung von „Strukturgebend“ mit Dominanz kann sich Dominanz für sie auch „Strukturnehmend“ äußern und das so gekennzeichnete Verhalten somit auch selbst bestimmt sein. In letzterem Fall ist die Dominanz nicht im Ablauf sondern nur im Ergebnis auffindbar. Kotsch verortet demgemäß zwei Formen der Selbstbestimmung: „Selbstbestimmung im Ergebnis“ und „Selbstbestimmung im Ablauf“.

Die Autorin stellt diese Ergebnisse innerhalb der Interaktionssituation persönlicher Assistenz nun der traditionellen ambulanten Pflegesituation gegenüber: Hier überwiegen „nicht die Relevanzen der Pflegeempfängerinnen, die die Eigenart der Interaktion zwischen ihnen und den Pflegenden in entscheidender Hinsicht prägen, sondern es ist von den Bedeutsamkeiten der Pflegekräfte abhängig, ob diese Relevanzen der Klientinnen Geltung erlangen oder nicht“ (S. 192). Die Klientinnen sind in erster Linie pragmatisch darauf hin orientiert, „im pflegerischen Sinne ‚gut versorgt? zu sein“ (S. 200). „Ausschlaggebend“ (S. 196) und „stärker“ (S. 202) ist dagegen das Professionsverständnis der Pflegekräfte. „Strukturgebend“ in Kotschs Sinne sind hier die Pflegekräfte, „strukturnehmend“ die Klientinnen. Die Autorin schränkt diesen Befund allerdings ein: „Dies allein ist allerdings noch kein Hinweis auf Dominanz der Pflegekräfte, da sich die Dominanz der Pflegeempfängerin beispielsweise gerade in einem strukturannehmenden Interaktionsverhalten ausdrücken könnte, sofern es in ihrem Interesse wäre, ihre Interaktionen auf diese Weise zu gestalten.“ (S. 194)

Diskussion

Kotsch hebt mit Erkenntnisgewinn hervor, dass das Modell persönlicher Assistenz in seiner Reinform der Selbstbestimmung recht hohe Ansprüche an die Assistenznehmerinnen stellt, die realistischerweise vielleicht nicht von jeder Person erfüllt werden können. Hier ist ihre Konzeption von „strukturnehmenen“ und auf „Selbstbestimmung im Ergebnis“ fokussierten Assistenznehmerinnen wegweisend. Allerdings überzieht sie diesen Begriff, wenn sie ihn auf die ambulante Pflege überträgt, da in diesem Fall das kritische Potential des Konzepts persönlicher Assistenz abzuflachen droht. Die Autorin kann mit ihrem Begriffsapparat nicht mehr zwischen Fällen unterscheiden, in denen „Selbstbestimmung im Ergebnis“ im Ergebnis wirklich noch zu Selbstbestimmung führt und wann sie zur Unterwerfung eigener Interessen behinderter Menschen unter die Dominanz von Professionalisierungs- und Ökonomisierungszwängen fällt. Vielleicht gibt es ja Wechselbeziehungen zwischen „Selbstbestimmung im Ergebnis“ und „Selbstbestimmung im Ablauf“, die der Autorin entgangen sind. Denn die Praxis der beiden Modelle hängt nicht nur von Faktoren innerhalb der Interaktionen ab sondern auch von soziostrukturellen und ökonomischen Faktoren, die in die Interaktionsordnung hineinspielen und sich auch dort niederschlagen. Hier bleibt die Studie im politischen Raum sehr neutral. Zwar ist wissenschaftliche Neutralität selbst im Hinblick auf die emanzipatorisch orientierten Disability Studies sinnvoll; es hätten jedoch noch ausführlichere praxisnahe weiterentwickelnde Handlungsoptionen für unterschiedliche Zielorientierungen gegeben werden können ohne gegen dieses Gebot zu verstoßen.

Fazit

Die Stärke dieses Buches liegt eindeutig in der empirischen Anbindung an die Interaktionsordnung innerhalb persönlicher Assistenz und ambulanter Pflege. Hier sind neue und sehr anschauliche, detailreiche Beobachtungen gelungen. Ein Beispiel hierfür sind nicht-sprachliche Interaktionen von Blicken, Körperhaltungen und Schweigen, die zusätzlich zur sprachlich explizit formulierten Anleitungskompetenz orientierend sind.


Rezensent
Dr. Siegfried Saerberg
Homepage www.siegfriedsaerberg.com
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Zitiervorschlag
Siegfried Saerberg. Rezension vom 11.07.2012 zu: Lakshmi S. Kotsch: Assistenzinteraktionen. Zur Interaktionsordnung in der persönlichen Assistenz körperbehinderter Menschen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-17545-4. Reihe: Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13401.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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