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Martin Dornes: Die Modernisierung der Seele

Cover Martin Dornes: Die Modernisierung der Seele. Kind - Familie - Gesellschaft. Fischer Taschenbuch Verlag (Frankfurt) 2012. 527 Seiten. ISBN 978-3-596-19405-6. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 18,90 sFr.

Reihe: Fischer - 19405.
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Autor

Martin Dornes ist Soziologe, Psychologe und Gruppenpsychotherapeut und im Leitungskolleg des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt tätig. Bekannt ist der Autor durch seine Forschungsschwerpunkte im Bereich der Säuglings- und Kleinkind-, Sozialisations- und Familienforschung.

Thema

In seinem Buch „Die Modernisierung der Seele“ beschäftigt sich der Autor mit Fragestellungen der modernen Lebensarten und möglicher „problematischer“ Auswirkungen auf die Menschen. „Aufgeschreckt von dramatischen Zeitungsmeldungen und schrillen Fernsehsendungen bin ich zunächst davon ausgegangen, dass die Lage bedenklich ist. Fast jedes Mal jedoch, wenn ich solchen Berichten genauer nachgegangen bin, stellte sich heraus, dass die Lage besser war, als die Berichte suggerierten“ (S. 16). Dieses Zitat verdeutlicht meines Erachtens die Leitidee des vorliegenden Buches. Dornes fragt, ob unter den Bedingungen spätmoderner Lebenswelten neben „Verlusterfahrungen“ auch Fortschritte für die Menschen in den verschiedenen Lebensaltern nachgewiesen werden können.

Aufbau

Im ersten und zweiten Kapitel betrachtet Dornes Erziehungseinstellungen, die sich als Wechsel vom autoritären zum demokratischen Umgang mit Kindern beschreiben lassen. Die Generationenbeziehungen sind egalitärer geworden, aber deshalb, so Dornes, noch nicht aus den Fugen geraten. Phänomene wie Scheidungen, Zeitmangel, medialer Einfluss auf Kinder sowie Eltern, die Kinder „narzisstisch gebrauchen“ und in Bezug auf ihre eigene Bedürfnisbefriedigung als regrediert beschrieben werden, sind nach Dornes kein Beleg dafür, individuelle oder gesellschaftliche Verfallstheorien aufzustellen. Forschungsstudien belegen, dass heutige Eltern ihren Kindern emotional verbunden sind und viel Zeit mit ihnen verbringen. Nie zuvor waren Eltern ihren Kindern so nah, wie heute. Befürchtungen, dass der Egoismus in der jungen Generation auf dem Vormarsch sei, weil Eltern keine Grenzen ziehen, widerspricht Dornes.

Im dritten und vierten Kapitel wendet sich der Autor den Auswirkungen der Modernisierung auf das Lebensalter der Adoleszenz zu, in dem Selbstfindung und Identitätsentwicklung eine wichtige Rolle spielen.

  • Sind die Annahmen einer Zunahme elterlicher Konfliktvermeidungsstrategien sowie des Verlustes der Orientierungsfunktion der Eltern empirisch haltbar?
  • Bedroht diese Konfliktvermeidung die psychische Entwicklung von Kindern und den Werteverfall?
  • Erbringen liberalisierte Erziehungs- und Sozialisationspraktiken automatisch einen Zugewinn an Freiheit und selbstsicherere Kinder?

Dornes setzt sich hier mit Selbsttheorien auseinander und geht der konstruktivistischen Annahme nach, dass „Selbstfindung“ in der heutigen Zeit eher „Selbsterfindung“ bedeute. Er geht davon aus, dass liberalisierte Erziehungsstile neue Freiheiten für Kinder ermöglichen aber auch einen Zwang zur Selbsterfindung erhöhen. Die Gefahr der Vereinzellung sei jedoch unbegründet, da die psychische Entwicklung nach wie vor an sozialstrukturelle Restriktionen und Erfahrungen in der frühen Kindheit gebunden bleibt.

Im fünften und sechsten Kapitel geht Dornes der Frage nach, ob der liberale Einstellungswandel in Familien und Wertepluralität zu einem sozialintegrativen Problem führen. „Führt Individualismus zum Schwinden von sozialem Engagement und Solidarität?“ (S. 279). Ist die autonome Kompetenz der jungen Generation mittlerweile so entwickelt, dass von einem Verlust sozialer Fähigkeiten im Sinne von Verbindlichkeit und Solidarität ausgegangen werden muss? Dornes geht davon aus, dass sozialintegrative Kompetenzen nicht allein vom Zustand des Subjekts abhängig sind. Die Formen der Solidarität haben sich zwar gewandelt, sind aber nach wie vor zu beobachten. Engagement sei auch nicht per se gut oder schlecht.

Im siebten und achten Kapitel beschließt der Autor seine Überlegungen zum Verhältnis von kulturellem und psychischem Wandel mit Ausführungen zur Frage nach adäquaten Kriterien, die These eines strukturellen Persönlichkeitswandel zu belegen.

  • Ist die Hypothese psychoanalytischer Persönlichkeitstheorien, das inter- und intrapsychische Konflikte die „Psyche“ ausbilden, der angemessene Ausgangspunkt für die Bewertung gesellschaftlicher Veränderungen?
  • Bestätigen Statistiken über eine vermeintliche Zunahme von psychischen Erkrankungen, dass der gesellschaftliche Wandel die Menschen überfordere?
  • Erübrigt die Quantität von Kranken die Frage nach der Qualität moderner Lebensstile?

Krankheiten haben einen Bezug zum gesellschaftlichen Leben. Ihre Wahrnehmung hängt allerdings auch vom zivilisatorischen Fortschritt ab, von den neuen Möglichkeiten, sie zu diagnostizieren.

Diskussion

Martin Dornes geht es um ein „realistisches“ Bild unserer Gesellschaft und ihrer Mitglieder. Was die einen als Gefahr identifizieren, können andere als kulturelle Neubewertung begreifen. Die Geschichte der Kindheit in Deutschland sei auch eine Erfolgsgeschichte, die Mut mache und Zukunft habe und eine Vorstellung von dem ermögliche, was fehlt und möglicherweise verloren geht (vgl. 16). Durch die Annahme der progressiven Differenzierung moderner Gesellschaften sind Katastrophenszenarien, etwa die These tyrannisch gewordener Kinder, empirisch nicht haltbar. Der Autor verschweigt nicht, dass er zu „Stabilitätsbehauptungen“ statt „Labilitätsvermutungen“ neigt (S. 429).

Dornes referiert und belegt „Verfallsannahmen“, denen er anschließend aus sozialwissenschaftlicher bzw. konstruktivistischer Perspektive begegnet. Wie können die Hypothesen vieler Erziehungsratgeber und zeitkritischer Beobachter beurteilt werden? Stimmt die These, dass die Bindungsbereitschaft und Beziehungsfähigkeit zerfalle? Verformt eine mediale Reizüberflutung und die Beschleunigung und die Enttraditionalisierung unser Selbstempfinden?

Jeder Gefährdungshypothese stellt er sozialstrukturell oder historisch argumentierende Theorien und Studien gegenüber, die die Einschätzung des Risikos relativieren. Durch die Argumentationsweise eröffnet Dornes neue Interpretationsperspektiven. Die in vielen semiprofessionellen Studien postulierten Wünsche nach stärkerer Disziplinierung von Kindern, um negative gesellschaftliche Veränderungen abzuwenden, hält der Autor für unangemessen. Erklärungsversuche, die von einem bestimmbaren Ursache-Wirkungszusammenhang ausgehen, sind ihm fragwürdig.
In seinem Buch geht Dornes des Weiteren davon aus, dass jede Epoche Konflikte erzeugt, die als Chance oder Risiko gewertet werden können (vgl. S. 16). Kindheit und Jugend sind die Lebensphasen, die von der erwachsenen Generation mitgestaltet werden. Deshalb interessiert sich Dornes für das moderne erzieherische Verhalten von Eltern. Erziehung ist wiederum vom gesellschaftlichen Wandel abhängig. Eine fortschreitende Modernisierung wirkt auf die Einstellungen der Menschen in ihren Generationenbeziehungen und Generationenlagen. Die ständige Verflechtung individueller und gesellschaftlicher Verhältnisse spiegelt sich im Aufbau des Buches. „Die Modernisierung der Seele“ ist ein Buch mit dem der Autor auf heutige komplexe Zusammenhänge von Kindheit und Sozialisation und damit von Erziehung und Gesellschaft eingeht.

Fazit

Das vorliegende Buch überzeugt darin, dass die Argumente eines Bedrohungsszenarios durch die der Ermöglichung kontrastiert werden. Dass Veränderungen positiv und negativ beurteilt werden können, wird bei der Lektüre des Buches immer wieder sichtbar. Diese Mehrdeutigkeit eröffnet Perspektiven auf die Wahrnehmung von Veränderungen. Ich frage mich nur, ob diese Befunde helfen, ein realistisches Bild von Kindern und Eltern zu entwerfen. Jede Modernisierungsdebatte greift zu kurz, die sich allein auf ein Bedrohungsszenario oder eine Verbesserung von Verhältnissen bezieht. Die dialektische Wahrnehmung ist nicht überholt.

Dieses Buch hilft, sich bewusst zu machen, dass Ansprüche an Erziehung und Ansprüche an ein sinnerfülltes Leben auch eine neue Sensibilität für psychische Prozesse nach sich zieht. Soziale Realitäten verändern sich heute so schnell, dass neue Anforderungen an das Individuum gestellt werden, die emotional nachvollzogen werden müssen.
Die im Buch vorgetragene Kritik an semiprofessionellen Verfallstheorien und der weitgehend fehlenden Öffnung der Psychoanalyse für sozialwissenschaftlich empirische Forschung täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass jede Theorie hypothetisch ist. Auch empirische Studien bieten keine „objektiven“ Daten sondern sind ihrerseits wissenschaftliche Konstrukte. Gerade die in diesem Buch zitierten Studien bestärken, dass eine Objektivität von Deutungen der sozialen Wirklichkeit nicht möglich ist. Der zu Recht kritisierte Datenpositivismus der Sozialreportagen und journalistischen Beiträge kommt leider allzu oft auch in den Wissenschaften vor. In der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Erkenntnisse wird allerdings die Notwendigkeit eines Diskurses deutlich. Ob die Leser und Leserinnen der Erziehungsratgeberliteratur von diesem Buch beeindruckt werden, ist für mich fraglich.
Martin Dornes glaubt, dass eine überwiegende problembezogene Wahrnehmung dazu führe, problematische Phänomene im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu deuten (vgl. S. 427ff). Aber, können atmosphärische Wahrnehmungen das bewirken? Meiner Ansicht nach wollen Verschlechterungsdiagnosen polarisieren. Kulturpessimistische Ansichten wollen aufmerksam machen, dass Fortschritt nicht nur positive Seiten hat. Dieses Buch gibt mir Anlass, auch über die Schwierigkeiten konstruktivistischer Theoriebildung nachzudenken.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 13.07.2012 zu: Martin Dornes: Die Modernisierung der Seele. Kind - Familie - Gesellschaft. Fischer Taschenbuch Verlag (Frankfurt) 2012. ISBN 978-3-596-19405-6. Reihe: Fischer - 19405. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13471.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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