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Wilfried Baur: Ansprüche an eine humane Schulgestaltung

Cover Wilfried Baur: Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. 170 Seiten. ISBN 978-3-86585-223-6. 23,90 EUR.

Pädagogische Reihe - Band 23.
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Das Maß für Offenheit

Wenn etwas gemessen werden soll bedeutet dies, dass eine Spannweite vorhanden sein muss… Die berühmte Aussage des Vorsokratikers Protagoras ( 490 – 411 v. Chr.) – Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, wie sie sind, und der Nichtseienden, wie sie nicht sind – wird in der philosophischen und anthropologischen Rezeption über das „Was ist der Mensch?“ in unterschiedlicher und vielfältiger Weise interpretiert und in die Denksysteme eingeordnet (vgl. z. B.: Peter Fuchs, Das Maß aller Dinge. Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen, 2007, 320 S.). In der neuzeitlichen Diskussion gilt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ und das in Artikel 1 der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postulierte Humanum: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“.

Die Überzeugung, dass der Mensch zwar ein Mängelwesen ist, aber kraft seines Verstandes und seiner Gemeinschaftsfähigkeit in der Lage sei, ein eu zên, ein gutes Leben anzustreben (Aristoteles), hat im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs die Maßstäbe dafür gesetzt, dass der Mensch ein lernendes, bildungsfähiges und erziehungsbedürftiges Lebewesen ist. Die UNESCO, die Wissenschafts-, Kultur- und Erziehungsorganisation der Vereinten Nationen, definiert Erziehung als „den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten. Dieser Prozess ist nicht auf spezielle Tätigkeiten eingegrenzt“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, Bonn 1990, S. 16). Dass es einer Erziehung – und damit natürlich auch einer Bildung – bedarf, ist eine uralte Erkenntnis; wie Erziehung und Bildung aber vonstatten gehen solle, eine ebenso alte Kontroverse. Die Littsche Formel vom „Führen oder/und Wachsen lassen“ (Theodor Litt, Führen oder Wachsenlassen. Eine Erörterung des pädagogischen Grundproblems, 1927 / 1949 / 1967), gewissermaßen als gleichgewichtige Zugangsweise zum Erziehungs- und Bildungsprozess, wird ja bis heute bestätigt (Rudolf Dreikurs, Pearl Cassel, Eva Dreikurs Ferguson: Disziplin ohne Tränen, Stuttgart 2009, 180 Seiten, www.socialnet.de/rezensionen/8140.php ) wie widersprochen worden (Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin 2006, 174 S., www.socialnet.de/rezensionen/4096.php ).

Entstehungshintergrund und Autor

Schule als humaner Lebens- und Lernraum, als Institution und demokratische, gesellschaftliche Einrichtung, als Ort für Werteorientierung, -bildung und -entwicklung, soll dialogisch wirken, was bedeutet, dass nicht der autoritär und hierarchisch etablierte „Nürnberger Trichter“ und nicht der verordnete Lehrplan die pädagogischen Prozesse bestimmt, sondern die Offenheit und gleichberechtigte Einstellung zum anderen: „In meiner Offenheit für die Wirklichkeit entwickle ich meine Sicherheit, die für die eigene Offenheit unabdingbar ist. Es ist unmöglich, der Wirklichkeit gegenüber offen zu sein ohne Selbstsicherheit. Aber es ist ebenso unmöglich, eine Sicherheit zu erschaffen, die einen des Risikos für die Offenheit enthebt“ ( Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis, Hrsg., Peter Schreiner u.a., Münster 2008, S. 122, www.socialnet.de/rezensionen/6090.php ). „Dialogische Erziehung“, wie sie u. a. in der Freire-Pädagogik ( vgl. dazu: www.freire.de ) und in der Freinet-Pädagogik (Elise Freinet, Hrsg., Erziehung ohne Zwang. Der Weg Célestin Freinets, Stuttgart 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7840.php ) favorisiert wird, ist eine pädagogische Forderung und Herausforderung für eine humane Schule.

Schule muss sich öffnen für die gesellschaftliche Wirklichkeit, als System genau so wie mit den Inhalten, Methoden und Organisationsformen. Dieser reformorientierten Forderung steht freilich eine Auffassung gegenüber, die schulische Bildung (nur) als Wissensvermittlung versteht. Auch wenn die tumbe und überkommene Einstellung nicht mehr gilt, dass Schule den Funktionierer „herrichten“ soll und Lehrbücher entstehen, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden…; die Einsichten , dass die Schule hin zu einem dialogischen, offenen Ort verändert werden muss, heute in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt mehr denn je, bedarf eines Haurucks.

Der ehemalige Gymnasial- und Gesamtschullehrer Wilfried Baur hat schon mehrere literarische, musikalische und pädagogische Untersuchungen und Projekte durchgeführt, wie eine humane Schule gestaltet werden sollte. Seine „dialogische(n) Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens“ sind Beispiele dafür, wie eine Weiterentwicklung des Theorie- und Praxisanspruchs von Schule aussehen kann. Es ist ein Appell für Theoretiker und Praktiker, ein Handbuch für tätige Veränderer und eine Fundgrube für alle diejenigen, die mit dem derzeitigen Zustand des dreigliedrigen Schulsystems und der Schulorganisation nicht zufrieden sind und für eine humane Schule eintreten.

Aufbau und Inhalt

Wilfried Baur gliedert seine Studie neben der Einleitung und den Schlussbemerkungen in mehrere Kapitel. Er stellt die Frage nach „Erziehung als Wert oder Werte-Erziehung?“, reflektiert den „pädagogische(n) Bezug als Grundlage kommunikativer Gegenseitigkeit“, setzt sich mit dem (gängigen) „Nützlichkeitsdenken“ auseinander, beklagt im gesellschaftlichen Umgang den „Mangel als Wertschätzung“. Daraus ergibt sich für ihn ein „Zwang zum Umdenken“, indem er „Grundsätze prinzipieller Offenheit“ formuliert, Kriterien „zur Bewertung von Offenheit“ aufstellt und sich mit der im gesellschaftlichen und pädagogischen Diskurs vorhandenen „Offenheitskritik“ auseinandersetzt. Offenheit im pädagogischen Denken und Handeln setzt Professionalisierung voraus und erfordert Haltungen wie rationale Autorität und Dialogfähigkeit, Werteerziehung auf der Grundlage von Humanität und Verantwortungsethik. Das scheinbar erlösende und verführerische Zauberwort „Disziplin“ führt (auch) in der Schule zu einem „autoritativen Unterrichten“, das abhängig macht und damit im Erziehungsakt genau das Gegenteil von Offenheit, Selbständigkeit, Selbstbestimmung und vertrauensvollem Miteinander bewirkt; und Vertrauen als (neues) altes „Phänomen, das … Komplexität reduzieren kann und Kooperation erleichtert oder überhaupt erst möglich macht“ ( Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, Berlin 2011, 541 S., www.socialnet.de/rezensionen/12878.php ).

Weil Unterricht als planbarer, bewusst auf Lernen als Verhaltensdisposition und -veränderung hin ausgerichteter Akt der didaktischen und methodischen Reflexion bedarf, also als professioneller, erziehungswissenschaftlicher Auftrag entweder vom Educandor zum Educandus und/oder untereinander verläuft, haben Vorbereitung, Durchführung und Modellbildung im Lernprozess eine unverzichtbare Bedeutung, und zwar für alle Alters- und Schulstufen und -formen. Der Autor bietet für das Konzept der „Öffnung des Unterrichts“ eine fächerbezogene und -übergreifende Skizze an, nicht ohne auch auf die in Bildungs- und Erziehungssituationen wie in bildungspolitischen Zusammenhängen vorherrschenden Machtstrukturen zu verweisen und die Ungerechtigkeiten und Chancenungleichheiten im Bildungssystem zu verdeutlichen ( vgl. dazu auch die soeben erschienene Studie: Stefan Wellgraf, Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung, Bielefeld 2012, 330 S., www.socialnet.de/rezensionen/13484.php ).

Fazit

Ob die „Heranbildung von Mündigkeit im Sinne der … intelligenten, kreativen, selbstverantwortlichen und sozialen Urteils- und Handlungsfähigkeit Lernender“ sich als schulischer Bildungs- und Lernauftrag durchsetzt und mit den didaktischen und Organisationsformen des offenen Unterrichts realisieren lässt, hängt nicht nur vom guten Willen der Beteiligten im Lernprozess ab, auch nicht alleine von der professionellen Kompetenz der Lehrenden, sondern nicht unwesentlich von einem bildungspolitischen Perspektivenwechsel hin zum dialogischen, schülerzentrierten, offenen Unterricht in einer humanen Schule ab. Wilfried Baur formuliert mit seinen „Ansprüche(n) an eine humane Schulgestaltung“ wertvolle und wichtige Bausteine dafür.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.06.2012 zu: Wilfried Baur: Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. ISBN 978-3-86585-223-6. Pädagogische Reihe - Band 23. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13481.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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