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Thorsten Hunsicker: Männlichkeitskonstruktionen der Jungenarbeit

Cover Thorsten Hunsicker: Männlichkeitskonstruktionen der Jungenarbeit. Eine gender- und adoleszenztheoretische Kritik auf empirischer Grundlage. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2012. 336 Seiten. ISBN 978-3-8997-4763-8. 39,80 EUR.
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Thema

Die Publikation betrachtet die geschlechterbezogenen Bildungskonzepte mit Jungen.

Aufbau

  1. Grundzüge einer Theorie adoleszenter Triangulierung
  2. Konzeptionen der Jungenpädagogik: Analyse und Kritik
  3. Methode, Erkenntnistechnik und Interpretation
  4. Empirischer Teil: Das Jugendbildungsseminar
  5. Schlussbetrachtung

Inhalt

Wenn der Autor sich im ersten Kapitel mit den Grundzügen einer Theorie adoleszenter Triangulierung – und die Triangulierung begreift als Strukturprinzip primärer Wirklichkeitskonstruktion und dreigliedriger Erfahrung interpersonaler Interaktions- und Kommunikationsprozesse – auseinandersetzt, dann behandelt er hier:

  • die psychosozialen Organisationsmuster der Triangulierung. „Den Kern der innerpsychischen wie körperlichen Veränderungsprozesse bildet die Dynamisierung von bis dahin festgelegten kindlichen Identitäten, sowie der Verlust gewachsener Identifikationen und der Zugewinn an Potentialen in der Neugestaltung der Selbstrepräsentanzen und sozialen Beziehungen als Ausdruck adoleszenter Triangulierung“ (S. 19 f.). In diesem Abschnitt werden behandelt:
    • die Intersubjektivität und dreigliedrige Strukturbildung;
    • die Selbstwahrnehmung und Objektbildung:
    • die ödipale Triade und der adoleszente Konflikt;
    • die Triangulierung sexueller Repräsentanz;
    • die Abgrenzung und Segregation;
  • die präsentative Trianguliering und Differenzierung – und hier geht es dann um:

    • Ambivalenz und Mehrperspektivität;
    • Ambiguität und Wir-Erfahrung;
    • Symbolisierung triadischer Repräsentanzen;
  • die symbolischen Überschreitungen von Geschlechtsidentitäten – und „die symbolische Bedeutung der Repräsentation geschlechtsspezifischer Erfahrung und ihrer Beziehungskonstellationen gründet in der Geschlechterdifferenzierung, die durch Identifikation entstanden ist“ (S. 48);

  • die sprachliche Triangulierung und Differenzierung:

    • Assoziieren: Perspektivität als Selbstüberschreitung;
    • Kommunizieren: Alter-Ego-Bedürfnis und Selbstkohärenz;
  • die Selbstbehauptung und Anerkennung im Wir-Selbst der Gruppe. Hier geht es um:

    • die Konfrontation mit dem realen Anderen;
    • dem Ich und dem Wir als Abbild der Gruppe;
    • der Wir-Repräsentanz. In Anlehnung an Bosse unterscheidet der Verfasser: das Ich mit dem Wir; das Ich gegen das Wir; das Ich im Wir.

Den Grundzügen folgend werden die Konzeptionen der Jungenpädagogik kritisch analysiert. So lassen sich beispielsweise „gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsstrukturen in Bildungsdiskursen und Identitätsbildungsprozessen als geschlechtersegregierende Sozialverhältnisse identifizieren und deren Vergeschlechtlichung und bipolare Zuweisung kategorial erfassen, dokumentieren und interpretieren“ (S. 71). Es geht um:

  • die geschlechtertheoretische Grundlage der Heteronormativität;
  • Gründungsszenen jungenpädagogischer Maßnahmen. Es entwickeln sich mit Blick auf die große Anzahl von Programmen der Mädchenarbeit Konzepte, welche „die Präsenz der Männer/Väter als Kern der pädagogischen Arbeit erachten“ (S. 78);
  • die hegemoniale Männlichkeit als dyadisches Prinzip der Nachfolge;
  • jungenpädagogische Handlungsprinzipien, wie:
    • die Intervention als Handlungsprinzip zur Kompensation einer defizitären Männlichkeit;
    • die Initiation, womit der Kampf um das Mannsein propagiert wird.
  • konzeptionelle Beugungsmuster geschlechtlicher Differenz, als da wären:

    • die Kommutation – und das ist eine Unterstützungsleistung, die der Herausbildung der männlichen Selbstwahrnehmung und der Modernisierung des Geschlechterverhältnisses dient. Erreicht wird dies durch die Modifikation und den Austausch von Rollenstereotypen;
    • der Paternalismus – und das sind Charakeristiken und biologische Merkmale, welche als festgeschrieben und unabänderlich anzusehen sind.

Zu Methode, Erkenntnistechnik und Interpretation bedient sich der Verfasser einer hermeneutischen Verstehenspraxis. „Methodologisch wird […] ein interpretatives Verfahren angewandt, das neben den sprachlich manifesten Gehalten auch die nicht versprachlichten, also sinnlich-symbolischen Ausdrucksmuster […] im szenischen Verstehen aufzuspüren und kontextbezogen zu verstehen versucht“ (S. 131).

Der empirische Teil befasst sich mit einem homogenen Jugendbildungsseminar einer neunten Hauptschulklasse. Hier liefert der Autor:

  • einen Überblick über das Seminar, den Arbeitsraum und die Jungengruppe: Die an die jeweiligen Bedürfnisse und Interessen der Arbeitsgruppe angepassten und entsprechend modifizierten Arbeitseinheiten orientieren sich an einem vom Jugendamt vorgegebenen Rahmenentwurf;
  • die Vorgespräche und den organisatorischen Rahmen: Der Autor berichtet von einem Erstgespräch mit den Bildungsreferenten und demVorbereitungstreffen des Seminars;
  • die Kleingruppenarbeit, in Form von Triaden der Selbst-Erzeugung, Individuierung und Autonomie: In diesem Abschnitt „wird die geschlechtertrennende Bldungspraxis an Fallmaterialien der Kleingruppenarbeit diskutiert und aus der Perspektive sozialisationssoziologischer, subjekttheoretischer und geschlechtskritischer Standpunkte heraus strukturiert und interpretiert“ (S. 165);
  • Geschlechterdiskurse: Hier wird nachgegangen:
    1. ob geschlechterpositionelle Zuweisungen für die jugendlichen Teilnehmer relevant sind um: adoleszente Handlungspotentiale zu eröffnen; Verfügungsspielräume auszuloten und demgegenüber eine kritische Distanz herauszubilden, welche es den Jugendlichen dann ermöglicht, sich von den eigenen geschlechtlichen Identifizierungen zu lösen:
    2. der geschlechtlichen Differenzierung als Verinnerlichung von Identifizierung, Angewiesenheit, Abgrenzung und Loslösung;

    3. der Amalgamisierung hegemonialer Standpunkte zu Männlichkeit;

    4. der Erotisierug des Körpers im Dienst der Unterwerfung: Zur Körperselbsterfahrung wird hier die Körpermassage verwendet, „bei der die fürsorgliche und pflegende Nähe sowie die Sensibilisierung in der Wahrnehmung des eigenen wie des fremden Körpers im Vordergrund steht“ (S. 291).

In der Schlussbetrachtung befasst sich Hunsicker mit:

  • der Rekonstruktion und Bedeutung kollektiver Sinnbildung;
  • der Kritik geschlecherkategorialer Jugendbildung.

Fazit

Die besprochene Publikation ist für die sich mit der Jungen- bzw. Männlickeitsforschung befassenden Wissenschaftler sehr zu empfehlen.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 29.06.2012 zu: Thorsten Hunsicker: Männlichkeitskonstruktionen der Jungenarbeit. Eine gender- und adoleszenztheoretische Kritik auf empirischer Grundlage. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2012. ISBN 978-3-8997-4763-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13488.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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