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Sabine Penka, Roland Fehrenbacher (Hrsg.): Kinderrechte umgesetzt

Cover Sabine Penka, Roland Fehrenbacher (Hrsg.): Kinderrechte umgesetzt. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2012. 208 Seiten. ISBN 978-3-7841-2065-2. 21,90 EUR.
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Thema

Wenn von Kinderrechten die Rede ist, wird gemeinhin auf die UN-Kinderrechtskonvention Bezug genommen, die 1989 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen nach mehr als zehnjähriger Vorarbeit beschlossen und von fast allen Staaten der Welt (mit Ausnahme der USA und Somalias) ratifiziert worden ist. Nach meinem Verständnis sind als Kinderrechte zwar nicht nur „kodifizierte“, also in zwischenstaatlichen Verträgen und nationalstaatlichen Gesetzen fixierte Rechte zu verstehen, sondern auch Rechte, die von sozialen Bewegungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen (auch von Kindern) hervorgebracht und eingefordert werden (sie werden mitunter als „ungeschriebene Rechte“ bezeichnet). Aber als völkerrechtlicher Vertrag, der die beteiligten Staaten verpflichtet, sich an die vereinbarten Rechte zu halten, kommt der Kinderrechtskonvention zweifellos besondere Bedeutung zu. Sie hat in Deutschland ebenso wie in vielen Ländern der Welt für die Belange und Interessen von Kindern sensibilisiert.

In Deutschland wurde seit 1990 unter Bezug auf die Kinderrechtskonvention eine Reihe von Gesetzen beschlossen, die Kindern zugutekommen. Ein Beispiel ist das seit 2000 bestehende Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung, in dem körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen für unzulässig erklärt wurden. Mehrere Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und Jugendverbände, die in der „National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland“ zusammengeschlossen sind, setzen sich in der Öffentlichkeit und gegenüber den staatlichen Behörden für die stärkere Beachtung der Kinderrechte ein. Auch in ihrer eigenen Praxis und ihren Einrichtungen versuchen sie, den Kinderrechten Rechnung zu tragen, indem sie z.B. die Mitwirkungsmöglichkeiten der Kinder bei allen sie betreffenden Entscheidungen erweitern und ihnen erleichtern, sich gegen Rechtsverletzungen zu wehren.

Aber insgesamt besteht im staatlichen ebenso wie im nicht-staatlichen Bereich noch erheblicher Nachholbedarf. In Deutschland ist die Rechtsstellung der Kinder weiterhin schwach und ein Wahlrecht wird ihnen bis heute verwehrt. In den Schulen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe haben sie kaum Mitwirkungsmöglichkeiten. In überdurchschnittlichem und sogar wachsendem Maße sind Kinder von Armut betroffen, von einer Gleichheit der Bildungschancen kann nicht die Rede sein, als behindert geltende Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund werden im Vergleich zu deutschstämmigen Kindern noch immer in einer Weise benachteiligt, die den Anforderungen der UN-Kinderrechtskonvention diametral widerspricht. Im Unterschied zu anderen Ländern wurde bis heute in Deutschland kein unabhängiges Monitoring-System geschaffen, dass den Stand und die Probleme der Umsetzung der Kinderrechte überprüft und den Kindern ermöglicht, ihre Rechte einzufordern. Vor diesem Hintergrund ist ein Buch von besonderem Interesse, das sich ausdrücklich der Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland widmet.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Umfeld des Deutschen Caritas-Verbandes entstanden, bei dem die Herausgeberin und der Herausgeber im Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe Verantwortung tragen. Der Fachbereich hatte 2005 einen Prozess initiiert, um Kinderrechte in den Diensten und Einrichtungen der Caritas verstärkt zu thematisieren und umzusetzen. Insbesondere sollten die Bestimmungen der UN-Kinderrechtskonvention überall dort zum Tragen kommen, wo mit Kindern, Jugendlichen und deren Familien mittelbar und unmittelbar zusammengearbeitet wird. Anlass zur Herausgabe des Buches war die Erfahrung, dass die Umsetzung der Kinderrechte im Verband mit einigen Hürden konfrontiert war. So ergaben sich beispielsweise, wie Georg Cremer, der Generalsekretär der Caritas, im Vorwort anmerkt, bei der Einrichtung von Beschwerdemanagement-Systemen im Bereich der stationären Erziehungshilfen Widerstände bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern; sie fürchteten, von Kindern und Jugendlichen als Fachkraft „auf den Prüfstand“ gestellt zu werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch vermittelt einen Einblick in die Versuche, die Kinderrechte nach und nach stärker in der Praxis der Caritas zu verankern. Dieser Prozess wird im Lichte einiger Beiträge von Fachleuten aus der Wissenschaft und verschiedenen Praxisfeldern reflektiert.

In den grundlegenden Beiträgen des ersten Teils erörtern Lothar Krappmann, der bis 2011 Mitglied des UN-Ausschusses für die Kinderrechte war, und Reinald Eichholz, der bis 2002 Kinderbeauftragter des Landes Nordrhein Westfalen war und seitdem maßgeblich in der National Coalition mitwirkt, internationale und auf Deutschland bezogene Aspekte der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention. Die beiden Autoren machen vor allem auf die Hürden aufmerksam, die der Umsetzung in politischen und juristischen Bereichen entgegenstehen, zeigen aber auch Wege auf, wie sie überwunden werden könnten.

Die Beiträge des zweiten Teils beziehen sich auf spezielle Fragen der Umsetzung. Christoph Gräf veranschaulicht die Bedeutung der Kinderrechtskonvention und der UN-Behindertenrechtskonvention für die Ausgestaltung von Hilfen zur Unterstützung junger Menschen „mit Teilhabeerschwernissen“ und deren Familien. Monika Schwenke und Roland Bartning gehen den problematischen Folgen der ausländerrechtlichen Regelungen in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe nach. Reingart Knauer zeigt unter Bezug auf Erfahrungen und Forschungen in Schleswig-Holstein, in welcher Weise das Ernstnehmen und die Mitwirkung von Kindern die Bildungsprozesse in Kindertageseinrichtungen fördern kann. Markus Günter diskutiert, in welcher Weise in Armut lebende Kinder an sozialer Teilhabe gehindert und wie dem begegnet werden kann. Peter Schruth zeigt, warum und in welcher Weise Ombuds- und Beschwerdestellen für Kinder eine Notwendigkeit und Chance für die Umsetzung der Kinderrechte darstellen. Matthias Hugoth formuliert Perspektiven einer „Pädagogik der Kinderrechte“, zu der auch das Einüben von „politischem Ungehorsam“, von Protest, Verweigerung und der Fähigkeit zur Entwicklung alternativer Denk- und Handlungsmodelle gehört.

Der dritte Teil des Buches, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas zu Wort kommen, ist den Versuchen gewidmet, in der Kinder- und Jugendarbeit dieses großen katholischen Wohlfahrtsverbandes den Kinderrechten gerecht zu werden. Die Mitherausgeberin Sabine Penka zeigt, wie verbandsintern Wege zu einer Kinderrechtekultur gebahnt werden können. Michael Spielmann diskutiert die Versuche und Schwierigkeiten, Kinderrechte in der Verbandsstrategie zu implementieren. Silke Bührmann und Nadine Storms vermitteln einen anschaulichen Eindruck von den Herausforderungen, die sich bei der Umsetzung der Kinderrechte im pädagogischen Alltag stellen. Thomas Klöck stellt ein Praxisbeispiel zum sozialen Lernen in der Gruppe vor. Miriam Mordeja und Jeannine Schröder diskutieren Möglichkeiten und Stolpersteine der Partizipation in der offenen Mädchenarbeit. In einem Anhang wird die erstmals 2008 formulierte und 2011 überarbeitete „Leitlinie“ der Caritas zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in den Einrichtungen und Diensten der Caritas dokumentiert.

Diskussion

Die Beiträge des Buches stellen eine gelungene Mischung von grundsätzlichen Reflexionen zur Praxisrelevanz von Kinderrechten und praktischen Beispielen ihrer Umsetzung dar. Es wird deutlich, dass die Umsetzung von Kinderrechten kein technisches Manöver ist, das sich in Gesetzen und Leitlinien erschöpft, sondern ihre Bewährungsprobe erst in der alltäglichen Praxis findet. Die Beiträge lassen einen anschaulichen Eindruck davon entstehen, wie wichtig die Haltung und die (zu lernende) Bereitschaft der erwachsenen Profis ist, den Kindern mit Offenheit und Vertrauen zu begegnen und ihre Handlungsräume und Mitwirkungsmöglichkeiten zu erweitern, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bietet; und dass dazu auch der Mut gehört, sich mit eingefahrenen Verhaltensmustern und festgefügten Machtstrukturen auseinanderzusetzen. Dass dies vor allem an Beispielen eines einzelnen Verbandes demonstriert wird, hätte zwar im Titel des Buches zum Ausdruck kommen können, ist aber für das Verständnis der konkreten Prozesse und zu überwindenden Schwierigkeiten durchaus von Vorteil. Allerdings stellt sich die Frage, was ein emanzipatorisches Verständnis von Kinderrechten, wie es in den meisten Beiträgen der beiden ersten Teile (insbesondere von Eichholz und Hugoth) entfaltet wird, für das Selbstverständnis und die weitere Entwicklung eines an der katholischen Soziallehre orientierten Wohlfahrtsverbandes bedeutet, dessen Handlungskonzeption bisher eher von karitativen Maximen geleitet war. Ich hätte mir gewünscht, dass die Herausgeberin und der Herausgeber, die merkwürdigerweise auf eine eigene Einleitung verzichtet haben, auf diese Frage eingegangen wären.

Fazit

Ein zum Nachdenken anregendes Kompendium grundsätzlicher und praxisbezogener Reflexionen, das den komplexen Charakter und mögliche Wege der Umsetzung von Kinderrechten in einem Wohlfahrtsverband sichtbar werden lässt.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
European Network of Masters in Children´s Rights (ENMCR) c/o Internationale Akademie Berlin (INA gGmbH)
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 20.07.2012 zu: Sabine Penka, Roland Fehrenbacher (Hrsg.): Kinderrechte umgesetzt. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-7841-2065-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13490.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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