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Malgorzata Sobecki: Janusz Korczak neu entdeckt

Cover Malgorzata Sobecki: Janusz Korczak neu entdeckt. Pädologe und Erziehungsreformer. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2008. 305 Seiten. ISBN 978-3-7815-1653-3. 32,00 EUR.

Schriftenreihe zur humanistischen Pädagogik und Psychologie.
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Thema

Janusz Korczak gilt als einer der wichtigsten Reformpädagogen des 20. Jahrhunderts. Als Kind einer seit drei Generationen assimilierten jüdischen Familie wurde er unter dem Namen Henryk Goldszmit am 22. Juli 1878 oder 1879 in Warschau geboren (das genaue Geburtsjahr war ihm selbst unbekannt, da sein Vater ihn im damals russisch besetzten Teil Polens nicht registrieren ließ). Nach dem Medizinstudium war er zunächst als Kinderarzt und später vorwiegend als Pädagoge und Autor von Reflexionen zum Umgang mit Kindern, von Kinderbüchern und Radiosendungen zu Erziehungsfragen tätig (um antijüdische Ressentiments zu unterlaufen, wählte er für die meisten seiner Veröffentlichungen das Pseudonym Janusz Korczak). Korczak hat in Warschau zwei jüdische Waisenhäuser gegründet (1912 Dom Sierot und 1919 Nasz Dom) und sie jahrelang, das erste bis zu seinem Tod, geleitet. Die von ihm in den Waisenhäusern entwickelten und praktizierten pädagogischen Grundsätze und die daraus hervorgegangenen Schriften haben ihn schon damals über die Grenzen Polens hinaus bekannt werden lassen, obwohl er selbst an keiner der internationalen Konferenzen zur Reformpädagogik je teilgenommen hatte. Nach der deutschen Besetzung im Jahr 1939 lebte er seit 1940 bis zu seiner Deportation am 5. oder 6. August 1942 (das genaue Datum bleibt im Dunkeln) im Warschauer Ghetto und versuchte dort unter extrem widrigen Umständen das Dom Sierot weiter zu führen. Zusammen mit den 200 zuletzt von ihm betreuten Kindern und seiner Mitarbeiterin Stefania Wilczyńska wurde er zum „Umschlagplatz“ (so der Nazijargon) getrieben und ins Vernichtungslager Treblinka „überführt“. Dort verlieren sich seine Spuren, doch es ist zu vermuten, dass er nach der Ankunft gewaltsam von den Kindern getrennt und ebenso wie sie und seine Mitarbeiterin in der Gaskammer ermordet wurde. Dies geschah nur wenige Kilometer von den ehemaligen Sommerkolonien entfernt, in denen Korczak 35 Jahre zuvor seine ersten Erfahrungen als Erzieher gesammelt hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nach und nach Texte von Janusz Korczak in verschiedene Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt und an verstreuten Orten publiziert. In den Jahren 1996 bis 2005 erschien sogar eine 15-bändige kommentierte Gesamtausgabe (Sämtliche Werke, ediert von Friedhelm Beiner und Erich Dautzenroth, Gütersloher Verlagshaus). Auch über das Leben und Werk von Janusz Korczak gibt es in deutscher Sprache eine Reihe von Abhandlungen, aber sie blieben auf bestimmte Aspekte seines Lebens und Schaffens beschränkt, nahmen ihn kaum als Kinderforscher wahr, oder relativierten seine radikale Parteinahme für die Kinder und die politischen Implikationen seiner Pädagogik. Erst in jüngster Zeit wurde z. B. Korczaks Bedeutung als Pionier eines emanzipatorischen Verständnisses der Kinderrechte gewürdigt (siehe Friedhelm Beiner: Was Kindern zusteht. Janusz Korczaks Pädagogik der Achtung. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008; Waltraut Kerber-Ganse: Die Menschenrechte des Kindes. Die UN-Kinderrechtskonvention und die Pädagogik von Janusz Korczak. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2009). Die von ihm formulierten Kinderrechte waren noch bei der mehr als zehn Jahre währenden Erarbeitung der UN-Kinderrechtskonvention, die am 20. November 1989 von der UN-Generalversammlung beschlossen wurde, unbeachtet geblieben.

Zu den wenigen auf polnischen Originalquellen basierenden Arbeiten in deutscher Sprache gehört auch das hier zu besprechenden Buch. Vier Jahre nach seiner Erstpublikation soll es hier rezensiert werden, weil sich in diesem Jahr zum 100. Mal der Tag jährt, an dem Korczak das erste Waisenhaus Dom Sierot gründete, und zum 70. Mal der Tag, an dem er und die Kinder seines Waisenhauses ermordet wurden. Um daran zu erinnern, hat das Parlament (Sejm) der Republik Polen 2012 zum Internationalen Korczak-Jahr erklärt. Im Rahmen des Korczak-Jahres veranstaltet der European Master in Childhood Studies and Children's Rights (EMCR) an der Freien Universität Berlin am 13. Oktober 2012 ein internationales Symposium, das Korczak als „Pionier der Kinderrechte“ würdigt (in Zusammenarbeit und mit Unterstützung der Botschaft der Republik Polen, der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin, des Deutschen Instituts für Menschenrechte, der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland sowie des Instituts für internationale Studien zu Kindheit und Jugend der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie an der Freien Universität Berlin).

Aufbau und Inhalt

In dem Buch von Malgorzata Sobecki, das aus einer Dissertation an der Universität Kassel hervorging, werden erstmals auf der Grundlage polnischer Originalquellen Korczaks Bezüge zu verschiedenen Strömungen der Reformpädagogik und Kinderforschung innerhalb und außerhalb Polens aufgearbeitet. Die Autorin geht neben Korczak auch auf die bisher wenig beachteten Arbeiten von Maria Grzegorzewska (1888-1956) und Helena Radlińska (1879-1954) ein, mit denen Korczak in regem Austausch stand.

Sobecki begründet ihr historisches Forschungsvorhaben damit, dass Korczak in der bisherigen pädagogischen Geschichtsschreibung hauptsächlich als Pädagoge bzw. charismatischer Erzieher und Begründer eines einzigartigen Erziehungskonzeptes sowie als Arzt betrachtet wurde. An den grundlegenden Abhandlungen zur internationalen Reformpädagogik kritisiert sie, dass Korczaks pädagogischem Konzept bisher kaum Beachtung geschenkt wurde. Um diesem Forschungsdesiderat entgegenzuwirken, geht Sobecki vor allem den intensiven Verbindungen Korczaks zu bisher wenig bekannten polnischen Reformpädagoginnen sowie anderen eher prominenten Kinderforscher/innen, Pädagog/innen und Psycholog/innen in anderen Ländern nach und fragt nach ihrer wechselseitigen Beeinflussung. Auf diese Weise versucht sie, sein Lebenswerk auf dem Hintergrund der damaligen Reformbestrebungen in Polen und der europäischen Entwicklungen neu zu positionieren.

Im ersten Kapitel wird das pädagogische Konzept von Janusz Korczak in Beziehung zu den Konzepten von Helena Radlińska und Maria Grzegorzewska dargestellt, von denen bisher weder deutsche Übersetzungen noch Monographien vorliegen.

Im zweiten Kapitel werden auf eindrückliche Weise die Lebensläufe Korczaks und der beiden polnischen Sozialpädagoginnen geschildert.

Das dritte, besonders ausführliche Kapitel dient der Aufarbeitung von Korczaks Beiträgen zur damals als Pädologie bezeichneten Kinderforschung und rekonstruiert die wichtigsten Strömungen dieses Forschungszweigs in Polen sowie anderen europäischen Ländern und den USA.

Das vierte Kapitel konzentriert sich auf die Zusammenarbeit und Auseinandersetzung Korczaks mit Helena Radlińska, deren Einfluss auf die damaligen reformpädagogischen Bestrebungen bisher weitgehend unbeachtet blieb.

Diskussion

Die Forschungsarbeit von Malgorzata Sobecki vermittelt bis dato unbekannte Einblicke in das gesellschaftliche Umfeld von Korczaks Wirken und Denken als Erziehungsreformer und Kinderforscher, vor allem in seine Verwobenheit mit den seinerzeit in Polen geführten Debatten. Aus ihr geht hervor, dass die von Korczak entwickelten Ansätze einer auf Selbstverwaltung und Gleichberechtigung der Kinder basierenden Pädagogik im Unterschied zu bisher dominierenden Annahmen wenig mit der damals in Europa geführten reformpädagogischen Diskussion verbunden waren und dass Korczak sich selbst vor allem als Kinderforscher bzw. „Pädologe“ verstand, der das pädagogische Handeln nicht den Intuitionen wohlmeinender Kinderfreunde überlassen, sondern auf eine solide wissenschaftliche Grundlage stellen wollte. Dabei versuchte er das Kind in seiner Komplexität und aus dem Blickwinkel verschiedener Wissenschaftsbereiche zu untersuchen. Manche Untersuchungen, die Korczak systematisch und planmäßig durchführte, waren zwar offensichtlich von der positivistischen, auf Beobachtung basierenden Wissenschaftstradition beeinflusst, aber er grenzte sich dezidiert von Laborexperimenten ab, mit denen damals viele Pädologen die Verwissenschaftlichung der eigenen Disziplin begründen wollten. Im Gegensatz zu den Pädologen, die nach allgemeinen Gesetzen des kindlichen Lebens suchten, sah er das Verhalten des Kindes stets situativ gebunden und wollte es in seiner alltäglichen Lebenswirklichkeit und vor allem aus dessen eigener Perspektive verstehen.

Aleksander Lewin (1915-2002), der Korczak noch als junger Erzieher im Dom Sierot erlebte und später für die erste polnische Gesamtausgabe seiner Werke verantwortlich war, charakterisierte im Rückblick dessen Credo so: „Es ist eine leidenschaftliche Hingabe nötig; man muss das Kind nicht nur verstehen, man muss auch fühlen wie ein Kind, mit ihm leiden, die Welt mit Kinderaugen anschauen, seine Position einnehmen, man muss in das Wunderland des Kindes eindringen […]. Man muss wie ein Kind denken, fühlen und erleben, kindlich reagieren. Man muss ein Kind werden, während man erwachsen bleibt.“ Auch Michael Langhanky (Die Pädagogik von Janusz Korczak, Luchterhand-Verlag, Neuwied 1993, S. 122) wies schon darauf hin, dass es Korczak bei seiner Forschung „nicht so sehr um allgemeingültige Muster des Verhaltens“ ging, „sondern vielmehr um eine Methodik des Beobachtens, des Verstehens der individuellen Muster. Es geht ihm um die Einbeziehung des Beobachters, des Erziehers und Lehrers in diese Methodik, um die Einbeziehung des eigenen Kommentars, der eigenen Erlebnisse und Gedanken bei der Durchführung der Beobachtung. Die Beobachtungen sollen nicht zu schnellen Synthesen, allgemeinen Formulierungen oder Erkenntnissen zusammengefasst werden.“

Sobeckis Darstellung von Korczaks Beziehungen zur „pädologischen Bewegung“ sind, wie sie selbst hervorhebt, auf Polen und Westeuropa konzentriert. Ihre Archivstudien fördern zahlreiche bisher wenig bekannte Aspekte dieser Bewegung zutage und geben so auch der Korczak-Forschung neue Impulse. Allerdings bezieht Sobecki manche Strömungen, vor allem die der kulturhistorischen Schule, die sich in der frühen Sowjetunion unter anderem mit den Namen von Lew Wygotski, Alexei Nikolajewitsch Leontjew und Alexander Luria verbinden, nicht mit ein. Auch andere Strömungen der damals entstehenden subjektorientierten Kinderforschung, die das Leben und die Lebensverhältnisse der Kinder in durchaus ähnlicher Weise wie Korczak zu verstehen suchten, werden von ihr nicht berücksichtigt. Ich denke hierbei vor allem an die Arbeiten von Siegfried Bernfeld und Martha Muchow. Den Parallelen und Bezügen zwischen ihnen und Korczaks Verständnis von Pädologie und Pädagogik nachzugehen, wäre eine reizvolle und vielversprechende Aufgabe künftiger Forschung. Dabei könnte auch der Fülle von Arbeiten zur Vorschulerziehung und Kindergartenpraxis, zur Arbeit mit elternlosen und auf der Straße lebenden Kindern und Jugendlichen und den in diesem Zusammenhang entstandenen Ansätzen von Kinder-Selbstorganisation nachgegangen werden, die in den 20er Jahren sowohl in Westeuropa als auch in der jungen Sowjetunion entstanden.

Mit Blick auf Korczaks pädagogische Praxis stellt Malgorzata Sobecki auf bewegende Weise dar, wie das Verhältnis zwischen Korczak und Radlińska sowie Maryna Falska (1877-1944), Korczaks wichtigster Mitarbeiterin im Nasz Dom, von wachsenden Spannungen geprägt war, die in divergierenden Auffassungen über das pädagogische Konzept gründeten und letztlich zu Korczaks Rückzug aus diesem Waisenhaus führten. Während Korczak auf die Wirkungen des alternativen Erziehungsmodells der Selbstorganisation der Kinder vertraute und die Kinder so gegen die zerstörerischen und demoralisierenden Einflüsse des gesellschaftlichen Umfeldes zu wappnen hoffte, war es für die beiden Pädagoginnen vorrangig, die Einrichtung(en) zur Nachbarschaft zu öffnen und sich auf die „Meliorisation des Milieus“ (Radlińska) zu konzentrieren. Korczak versuchte allerdings auch selbst, wo immer möglich, den Kindern der Waisenhäuser den Besuch öffentlicher Schulen zu ermöglichen, und hat mit ihnen immer wieder Sommerkolonien veranstaltet. Seine Praxis in den Waisenhäusern hatte mit der in der Fürsorgeerziehung häufig praktizierten „geschlossenen Unterbringung“ nicht das Geringste zu tun. Sie ist bis heute eine Herausforderung, die Lebensverhältnisse der in Heimen lebenden Kinder nach demokratischen Grundsätzen und mit weitgehenden Partizipationsrechten der Kinder zu gestalten.

Angesichts der Kritik, die an Korczaks Pädagogik im damaligen Polen in oft polemischer und verletzender Weise vorgebracht wurde, betont Sobecki, dass das von Korczak vertretene Konzept, der Entwürdigung und Entmündigung der Kinder durch die Erwachsenen mittels der auf Selbstorganisation basierenden „Kindergesellschaft“ entgegenzuwirken, weitgehend erfolgreich gewesen sei. Trotz der von Korczak selbst immer wieder beschriebenen Schwierigkeiten und Gefahren sei es gelungen, im alltäglichen Zusammenleben eine Gleichberechtigung aller Heimbewohnerinnen und Heimbewohner im Sinne gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Respekts zu erreichen. Bei der Verwirklichung dieser Grundsätze sei sich Korczak seiner eigenen Grenzen hinsichtlich der Erziehbarkeit bzw. Beeinflussbarkeit der Kinder durchaus bewusst gewesen. Dazu hätten nicht zuletzt die Ehrfurcht vor dem heranwachsenden Menschen und die von Korczak oft geäußerte, auf das Hier und Jetzt des Kindes konzentrierte Verantwortung des Erziehers gehört.

Bemerkenswert finde ich die Schlussfolgerung Sobeckis, dass Korczak sich selbst gar nicht als Pädagoge sah, wenn er mit Kindern zusammen war. Sie schließt dies aus seiner „radikal demokratischen Sicht der Generationenverhältnisse“, die die Atmosphäre in den Waisenhäusern prägte und die sie unter dem Motto zusammenfasst: „Wir erziehen uns gegenseitig, wir lernen voneinander.“ Sobecki sieht in dem gleichrangigen Verhältnis, das Korczak zwischen Erziehern und Kindern anstrebte und selbst praktizierte, das Erziehungsverhältnis überhaupt in Frage gestellt. Sie vermutet, dass sich Korczak auch aus diesem Grund eher als Pädologe verstanden wissen wollte. Seine Lebensaufgabe habe er darin gesehen, an einer „Synthese des Kindes“ zu arbeiten und das Kind in seiner Ganzheit zu erforschen, um ihm bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Es wäre deshalb kurzschlüssig, Korczaks Handlungsverständnis als apolitische Inselpädagogik zu verstehen. Im Gegenteil strebte er eine strukturelle Veränderung der Umgangsweisen und der gesamten Erziehungsorganisation (nicht nur in den Waisenhäusern) an. Über die notwendige Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Würde des Kindes hinaus ging es ihm – wie Friedhelm Beiner (siehe Literaturhinweis oben, S. 61) anmerkt – „um die Veränderung der die Abhängigkeit und Unmündigkeit der Kinder stabilisierenden Strukturen der Erziehung in Heimen, Familien, Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten u. ä.“

Korczak misstraute politischen Ideologien, die aus seiner Sicht von der Wirklichkeit abgehoben waren und den individuellen Eigenarten, Empfindungen und Denkweisen der Menschen, zumal der Kinder, nicht die nötige Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbrachten. Mit gleichem Nachdruck lenkte er seit seiner eigenen Jugendzeit aber auch den Blick auf die unzumutbaren Lebensverhältnisse insbesondere der Kinder in den Armenvierteln und geißelte die ihnen angetane soziale Ungerechtigkeit. In seiner zuerst 1918 erschienenen Schrift „Wie man ein Kind liebt“ z. B. verglich er die Missachtung der Kinder insgesamt mit dem was früher den Frauen, Bauern und unterdrückten Schichten und Nationen widerfahren sei (Sämtliche Werke, Bd. 4, S. 71). In einem späteren Vortrag begründete er die Notwendigkeit, um die Rechte der Kinder zu kämpfen, mit den Worten: „Das Kind ruft nach Befreiung, das Kind ruft um Hilfe. Das Kind hasst seine Kindheit, – es erstickt. - Kind – ist ein Schimpfwort. Ein Junge protestiert gegen die Sklaverei der Kindheit und manifestiert seine Unabhängigkeit mit einer bitteren, gestohlenen Zigarette zwischen den Zähnen. Diese idyllische Kindheit wurde den Kindern so vergällt, dass die Jugendlichen ohne Bedenken in den Abgrund springen, nur um vor dem verhassten Morgen – dem Frühling des Lebens – davonzulaufen und als Ruine ins Erwachsenenalter einzusteigen. Ein Drittel der Menschheit sind Kinder und Jugendliche, ein Drittel des Lebens ist die Kindheit. Kinder werden nicht erst zu Menschen – sie sind bereits welche. Von den Erträgen und Reichtümern der Welt gehört ihnen ein Drittel – und dies zu Recht und nicht aus Gnade. Die Früchte eines Drittels der siegreichen Gedanken der Menschheit gehören ihnen“ (Sämtliche Werke, Bd. 5, S. 25).

Für Korczak stellten die Kinder nicht nur eine große Zahl dar, sondern auch eine konkrete gesellschaftliche Kraft. Als eine noch immer „unterdrückte Klasse“, die der Willkür der Erwachsenen unterworfen ist, müssten die Kinder die Möglichkeit bekommen, sich aus ihrer Unfreiheit, ihrer Stimm-, Recht- und Besitzlosigkeit zu emanzipieren, um als selbstbestimmte Bürgerinnen und Bürger ihr eigenes und das gesellschaftliche Leben mitgestalten zu können. Aus Korczaks Sicht waren dazu andere Organisationsformen auch der Erziehung erforderlich, die durch eine strukturelle Partnerschaft zwischen Kindern und Erwachsenen gekennzeichnet sind. Dies war der Sinn dessen, was er als „konstitutionelle Pädagogik“ verstand.

Fazit

Das Buch von Malgorzata Sobecki ist mit seiner Fülle an Quellenangaben und Querverweisen nicht immer leicht zu lesen, gibt jedoch einen einmaligen Einblick in den zeitgenössischen Kontext, in dem das Denken und die Praxis von Janusz Korczak als Kinderforscher und Erziehungsreformer entstand. Es regt zu weiteren Forschungen über die Geschichte der Pädologie und die pädagogischen Ansätze an, die sich vom Gedanken der Gleichberechtigung der Kinder leiten ließen. Und es lässt spüren, wie aktuell und notwendig diese sind.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
European Network of Masters in Children´s Rights (ENMCR) c/o Internationale Akademie Berlin (INA gGmbH)
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 27.07.2012 zu: Malgorzata Sobecki: Janusz Korczak neu entdeckt. Pädologe und Erziehungsreformer. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2008. ISBN 978-3-7815-1653-3. Schriftenreihe zur humanistischen Pädagogik und Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13492.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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