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Karim Fereidooni (Hrsg.): Das interkulturelle Lehrerzimmer

Cover Karim Fereidooni (Hrsg.): Das interkulturelle Lehrerzimmer. Perspektiven neuer deutscher Lehrkräfte auf den Bildungs- und Integrationsdiskurs. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 262 Seiten. ISBN 978-3-531-18467-8. 39,95 EUR.

Reihe: Research.
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Thema

Der Sammelband setzt sich aus der Perspektive sogenannter „neuer deutscher Lehrkräfte“ kritisch mit der bundesrepublikanischen Bildungs- und der damit eng verbundenen Integrationsthematik auseinander. Entsprechend der Vielfalt der insgesamt 29 Autoren, die allesamt auf eine erfolgreiche und individuelle Bildungskarriere zurückblicken können und beispielsweise als Lehrer sowie universitäre Lehrstuhlinhaber tätig sind, findet eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen der Bildung und Integration in Deutschland statt, die sowohl auf wissenschaftlicher Basis als auch auf Grundlage unterschiedlicher persönlicher Erfahrungen geführt wird.

Herausgeber

Karim Fereidooni ist Lehrer und unterrichtet in NRW die Fächer Deutsch und Sozialwissenschaften. In seiner Dissertation, die er an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg schreibt, befasst er sich mit den „Diskriminierungserfahrungen von Lehrkräften mit Migrationshintergrund im deutschen Schulwesen“. Zudem ist Karim Fereidooni Mitglied des Netzwerks „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte NRW“.

Aufbau

Das Werk beinhaltet neben der Einleitung des Herausgebers zwei Teile, die jeweils in unterschiedliche Abschnitte gegliedert sind:

Teil I: Perspektiven aus der Wissenschaft

  1. Der Migrations- und Integrationsdiskurs
  2. Bildungsbiographien, Erfahrungsberichte, Erwartungshaltungen
  3. Bildungspolitik bzw. das deutsche Schulwesen
  4. Reformvorschläge für ein gerechtes deutsches Bildungssystem

Teil II: Perspektiven aus der Schule

  1. Der Migrations- und Integrationsdiskurs
  2. Bildungsbiographien
  3. Erfahrungsberichte und Erwartungshaltungen
  4. Bildungspolitik bzw. das deutsche Schulwesen/Reformvorschläge

Inhalt

Teil I des Bandes befasst sich aus wissenschaftlicher Perspektive vorwiegend mit dem deutschen Bildungssystem im Kontext unserer Einwanderungsgesellschaft. Er beinhaltet innerhalb dessen ein äußerst breites Themenspektrum, das von der gegenwärtigen als auch vergangenen Migrations-, Integrations- und Bildungspolitik über konkrete schulische Herausforderungen und Problemlösungsstrategien bis hin zur Darlegung und Implementierung von neuen Bildungsmodellen reicht.

Teil II des Werkes umfasst auf der Grundlage persönlicher Erfahrungsschilderungen sowohl die Sichtweise der Schüler mit Migrationshintergrund als auch die der „neuen deutschen Lehrer“, zu denen die einstigen Schüler mittlerweile geworden sind. So wird der in Teil I theoretisch hergeleitete Blick auf die Problematiken und Möglichkeiten im Rahmen des deutschen Bildungswesens mit individuellen Lebenserfahrungen angereichert und erweitert.

Nachfolgend erlaube ich mir, auf je einen Aufsatz aus Teil I und II des Buches näher einzugehen:

Anne Sliwka beschäftigt sich in ihrem Aufsatz mit der „Diversität als Chance und als Ressource in der Gestaltung wirksamer Lernprozesse“. Ausgehend davon, dass unsere Schulen überwiegend noch immer dem Paradigma der „homogenen Lerngruppe“ (S. 169) aus dem 19. Jahrhundert folgen, welches jeder empirischen Bildungsforschung als auch der realen Vielfalt der Schüler diametral entgegensteht (S. 169f.), plädiert Sliwka für einen Paradigmenwechsel in der deutschen Bildungslandschaft. In Anlehnung an aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft fordert sie eine Abkehr vom Homogenitäts- und eine Zuwendung zum Diversitäts-Ansatz, welcher die Unterschiede der Lernenden als positive Ressource erkennt und fördert (S. 171). Die sich aus dieser Perspektive ergebenden Konsequenzen stellen viele Mechanismen in Frage, die noch heute die Standards des deutschen Schulsystems ausmachen: So wird es beispielsweise als wichtig erachtet, die Lernenden regelmäßig in kooperativen Lernsituationen zusammenarbeiten zu lassen, in denen Menschen unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Leistungsstärke etc. ein Setting geboten bekommen, in welchem sie das gemeinsame Lernen als sozialen Prozess erleben können. Neben dem kooperativen Lernen steht die individuelle Förderung im Fokus, so dass sich leistungsstarke Schüler in Wettbewerben mit anderen messen können (S. 174). Weitere schulische Alltagspraxen, wie etwas das „Sitzenbleiben“, die Vergabe von „Notenlabels“ (S. 175) sowie das Festlegen eines einheitlichen Klassenziels, werden mit der Diversitäts-Schule in Frage gestellt.

Unter dem Namen Anonyme/r AutorIn I wurde der Beitrag mit dem Titel „Danke Deutschland“ verfasst. Der Autor berichtet zunächst von seiner Geburt in Ostanatolien, der ersten, sehr einschneidenden Migrationserfahrung nach Istanbul und der zweiten großen Migrationserfahrung mit der Auswanderung nach Deutschland. Begleitet von vielen widrigen Umständen, die um den unsicheren rechtlichen Aufenthaltsstatus kreisen und die Lebenssituation maßgeblich beeinflussen, schildert der Verfasser seinen beeindruckenden Weg durch das deutsche Bildungssystem des 20. Jahrhunderts. Bedingt durch das herausragende Engagement vieler unterschiedlicher Lehrer konnte der Autor, der seine Schullaufbahn mit großen Sprachdefiziten in der Hauptschule begann, mit dem Abitur abschließen und anschließend Lehramt studieren, so dass er heute selbst als Lehrer tätig ist. Der Verfasser gibt einen Einblick in seine ganz persönliche (Bildungs-)Biographie, die bereits lange vor den Debatten über Interkulturelle Kompetenz und Diversität an Schulen angesiedelt ist, und kommt zu dem Ergebnis: „Ich hatte mit meinen Lehrern richtig Glück gehabt. Sie haben wirklich ihr möglichstes getan, um mich zu unterstützen. Sie haben Kontakt zu meiner Familie aufgenommen. (…) Ich weiß nicht, ob sie interkulturelle Kompetenzen besaßen. Ich weiß aber, dass sie menschliche Kompetenzen hatten.“ (S. 205f.) Auf dieser Grundlage relativiert der Autor die besondere Rolle von Lehrkräften mit Migrationshintergrund mit dem Hinweis, dass die wichtigsten Kompetenzen für den Lehrerberuf von jedem professionell erlernt werden können und unabhängig von einer eventuellen Migrationserfahrung sind (S. 206 f.).

Diskussion

Der Sammelband setzt sich ausführlich und aus vielfältigen sowie bereichernden Sichtweisen mit unterschiedlichen Themen des Bildungs- und Integrationsthemenkomplexes auseinander.

Leider ist der Einstieg des Bandes (Teil I, Abschnitt A) teilweise nicht so differenziert und ausgewogen gelungen wie die übrigen Aufsätze im Buch:

Insbesondere in den Artikeln von Arian Schiffer-Nasserie und von Yalcin Yildiz wird ein fast ausschließlich pessimistisches Bild der deutschen Migrations- und Integrationspolitik nachgezeichnet, das der komplexen Realität nicht gerecht wird. So sind beispielsweise stark verkürzte Beurteilungen zur deutschen Integrationspolitik zu lesen, die dem Motto „Die große Mehrheit der Migranten (…) gehört zu den Verlierern“ (Schiffer-Nasserie, S. 44,) folgen, so dass aktuelle positive Entwicklungen nicht zu Genüge berücksichtigt oder sogar einseitig negativ interpretiert werden.

Der Bezug zur populistischen und polarisierenden Person Thilo Sarrazin in beiden Aufsätzen gibt Aufschluss über die sehr zugespitzte Darstellung der Integrationssituation in Deutschland, die beide Autoren entfalten; Yildiz unterstellt etwa eine „Annexion der Migrationsdebatte durch Sarrazin und seine „Sarrazinen“ (…) (S. 56), womit er der gesamtdeutschen vielfältigen Integrationsdebatte alles andere als gerecht wird.

Zudem entfaltet Yildiz einen undifferenzierten Wir-Sie-Diskurs, der mit einer Nationalisierung der in Deutschland lebenden Personen mit türkischem Migrationshintergrund einhergeht, indem er verallgemeinernd von „türkischen Frauen“ (S. 52) und „türkischer Intelligenz“ (S. 53) schreibt und damit letztlich genau den dichotomischen Diskurs konstruiert, den er gleichzeitig als diskriminierend wahrnimmt (S. 51ff.).

Abgesehen von diesem meiner Ansicht nach sehr kritisch zu bewertenden Einstieg in den Sammelband beeindruckt die Qualität der zahlreichen Beiträge, die vornehmlich differenziert die Chancen und Herausforderungen der Integration und Bildung abwägen (s. z.B. Nausikaa Schirilla: „Bildungsgerechtigkeit für Migrantinnen und Migranten“, S. 133ff.) und sich dezidiert mit begrifflichen Bezeichnungen und Differenzierungen auseinandersetzen (s. z.B. Kritik am Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ bei Antonietta P. Zeoli, S. 163).

Die überwiegend sehr knapp gehaltenen Aufsätze der Autoren, die jeweils oft unter zehn Seiten bleiben und mit Literaturverweisen abschließen, sind umso eingängiger und präziser verfasst, so dass das Gesamtwerk mühelos „in einem Rutsch“ gelesen werden kann.

Einzig die Kapitelüberschriften irritieren an einigen Stellen, da sie nicht immer gleich Aufschluss über die Inhalte der Aufsätze geben; als Beispiel ist hier Teil II zu nennen, der in Abschnitt A mit „Migrations- und Integrationsdiskurs“ betitelt ist, deren Artikel sich jedoch weniger mit dem Diskurs an sich, also der Debatte selber, als vielmehr mit persönlichen Migrations- und Integrationsperspektiven auseinandersetzen. Eine Definition des Diskursbegriffs – idealerweise gleich zu Beginn des Werkes – hätte sicherlich dazu beigetragen, inhaltliche Klarheit zu schaffen, um beim Leser keine Irritationen hervorzurufen.

Fazit

Die besprochene Publikation des Herausgebers Karim Fereidooni ist insgesamt sehr empfehlenswert für alle, die sich für aktuelle Integrations- und Bildungszusammenhänge interessieren und sich mit – weit über die Personengruppe mit Migrationshintergrund hinausgehenden – Perspektiven befassen und/oder für diese sensibilisieren möchten. Gerade die Verbindung von wissenschaftlichen mit persönlichen Sichtweisen lässt dieses Werk so interessant und erfrischend erscheinen und verleiht der Thematik den nötigen individuellen Einblick in die Lebensgeschichten, die letztlich hinter jeder Diskussion über Integration und Bildung stehen.


Rezensentin
Dr. Masoumeh Bayat
Promotion bei Prof. Dr. Sigrid Baringhorst im Fach Politikwissenschaft an der Universität Siegen zum Thema „Die politische und mediale Repräsentation der in Deutschland lebenden Muslime am Beispiel der Deutschen Islam Konferenz (DIK)“. Koordinatorin eines Projekts der Europäischen Kommission zum Thema „Integration“.
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Zitiervorschlag
Masoumeh Bayat. Rezension vom 26.09.2012 zu: Karim Fereidooni (Hrsg.): Das interkulturelle Lehrerzimmer. Perspektiven neuer deutscher Lehrkräfte auf den Bildungs- und Integrationsdiskurs. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18467-8. Reihe: Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13517.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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