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Gerhard Hauck: Globale Vergesellschaftung und koloniale Differenz

Cover Gerhard Hauck: Globale Vergesellschaftung und koloniale Differenz. Essays. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. 225 Seiten. ISBN 978-3-89691-900-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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„Das einzige Weltsystem, das im 19./20. Jahrhundert existierte, war das kapitalistische“

Ob die in der Vergangenheitsform formulierte soziologische Einschätzung gerechtfertigt ist und mit einer neuen, anderen Entwicklung ad acta gelegt werden kann, darf bezweifelt werden. Immerhin: Die zunehmende lokale und globale Gesellschaftskritik, die sich mehr und mehr zu einer Kapitalismuskritik geriert (siehe dazu die zahlreichen Rezensionen bei www.socialnet.de/rezensionen), macht deutlich, dass das weiterhin dominante, global-herrschende kapitalistische System nicht mehr ungefragt als die „natürliche“, „selbstverständliche“, ökonomische Grundlage menschlichen Wollens und Handelns hingenommen wird. Die Alternativen freilich, wie ein modernes Weltsystem aussehen könnte, finden sich in der Spannweite von utopischen, prognostischen bis zu real-existierenden Modellen wieder.

Entstehungshintergrund und Autor

In der (westlichen) Soziologie und Politologie hat vor allem der US-amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein den soziologischen und politischen Diskurs um die Frage nach den (nationalen und internationalen) Entwicklungstheorien bestimmt und darauf aufmerksam gemacht, dass „im Zusammenhang mit den Macht-Asymmetrien zwischen Metropolen und Peripherien ( ) daraus ein permanenter Reichtumstransfer von den letzteren in die ersteren (folgt)“. Auch wenn in den 1980er Jahren im deutschen entwicklungstheoretischen Diskurs formuliert wurde, dass die großen Entwicklungstheorien tot seien und die Menschheit an der Schwelle zur „Weltgesellschaft“ stehe, herrschte in der Soziologie weiterhin die Auffassung vom „methodischen Nationalismus“ vor.

Gerhard Hauck, Professor für Soziologie im Ruhestand und Mitarbeiter der vierteljährlich vom Verlag Westfälisches Dampfboot herausgegebenen Zeitschrift „Peripherie“ (Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt) bezieht in elf Essays Positionen: „Es gilt, den ‚methodischen Nationalismus?, den Essentialismus, für den Staaten, Nationen, Kulturen, Gesellschaften jeweils wesensmäßig von einander geschiedene Größen darstellen, die ihre Dynamik alleine aus sich selbst beziehen, zu überwinden“; denn „sie alle sind hybride, in sich widersprüchliche Gebilde mit durchlässigen Grenzen, sind Außeneinflüssen und historischem Wandel unterworfen“.

Um nämlich die Macht und Vorherrschaft des kapitalistischen Weltsystems verstehen zu können, bedürfe es des historischen Blicks und der Erkenntnis, dass „für das gegenwärtige, das kapitalistische Weltsystem entscheidend ist die koloniale Differenz, durch die seit Beginn der Kolonialexpansion ein Machtungleichgewicht zwischen Metropolen und Peripherien festgeschrieben ist“. Die Postkolonialismus-Aspekte sind jedoch nur ein Anliegen des Autors; insgesamt geht es um „Ideologiekritik“; angesichts der vielfältigen, seit Jahrzehnten, spätestens den Berichten an den Club of Rome und den dramatischen Appellen, wie sie u. a. die Weltkommission für Kultur und Entwicklung 1995 formuliert hat – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – in die Welt gebrachten Aufforderungen zum Perspektivenwechsel, eine wichtige, wissenschaftliche Aufgabe.

Aufbau und Inhalt

Die elf Essays können als eigenständige Analysen zur Globalisierungsdebatte gelesen werden. Allen gemeinsam ist, dass der Autor den (überwiegend) im herrschenden (westlichen) Entwicklungsdiskurs favorisierten Auffassungen widerspricht, dass es vor allem (in Afrika) die „Regulationsmacht“ der Mächtigen sei, gepaart mit „Neopatrimonialismus“, die Entwicklungsdefizite schaffe. Er sieht auch nicht (alleine) im „Good Governance“ – Konzept die Lösung des Problems, weil in ihm „konstitutiv mit eingebauten Beschränkungen seiner instrumentellen Unterordnung unter das Ziel der Wirtschaftsentwicklung und seiner ideellen Unterordnung unter die kapitalistische Eigentumsordnung“ steht.

Im ersten Text „Rhythmen der Globalisierung“ diskutiert der Autor „Expansion und Kontraktion von Herrschaftsformen“, indem er die Entwicklung der Machtpositionen diskutiert, wie sie sich historisch als Geldwirtschaft (vgl. in dem Zusammenhang auch: Jacques Le Goff, Geld im Mittelalter, Stuttgart 2011, siehe Rezension in Socialnet) und in Globalisierungstheorien, etwa bei Talcott Parsons u.a., gebildet haben.

„Der Kolonialismus in der marxistischen, dependenztheoretischen und postkolonialen Diskussion“ wird im zweiten Essay diskutiert und verglichen. In den drei Theorien und Argumentationssträngen ähneln sich die Überzeugungen, dass „die Einbeziehung der späteren Kolonien und Halbkolonien ins kapitalistische Weltsystem nicht anders funktionieren konnte als durch die Errichtung von Systemen unfreier Arbeit und … der Kapitalakkumulation“ hin zu den Metropolen.

Ein Loblied auf einen Theoretiker, Freiheitskämpfer, Politiker und Literaten des Südens, Aimé Césaire (1913 – 2008) formuliert Gerhard Hauck im dritten Text, indem er seine, zusammen mit Léopold Sédar Senghor (1906 – 2001) verfassten Programmatiken zur Négritude vorstellt (vgl. auch: Léopold Sédar Senghor, Négritude und Humanismus, Düsseldorf – Köln 1967, 324 S.) und im post- und antikolonialistischen Diskurs aufruft: „Lest Césaire!“.

Das Versprechen „Global denken, lokal handeln“ will der Autor im vierten Text mit der Frage „Das Lokale als Widerpart destruktiver Globalisierung?“ hinterfragen. Er befasst sich mit den zwei Globalisierungsrichtungen: dem Postdevelopmentalismus mit den wesentlichen Vertretern – Wolfgang Sachs, Majid Rahnema und Gustavo Esteva, sowie dem Kommunitarismus, wie er von Charles Taylor und Alasdair McIntyre vertreten wird. Bei beiden Positionen sieht er sowohl substantialistische wie harmonistische Kulturkonzepte, sowie kulturtheoretischen Monismus, die den Anschein erwecken sollen, es gäbe so etwas wie lokale kulturelle Gemeinschaften, die in der Lage wären, Widerstand und effektive Gegengewichte gegen die destruktiven Auswirkungen von Globalisierung, kapitalistischer Entwicklung und Massenkultur; diese aber gäbe es nicht und nirgends. Was bleibt? Nicht mehr und nicht weniger als das stetige, ernsthafte Bemühen, „dass tatsächlich universell akzeptiert wird, was ‚vernünftig?, ‚wahr? oder ‚richtig? nicht für das ist, was den derberen Stock (oder die diktatorische Peitsche, J.S.), sondern was das bessere Argument für sich hat“.

Im fünften Text setzt sich der Autor mit „Multikulturalismus, Umverteilung, Anerkennung“ auseinander, indem er auf das Dilemma verweist, dass die Anerkennung der Vielfalt der Kulturen scheinbar nur auf zwei Wegen denkbar ist: Entweder die uneingeschränkte Anerkennung aller Lebensformen, kulturellen Praktiken und Traditionen (und damit auch Menschenrechtsverletzungen wie die Beschneidung der Mädchen und Sklaverei); oder die Festlegung (von wem?) eines einzigen Maßstabs, der für alle Menschen gültig zu sein habe; beide Positionen können individuellen und weltgesellschaftlichen Ansprüchen nicht genügen. Einen dritten Weg sieht Gerhard Hauck im Multikulturalismus, wie ihn Charles Taylor in dem 1992 erschienenem Buch Multikulturalism and ‚The Politics of Recognition?“ formuliert hat und in den USA und Deutschland kontrovers diskutiert wird. Hauck sieht eine Chance darin, diesen Weg auch zu gehen, wenn es erstens gelingt, gemeinsam definierte Gerechtigkeitspostulate anzuerkennen, zweitens die normative Richtigkeit dialogisch als „bessere Argumente“ zu akzeptieren, und drittens Kultur als einen ständig wandelnden Prozess zu begreifen.

Der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“, eine Grundüberzeugung des Autors, kommt auch im sechsten Beitrag „Authentizität, Essenzialismus, Anti-Essenzialismus“ zum Ausdruck, nämlich beim „Problem der Legitimierbarkeit von Anerkennungs- und Umverteilungsansprüchen unterprivilegierter Minderheiten“. Die Fragen nach im geschichtlichen und kulturellen Prozess entstandenen Identitäten und Selbstvergewisserungen, oder „gemachten“ Identitäten (wie die Maori-Forschung dies aufzeigt), mündet in einer Antwort: „Vermieden werden muss die stabile Hierarchie der Werte und Identitäten, garantiert die Möglichkeit, in jeder spezifischen Situation die einen gegen die anderen reflexiv abzuwägen“.

Mit den siebten bis elften Texten setzt sich der Autor überwiegend mit den gesellschaftlichen, politischen und entwicklungsökonomischen Situationen im Kontinent Afrika auseinander: „Kolonisierung und koloniale Entwicklung in Afrika“, mit der differenzierten Darstellung, wie sich die „Eingliederung Afrikas ins moderne kapitalistische Weltsystem“ vollzog; mit der Diskussion, wie sich „koloniale und vorkoloniale Wurzeln (im) Peripheriestaat Kongo“ zeigen; mit der Auseinandersetzung von Mahmood Mamdanis vielbeachteter und oft zitierter Analyse der afrikanischen Gegenwart und der vom Autor formulierten Frage: „Bürger und Untertanen“ – ein afrikanisches Dilemma? Mit dem zehnten Essay „Schwache Staaten? Überlegungen zu einer fragwürdigen entwicklungspolitischen Kategorie“ greift Hauck in den nationalen und internationalen Entwicklungsdiskurs ein, indem er davor warnt, mit der Metapher „schwache Staaten“ eine Entwicklungspolitik zu vertreten, bei der es in erster Linie darum gehe, die bestehenden (korrupten?) Staatsapparate zu stärken. Im elften und letzten Text des Sammelbandes nimmt der Autor erneut die Kritik an den kontroversen Theorien im Entwicklungsdiskurs auf: „Neopatrimonialismus“ und „Good Governance“. Beide Konzepte ignorierten die „grundlegenden ökonomischen Ungleichheitsstrukturen nationaler wie internationaler Art“ und sie konzentrierten ihre Politik überwiegend auf „Regierungshandeln“ und vernachlässigten andere (zivilgesellschaftliche?) Macht und Teilhabe.

Fazit

Die bis auf wenige bereits in anderen Publikationen in den Jahren von 2004 bis 2010 erschienenen, überarbeiteten, aktualisierten und aufeinander abgestimmten Beiträge wurden vom Autor mit dem Ziel neu publiziert, die in der Soziologie, der Entwicklungspolitik und der Anthropologie in der Moderne formulierten Theorien, Aspekte und Programme durch eine Ideologiekritik zu ergänzen, „um kritische Analyse von aktuellen soziologischen und politologischen Ansätzen, die mittels essentialistischer Gesellschaften als ontologische Gegebenheiten betrachtender, die weltgesellschaftlichen Zusammenhänge ignorierender Konzepte, Gesellschaftsanalyse zu betreiben suchen“.

Die Essays können dazu beitragen, den notwendigen, lokalen und globalen Diskurs darüber zu führen, dass die Entwicklung EINER WELT mit Machtpolitik allein nicht durchzusetzen ist, vor allem nicht, wenn sie auf Positionen beruht, die sich am „methodologischen Nationalismus“ orientiert. Es gilt, deshalb ist der Titel des Sammelbandes gut gewählt, „globale Vergesellschaftung und koloniale Differenz“; ein notwendiger und weiterführender Zwischenruf!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.08.2012 zu: Gerhard Hauck: Globale Vergesellschaftung und koloniale Differenz. Essays. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. ISBN 978-3-89691-900-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13526.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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