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Norbert Neuß: Kinder & Medien. Was Erwachsene wissen sollten

Cover Norbert Neuß: Kinder & Medien. Was Erwachsene wissen sollten. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2012. 144 Seiten. ISBN 978-3-7800-4901-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Norbert Neuß trägt mit der Veröffentlichung „Kinder & Medien“ der Tatsache Rechnung, dass das Heranwachsen heute ohne die Betrachtung von Medien nicht mehr verstanden werden kann. Viele Bereiche des Aufwachsens sind mediatisiert und stellen Anforderungen an Erzieher/innen, Lehrer/innen und Eltern.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Bedeutung der Medien für die Lebenswelt der Kinder. Um diesem Bestreben gerecht zu werden, versucht der Autor immer wieder die Perspektive der Kinder einzunehmen und vermittelt diese exemplarisch anhand von Kinderzeichnungen, Geschichten und Interviews. Aus pädagogischer Sicht werden Leitfragen aus der Medienerziehung und öffentlichen Diskursen zur Mediennutzung geklärt sowie Chancen und Risiken der Medien herausgestellt.

Autor

Dr. Norbert Neuß ist seit 2008 Professor für „Pädagogik der Kindheit – Elementarbildung“ an der Justus-Liebig Universität Gießen und leitet die Studiengänge „Bildung und Förderung in der Kindheit“ (BA) und „Inklusive Pädagogik und Elementarbildung“ (MA). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Medienpädagogik, Ästhetische Bildung, Frühe Kindheit und Elternbildung.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung ist in der Reihe „Kinder & …“ bzw. „Wie Kinder lernen – Was Erwachsene wissen sollten“ beim Verlag Klett/Kallmeyer erschienen. Die Sachbuchreihe richtet sich an Erzieher/innen, Lehrer/innen und Eltern. Sie informiert über die kindliche Sicht auf alltägliche Dinge und soll Antworten auf Fragen geben, die Erwachsene zur Kindheit stellen.

Aufbau

In 14 Kapiteln klärt der Autor viele Fragen der Erwachsenenwelt zur Medienkindheit, angefangen mit der „Mediatisierten Kindheit“ (6) über die Leitmedien Fernsehen, Internet, Handy und Smartphones sowie Games, hin zur Mediennutzung in der Familie, im Kindergarten und in der Grundschule. Die fundierten Fachinformationen werden immer wieder durch Interviewpassagen gestützt und werden den Lesenden durch Beispielgeschichten, Fotostrecken, Kinderzeichnungen, prägnanten Zusammenfassungen und weiteren Informationen nahgebracht. Von großem Nutzen sind die „Einladungen zum genaueren Betrachten“, die zu vielen Kapiteln interessante Internetseiten mit weiterführenden Informationen und Anregungen zur eigenen Auseinandersetzung mit Medien beinhalten.

Inhalt

Das erste Kapitel „Mediatisierte Kindheit“ (6) leitet allgemein die Bedeutung der Medien in der Kindheit ein und begründet damit die Notwendigkeit die Perspektive der Kinder einzunehmen. Eine verständliche Definition von Medien sowie eine Einführung zu Medienwelten und Mediensozialisation von Kindern liefern das Fundament für die folgenden Kapitel.

Die Kapiteln zwei bis sieben beantworten vor allem Fragen zum Fernsehen, welches neben dem Buch das wichtigste Medium im Alltag der zwei- bis fünfjährigen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2013a) sowie der sechs bis 13-Jährigen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2013b) ist.

So leitet das zweite Kapitel den Block mit Informationen und Forschungsergebnissen zum Fernsehverhalten ein und betrachtet dann anhand von Beispielen das Fernsehverstehen und -erleben von Vor- und Grundschulkindern.

Daran anschließend wird in Kapitel drei geklärt, in welchem Zusammenhang Entwicklungsaufgaben mit Medienhelden und Mediengeschichten stehen. Bezugnehmend auf den Ansatz der „Handlungsleitenden Themen“ (vgl. Bachmair 1994) wird „Qualität aus Sicht der Kinder“ (26) als Medienhandeln verstanden, welches an den Entwicklungsthemen der Kinder altersgerecht anknüpft und „zentrale Menschliche Grunderfahrungen und moralische Orientierungen“ (35) fördert.

In Kapitel vier werden Ängste und die Bewältigungsstrategien von Kindern erläutert. Die Verantwortlichkeit der Erwachsenen in diesem Kontext wird in Kapitel fünf „Gewalt und Grenzwertiges“ (48) weiter verdeutlicht. Hier werden u.a. die Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen, der gesetzliche Jugendschutz sowie seine Grenzen und insbesondere Medienkompetenz nach Baacke (1999) näher erläutert.

Dem folgt Kapitel sechs, welches die wichtige Frage klärt, ob Kinder mit Medien etwas lernen können. Der Autor setzt sich hier kritisch-differenziert mit kontroversen Thesen zur Wirkung von Medien auseinander und verdeutlicht die Bedeutung informellen Lernens mit Medien für das Sachwissen, die soziale Interaktion und die Handlungsorientierung.

Kapitel sieben geht auf die Vermittlung von Rollenbildern in audiovisuellen Medien ein und verweist mit dem Titel „Pink für Mädchen, Action für Jungen“ (70) auf eine weiterhin „stark stereotype Geschlechterdarstellungen im Kinder- und Werbefernsehen“ (73). Im Fokus diesen Kapitels steht insbesondere die kindliche Wahrnehmung von Werbung und die Manipulation durch Marketingstrategien mit der notwendigen Konsequenz der Werbe- und Konsumerziehung in der Familie, Vor- und Grundschule.

Das achte Kapitel stellt den Übergang vom Leitmedium Fernsehen zum Internet dar und thematisiert die mediale Körperinszenierung. Anhand von gesellschaftlich vermittelten Idealbildern und der verzehrten Körperwahrnehmung in verharmlosenden Internetforen zu Essstörungen verdeutlicht der Autor die Medienkonvergenz sowie ihre Folgen und lädt zur eigenen Betrachtung ein.

Dem folgt das neunte und längste Kapitel zum „Gamen, chatten, surfen“ (86). Das Kapitel zu virtuellen Welten wird eingeleitet durch Daten, Trends und Charakteristika der neuen Medien und fokussiert schnell Fragen zu Computer- und Konsolenspielen. In diesem Zusammenhang wird wissenswertes über digitale Spielkulturen sowie Faktoren für die Bewertung und Typisierung von Computerspielen – mit Verweis auf hilfreiche Internetseiten – dargelegt. Dem folgt eine Einführung in den Diskurs zur Gewalt in Spielen, Jugendschutzbestimmungen und hilfreiche Informationen zum Thema Mediensucht. Der zweite Teil des Kapitels geht auf Fragen zum Internet ein und gibt den Lesenden eine Vielzahl von hilfreichen Webseiten an die Hand. Es werden die Schwerpunkte Werbung und Kostenfallen, Pornografie und die Kommunikation in Chats erläutert. Zu den Themen werden viele Hinweise und Hilfestellungen für Eltern mitgeliefert.

Daran anschließend befasst sich das zehnte Kapitel mit sozialen Netzwerken. Beispielhaft stellt der Autor das Prinzip des Web 2.0 dar und nutzt dann das mittlerweile geschlossene Netzwerk „schuelerVZ“ zur weiteren Verdeutlichung von Nutzungsgründen, Chancen und Gefahren des Mitmach-Mediums. Abschließend wird auf Fragen des Jugendschutzes und pädagogischen Herausforderungen des Web 2.0 eingegangen.

Der Komplex zu digitalen Welten schließt mit Kapitel elf und der Nutzung von Handys, Apps und Tablets ab. Neben interessanten Zahlen zur Nutzung mobiler Geräte werden Fragen zum Lernen mit Apps, zu Chancen und Risiken der Technik und zur veränderten Kommunikationskultur geklärt.

Der letzte Block – Kapitel zwölf bis 14 – befasst sich mit medienpädagogischen Fragen und Aufgaben in bestimmten medienökologischen Bereichen der heutigen Kindheit. Das zwölfte Kapitel beleuchtet den Medienumgang in der Familie gibt Hinweise für Eltern, insbesondere zum Streitthema Fernsehen. Kapitel 13 richtet sich an pädagogische Fachkräfte in Kindergärten und begründet den Bildungsauftrag Medienbildung. Hier finden sich vor allem Projekt- und Praxisbeispiele, die zum Nachmachen und Weiterdenken anregen. Anschließend erörtert der Autor in Kapitel 14 die Notwendigkeit und die Herausforderungen der Medienbildung in der Grundschule. Es werden Möglichkeiten der aktiven Medienarbeit vorgestellt, pädagogisch-didaktische Hinweise für Lehrende gegeben und für einen offenen Umgang mit der Medienfaszination plädiert.

Diskussion

Norbert Neuß spricht mit seinem Sachbuch „Kinder & Medien“ viele Zielgruppen an und klärt komprimiert und trotzdem fundiert komplexe Fragen der Medienbildung. Jede/r interessierte Leser/in wird in diesem Buch wichtige und nachvollziehbare Informationen, Tips und Hinweise finden. Das Ziel, die Perspektive der Kinder auf Medien zu verdeutlichen und zu stärken ist gelungen. Die vielen unterschiedlichen Zielgruppen des Buches führen jedoch zu dem Problem, mit vielen unterschiedlichen Fragen und Ansprüchen zu dem Thema konfrontiert zu sein. So ist unklar, ob ein einzelnes explizit an Lehrende gerichtetes Kapitel insgesamt einen Mehrwert für diese Zielgruppe darstellen kann. Ebenso haben die verschiedenen Zielgruppen unterschiedliche Anforderungen an Theorie- und Praxisdarstellungen, sodass die wissenschaftlichen Ausführungen für die einen zu viel, für andere zu wenig sein könnten. Der Autor wagt damit einen Balanceakt zwischen Wissenschaftlichkeit und Verständlichkeit, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden und gleichzeitig bearbeitbar zu machen. Dadurch werden die Lesenden insgesamt in die Verantwortung genommen, weiterzudenken, sich zu informieren und Medien als Teil des Alltags zu betrachten. Somit kann das Buch nur als Einstieg in die komplexe Thematik dienen. Weitere Recherchen zu den einzelnen Themen unterstützt der Autor mit einem umfassenden Literaturverzeichnis, Internetseiten und Denkanstößen. An einigen Stellen im Text ist leider undeutlich, woher der Autor sein Wissen und seine Forschungsergebnisse bezieht. Eine kurze Recherche führt vielfach zu den eigenen Publikationen und Forschungen des Autors – hier wären deutlichere Hinweise hilfreich gewesen.

Schlussendlich verdeutlicht die Publikation eindrücklich die Dynamik der Medien. So nimmt das 2012 veröffentlichte Buch mehrfach Bezug auf das soziale Netzwerk „schuelerVZ“ (u.a. Kapitel zehn „Heute schon gegruschelt?“), welches seit 30. April 2013 für immer geschlossen und alle Daten gelöscht wurden. Dies schmälert nicht die wichtigen Informationen und pädagogischen Hinweise, die auf andere Netzwerke übertragbar sind, verdeutlicht aber die Haltbarkeit von Wissen im Internet und somit einen Aspekt der Lebenswelten von Heranwachsenden heute.

Fazit

Insgesamt ist das Buch „Kinder & Medien“ von Norbert Neuß für alle interessierten Erwachsenen, die eine Einführung in das komplexe Thema suchen, sehr empfehlenswert. Durch anschauliche und verständliche Beispiele wird in jedem Kapitel deutlich, welche Bedeutung Medien in der Lebenswelt von Heranwachsenden heute haben und welche Chancen sowie Risiken dies mit sich bringt. So verdeutlich der Autor nachvollziehbar die Notwendigkeit einer verantwortungsvollen Medienerziehung in Familie, Kindergarten und Grundschule und liefert Ideen für deren Gestaltung.

Ergänzende Quellennachweise

  • Baacke, D. (1999): Medienkompetenz als zentrales Operationsfeld von Projekten. In: Baacke et al.: Handbuch Medien: Medienkompetenz. Modelle und Projekte. Bonn, S. 31 – 35
  • Bachmair, B. (1994): Handlungsleitende Themen: Schlüssel zur Bedeutung der bewegten Bilder für Kinder. In: Deutsches Institut (Hrsg.): Medienerziehung im Kindergarten, Teil 1: Pädagogische Grundlagen. Opladen, S. 171-184.
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2013a): miniKIM 2012. Kleinkinder und Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 2- bis 5-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. URL: www.mpfs.de/ (letzter Zugriff am 21.02.2014).
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2013b): KIM-Studue 2012. Kindheit + Medien. Computer + Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6-bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. URL: www.mpfs.de (letzter Zugriff am 21.02.2014).

Rezensent
Christian Helbig
M.A., staatlich anerkannter Sozialarbeiter/-pädagoge, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der Fachhochschule Köln
Homepage christian-helbig.com
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Christian Helbig. Rezension vom 27.02.2014 zu: Norbert Neuß: Kinder & Medien. Was Erwachsene wissen sollten. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2012. ISBN 978-3-7800-4901-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13581.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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