socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß: Sprache, Kommunikation und soziale Entwicklung

Cover Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß: Sprache, Kommunikation und soziale Entwicklung. Frühe Diagnostik und Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2013. 260 Seiten. ISBN 978-3-608-94782-3. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Bei der Planung von Interventionen beim Auftreten von Sprachstörungen spielt oftmals die Beratung der nahen Bezugspersonen eine entscheidende Rolle. Die intervenierende Person hat daher über kindzentrierte Maßnahmen hinaus zu beachten, dass eine Behandlung meist nur erfolgreich sein kann, wenn sie dies ebenfalls berücksichtigt und steht damit vor einer durchaus herausfordernden Aufgabe. Ebenso sind individuelle Faktoren von besonderer Bedeutsamkeit, da das Bild von Sprachstörungen ausgesprochen variabel ist und es diverse weitere Aspekte wie die soziale Umgebung, die kognitive, auditive und emotionale Entwicklung oder gegebenenfalls Mehrsprachigkeit zu beachten gilt. Dies erschwert wiederum eine Diagnostik und das sichere Auffinden der geeigneten Förder- oder Therapiemaßnahmen. Der Sammelband vereint sowohl Beiträge, die auf die Mehrschichtigkeit von Sprachentwicklung und Sprachstörungen, wie auch auf Besonderheiten der kindlichen Entwicklungen beim Vorliegen weiterer Beeinträchtigungen eingehen. Darüber hinaus werden einige spezielle Interventionsformen, wie die auf die Montessori-Pädagogik gestützte Sprachtherapie, Musiktherapie und das „Heidelberger Elterntraining“ vorgestellt.

Entstehungshintergrund

Der Band vereint die ausgearbeiteten Vortragsmanuskripte eines Symposiums, das im November 2011 in München stattfand.

Aufbau

Neben einem einleitenden und den Entstehungshintergrund erläuterten Vorwort von Hellbrügge und Schneeweiß sowie einem die Inhalte zusammenfassenden Nachwort von Schneeweiß sowie einer kurzen Auflistung der Autoren am Schluss enthält das Buch 18 Aufsätze. Diese sind thematisch untergliedert in die Bereiche „Sprachentwicklung“ (Teil I mit vier Aufsätzen), „Störungen der Sprachentwicklung“ (Teil II mit acht Aufsätzen) und „Praxis der frühen Sprachförderung“ (Teil III mit sechs Aufsätzen).

Im Folgenden sollen exemplarisch aus jedem Teil einige Aufsätze zusammenfassend dargestellt werden.

Zu Teil I – Sprachentwicklung

Anke Buschmann, Ellen Radtke, Ann-Katrin Bockmann: Wie kann Mehrsprachigkeit gelingen? Eine Fragebogenerhebung zu Untersuchungs- und Beratungsmöglichkeiten im deutschen Gesundheitssystem. In einer Einleitung gehen die Autorinnen zunächst auf die Häufigkeit von Mehrsprachigkeit und auf die Entwicklungsrisiken bei Mehrsprachigkeit ein. Der Begriff der Mehrsprachigkeit wird nun geklärt und eine Einteilung in sechs Typen von Mehrsprachigkeit nach Müller et al. vorgestellt. Nun werden Bedingungen gelingender oder misslingender Mehrsprachigkeit aufgeführt. Schließlich wird eine Studie unter Leitung von Buschmann vorgestellt, die mittels Fragebögen den Umgang von Kinderärzten mit Mehrsprachigkeit untersucht hat. Die Studie ergab einerseits gute Ansätze in der kinderärztlichen Beratung bei Mehrsprachigkeit, deckte andererseits aber auch einen bestehenden Informations- und Materialbedarf in den Praxen auf.

Hilda Geissmann, Elsbeth Fahrländer, Tiziana Margelist, Oskar Jenni: Wie entwickeln sich Late Talkers? Das Phänomen der Late Talkers stellt behandelnde Personen vor die besondere Herausforderung die weitere Entwicklung voraussagen zu müssen, um hieraus den entsprechenden Therapiebedarf gegebenenfalls ableiten und die Wahrscheinlichkeit, dass die verzögerte Sprachentwicklung aufgeholt wird, abschätzen zu können. Die Autor/inn/en arbeiten die Bedeutsamkeit früher Interventionen heraus, indem sie bestehende Studien heranziehen und stellen eine weitere aktuelle Längsschnittstudie aus Zürich vor, die Faktoren suchte, die sich als relevant für die spätere Entwicklung der Late Talkers erwiesen. Je nach Alter der untersuchten Kinder erweisen sich Wortverständnis, sozioökonomischer Status, Wortproduktion oder die Anzahl der produzierten Konsonanten als hilfreich, um die weitere Entwicklung von Late Talkers abschätzen zu können.

Zu Teil II – Störungen der Sprachentwicklung

Michele Noterdaeme: Frühe Diagnostik und Behandlung von Autismus-Spektrum-Störungen. Per definitionem sind bei Störungen aus dem Autismus-Spektrum die Bereiche der Kommunikation und der Interaktion beeinträchtigt, insofern ist hier von der Indikation entsprechender Interventionen auszugehen. Betroffene zeigen Stereotypien, Echolalien und insbesondere Auffälligkeiten in der Pragmatik und verbalen wie nonverbalen Interaktion. Je nach Subtyp der Autismusspektrumstörung kann eine Diagnose früher oder später gestellt werden, deren Absicherung jedoch trotz einiger zur Verfügung stehender, im Aufsatz aufgeführter, standardisierter Verfahren immer schwierig ist. Als besonders wirksam in Bezug auf die störungsspezifischen Schwierigkeiten in der Kommunikation haben sich verhaltenstherapeutische Maßnahmen erwiesen, im höheren Alter sind auch Therapien, die die „Theory of Mind“ fördern, angezeigt. Im Aufsatz wird als Beispiel einer verhaltenstherapeutischen Maßnahme angeführt, ein Kind im Spiel mit Seifenblasen zu unterbrechen und es erst bei erkennbarem Turn Taking das Spiel fortsetzen zu lassen. Ebenso spielt die Beratung der Eltern und deren Austausch in Gruppeninterventionen eine wichtige und auch für diese belastungsreduzierende Rolle.

Klaus Sarimski: Störungen der Kommunikation und Sprache bei genetischen Syndromen. Sarimski geht in seinem Beitrag auf Besonderheiten der Sprachentwicklung beim Down-Syndrom, Williams-Beuren-Syndrom, Fragilem-X-Syndrom, Cornelia-de-Lange-Syndrom und Angelman-Synrom ein. So spielt etwa beim Down-Syndrom häufig eine Schallleitungsschwerhörigkeit eine wichtige Rolle und führt zu Erschwernissen beim Wortschatzerwerb. Hinzu treten Hindernisse beim Erzeugen von joint attention und es fehlt aufgrund einer eingeschränkten Kapazität des verbalen Kuzzeitgedächtnisses die Fähigkeit zum „Fast Mapping“. Der verzögerte Wortschatzerwerb wird oft durch gestische Kommunikation kompensiert. Es gilt bei der Konzeptionierung von Therapiemaßnahmen bei Kindern mit Down-Syndrom und anderen Syndromen die spezifischen Entwicklungsprofile zu berücksichtigen. Im Falle des Down-Syndroms erweist sich das Lernen von Gebärden als hilfreiche unterstützende Maßnahme beim Lautspracherwerb.

Werner Gebhard: Diagnostik, Diagnose und Therapie bei entwicklungsbedingten Sprachverständnisstörungen. Störungen im Bereich des Sprachverstehens fallen oftmals nicht oder zu spät auf, da Kinder kompensatorische Strategien ausbilden oder weil stattdessen eine verminderte Konzentrationsleistung oder Probleme im Verhalten vermutet werden. Gleichwohl persistieren sie bis ins Jugendalter und führen in der Schule und allgemein der Sozialisation zu nachhaltigen Schwierigkeiten. Der Autor geht auf Modelle des Sprachverständnisses, die Klassifikation von Sprachverständnisstörungen, ihre bisher nicht sicher erkannten potentiellen Ursachen und deren nicht genau bezifferbare Häufigkeit ein. Gebhard weist nun in die aufeinanderfolgenden Strategien ein, die vom Kind beim Erwerb seines Sprachverständnisses verwendet werden. In der Diagnostik hilft es, die Verwendung kompensatorischer Strategien zur Einschätzung des Sprachverständnisses auszuschließen. Ein wichtiger Baustein in der Therapie ist die Bewusstmachung der Sprachverständnisschwierigkeiten und die Vermittlung der Fähigkeit etwa durch Nachfragen, welches positiv verstärkt werden sollte, diesen selbst beizukommen.

Zu Teil III – Praxis der frühen Sprachförderung

Melanie Voigt: Förderung kommunikativer und interaktiver Kompetenzen in der entwicklungsorientierten Musiktherapie. Musiktherapie hat sich als basale Fördermaßnahme insbesondere in der Behandlung von Kindern mit Mehrfachbehinderung als hilfreiche ergänzende Maßnahme erwiesen. Anhand zweier Beispiele wird verdeutlicht, wie durch Musiktherapie präverbale kommunikative Kompetenzen aufgebaut und Freude an der Interaktion geweckt werden kann, auch wenn starke Beeinträchtigungen vorliegen. Die Einbeziehung des Umfeldes sichert den Therapieerfolg ab.

Anke Buschmann, Bettina Jooss: Elterngruppenarbeit als ein Bestandteil in der Kommunikations- und Sprachanbahnung bei behinderten Kindern – „Heidelberger Elterntraining“. Hier wird das „Heidelberger Elterntraining zur Kommunikations- und Sprachanbahnung bei Kindern mit globaler Entwicklungsstörung“ (HET-GES) vorgestellt, das auf die Schulung der direkten Bezugspersonen des Kindes setzt und insbesondere den Einsatz von Gebärden trainiert, die die Sprachentwicklung stützen können. Das Programm ist vorwiegend als ergänzende Maßnahme vorgesehen und findet in sieben Terminen in der Kleingruppe, bei denen auch Hausaufgaben zum Transfer des Gelernten ins alltägliche Umfeld gestellt werden, sowie einem Termin für jedes Kind und seine Eltern einzeln statt. Hierbei soll anhand von Videoaufnahmen Feedback gegeben, durch das Vorbild des Trainers die optimale Anwendung des Gelernten noch einmal verdeutlicht und eine häufige Hemmung beim Einsatz von Gebärden weiter abgebaut werden. Die vorläufige Auswertung einer Studie zur Wirksamkeit des HET-GES ergab erste Hinweise auf einen positiven Einfluss auf das Interaktionsverhalten der Eltern.

Diskussion

Der Sammelband gibt einen guten Überblick über das breite Feld der kindlichen Sprachentwicklung und kindlichen Sprachstörungen. Die Qualität der Texte ist weitgehend gleichbleibend, auch der hier nicht näher beschriebenen Aufsätze. Der Duktus reicht von einer rein sachlichen Schreibweise (z.B. die Beiträge von Paracchini zu einer möglichen genetischen Grundlegung von Sprachstörungen in englischer Sprache oder von Bode zu neuropädiatrischen Ko- oder Differentialdiagnosen) bis zu engagiert (vor allem der Beitrag von Gebhard, aber auch der von Schöler, der für eine Vereinheitlichung und Optimierung diagnostischer Instrumente zur Aufdeckung von Sprachentwicklungsstörungen eintritt) oder eher praxisnah-schlicht (der Beitrag von Dattke/Findelsberger zur Sprachförderung durch Grundsätze und Materialien der Montessoripädagogik). Besonders erfreulich ist, dass sich Beiträge finden, die auch Kinder miteinbeziehen, deren Sprachstörungen durch eine zugrundeliegende Behinderung bedingt ist. Die Gliederung in drei Teile ist nicht als allzu strikte Kategorisierung zu sehen, da die Bereiche Sprachentwicklung, Sprachstörungen und Sprachförderung per se Überschneidungen aufweisen. Geht man jedoch von einer Einordnung nach den jeweiligen Schwerpunkten der Beiträge aus, ist diese durchaus sinnvoll und plausibel gelungen.

Fazit

Das Buch eignet sich gut, um einen Überblick über das Gebiet der kindlichen Sprachentwicklung und Sprachstörungen zu erhalten. Es kann aber auch der Vertiefung bestimmter Themen dienen und Anregungen für die Gestaltung von Maßnahmen zur Sprachförderung geben.


Rezensentin
Dr. Lena Becker
E-Mail Mailformular


Alle 43 Rezensionen von Lena Becker anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 09.04.2013 zu: Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß: Sprache, Kommunikation und soziale Entwicklung. Frühe Diagnostik und Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-608-94782-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13589.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Königswinter

Haushaltskraft (w/m) für Kinderhaus, München

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!