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Haim Omer, Eli Lebowitz: Ängstliche Kinder unterstützen

Cover Haim Omer, Eli Lebowitz: Ängstliche Kinder unterstützen. Die elterliche Ankerfunktion ; mit 3 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. 207 Seiten. ISBN 978-3-525-40218-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Autoren

Prof. Dr. phil. Haim Omer ist Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie an der Universität Tel Aviv.

Dr. Eli Lebowitz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Yale Child Study Center der Yale University in New Haven, USA.

Thema

Angststörungen bei Kindern beeinträchtigen das Leben der gesamten Familie. Das Konzept der Ankerfunktion der Eltern betont neben Schutz und Sicherheit durch die elterliche Präsenz auch deren fördernde Unterstützung.

Inhalt und Aufbau

Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Arist von Schlippe.

In der Einleitung definieren Omer und Lebowitz die Ankerfunktion als Bindeglied zwischen der Theorie der elterlichen Autorität und der Bindungstheorie. Die Ankerfunktion ergänzt die Funktion der Eltern als sicheren Hafen und sichere Basis und betont elterliche Stärke und Autorität. Aufgabe der Eltern sei es nicht nur das Kind zu unterstützen, auch altersangemessene Forderungen müssen gestellt werden. Eine konstruktive, klare und unterstützende Haltung ist nicht nur beschützend oder nicht nur fordernd. Anschließend werden die Arten von Angststörungen erläutert.

Im ersten Kapitel arbeiten die Autoren den Unterschied zwischen beschützender und unterstützender Haltung heraus. Sie beschreiben, wie eine Abschwächung der Ankerfunktion erfolgt, wenn Eltern unannehmbaren Forderungen des Kindes nachkommen.

Im zweiten Kapitel werden Maßnahmen der elterlichen Unterstützung in Zusammenarbeit mit dem Kind besprochen, wie verhindert wird, dass eine Krise chronifiziert, wie ein positiver innerer Dialog aufgebaut und die Aneignung praktischer Fertigkeiten zur Überwindung der Angst unterstützt werden kann. Es wird über Psychotherapie und Desensibilisierung informiert.

Manche Kinder verweigern die Zusammenarbeit mit einem Therapeuten oder den Eltern. Deshalb werden im dritten Kapitel einseitige Maßnahmen der Eltern thematisiert. Ein vollständiges Verschwinden der Angst kann nicht das Ziel sein, auch kleine Schritte sind große Erfolge. Aber: Eltern müssen die „Illusion der Kontrolle“ aufgeben; sie können und sollen die Kinder nicht vor allem schützen. Die Kinder müssen lernen, dass sie die Angst überwinden können, dass die Eltern nicht länger die Vermeidung zulassen und als Familiengeheimnis wahren. Denn der Nährboden, der die Angst fortbestehen lässt, sind Gewohnheiten, Verhaltensregeln und Überzeugungen, die das Vermeidungsverhalten ermöglichen und verstärken. Die Eltern, nicht die Kinder, bestimmen die elterlichen Handlungen. Es soll keine Moralpredigten geben, sondern es ist wichtig, mit dem Reden aufzuhören und entschieden zu handeln. Die Eltern können das Kind nicht überzeugen, schon der Versuch rückt das Ziel in weite Ferne. „Wir haben keine Wahl“ sollte das Motto sein. Eine große Hilfe bildet der Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks, in dem wiederum die Eltern verankert sind.

Ausschlaggebend für den Erfolg ist die elterliche Zusammenarbeit, die im vierten Kapitel thematisiert wird. Angesprochen wird auch, was zu tun ist, wenn ein Elternteil die Zusammenarbeit verweigert.

Vom Vermeidungsverhalten zur Kontrollherrschaft, so das fünfte Kapitel. Es beschreibt den Übergang zur Zwangsstörung. Die Autoren fordern die Eltern zum Kampf gegen die zwanghafte Kontrollherrschaft auf, denn dem Kampf auszuweichen verschlechtert die Lage. „Wir wollen und können dich nicht besiegen. Aber wir müssen uns deinem destruktiven Verhalten widersetzen.“ Der Verzicht auf die Kontrollillusion ermöglicht Handlungsfreiräume und liefert die beste Möglichkeit, ein sicherer Anker zu sein.

Das letzte Kapitel thematisiert die Auseinandersetzung mit der Angststörung erwachsener Kinder und deren chronischer Abhängigkeit.

Diskussion

Ängstliche Kinder fordern heraus. Angststörungen überfordern die Eltern. Die Autoren fordern und unterstützen starke Eltern. Sie müssen lernen, das Kind nicht zu beschützen, sondern im Umgang mit seiner Angst zu unterstützen. Diese Unterscheidung ist ein wichtiger Konzeptbaustein. Dazu bedarf es eines sozialen Netzwerks; die Eltern müssen selbst gut verankert sind.

Die Ankerfunktion ist der weitere bedeutsame Baustein des Konzepts. Die Eltern müssen bereit sein, diese auch auszufüllen. Der Leser lernt, auch Nuancen zu beachten, z.B. dass die Formulierung „Ich hatte auch Angst vor Ungeheuern, aber man wird mit der Zeit immer stärker“ die kindliche Wahrnehmung einerseits respektiert, aber auch eine Lösungsmöglichkeit aufzeigt, die Aussage „Ich hatte auch Angst, aber ich bin damit fertig geworden“ das Bemühen des Kindes abwertet und sie als Beweis für sein Versagen erleben lässt.

Das Buch illustriert die Theorie und das praktische Vorgehen mit vielen ausführlichen Fallbeispielen. Dies führt aber auch zu Redundanzen.

Zielgruppe

Berater und Beraterinnen, Lehrkräfte, vielleicht auch betroffene Eltern

Fazit

Ein Buch, das über die Thematik „ängstliche Kinder“ weit hinaus geht und interessante Anregungen enthält.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 07.09.2012 zu: Haim Omer, Eli Lebowitz: Ängstliche Kinder unterstützen. Die elterliche Ankerfunktion ; mit 3 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-525-40218-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13598.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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