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Antje Tuckermann, Anne Häußler u.a.: Praxis TEACCH. Herausforderung Regelschule

Cover Antje Tuckermann, Anne Häußler, Eva Lausmann: Praxis TEACCH. Herausforderung Regelschule. Unterstützungsmöglichkeiten für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung im lernzielgleichen Unterricht. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2012. 96 Seiten. ISBN 978-3-938187-94-4. D: 15,80 EUR, A: 16,30 EUR, CH: 25,60 sFr.

Reihe Praxis TEACCH, Band 3.
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Thema

Das Buch zeigt auf, wie es gelingt, dass autistische Kinder in der Regelschule lernen können. Für viele Kinder sind nicht die kognitiven Anforderungen des offiziellen Lehrplans das Problem, sondern das sog. „versteckte Curriculum“ – Anforderungen aus Erwartungen und Kenntnisse sozialer Kompetenzen. Menschen aus dem autistischen Spektrum nehmen die Welt anders wahr und manches verstehen sie nicht. Sie sind auf Unterstützung und Übersetzungshilfen angewiesen. Anhand der Denkweisen nach TEACCH werden zahlreiche Anwendungsbeispiele und daraus abgeleitete Strategien zur Gestaltung der Umgebung und des Unterrichtsgeschehens gegeben.

Autorinnen

Antje Tuckermann, Anne Häußler und Eva Lausmann arbeiten im „team autismus“ in Mainz und begleiten Schülerinnen und Schüler aus dem autistischen Spektrum. Anne Häußler hat den TEACCH Ansatz in Deutschland bekannt gemacht, zahlreiche Bücher geschrieben bzw. aus dem Amerikanischen übersetzt.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist 3. Teil der fünfteiligen Reihe Praxis TEACCH des borgmann media verlags. Alle Teile beschäftigen sich mit konkreten Anwendungsbereichen des TEACCH Ansatz und möglichen Fragestellungen aus der Praxis.

Aufbau und Inhalt

Auf 100 Seiten wird ein Überblick über relevante Themen der Beschulung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung gegeben.

  • „1. Der TEACCH Ansatz TEACCH Ansatz in der Regelschule – Grundlegende Gedanken
  • 2. Wie passen die für TEACCH typischen Elemente des „Structured Teaching“ in der Regelschule?
  • 3. …und WER kann das leisten? – Was es braucht, damit es funktioniert
  • 4. ‚Mein Schüler sagt's mir nicht‘ - Kommunikationsstrategien als Weg zum Gespräch
  • 5. Sollen es andere wissen? – Gedankenanstöße und praktische Ideen zum Outing
  • 6. ‚Lust habe ich keine – und warum soll ich überhaupt…‘? – Ohne Motivation geht nichts!
  • 7. Oh je, es ist alles anders – der Umgang mit Veränderungen will gelernt sein!
  • 8. Und was ist mit dem Nachteilsausgleich???
  • 9. Bezugsquellen und Literatur“ ((a.a.O. S. 5)

Kapitel 1 und 2 stellen den pädagogisch/therapeutischen TEACCH Ansatz und typische Elemente des „Structured Teaching“ (Raum, Zeit, Arbeitsorganisation und Aufgabenorganisation) vor. Neben der Kenntnis der methodischen Anwendung braucht es eine autismusfreundliche Grundhaltung der Lehrkräfte in der Schule. „Pädagogische Arbeit nach dem TEACCH Ansatz beginnt mit der Autismus-Brille“. Diese erlaubt „die Welt mit den Augen des Schülers mit Autismus-Spektrum zu sehen“ und zu erkennen, dass es sich um eine „unsichtbare Beeinträchtigung“ handelt mit “versteckten alltäglichen Herausforderungen“ (a.a.o.S. 9). Die Anwendungsbeispiele sind unabhängig von der Schulform (Förder- oder Regelschule) und unabhängig vom kognitiven Niveau des Schülers einzusetzen.

Kapitel 3 benennt Bedingungen, die zum Erfolg führen. „Es sind nicht die kognitiven Anforderungen der Regelschule, an denen Schüler mit ASS (ASS steht für Autismus-Spektrum-Störung - Anm. der Rezensentin) scheitern. Den wirklichen Herausforderungen begegnen sie im sogenannten ‚verstecktem Curriculum′“ (a.a.O.S.45) also Anforderungen aus Erwartungen und Kenntnis sozialer Kompetenzen. „Wer aber dem versteckten Curriculum nicht folgen kann, der hat kaum Chancen, den Anforderungen des offiziellen Lehrplans zu genügen und in der Schule erfolgreich zu sein“ (a. a. O.S. 45). Eine Integrationskraft kann als Dolmetscher fungieren und die Kommunikation/Interaktion zwischen Schüler und Schule begleiten. Die Unterkapitel 3.1.-3.3. beschreiben Qualifikation, Aufgaben und Rollen sowie ein praktisches Notfallset zur Aufbereitung von Unterrichtsmaterialien.

Das Kap. 4 beschäftigt sich mit passenden Kommunikationsstrategien und in Kap. 5 geht es um eine Frage, die Eltern umtreibt, nämlich ob man offen legen soll, dass das Kind autistisch ist. Auf Seite 65 ist ein praxiserprobter Fragebogen zur Einbeziehung des Kindes abgedruckt. Sollten Eltern sich für ein „outing“ entscheiden finden sie hilfreiche Materialien wie z.B. eine Power Point Präsentation eines autistischen Jungen.

Kap. 6 befasst sich mit Strategien zur Motivation. Lernen und Motivation gehören zusammen. Autisten haben andere Motivatoren als Neurotypische (gemeint sind Nicht-Autisten).

Kap. 7 bespricht den Umgang mit Veränderung und Kap. 8 geht auf den Nachteilsausgleich ein (der in jedem Bundesland anders geregelt ist). Bezugsquellen und Literaturangaben runden das Thema ab.

Diskussion

Der TEACCH Ansatz, in den USA, Skandinavien und Benelux lange bekannt, ist auch in Deutschland zunehmend auf dem Vormarsch. In diesem Buch zeigen zahlreiche Praxisbeispiele Anwendungsmöglichkeiten in der Regelschule. Das Ziel ist eine größtmögliche Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu erreichen. Hilfen zum strukturierten Unterrichten sind auf die Person so zugeschnitten, sodass sie den Kern des Problems treffen. Sie sind weder Selbstzweck noch Standard-Regelwerk, das für alle Autisten gleichermaßen gilt.

Im Zeitalter der Inklusion geht es nicht um die Feststellung einer Sonderbehandlung, sondern darum, das bestehende pädagogische Konzept so zu erweitern und zu ergänzen (S.10), damit jeder Schüler lernen kann. Die Erfahrung zeigt, dass Strategien, die eine angemessene Kommunikation fördern, die die räumlichen, zeitlichen und sozialen Umgebung gestalten, die sich nicht nur verbaler Informationsquellen bedienen, sondern Strukturierung und Visualisierung mit einbeziehen und die Sinn hafte Routinen aufbauen allen Beteiligten im System Schule zugute kommen – Schülern und Lehrern.

Die Autorinnen machen Vorschläge und wollen anregen. „Wie nicht anders möglich, stellen wir keine Patentrezepte, sondern (nur?!) individuelle Lösungen und Beispiele vor. Das Anpassen auf den jeweils speziellen Einzelfall muss jeder selbst leisten – aber das ist schließlich die kreative Herausforderung, die unsere Arbeit nie langweilig werden lässt!“ (a.a. O. S. 8)

Es geht vornehmlich um Unterstützungsangebote für „intellektuell stärkeren Schülern“ aus dem autistischen Spektrum, die lernzielgleich unterrichtet werden. Bei diesen Schülern wird der besonderer Unterstützungsbedarf häufig nicht erkannt, nicht ernst genommen wird oder unterschätzt. Es kommt zu Konflikten, weil „man aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten erwartet, dass sie in der Lage sein sollten, doch ‚ganz normal‘ in die Schule zu gehen“ (a.a.O. S. 10).

Diese Sichtweise entsteht, weil Menschen immer von sich selber ausgehen und eigene Erfahrungen auf das Gegenüber übertragen. So wird nicht bedacht, dass andere Menschen anders wahrnehmen, zu anderen Schlussfolgerungen kommen und sich schlussendlich anders verhalten. Da Autismus unsichtbar ist werden Verhaltens-Auffälligkeiten in Gruppenkonstellationen aus dem Beziehungsgeschehen heraus interpretiert, was zu Missverständnissen führt. Dieses Miss-Verstehen beherbergt viele Probleme- in diesem Fall von Schülern mit ASS.

Die Arbeit nach TEACCH Grundsätzen gibt nur dann Unterstützung, wenn sie nötig ist. Für die passgenaue Anwendung des Structured Teaching ist äußerst bedeutsam, den theoretischen Überbau zu kennen. Dieser wird von den Autorinnen scheinbar vorausgesetzt, denn er wird nur rudimentär behandelt. Meines Erachtens kann es sehr problematisch sein, wenn ohne Kenntnis der Denk- und Wahrnehmungsstrategien wohl gemeinte Hilfe erarbeitet wird. Statt passgenau zu sein und wirklich Unterstützung beim Verstehen zu geben besteht die Gefahr, dass sie zum Selbstzweck wird. Solche Hilfen greifen oft nicht, was die Akteure frustriert und oft negativ auf den Schüler oder die Methode TEACCH zurückfällt.

Fazit

Das Buch ist in praktischer Ringbindung Din A 5 aufgelegt. Besonders die zahlreichen Anregungen und Ideen machen es zum „must-have“ bei der Beschulung von Schülern aus dem autistischen Spektrum. Das Buch ist ein Quell vieler anschaulicher und konkreter Ideen und Bildmaterialien. Ein Bild sagt oft mehr als 1000 Worte. Die Erfahrung zeigt: je passgenauer die Hilfe ist desto selbstständiger und unabhängiger kann der Mensch lernen und sich entwickeln. Das Buch sollte Einstieg-Lektüre für Lehrkräfte, Assistenten und Eltern sein. Es wird sicher einen vorderen Platz auf der Literaturliste meiner Fortbildungsangebote für Lehrer, Pädagogen und Eltern bekommen!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 29.10.2012 zu: Antje Tuckermann, Anne Häußler, Eva Lausmann: Praxis TEACCH. Herausforderung Regelschule. Unterstützungsmöglichkeiten für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung im lernzielgleichen Unterricht. verlag modernes lernen borgmann publishing (Dortmund) 2012. ISBN 978-3-938187-94-4. Reihe Praxis TEACCH, Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13604.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


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