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Ralf Gerlach, Heino Stöver (Hrsg.): Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten

Cover Ralf Gerlach, Heino Stöver (Hrsg.): Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten – Legalisierung von Drogen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2012. 312 Seiten. ISBN 978-3-943787-03-0. 22,00 EUR.

Mit einem Geleitwort von Tom Koenigs.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die drogenpolitischen Debatten, die mit dem Aufkommen von HIV/AIDS Mitte der 80iger bis Mitte der 90iger Jahre des letzten Jahrtausends heftig und mit viel Engagement bis in die höheren Ebenen von Politik, Staat und Gesellschaft geführt wurden, sind in Deutschland längst verebbt. Ödnis, Ängstlichkeit und Dumpfheit ist in diesem Politikfeld eingezogen. Heute ist selbst dann kaum Entrüstung zu hören, wenn sich Personen ohne die geringste Sachkunde und keinerlei Bemühen um Sachlichkeit, manchmal sogar wider besseres Wissens auf vorsichtigen Widerspruch oder Verweis auf wissenschaftliche Erkenntnis und überzeugende Praxis als Wadenbeißer und Kläffer aufblähen und auf längst überholten Positionen und eine mehr als irrationale Praxis beharren. International ist Deutschland mit seiner Drogenpolitik zu einem Land geworden, das jeden Kontakt zu progressiven Strömungen verloren hat und von so manchem Land der dritten Welt um Längen abgehängt wurde. In diese Situation platzt der von Gerlach und Stöver herausgegebene Reader, in dem drogenpolitische Fehlentwicklungen, mögliche Alternativen und notwendige radikale Lösungen präsentiert werden. Dieses Buch ist eine Art Ehrenrettung für Deutschland: Es dokumentiert, dass es abseits von Unsachlichkeit und verlogenem Moralisieren noch immer Menschen aus Wissenschaft, Drogenhilfe und Betroffenenverbänden gibt, die sich drogenpolitisches Denken nicht verbieten lassen, Zeit und Energie in die Entwicklung von Informiertheit und Sachkunde stecken und grundsätzliche Neuwendungen zu denken wagen.

Aufbau und Inhalt

An dem Reader haben Forscher, Wissenschaftler, Politiker und Vertreter von Betroffenenverbänden mitgearbeitet und ihre jeweilige Sicht auf Drogenpolitik zusammengetragen, wie sie in Deutschland, aber auch in anderen Ländern praktiziert wird. Herausgekommen ist eine facettenreiche Sicht auf ein Thema, das man gegenwärtig fast nur noch unter dem medizinischen Versatzstück „Sucht“ kennt.

Der Reader ist in drei große Abschnitte gegliedert.

Zu Beginn beschäftigt sich der Reader mit den Grundlagen für die erhobenen Forderungen nach Entkriminalisierung und Legalisierung, in einem zweiten Abschnitt werden schon praktizierte Entkriminalisierungsmodelle vorstellt und schließlich Legalisierungsmodelle und -bewegungen erläutert. Durchgängig finden sich im Buch Texteinschübe, in denen nationale und internationale Kontaktpersonen, -adressen und Organisationen benannt werden, die sich zum Thema engagieren und die verdeutlichen, dass es keineswegs einige wenige versprengte Freaks sind, die vernebelten Illusionen nachhängen, sondern längst eine weltweit agierende Legalisierungsbewegung existiert, die auf nennenswerte Erfolge verweisen kann.

Zu Beginn werden historische Erfahrungen mit Prohibitionsversuchen in die Aufmerksamkeit zurückgeholten (Holzer), die schon damals die gleichen katastrophalen Auswirkungen hatten, wie die Prohibition heute (Stöver, Gerlach). Erinnert wird aber auch an Zeiten, in denen heute gefürchtete psycho-aktive Substanzen legal, aber in ihrer Zugänglichkeit geregelt waren und deren Konsum, ganz anders als heute, kaum den Status eines nennenswerten sozialen Problems entwickelten (Ullmann). Mit Überraschung wird man zugleich lesen, dass Ökonomie und Wirtschaft, die in westlichen Marktwirtschaften gewöhnlich die entscheidenden Argumente für politisches Handeln liefern und die man zu diesem Thema bisher kaum hörte, längst nachzeichnen können, welch hoher Preis die Gesellschaft für die derzeitige drogenpolitische Gemengelage aus Repression, Kriminalisierung und Medizinalisierung zu zahlen hat (Flöter, Pfeiffer-Gerschel) und wer mit welchen Interessen an dem Bollwerk gegen einen drogenpolitischen Neuanfang mitwirkt (Sell). In den Blick wird dabei nicht nur das Drogenhilfesystem genommen (Schneider), sondern auch der Teil der Wissenschaft, der mit fragwürdigen Methoden politisch gewünschte Ergebnisse erzeugt, die ihrerseits das Festhalten am Althergebrachten begründen helfen (Christen). Abgerundet wird das Kapitel zu den grundlegenden Überlegungen in Bezug auf Legalisierung durch Erläuterungen, wie die gegenwärtigen drogenrechtlichen Regeln die im Grundgesetz verbrieften und durch die Gesellschaft hoch geachteten Rechte des einzelnen untergraben oder sogar konterkarieren und auf diese Weise das Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit und Rechtsmoral massiv untergraben (Krumdiek).

Das Kapitel besticht zudem durch eine faktenreiche Sammlung von Informationen und Daten dieses ersten Kapitels schließt mit internationalen Vergleichen ab, die die Dynamik des internationalen Drogenmarktes beleuchten und nachweisen, dass eine Verschärfung der Strafverfolgung in keinem Land und zu keiner Droge dazu beitragen konnte, die Verbreitung entsprechender Konsumformen zurückzudrängen (Trautmann). Vielmehr erschüttert die Last der Zahlen zu den Auswirkungen der Prohibitionspolitik im Vergleich Deutschland und USA, die mit ihrer weit härteren Verfolgungspolitik folgerichtig eine unglaublich hohe Zahl an Strafgefangenen erzeugen, wobei sich zweimal mehr Männer und dreimal mehr Frauen als in Deutschland im Gefängnis wiederfinden und dort der schlechtesten gesundheitlichen Versorgung ausgesetzt werden, die man sich für eine Abhängigkeit vorstellen kann (Bernard).

Mit der Frage nach den vorausdenkbaren Konsequenzen einer Legalisierung (Hess) leitet der Reader zum zweiten Kapitel über, in dem schon praktizierte Ansätze einer Entkriminalisierung vorgestellt werden. Hier findet der Leser endlich die Sachinformationen dazu, was genau in Portugal (auf dem Hövel), Spanien (Kistmacher) und in der Tschechischen Republik (Radimecky) anders geregelt wird, welche Entwicklungen sich daraus ergeben und was genau die Hintergründe der Entwicklung um die Coffee-Shops in den Niederlanden sind (Polak) – „gefährliche“ Informationen, die man in den hiesigen Medien in der Regel umsonst sucht, weil die nachweisbaren Daten unabweisbar die Richtigkeit der eingeschlagenen Entkriminalisierung belegen.

Das letzte Kapitel ist einer Diskussion um Legalisierungsmodelle und -bewegungen vorbehalten. Diese sind in ihrer Argumentation weit davon entfernt, Legalisierung als Kapitulation vor einem globalisierten und kaum zu kontrollierenden Internet-Drogenmarkt zu verstehen, auch wenn diese neuen Rahmenbedingungen bei der Entwicklung von Legalisierungsmodellen mitgedacht werden müssen (Werse, Morgenstern). Betroffenenverbände wie JES (Schäffer, Jesse) und der Bundesverband der Eltern und Angehörigen (Heimchen, Behle) stellen vielmehr dar, warum sie sich nicht mit einer Entkriminalisierung zufrieden geben können, sondern den weit konsequenteren Schritt der Legalisierung fordern. Möglichkeiten und Wege dafür werden in ihren Inhalten und Etappen schließlich durch Schmidt-Semisch und Urban dargestellt. Der Bericht von der Teilnahme an einer US-amerikanischen Reformkonferenz und dem Besuch einer Medical Marijuana Dispensaiers in Kalifornien (Wurth) und ein Interview, in dem sowohl ein Polizeipräsident (Hubert Wimber, Münster) als auch ein Urgestein der akzeptierenden Drogenarbeit (Dr. Wolfgang Schneider) zu Wort kommen, runden diesen letzten Abschnitt des Readers ab und lassen aufscheinen, mit welchen Mühen des Alltag diejenigen kämpfen, die seit vielen Jahren immer wieder gegen drogenpolitische Mauern anrennen und sich nicht entmutigen lassen wollen, auch wenn angesichts von Borniertheit, den oft vergeblichen Anläufen und der schieren Sisyphusarbeit die Kraft dabei manchmal verloren zu gehen scheint.

Fazit

Das Buch ist auf den deutschen Büchermarkt überfällig und gehört mindestens in jede schulische oder studentische Bibliothek, um vor allem die nachwachsende Generation zu kritischen Nachfragen, zum radikalen Infragestellen und Ausbruch aus Gedankengefängnissen zu ermutigen. In diesem Buch finden sich Daten, Fakten, Argumente und Lösungsansätze für radikale Veränderungen und Skizzen dazu, wie diese in die Realität zu überführen sind. Sie alle sind weit entfernt von gutgemeinten Utopien und Traumwelten. Alle Aufsätze bestechen dadurch, dass sie klar, sachlogisch und auf die Lebenspraxis der Menschen bezogen vorgetragen werden und deshalb jeden klar denkenden Menschen vereinnahmen. Die in diversen Textkästen gegebenen Informationen und Kontaktdaten zu nationalen und internationalen Organisationen, die sich zu diesem Thema engagieren, offerieren mehr als genug Angebote, sich in die Legalisierungsbewegungen einzureihen und hier mitzuwirken. Bleibt zu hoffen, dass sich der Reader so schnell verbreitet, dass er gar nicht so schnell nachgedruckt werden kann, wie seine Nachfrage danach ist.


Rezensentin
Prof. Dr. Gundula Barsch
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Zitiervorschlag
Gundula Barsch. Rezension vom 16.08.2012 zu: Ralf Gerlach, Heino Stöver (Hrsg.): Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten – Legalisierung von Drogen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2012. ISBN 978-3-943787-03-0. Mit einem Geleitwort von Tom Koenigs. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13608.php, Datum des Zugriffs 31.08.2016.


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