socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christine Hikel, Sylvia Schraut (Hrsg.): Terrorismus und Geschlecht

Cover Christine Hikel, Sylvia Schraut (Hrsg.): Terrorismus und Geschlecht. Politische Gewalt in Europa seit dem 19. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. 326 Seiten. ISBN 978-3-593-39635-4. 39,90 EUR.

Reihe: "Geschichte und Geschlechter" - Band 61.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Entstehungshintergrund

„Stumm, verlässlich, arglos – so lauten die Klischees über Beate Zschäpes Rolle in der Zwickauer Terrorzelle. Doch war sie tatsächlich nur eine willfährige Nazi-Braut? Eine dienstbare Killer-Servicefrau?“ Mit diesen Fragen befasst sich ein Artikel mit dem Titel „ Die Mär vom Nazi-Betthäschen“ auf SPIEGEL ONLINE (Langer, 2011). Und auf Bild.de findet sich am 10.12.2012 ein Beitrag mit dem Titel „Beate Zschäpe. Das geheime Protokoll ihrer Aussagen“ und den Untertiteln „Die Nazi-Braut jammert über die Kälte in ihrer Zelle +++ Sie bekommt Liebesbriefe +++ Sie beklagt sich über ihre Verteidiger“ (Bild.de).

Worum geht es? Im November 2011 wurde die rechtsterroristische Gruppierung NSU aufgedeckt. Nach einem Banküberfall Anfang November 2011 konnte die Polizei Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnwagen stellen, fand die beiden aber erschossen vor. Beate Zschäpe, die Frau im Bunde, zündet inzwischen in Zwickau die gemeinsame Wohnung an und stellte sich vier Tage später der Polizei. Aus den Überresten in der abgebrannten Wohnung ließ sich das ganze Ausmaß einer Mordserie rekonstruieren. Auch ein Bekennervideo und diverse Schusswaffen wurden gefunden. Darunter auch eine Pistole, die offenbar auch die Tatwaffe war, mit der in den Jahren von 2000 bis 2007 in verschiedenen deutschen Städten insgesamt zehn Morde begangen wurden. Dabei wurden sechs türkische Staatsangehörige, zwei türkischstämmige Deutsche, ein Grieche und eine deutsche Polizistin getötet. Seitdem wird in den deutschen Medien über das Terrortrio berichtet und über die Beziehungen zwischen den zwei nun toten Männern und der Frau spekuliert.

Welche Rollen spielen Männer und Frauen im Terrorismus und vor allem, wie werden die Männer und Frauen als Terroristen dargestellt und wie stellen sie sich selbst dar? Darum und um einiges mehr geht es im vorliegenden Buch. „Erklärungsbedürftig ist im Grunde nicht die aktive Beteiligung von Frauen an politischen Gewaltakten, sondern die besondere Aufmerksamkeit, die ihre Beteiligung erregt“, so stellt Sylvia Schraut in der Einführung zum Buch fest (S. 17). Angesichts der oben angedeuteten Diskussionen über das NSU-Terrortrio liegt die Relevanz dieser Feststellung auf der Hand.

Herausgeberinnen

Christine Hikel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Bundeswehr München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Zusammenhänge von politischer Gewalt und Geschlecht und die Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik. Sylvia Schraut ist habilitierte Historikerin und vertritt zurzeit die Professur für Deutsche und Europäische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert an der Universität der Bundeswehr in München.

Ziel, Aufbau und Inhalt

Die im Band versammelten 15 Beiträge von in- und ausländischen Autorinnen und Autoren thematisieren den Zusammenhang von Terrorismus, Geschlecht und Erinnerung auf drei unterschiedlichen Ebenen:

  1. Wissensproduktion,
  2. Deutung und
  3. Tradierung, Repräsentation.

Diese drei Ebenen markieren auch die Struktur des Bandes. Die Beiträge machen deutlich, dass sowohl die Terrorismusgegner als auch die Terrorist/innen und deren Sympathisant/innen überwiegend tradierte soziale Konstruktionen nutzen, um die männlichen Terroristen zu beschreiben; die weiblichen Terroristen hingegen scheinen die überkommenen sozialen Grenzen und Geschlechterrollen zu überschreiten und zu sprengen. Christine Hikel formuliert es in ihrer Übersicht über die Beiträge so: „Die soziale Sprengkraft des weiblichen Terroristen ist folglich wesentlich größer als die des männlichen. Doch zu einer tatsächlichen Aufhebung des bürgerlichen Geschlechtermodells drangen selbst die ParteigängerInnen terroristischer Gewalt meist nicht vor“ (S. 29).

Der erste inhaltliche Teil des Bandes, überschrieben mit „Wissensproduktion“, umfasst fünf Beiträge, in denen danach gefragt wird, wie und von wem Wissen (oder die sozialen Konstruktionen, WF) über den Terroristen bzw. die Terroristin produziert wird. Mit der Historisierung von Selbstmordattentaten am Beispiel der Assassinen-Legende beschäftigt sich Claudia Brunner (Klagenfurt). Der in die USA ausgewanderte deutsche Anarchist Karl Heinzen, ein Zeitgenosse von Karl Marx, steht im Mittelpunkt des Beitrages von Daniel Bessner (Durham, USA). Vojn Saša Vukadinović (Basel) widmet sich der geschlechterpolitischen Rezeption des Nihilimus durch Cesare Lombroso. Den Fall der Schweizer Terrorverdächtigen Claudia Bislin und Jürg Wehren, die in den 1980er Jahren die Alpenrepublik verunsicherten, thematisiert Dominique Grisard (New York). Gerhard Fürmetz (München) untersucht die Archive (hier vor allem das Bayerische Hauptstaatsarchiv) als Ort der Wissenskonstruktion über Terrorismus und Terroristen.

Im zweiten Teil des Bandes „Deutung und Tradierung“ geht es darum, wie Terrorismuswissen in unterschiedlichen historischen Situationen erinnert, gedeutet und genutzt wird. Am Beispiel von Karl Ludwig Sand, der 1819 den Literaten August von Kotzebue tötete, belegt Sylvia Schraut (München), wie Deutungs- und Legitimationsmuster im Umgang mit Attentätern und Attentaten zwischen weiblich und männlich konnotierten Attributionen changieren können. Christine Hikel (München) versucht dies am Beispiel der Morde, denen 1921 Matthias Erzberger und 1922 Walter Rathenau zum Opfer fielen. Um „makellose HeldInnen des Terrors“ der Ukrainischen Nationalisten zwischen den 1930er und 1950er Jahren geht es im Beitrag von Olena Petrenko (Bochum). Irene Bandhauer-Schöffmann (Wien und Klagenfurt) diagnostiziert eine früh einsetzende Feminisierung der männlichen Terroristen, die 1977 Walter Palmers, den Seniorchef einer österreichischen Wäschefirma, entführten.

Die Beiträge im dritten Teil des Bandes beschäftigen sich mit den sozialen Konstruktionen von Terrorismus und Terroristen in Literatur, in Museen, im Film und der Kunst. Lynn Patryk (Hanover, USA) zeigt, wie die weiblichen Terroristen in der revolutionären Bewegung Russlands im 19. Jahrhundert zu Projektionsflächen männlicher Fantasien wurden. Gabriel Koureas (London) vergleicht, wie der Zypern-Konflikt im britischen Imperial War Museum und im zypriotischen Museum des Nationalen Kampes repräsentiert und ins Bild gesetzt wird. In einem nicht minder spannenden Beitrag analysiert Bernd Zywietz (Mainz) die Stereotype von Männlichkeit und Weiblichkeit in Spielfilmen über den Nordirland-Konflikt. Im abschließenden Beitrag diskutiert Sue Malvern (Reading, Großbritannien) die Verbindung von Weiblichkeit, Feminismus und Gewalt in der zeitgenössischen Kunst.

Fazit

Sylvia Schraut formuliert den Anspruch und das Ergebnis des Buches gleich in ihrer Einleitung: „Untersuchungen zu Terrorismus und Gender können derzeit jedoch bestenfalls eine Randposition in der Forschungslandschaft beanspruchen. Überhaupt stellt politisch motivierte Gewalt in Genderperspektive kein sonderlich intensiv erforschtes Gebiet dar“ (S. 15). Insofern liefern die im Band versammelten Beiträge in unterschiedlicher Qualität durchaus wichtige Sondierungsergebnisse für eine zukünftige Forschungsdomäne. Jenen, die theoretische und empirische Impulse für genderorientierte Erklärungen des Terrorismus bisher vermisst haben, sei das Buch empfohlen.

Zitierte Literatur:


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
E-Mail Mailformular


Alle 37 Rezensionen von Wolfgang Frindte anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 18.12.2012 zu: Christine Hikel, Sylvia Schraut (Hrsg.): Terrorismus und Geschlecht. Politische Gewalt in Europa seit dem 19. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. ISBN 978-3-593-39635-4. Reihe: "Geschichte und Geschlechter" - Band 61. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13656.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, Hamburg

Geschäftsführer/in, Delitzsch

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!