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Ulf Tranow: Das Konzept der Solidarität

Cover Ulf Tranow: Das Konzept der Solidarität. Handlungstheoretische Fundierung eines soziologischen Schlüsselbegriffs. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 262 Seiten. ISBN 978-3-531-18209-4. 39,95 EUR.
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Thema

Die gegenwärtige Situation der deutschen Gesellschaft wird häufig unter Schlagworten diskutiert wie Spaltung zwischen arm und reich, Polarisierung zwischen Eliten und Bürgern oder auch Desintegration von Teilen der Bevölkerung. Gemeint ist damit unter anderem ein schwindendes Fundament des sozialen Zusammenhalts, der durch Individualisierungs- und Globalisierungstendenzen weiter untergraben werde. Soziologisch lässt sich dieser Sachverhalt auch als gefährdete Gemeinwohlbindung oder Solidarität bezeichnen. Diese Krisendiagnose war in den letzten Jahren Ausgangspunkt einer steigenden Zahl von empirischen Untersuchungen zum Zustand etwa der alltäglichen Solidaritätsbereitschaft oder des praktischen gemeinwohlbezogenen Handelns.

Der hier zu besprechende Band liefert keine weitere empirische Studie. Vielmehr konstatiert Ulf Tranow eine fehlende theoretische Konzeption in den zahlreichen Debatten wie auch eine Unklarheit über den Gegenstand selbst. Mit seinem Werk will er diesen Mangel beheben und legt ein umfangreiches und differenziertes theoretisches Konzept von Solidarität und von Zugängen zu ihrer Erforschung vor.

Entstehungshintergrund und Autor

Die Monografie ist die überarbeitete Fassung der Dissertation von Tranow, die er 2011 an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eingereicht hat. Sie ist mit dem drupa-Preis 2011 der Messe Düsseldorf prämiert worden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Teile und eine Schlussbetrachtung.

Im ersten Teil identifiziert Tranow nach Analyse von vier Solidaritätskonzepten (Durkheim, Hondrich/Koch-Arzberger, Kaufmann und Hechter) drei theoretische Probleme, die das soziologische Solidaritätskonzept aufweise. Demnach fehle ein überzeugender Solidaritätsbegriff, ein hinreichendes Konzept von Solidarnormen sowie handlungstheoretische Grundlagen, die eine Klärung der konstitutiven Bedingungen solidarischen Handelns zulassen.

Die folgenden Teile nehmen die Lösung dieser herausgefilterten Probleme in Angriff.

Im zweiten Teil wird zunächst der Solidaritätsbegriff entwickelt. Er basiert auf der analytischen Trennung zwischen Akteurs- und Systemebene. Dadurch gelingt es Tranow, zwischen Solidarität als speziellem Handlungstypus in persönlicher Solidarnormbindung zu unterscheiden von geltenden Solidarnormen auf der Systemebene. So eröffnen sich drei Dimensionen des Solidaritätsbegriffs und seiner Erforschung, nämlich bezogen auf den Akteur, das System und das Verhältnis beider zueinander. Um die zunächst unbestimmten Dimensionen zu füllen, werden in den folgenden Teilen eine Normtheorie und eine Handlungstheorie entfaltet.

Dazu stellt der dritte Teil Solidarnormen in einen theoretischen Rahmen. Mit dem Anspruch, alle sozialen Kontexte theoretisch zu erfassen, nutzt der Autor vier Normkategorien von Lindenberg: Bereitstellungs-, Verteilungs-, Unterstützungs- und Loyalitätsnormen. Sie alle lösen in „kritischen Transfersituationen“ (63) einen Entscheidungskonflikt, zum Beispiel wenn gesichert werden soll, dass auch ohne Anreize ein Beitrag zu einem Kollektivgut geleistet wird. In weiteren Kapiteln dieses dritten Teils wird die Problematik erörtert, dass je nach sozialer Situation unterschiedlich starke „Solidaropfer“ erbracht werden müssen. Das gelingt, Tranow zufolge, in Abhängigkeit davon wie stark das Interesse eines Akteurs an der Geltung einer Norm ist. Als erklärungs- und legitimationsbedürftig zeigen sich danach solche Solidarleistungen, mit denen kein Eigeninteresse verknüpft ist. Ferner offenbart dieser Teil die Vielfalt der Beziehungen zwischen Solidarnormen in den Dimensionen neutral, komplementär und konfligierend. Unterschiedliche Verpflichtungsverhältnisse geraten damit in den Blick des Rekonstrukteurs. Verschiedene Grade von Institutionalisierungen von Normen sowie deren Geltungsreichweite werden dargelegt und unterschieden in interessebasierte, überdeterminierte, solidarische und keine Solidarnormgeltung. Damit könne die qualitative Dimension der Solidarität sozialer Systeme erschlossen werden, so die Erwartung Tranows (138).

Schließlich führt der vierte und umfangreichste Teil (102 S.) diese Überlegungen in einem „explanativen Modell von Solidarnormbindung“ zusammen. Hier wird nun die noch fehlende Handlungstheorie eingeführt unter Verwendung eines erweiterten Rational-Choice-Ansatzes, der sich von den engen Annahmen eines homo oeconomicus löst. Das geschieht, indem die Nutzendefinition des Rational-Choice-Ansatzes erweitert wird um Anerkennungsbedürfnisse. Durch Integration von vier Theorieansätzen (Theorie universeller Zielgüter, Theorie der sozialen Produktionsfunktionen, Reframing-Theorie und Theorie der Interaktionsrituale) entsteht ein Modell, das es ermöglicht, Solidarnormbindung ökonomisch zu erklären als Mittel der individuellen Nutzenproduktion. Damit sei es möglich, Ursachen für fehlende Solidarnormbindung zu identifizieren (240).

Die Schlussbetrachtung liefert eine prägnante Zusammenfassung, die auch für sich genommen den Gesamtansatz verständlich auf den Punkt bringt, ebenso wie auch die Zwischenresümees einen roten Faden durch die Gesamtargumentation legen.

Diskussion

Das Werk ist durchgehend gut lesbar und bietet ein konsistentes Theoriegebäude, dessen Architektur eine gewisse ästhetische Eleganz aufweist. Die Argumentation des Autors verliert sich an keiner Stelle in Spekulationen oder Allgemeinplätze, sondern plausibilisiert noch so kleine theoretische Argumentationspartikel anhand von konkreten Überlegungen. So etwa, wenn Tranow seine anfängliche Kritik der fehlenden Begriffsklarheit in den vorgestellten Ansätzen damit untermauert, dass er anhand von Gegenbeispielen die Leerstelle benennt. Zum Beispiel verfehlt selbst der favorisierte Ansatz des Rational-Choice-Theoretikers Hechter die geforderte begriffliche Schärfe dadurch, dass er Tranow zufolge mit der handlungstheoretischen Prämisse des Nutzenmaximierers solche Solidarleistungen nicht erklären kann, die auch ohne starke Anreize zustande kommen.

Die grundlegende Ausrichtung der Denkweise Tranows lässt sich vom Kernsatz des explanativen Modells ausgehend erkennen: „Eine Solidarnormbindung setzt voraus, dass sie sich für einen Akteur im Rahmen seiner Produktion subjektiven Wohlbefindens auszahlt.“ (249) Die hier aufscheinende rationale Verengung in der handlungstheoretischen Konzeption erstaunt insbesondere deshalb, weil Tranow im Problemaufriss eine Kritik am homo oeconomicus als nicht überzeugender Handlungstheorie (26) zu einem der Ausgangspunkte seiner konzeptionellen Anstrengungen macht. Es ist Verdienst und Schwäche der Arbeit zugleich, dass der Autor in seiner Auseinandersetzung das Rational-Choice-Konzept erweitert, aber doch daran und damit an seinen soziologischen Verengungen haften bleibt. Insbesondere die anreiztheoretische Fundierung wird auch durch die insgesamt sehr geschlossene, differenzierte und theorieimmanent stimmige Konzeption nicht behoben.

Niemand kann die vorhandenen theoretischen Anstrengungen einer Disziplin vollständig erfassen. Doch wäre sicher ein Ansatz für Tranow bereichernd gewesen, der in den exemplarisch untersuchten Solidaritätsansätzen eingangs fehlt: Konstitutionstheoretische Arbeiten, die statt der Akteurs- und Systemebene die Handlungsstrukturen als Grundlage sozialer Entscheidungen machen (z.B. Fischer 2009 oder Franzmann/Pawlytta 2008), bieten eine schlüssige Erklärung der Voraussetzungen und Wirkungsweisen solidarischen Handelns. Solidarität bzw. Gemeinwohlbindung erscheint dann weder durch Normen noch durch rationale Überlegungen konstituiert, sondern strukturell im biografischen Erfahrungsraum des Subjektes verankert als notwendige, aber oft weder bewusst noch rational gegebene Antwort auf die unausweichliche Frage nach dem Lebenssinn oder – soziologisch ausgedrückt – nach der Bewährung des Lebens.

Fazit

Das Buch bietet ein umfassendes und differenziertes Theoriekonzept zum Begriff der Solidarität. Hilfreich ist es für die Identifikation von Forschungsfragen, ihre analytische Verankerung und die Bestimmung des Forschungsgegenstandes. Alle, die der Rational-Choice-Theorie Erklärungskraft abgewinnen können, finden hier eine aufschlussreiche Erweiterung des Ansatzes. Für Praktiker sozialer Berufe ist das entwickelte Analyseraster anregend, um Gefährdungen einer Gemeinwohlbindung auf der Handlungs- und Systemebene zu entdecken. Es bedarf allerdings einer forschenden Haltung der eigenen Berufspraxis gegenüber, um die theoretischen Überlegungen in empirische Phänomene zu übersetzen.

Genannte Literatur:

  • Fischer, Ute Luise (2009): Anerkennung, Integration und Geschlecht – zur Sinnstiftung des modernen Subjekts. Bielefeld: transcript-Verlag.
  • Franzmann, Manuel/Pawlytta, Christian (2008): Gemeinwohl in der Krise? Fallanalysen zur alltäglichen Solidaritätsbereitschaft. Frankfurt a.M.: Humanities online

Rezensentin
Prof. Dr. Ute Fischer
Fachhochschule Dortmund. FB Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.fh-dortmund.de/de/fb/8/personen/lehr/ufischer/i ...
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Zitiervorschlag
Ute Fischer. Rezension vom 03.12.2012 zu: Ulf Tranow: Das Konzept der Solidarität. Handlungstheoretische Fundierung eines soziologischen Schlüsselbegriffs. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18209-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13658.php, Datum des Zugriffs 28.06.2016.


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