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Jürgen Rausch, Stefan Berndt: Jugendhilfe in Kooperation mit der Ganztagsschule

Cover Jürgen Rausch, Stefan Berndt: Jugendhilfe in Kooperation mit der Ganztagsschule. Zum Strategieverständnis von Jugendhilfe im Wandel von Schule. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 165 Seiten. ISBN 978-3-531-19223-9. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 43,50 sFr.

Reihe: Research - Management - Bildung - Ethik. OnlinePlus.
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Autoren

Beide Autoren lassen durch ihre beruflichen Hintergründe aus der Schulleitungspraxis bzw. Praxis in der kommunalen Familienbildung und durch die Hochschulbezüge erkennen, dass sie aus profundem Wissen aus Theorie und Praxis schöpfen. Was sich erst im Lesen des Buches erschließt ist eine- vor allem in Grundsatzfragen erkennbare – deutliche Nähe zur evangelischen Kirche und dieser weltanschaulichen Prägung des Bildungsbegriffs.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung entstand im Zusammenhang eines Masterstudiums; es handelt sich wohl um die überarbeitete Version einer Masterthesis aus dem Studiengang Bildungs- und Sozialmanagement, den Dr. Jürgen Rausch an der Ev. Hochschule Freiburg leitet.

Aufbau

Die Schrift umfasst 150 Seiten. Der überwiegende Teil generiert aus der Fachliteratur Erkenntnisse und Positionen zu ganztägiger Bildung und deren Bezug zur Jugendhilfe. Etwa 25 Seiten zeigen Fallanalysen und deren Auswertung.

Die zwei wesentlichen Abschnitte des ersten, theoretischen Teils unterscheiden sich weniger im Inhalt als im Fokus: Zunächst geht es um die Perspektive der Ganztagsschule, dann um die der Jugendhilfe. Die Ausführungen aus der Jugendhilfesicht sind – schon in der Gliederung erkennbar – differenzierter und ausführlicher.

Inhalt

Als Folie für die weiteren Ausführungen zur Ganztagsschule im Kooperationsgeflecht von Schule und Jugendhilfe wird zu Beginn der verwendete Bildungsbegriff entfaltet: Bildung wird weit verstanden, auch hinsichtlich ihrer ethischen Dimension. Die am Bildungsprozess beteiligten Akteure bzw. Institutionen werden vorgestellt und ein Konzept diakonisch verstandener Schulsozialarbeit entfaltet.

Im zweiten Kapitel werden Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit als zentrale Werte für ganztägige Bildung entfaltet; dazu werden die Schriften von Comenius, Klafki und Rauschenbach verwendet. Das Kapitel endet mit dem Plädoyer für den Auftrag einer diakonischen Kirche für Bildungsgerechtigkeit und gegen eine Engführung auf verwertungsorientierte Bildung.

Der dritte Abschnitt beleuchtet das Verhältnis von Ganztagsschule und Jugendhilfe. Ergebnisse sind: Ganztagsschulen dienen nicht der Kompensation familiärer Defizite; sie sind mehr als „Mutanten von Halbtagsbildung“ und sie begründen sich in „stark veränderten Lebenslagen“. Sie verfolgen ein weites Bildungsverständnis, verlangen nach kooperativen Netzwerken und greifen auf reformpädagogische Ansätze zurück.

Das vierte Kapitel stellt fachlich noch genauer und diesmal ausdrücklich aus Sicht der Jugendhilfe deren Zusammenspiel mit dem schulischen Ganztag dar. Die beiden Instanzen werden in ihren Struktureigentümlichkeiten, Konzepten ausführlich beschrieben und einander gegenübergestellt. Grundlage dafür ist einschlägige Fachliteratur. Spezifische Aussagen beziehen sich auf Jugendarbeit als Teil der Jugendhilfe sowie auf die jeweiligen Vorstellungen von Bildung. Dabei wird genauer auf Ganztagsangebote, auf Erziehung und Betreuung sowie die jeweils bestimmenden Rechtsgrundlagen eingegangen. Das Handlungsprinzip der Partizipation wird als ein spezifisches der Jugendhilfe herausgearbeitet. Schließlich werden für die Systeme von Schule und Jugendhilfe ausführlich die jeweiligen Steuerungsmechanismen sowie die gemeinsame Planungsperspektive vorgestellt.

Das fünfte und letzte große Kapitel berichtet von einem kleineren Forschungsprojekt mit Interviews, und teilnehmender Beobachtung, das die „Profilierung eines Strategieverständnisses in der Kooperation der Ganztagsschulen“ ermitteln soll. Zunächst werden die fachlichen Grundlagen empirischer Sozialforschung gelegt, in dem allgemein die zentralen Zugänge, das leitfadengestützte Interview, die Grundprinzipien der Methodenwahl, der Feldwahl und der Auswahl der Expert/innen beschrieben werden. Die Untersuchung wird kurz vorgestellt und dann ausgewertet, wobei zunächst jedem Interview eine Kernaussage zugeordnet wird und dann nach ausgewählten inhaltlichen Kriterien eine fachbezogene Ergebnissicherung stattfindet. Die Befunde umfassen i.d.R. nicht mehr als eine Seite und formulieren präzise zentrale Erkenntnisse, so z.B. dass die Kooperation meist aus schulischen Problemen entsteht, dass ein systematisches Kontraktmanagement fehlt, dass Partizipation in der Schule nicht gelingt, dass der Bildungsbegriff unter den Partnern nicht kommuniziert wird u.a.m.

Die abschließende „Würdigung“ im 6. Kapitel stellt diese Erkenntnisse in einen größeren, fachlichen Zusammenhang und bewertet sie; damit werde die im Schlusskapitel aufgeführten Perspektiven vorbereitet.

Diskussion

Das Thema der Kooperation von Jugendhilfe und Schule und insbesondere deren Wirken im Bereich ganztägiger Bildung füllt inzwischen meterlange Bücherregale. Leider stellt diese Veröffentlichung keine wirklich weiterführende Bereicherung dar. Die verwendete Literatur ist einschlägig bekannt und hinreichend in vielen Schriften zitiert. Die Positionen der jeweiligen Autoren werden häufig additiv aneinandergereiht; die eigene darüber hinausgehende Positionierung ist in der Regel schwach ausgeprägt.

Die zu Beginn deutliche weltanschauliche Ausrichtung verliert sich schon im theoriegestützen Teil und bleibt am Ende bedeutungslos; hier werden Chancen für einen dezidierten Ansatz nicht genutzt.

Das Jugendhilfe und Schule „zwei Sozialisationsinstanzen mit den historisch gleichen Wurzeln“ sind (23), ist schlichtweg falsch. Insbesondere auch die späteren Ausführungen zum Bildungsverständnis sind historisch ungenau. Comenius in diesem Zusammenhang zu zitieren ist zwar nicht neu, aber sinnvoll, doch fehlt für ihn ebenso wie für Klafki die Einordnung in den historischen, d.h. gesellschaftlich relevanten Kontext. Wer Thiersch zitiert mit der Aussage zur „Auseinandersetzung mit der Welt“ (62), kommt an Humboldt auch eigentlich nicht vorbei. Wer über das Recht auf Bildung schreibt, sollte Dahrendorfs Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik und seinen Begriff von der Möglichkeit, der Erlaubnis zu Bildung kennen. Die aufgeworfene Frage, ob es am „brüchigen Konstrukt der Alltagsbildung“ liegt (32 f.), wenn Lernen in Koproduktion nur unzureichend gelingt, kann deshalb nicht angemessen beantwortet werden. Auch der richtige Hinweis auf die utilitaristische Ausrichtung von Bildung hätte einer vertieften, auch historischen Auseinandersetzung bedurft (z.B. mit Blick auf das 18. Jahrhundert; vgl. u.a. Blankertz).

Die Ausführungen zu den Systemen von Jugendhilfe, insbesondere Jugendarbeit und von Schule, hier insbesondere dem Ganztag sind zwar richtig, führen über bisher Bekanntes nicht hinaus. Zudem ist die Gliederung in diesen Abschnitten nicht gut zu verfolgen. Mehrfach an verschiedenen Stellen werden grundlegende Aussagen zum Bildungsbegriff gemacht; immer wieder an verschiedenen Stellen werden die beiden o.g. Systeme in ihrer Charakteristik beschrieben. Die Frage ist auch, ob nicht die Reihenfolge angemessener wäre, zunächst beide Systeme zu beschreiben und dann deren Kooperation in den Blick zu nehmen. Die Autoren gehen erstaunlicherweise umgekehrt vor, was unvermeidlich zu den o.g. Wiederholungen führt. Und: warum ist das Kapitel, das zum zentralen Buchtitel gehört (Ganztagsbildung) ein Exkurs (4.5)?

Wenn, was auch die Fallstudien zeigen, der Fokus auf dem Aspekt der Steuerung liegt, hätten diese Abschnitte (4.8 und 4.9) durchaus auch zulasten andere länger ausfallen dürfen. Wofür z.B. ist das Wissen um die quantitative Ausprägung von Schule und Jugendhilfe in der Gedankenführung relevant?

Die in Teilen unsystematische Gliederung korrespondiert mit Fehlern in der Grammatik und Rechtschreibung (vgl. u.a. S. 61). Ungenaue Formulierungen führen zu Fehlern, wie z.B. dem, dass Jugendhilfe einen Ausschnitt der Sozialpädagogik darstelle (vgl. 72).

Der eigentliche Gewinn liegt in den Ergebnissen des Forschungsprojektes, das allerdings allein quantitativ nicht so bedeutsam erscheint, wie der theoriegestützte Teil der Arbeit. Die Darstellung der Interviewergebnisse umfasst leider nur 17 Seiten, die Auswertung und Bewertung dann weitere 5 Seiten. Die Autoren hätten Grundlegendes zu den gewählten Forschungsmethoden als bekannt voraussetzen und erheblich kürzer oder auf das konkrete Vorhaben bezogen darstellen können. Fachlich und stilistisch wiederholen sich einige der o.g. formalen Mängel, so z.B. der Wechsel in die Ich-Form. Auch hätten Hypothesen vor der Durchführung der Forschung das erkenntnisleitende Interesse im Sinne Habermas` transparent gemacht. Kritisch hätte die kollegiale Verbindung beider Autoren zu den ausgewählten Interviewpartnern erwähnt werden müssen, da es hier möglicherweise zu Verzerrungen der Gesprächsinhalte kommen konnte.

Gleichwohl, die in der Auswertung (ab S. 113) genannten Befunde sind durchaus interessant (s.o); die sogenannte Würdigung, die Auswertung und Bewertung zusammenfasst, zeigt steigendes fachliches Niveau und Feldkompetenz. Die gewonnenen Erkenntnisse sind geeignet für die konzeptuale Weiterentwicklung der Kooperation von Schule und Jugendhilfe mit Blick auf deren Steuerungsmechanismen. Manche Wertung und durchschimmerndes Engagement wäre im Sinne der wissenschaftlichen Klarheit vielleicht besser im Schlusskapitel aufgehoben gewesen, so z.B. die Auseinandersetzung mit dem Einsatz der kommunalen neuen Steuerungsmodelle und der Ressentiments auf Seiten von Jugendhilfe und Schule (vgl.135).Den in der Schlussbetrachtung aufgeführten Perspektiven kann aus theoretischer und praktischer Sicht sehr zugestimmt werden, so z.B. die zum Leitungsverständnis (142) und zur offenen Schule, angelehnt an das Modell der Zukunftsschule von Grimm/Hochtief (143).

Fazit

Der Lesegewinn des Buches liegt in den 117 bis 152. Auf die literaturbasierten Grundaussagen bis dahin hätte verzichtet werden können, da sie a) hinlänglich bekannt und b) fachlich nicht einwandfrei sind. Eine Weiterführung im Anschluss an die Untersuchungsergebnisse wäre vielversprechend.


Rezensentin
Prof. Dr. Ursula Tölle
Katholische Hochschule NRW
Abteilung Münster, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Ursula Tölle. Rezension vom 24.09.2012 zu: Jürgen Rausch, Stefan Berndt: Jugendhilfe in Kooperation mit der Ganztagsschule. Zum Strategieverständnis von Jugendhilfe im Wandel von Schule. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-19223-9. Reihe: Research - Management - Bildung - Ethik. OnlinePlus. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13675.php, Datum des Zugriffs 28.06.2016.


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