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Matthias Ochs, Jochen Schweitzer (Hrsg.): Handbuch Forschung für Systemiker

Cover Matthias Ochs, Jochen Schweitzer (Hrsg.): Handbuch Forschung für Systemiker. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. 469 Seiten. ISBN 978-3-525-40444-7. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Gibt es systemische Forschung?

Kann es „systemische Forschung“ überhaupt geben – und wenn ja: wie sieht sie aus? Das kann man sich vielleicht fragen, wenn man diesen gewichtigen Band in die Hand nimmt. Ist es „systemische Forschung“, wenn durch RCT-Studien (Randomized Controlled Trials) die Wirksamkeit systemischer Therapie nachgewiesen wird? „Systemisch ist Forschung für mich, wenn ein systemtheoretisches Paradigma zugrunde gelegt wird.“ (S. 187) So kurz und bündig formuliert es Fritz B. Simon im Interview mit Matthias Ochs. „Alle Methoden (ob nun quantitativ oder qualitativ) sind daher im Prinzip „systemisch“, wenn sie anhand irgend eines systemtheoretischen Modells interpretiert werden.“ (S. 188) Müsste wohl heißen: Wenn die erhobenen Daten anhand eines systemtheoretischen Modells interpretiert werden.

Die Frage, ob es „systemische Forschung“ überhaupt gibt, verneinen die beiden Herausgeber in ihrem Vorwort. „Denn dann müssten wir beschreiben können, was ‚nicht-systemische Forschung‘ ist – was wir, wie wir festgestellt haben, nicht überzeugend können.“ (S. 13) Deshalb haben sie ihr Handbuch – aus meiner Sicht konsequent und überzeugend, wenn auch im Gender-Sinne nicht ganz politisch korrekt – „Forschung für Systemiker“ genannt.

Herausgeber

Matthias Ochs, Dr. soc.hum., ist Diplompsychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Medizinische Organisationspsychologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Außerdem arbeitet er als Psychologischer Psychotherapeut und Systemischer Familientherapeut im eigenen systemischen Weiterbildungsinstitut Ochs & Orban. Er fungiert als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift „Psychotherapie im Dialog“ und der „Familiendynamik“.

Jochen Schweitzer, Dr. rer.soc., ist ebenfalls Diplompsychologe. Er ist Professor an der Uni Heidelberg und leitet die Sektion Medizinische Organisationspsychologie im Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg. Außerdem ist er lehrender Supervisor und Lehrtherapeut für Systemische Therapie am Helm Stierlin-Institut in Heidelberg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF). Im systemischen Feld u.a. bekannt durch die beiden – mit Arist von Schlippe verfassten – Lehrbücher für systemische Therapie. (Bd. 1: Lehrbuch für systemische Therapie und Beratung - vgl. die Rezension - und Bd. 2, Das störungsspezifische Wissen - vgl. die Rezension).

Die beiden Herausgeber veranstalten die seit 1998 jährlich stattfindenden Heidelberger Tagungen „Systemische Forschung in Therapie, Pädagogik und Organisationsentwicklung“.

„Mit Libido forschen“ – Zielsetzung

Der Band verfolgt vier Ziele:

  1. will er Wege aufzeigen, wie Systemtheorie in konkrete Forschung umgesetzt werden kann.
  2. Beispiele systemischer Forschung aus verschiedenen Arbeitsfeldern sollen dies verdeutlichen.
  3. Forschungsmethoden sollen so dargestellt werden, dass SystemikerInnen sie nutzen können.
  4. Wollen die Herausgeber mit dem Band insbesondere PraktikerInnen Mut machen, auch tatsächlich zu forschen. (S. 13)

Das Buch möchte einladen, „mit Libido zu forschen“ (S. 430), wie es Matthias Ochs in seinem erfrischenden und informativen „kleinen Leitfaden für die Durchführung systemischer Forschungsvorhaben (nicht nur) für Praktiker“ ausdrückt.

Aufbau und Inhalt

Der Band hat sechs Teile mit insgesamt 22 Beiträgen, die zwischen 15 und 35 Seiten lang sind.

In der Einführung (S. 17 – 68) umreißen die Herausgeber unter dem Titel „‚Forschung für Systemiker‘ oder ‚systemisch forschen‘“ zunächst die Frage, was systemische Forschung (nicht) ist. Günter Schiepek gibt dann einen umfangreichen Methodenüberblick (S. 33 – 68), der nicht nur sozialwissenschaftliche, sondern auch Methoden aus dem naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereich umfasst.

Im umfangreichen zweiten Teil „Grundlagen und Forschungsfelder“ (S. 71 – 193) wird – erstaunlich! – zunächst Forschung in der Sozialen Arbeit thematisiert (Heino Hollstei-Brinkmann). In ihrem Beitrag „Fragen lernen – Worauf achtet eine empirisch-systemische Organisationsforschung?“ illustrieren Audris Alexander Muraitis und Arist von Schlippe, wie durch spezifische Fragen bestimmte Daten erzeugt werden können. Kirsten von Sydow gibt einen Überblick über RCT-Studien zur Wirksamkeit systemischer Therapie und Rolf Arnold zeigt anhand der systemischen Bildungsforschung, wie die klassischen Gütekriterien empirischer Forschung aus systemtheoretischer Sicht kritisch „dekonstruiert“ werden können. Jürgen Kriz lenkt den Blick von der „Rechtfertigungsforschung“ auf die psychologische Grundlagenforschung, die Forschung zur Wirkungsweise. Dirk Baecker analysiert „Die Texte der Systemtheorie“ daraufhin, welchen Beitrag insbesondere die komplexe Begriffsarchitektur der Systemtheorie Luhmann?scher Prägung zur empirischen Forschung leisten kann. Das bereits erwähnte Interview mit Fritz B. Simon eignet sich mit seinen knappen 7 Seiten als Einstieg ins Gesamtthema und macht Lust, sich dann genauer mit der Thematik – und mit kontroversen Sichtweisen die in diesem Band dazu präsentiert werden - zu beschäftigen.

Im dritten Teil (S. 197 – 296) geht es um qualitative Forschungsmethoden: fallrekonstruktive Familienforschung (Bruno Hildenbrand), die Integration von Konversations-, Narrations- und Metaphernanalyse (Michael B. Buchholz), phänomenologische Ansätze in der Familien(therapie)forschung (Carla M. Dahl und Pauline Boss), Grounded Theory, Diskursanalyse und narrative Ansaätze (Charlotte Burck) und qualitative Organisationsanalyse (Ulrike Froschauer und Manfred Lueger).

Der vierte Teil über quantitative Methoden hat mich weniger angesprochen (S. 299 – 377) – was auch mit meiner persönlichen Präferenz für qualitative Zugänge zu tun haben dürfte. Zeitreihenanalyse (Wolfgang Tschacher), quantitative Familieninteraktionsforschung (Günter Reich und Michael Stasch) und standardisierte Fragebogenverfahren in der Paar- und Familiendiagnostik (Corina Aguilar-Raab) sowie ein Beitrag über die Entwicklung eines Indikators zur Einschätzung des familiären Funktionsniveaus und eines praktikablen Messinstruments zur Wirksamkeit systemischer Therapie (Peter Stratton u.a.) zeigen, dass systemische Forschung nicht beschränkt ist auf qualitative Zugänge.

Die „Mixed Methods“ (S. 381 – 420) kommen etwas kurz, obwohl solche Zugänge eigentlich von den Herausgebern präferiert werden. Das von Martin Vogel vorgestellte Repertory-Grid-Interview dient dazu, persönliche Konstrukte, Sichtweisen, Normen, Glaubenssätze – „subjektive Theorien“ – von Personen oder Gruppen zu erforschen. M. Ochs liefert schließlich eine Synthese: „Systemisch forschen per Methodenvielfalt – konzeptuelle Überlegungen und Anwendungsbeispiele“. Als „Triangulation“ ist diese Vielfalt von Zugängen aus dem Diskurs zur qualitativen Sozialforschung bekannt.

Besonders angesprochen haben mich persönlich die beiden abschließenden Beiträge der Herausgeber (S. 423 – 458): Der „kleine Leitfaden für die Durchführung systemischer Forschungsvorhaben (nicht nur) für Praktiker“ von Matthias Ochs macht tatsächlich Lust auf Forschung. Jochen Schweitzers Darstellung „Systemische(r) Forschungsprojekte als Gemeinschaftsleistung“ ist eine erfrischend persönlich geschriebene „Forschungsbiografie“, die zeigt, wie nicht nur die Vielfalt von Methoden, sondern auch die von an der Forschung beteiligten Menschen und Institutionen das Forschen zu einem Abenteuer machen.

Fazit

Das Handbuch verdient seinen Namen, macht Lust auf Forschung und sollte in keiner Hochschulbibliothek und in keinem Weiterbildungsinstitut fehlen! Es dürfte vielleicht bald ein ähnlicher „Klassiker“ werden, wie das Lehrbuch Systemische Therapie und Beratung von Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer. In Zeiten, wo „Evidence-based Practice“ ein einziges Forschungsdesign, randomisierte und kontrollierte Studien, zum „Goldstandard“ erklärt und alle andere Forschungszugänge damit abgewertet werden, ist dieses Handbuch eine not-wendige Erinnerung an die Vielfalt von (systemischer) Forschung und erinnert auch daran, dass das wichtigste Gütekriterium das ist, ob die Forschungsmethode angemessen für die Fragestellung ist und ob sich aus ihrer Anwendung nützliche Antworten für die Fragestellung ergeben.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung
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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 05.10.2012 zu: Matthias Ochs, Jochen Schweitzer (Hrsg.): Handbuch Forschung für Systemiker. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-525-40444-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13682.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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