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Rita Braches-Chyrek, Gaby Lenz u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Schule

Cover Rita Braches-Chyrek, Gaby Lenz, Bern Kammermeier (Hrsg.): Soziale Arbeit und Schule. Im Spannungsfeld von Erziehung und Bildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 200 Seiten. ISBN 978-3-86649-477-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.

Schriftenreihe der Gilde Soziale Arbeit - 3.
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Thema

Das Buch bildet den dritten Band der Schriftenreihe der Gilde Soziale Arbeit e.V. und widmet sich dem weiterhin boomenden und Profession wie Disziplin herausfordernden Handlungsfeld an der Schnittstelle von Jugendhilfe und Schule. So vielfältig die Herausforderungen für dieses Handlungsfeld sind, so vielfältig sind auch die in diesem Band versammelten Aufsätze zum Thema.

Aufbau

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Zunächst werden drei theoretische Zugänge zum Verhältnis von Sozialer Arbeit und Schule eröffnet, im Anschluss werden Forschungsergebnisse aus vier Arbeiten zu unterschiedlichen Aspekten des Verhältnisses von Jugendhilfe und Schule präsentiert. Den Abschluss bilden drei Texte zu weiterführenden Diskussionen des Verhältnisses von Jugendhilfe und Schule.

Inhalt

Der erste Aufsatz des Buches unter der Überschrift „Theoretische Zugänge“ stammt von Michael Winkler („Bildung und Erziehung – zur Hermeneutik vergessener Zusammenhänge“) und stellt die Frage nach dem theoretischen Verständnis von Bildung und Erziehung in aktuellen pädagogischen Diskursen. In Anschluss an Mollenhauer analysiert Winkler, dass seit dem Untergang der geisteswissenschaftlichen Pädagogik zugunsten der empirischen Bildungsforschung eine Verschiebung stattgefunden hat vom prinzipiell nicht abschliessbaren geisteswissenschaftlichen Prozess der Hermeneutik hin zu der Suche (und dem Versprechen) nach kausalen Orientierungen oder eindeutigen Effekten in der Erziehung. In Rückgriff vor allem auf Kant und Humboldt und in Absetzung zur gegenwärtigen empirisch-analytisch dominierten politischen und pädagogischen Perspektive verteidigt er Bildung als Arbeit an der Freiheit, die das Subjekt selber bewältigen muss (S. 30). Winkler greift in diesem voraussetzungsreichen Aufsatz zur Klärung der Begriffe Erziehung und Bildung zudem auf pädagogische Klassiker wie Pestalozzi, Fröbel, Herbart zurück und zeigt eindrucksvoll, wie sehr manche aktuellen Diskurse hinter dem zurück bleiben, was wir eigentlich wissen könnten. Pädagogik („die Schulpädagogen zuerst, mittlerweile jedoch sogar die Sozialpädagogen“ (S. 37)) habe das erzieherische Ziel der Freiheit vergessen und sei Teil einer „Unterdrückungs- und Beherrschungsmaschinerie“ (ebd.) geworden, die Kinder und Jugendliche zu allererst unter dem Nützlichkeitsaspekt betrachte. Demgegenüber fordert Winkler eine Pädagogik der Emanzipation (S. 41).

Gaby Lenz nimmt die Schule als Ort von Generationenbegegnungen unter die Lupe. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels kann sicher angenommen werden, dass sich die Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen verändern werden, weil weniger Gleichaltrige einer Überzahl an Älteren gegenüberstehen werden (vgl. S.45f.). Lenz sieht pädagogisch begleitete Generationenbegegnungen als eine Möglichkeit, Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen anzustoßen und zu begleiten, den demografischen Herausforderungen konstruktiv zu begegnen, lotet in der Folge aus, was dazu notwendig ist und gibt Beispiele für Generationenbegegnungen im Kontext von Familie, Schule und Sozialer Arbeit. So könnte Schule als Ort, an dem intragenerative Begegnungen (SchülerInnen – SchülerInnen) und intergenerative Begegnungen (SchülerInnen – LehrerInnen) ohnehin angelegt sind, zum Ort der Begegnung der Generationen werden.

Silvia Grad und Bernd Kammermeier untersuchen die Methode des Trainingsraums in der Schule. Auf der Grundlage von berufsethischen Prinzipien der Sozialen Arbeit (Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession), den Grundlagen der Schulsozialarbeit, ihren rechtlichen Grundlagen, ihren Aufgaben und Konzepten stellen sie die Methode des Trainingsraums detailliert dar. Neben einer darauf folgenden eingehenden Kritik der Methode aus sozialpädagogischer Perspektive sehen die AutorInnen die Möglichkeit, quasi über den „Umweg“ Trainingsraum an die lebensweltlichen Probleme der SchülerInnen heran zu kommen (S. 87), hier Angebote (Beratung, Mediation) zu installieren, die nicht den Charakter einer Strafe haben, sondern die die SchülerInnen „Zu-sich-finden“-lassen (ebd.).

Im zweiten Teil des Buches werden aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Schule bzw. der Kooperation von Jugendhilfe und Schule vorgestellt. Den Anfang des zweiten Teils macht Susanne Miller, die auf der Mikroebene der Akteure Herstellungsbedingungen und Stabilisierungsprozesse von Sozialer Ungleichheit in der Grundschule durch das Handeln von GrundschullehrerInnen untersucht. Miller arbeitet Deutungsmuster von GrundschullehrerInnen in Bezug auf Vorstellungen gesellschaftlicher Normalität und familiären Normalitätsvorstellungen und den Zusammenhang zur Schulleistung von SchülerInnen heraus.

Karl-Heinz Braun, Barbara Hönig und Konstanze Wetzel präsentieren Ergebnisse einer breit angelegten Evaluation zur Schulsozialarbeit in Kärnten, mit deren Hilfe „die Chancen und Schwerpunkte, aber auch die Schwierigkeiten der sozialpädagogischen Profilbildung von Schule“ (S. 118) ausgelotet werden sollen.

Anja Terner stellt die These auf, dass die Handlungskompetenzen und die Methoden der Schulsozialarbeit bisher wenig erforscht sind und präsentiert erste Forschungsergebnisse ihrer zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht fertig gestellten Dissertation. Anhand von drei ethnografischen Einblicken in den Alltag von SchulsozialarbeiterInnen entwickelt sie Thesen zu der Frage, was Handlungskompetenz in der Schulsozialarbeit bedeuten könnte.

Kathrin Aghamiri untersucht, ebenfalls im Rahmen eines Dissertationsprojekts, welche „Elemente und Gegenstände sozialer Lernangebote der Jugendhilfe im Kontext Schule sich die Schülerinnen und Schüler tatsächlich und selbsttätig aneignen“ (S. 157). Ausgehend von der Analyse, wonach Jugendhilfe häufig mit der Aufgabe der Prävention an Schule gebeten wird, schildert Aghamiri, dass sozialpädagogische Gruppenprogramme, die auf spielerischer Basis aneignungsorientierte Bildungsangebote für Kids machen, sich häufig in einem Widerspruch befinden zur Schuldidaktik, die auf reflektier- und abrufbare Lernergebnisse zielt. Anhand des Beispiels des gruppenpädagogischen Angebots „Skott und Klara“ arbeitet Aghamiri heraus, welche aneignungsrelevanten Räume sich eröffnen, wenn innerhalb der schulischen Ordnung sozialpädagogische Bildungsangebote angeboten werden.

Im dritten Teil des Buches unter der Überschrift „Weiterführende Diskussion“ stellt Angelika Henschel die Frage, inwieweit geschlechtsreflexive Gewaltprävention ein gemeinsames Thema für Jugendhilfe und Schule ist. Über den Begriff der Bildung lotet sie Möglichkeiten der Gewaltprävention an der Schnittstelle von Familie, Jugendhilfe und Schule aus und formuliert daraus notwendige Konsequenzen für die Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften.

Rita Braches-Chyrek untersucht Kinder und Peerkulturen in schulischen und außerschulischen Kontexten. Hierzu bietet sie zunächst einen kurzen Abriss der Erforschung von kindlichen Peerkulturen und stellt die Frage, inwieweit diese autonom (z.B. Nutzung der neuen Technologien) und/oder abhängig (z.B. marktförmig angepasste Freizeitangebote) sind. Vor diesem Hintergrund steht die Soziale Arbeit vor der Aufgabe, zu reflektieren, wo Kinder autonom entscheiden können, wo sie aber auch durch institutionelle Zwänge abhängig sind von den Entscheidungen Erwachsener.

Rolf Krüger schließlich arbeitet die Grenzen und Möglichkeiten des Datentransfers zwischen Jugendhilfe und Schule heraus.

Diskussion und Fazit

Das Buch bietet einen vielseitigen und facettenreichen Einblick in das Thema Jugendhilfe und Schule. Es beinhaltet sowohl Artikel, die sich sehr grundsätzlich um Klärungen von Begrifflichkeiten bemühen (z.B. der Aufsatz von Winkler), als auch solche, die im Spannungsfeld von Schule und Jugendhilfe angesiedelt sind, und zwar sowohl aus theoretischer, empirischer als auch konzeptioneller Perspektive. Bei dem Buch handelt es sich dabei weniger um eine systematisierte Einführung in den Bereich der Kooperation von Jugendhilfe und Schule, vielmehr können erfahrene PraktikerInnen, Studierende der Sozialen Arbeit oder Kindheitspädagogik, Lehrende und Forschende vielfältige Anregungen und Klärungen finden.


Rezensent
Prof. Dr. Fabian Lamp
Professor für das Fachgebiet Erziehung und Bildung im Übergang von der Kindheit zum Jugendalter an der FH Kiel


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Zitiervorschlag
Fabian Lamp. Rezension vom 14.01.2013 zu: Rita Braches-Chyrek, Gaby Lenz, Bern Kammermeier (Hrsg.): Soziale Arbeit und Schule. Im Spannungsfeld von Erziehung und Bildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-477-0. Schriftenreihe der Gilde Soziale Arbeit - 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13693.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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