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Alban Knecht, Franz-Christian Schubert (Hrsg.): Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit

Cover Alban Knecht, Franz-Christian Schubert (Hrsg.): Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit. Zuteilung - Förderung - Aktivierung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 380 Seiten. ISBN 978-3-17-021810-9. 36,00 EUR.

Reihe: Sozialpädagogik.
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Thema

In einer Zeit, in der Umfang und Qualität sozialstaatlicher Leistungen heftig diskutiert werden und 10 Jahre nach der Agenda 2010, die unter dem Stichwort Eigenverantwortung eine Kritik an „passivierenden“ Transferleistungen zum Gegenstand hatte, wird wieder über Ressourcen geredet. Darunter verstehen die Herausgeber all das, „was ein Mensch einbringen kann, um sein Überleben zu sichern und seine Ziele zu verfolgen“. Mit dieser Definition wird eine Erweiterung herkömmlicher Ressourcentheorien vorgenommen, die auch psychische Ressourcen, Gesundheit und Zeit als sozial ungleich verteilte Ressourcen begreift. Der Band versucht damit einen schärferen Blick auf Aspekte der sozialen Ungleichheit zu gewinnen, die durch den Zugang zu Umweltressourcen produziert und reproduziert werden. Dabei sollen – so der Anspruch des Bandes – sozialpolitische und sozialarbeiterische/sozialpädagogische Betrachtungsweisen miteinander verbunden werden.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in vier Abschnitte.

Im ersten Abschnitt „Konzeptionelle Zugänge“ wird in Beiträgen von Franz-Christian Schubert und Alban Knecht, Heiner Keupp und Alban Knecht eine Einführung in Merkmale, Theorien und Konzeptionen von Ressourcen gegeben und Verwirklichungschancen als Bedingungen und Folgen der Handlungsfähigkeit untersucht. Eine ressourcentheoretische Erweiterung des Capability-Ansatzes von Amartya Sen beendet diesen Abschnitt. Der normative Zugang zu Ressourcen wird in allen drei Aufsätzen dadurch deutlich, dass Ressourcen generell als ein Mittel besprochen werden, mit denen die Lebensverhältnisse den Bedürfnissen entsprechend geformt werden können. Damit wird auch zugleich die Botschaft, die der Band zu transportieren versucht, einleitend vermittelt: thematisiert wird das Verhältnis des Subjekts zu den Möglichkeiten und Chancen seiner Bedürfnisbefriedigung und damit die Frage, wie individuelle Capabilities versperrt oder gesteigert werden können.

Im zweiten Abschnitt des Buches geht es um die makrosoziologische und sozialpolitische Fragestellung der Zuteilung von Ressourcen und der Verteilung von Ressourcen. Dabei wird im einleitenden Beitrag von Alban Knecht zurecht vor simplifizierenden Theorien gewarnt, die Gerechtigkeitsfragen etwa in Kategorien der Tauschgerechtigkeit oder der austeilenden Gerechtigkeit diskutieren. Der Beitrag plädiert dafür, die Rolle des Staates stärker in den Blick zu nehmen und die Frage zu thematisieren, warum Wohnen, Schule und Gesundheit vielfach einen Beitrag zur Steigerung von sozialer Ungleichheit und nicht ihrer Einebnung leisten. Damit sollen – auch hier zeigt sich wieder ein Rückgriff auf normative Konzepte – Gerechtigkeitsfragen auf breiterer Grundlage diskutiert werden (empirisch betrachtet könnte man ihnen auch eine Absage erteilen). – In den weiteren Kapiteln dieses Abschnitts werden Gesundheit, Bildung, Sozialkapital und die Ressource Zeit untersucht und die Ressourcenorientierung in der Armutsforschung diskutiert. Abschließende Aufsätze befassen sich mit Tauschbedingungen im transformierenden Wohlfahrtsstaat und der finanziellen Abhängigkeit von non-profit-Organisationen und ihren Folgen. Dieser Beitrag fällt etwas aus dem Rahmen der zuvor versammelten Beiträge, weil er sich nicht den Ressourcen von Individuen widmet, sondern mit dem Ressourcenaustausch von Organisationen befasst. Mittels der Ressourcen-Dependenz-Theorie wird der Versuch unternommen, zu erklären, warum non-profit-Organisationen mit zunehmender Abhängigkeit von öffentlicher Finanzierung Interessenvertretung in einem geringeren Umfang wahrnehmen.

Der dritte Abschnitt des Bandes nimmt die Probleme einer Verkettung von Wechselwirkungen mit weiteren Ressourcenverlusten, die zu einer „Ressourcenverlustspirale“ führen können, in den Blick und wendet sich damit der Sozialen Arbeit zu. Der Abschnitt versteht sich insofern als Plädoyer für eine qualitätsvolle Soziale Arbeit, die interdisziplinär denkt und handelt. Hierzu gibt Dieter Röh in einem einleitenden Kapitel zunächst eine Einführung in Theorie und professionelle Methodik der Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit und er insistiert in zutreffender Weise darauf, dass gerade in Zeiten der Ökonomisierung und Evidenzbasierung einer Blickverengung entgegen gewirkt werden muss, die die Möglichkeit der Sozialen Arbeit, Ressourcen zu mobilisieren, überschätzt. Inwieweit Sozialarbeiter allerdings an der geforderten „Veränderung der Umstände“ aktiv mitwirken können, wenn sie selber eigentlich zunehmend weiterer Ressourcen bedürfen, ist eine Frage, die auch hier unbeantwortet bleibt. Weitere Aufsätze dieses Abschnitts thematisieren Psychische Ressourcen, die Netzwerkarbeit, die Förderung der Ressource Bildung in der Sozialen Arbeit, ressourcenorientierte Erziehung und Diagnostik, Beratung und Ressourcenaktivierung. Der Abschnitt endet mit einem Beitrag zum Thema Sinnerleben und Spiritualität als Ressource.

Der vierte Abschnitt des Bandes stellt eine Auswahl von Projekten und Studien vor, die Ergebnisse aus der Ressourcenforschung für die Praxis nutzbar machen und zumeist die Ressource Gesundheit als Querschnittsthema haben. Es sind Beiträge zur Arbeit mit Menschen mit Abhängigkeitsproblemen, mit alten Menschen, zur Gesundheitsförderung von langzeitarbeitslosen Menschen und zu ressourcenorientierten Perspektiven in der Arbeitsvermittlung.

Diskussion

Die soziale Arbeit ist im vergangenen Jahrzehnt durch sozialpolitische Maßnahmen erheblich unter Druck geraten. Dies hat die Suche nach „normativen Fluchtpunkten“ beschleunigt, die geeignet sind, Handlungsperspektiven und Visionen für eine in Not geratene Profession zu liefern. Die normative Wende des Professionsdiskurses, die gerechtigkeitstheoretische Fragen aufwertet und Verwirklichungschancen des Subjekts in den Blick nimmt, irritiert angesichts einer sozial- und gesundheitspolitischen Praxis, die als das glatte Gegenteil dieser Idealisierung beschrieben werden kann. Der vorliegende Band reiht sich zunächst einmal in die Fülle der Veröffentlichungen ein, die – trotz aller Verweise auf zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit – darauf insistieren, dass es um die Entfaltung und Bedürfnisbefriedigung des Subjekts gehen muss und einen Widerspruch zwischen Anspruch und Realität wohlfahrtsstaatlicher Praktiken erkennen. Insofern beseelt auch die überwiegende Anzahl der Autorinnen und Autoren dieses Bandes der Glaube daran, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse im Prinzip dem Subjekt und seiner Entfaltung dienen. Es ist sicherlich nicht zufällig, dass dieses normativ-affirmative Konstrukt sich oftmals auch seinen theoretischen Unterbau entsprechend erst schaffen muss. Der Wille mancher Autorinnen und Autoren, den Wohlfahrtsstaat als ein Instrument der Ressourcenverteilung zu betrachten, verstellt hier den Blick auf die nüchterne Analyse einer gegenteiligen Praxis (und vielleicht auch Zwecksetzung?) Weiterführend ist der Band dort, wo er aufzeigt, dass gerade das, was allenthalben als Ressource besprochen und bejaht wird, zur Verstärkung und Verfestigung von sozialen Ungleichheiten beiträgt und keineswegs ohne Faktenkenntnis als Mittel subjektiver Bedürfnisentfaltung aufgefasst werden kann.

Insofern liefert der Band einen Beitrag zur Schärfung einer Diskussion über die Soziale Arbeit, die diese wieder in einen sozialpolitisch bestimmten und gerahmten Kontext stellt. Er ist aus diesem Grund gleichermaßen interessant für Akteure, die in der Gestaltung von Sozialpolitik tätig sind und für Theoretiker und Praktiker in der Sozialen Arbeit, die darauf angewiesen sind, sozialpolitisch informiert zu bleiben oder zu werden.

Fazit

Der Band stellt an sich selbst den Anspruch, Impulse für ein integriertes Verständnis von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit liefern zu wollen und verschiedene Analyseebenen zu verbinden. Gliederung und Aufbau des Bandes werden diesem Anspruch gerecht, wenn auch die Qualität der Beiträge stark differiert und mancher Theorieexkurs besser noch einmal auf seine Stimmigkeit hin hätte reflektiert werden sollen. Der Band bietet einen umfassenden Überblick über den gegenwärtigen Stand der Ressourcendiskussion und versammelt theoretische wie empirische Beiträge gleichermaßen.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Fachhochschule Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 26.02.2013 zu: Alban Knecht, Franz-Christian Schubert (Hrsg.): Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit. Zuteilung - Förderung - Aktivierung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-17-021810-9. Reihe: Sozialpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13709.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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