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Helga Egner: Heilung und Heil

Cover Helga Egner: Heilung und Heil. Begegnung - Verantwortung - Interkultureller Dialog. Patmos Verlag (Ostfildern) 2003. 200 Seiten. ISBN 978-3-530-42173-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 38,60 sFr.

Vorwort von Verena Kast.
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Entstehungshintergrund und allgemeine Charakterisierung

Es handelt sich um die Veröffentlichung der Referate einer Tagung von verschiedenen Autoren. Der Titel weist auf einen medizinischen Inhalt hin, aber der Untertitel zeigt, dass die Thematik sehr weitgefächert ist.

Inhalte

Martina Hartkemeyer, Tätigkeit in der Erwachsenenbildung. Das Geheimnis des Dialogs. Die wichtigen Faktoren eines Dialoges zeigt sie auf mit den vier Eckpfeilern: Radikaler Aspekt, Von Herzen sprechen, Generatives Zuhören und Suspendieren von Annahmen und Bewertungen. Diese basieren auf der lernende Haltung. Weiter erläutert sie einige Kernfähigkeiten: Produktives Plädieren, Eine erkundende Haltung üben, Offenheit, Verlangsamung und die Beobachterin beobachten. Dann weist sie auf die Dimensionen des Dialogprozesses hin. Diese Darstellung ist sehr informativ.

Fulbert Steffensky, Theologe. Ganzheit im Fragment - Heilung und Heil in unserer Zeit. Er bespricht die Heilkraft des religiösen Begriffes Gnade, die Kraft der Heilung einer gesellschaftlichen Gerechtigkeit und die Heilkraft von Formen und Konturen. Anhand von Beispielen aus der Literatur führt er aus: "Gnade denken, heißt, nicht verzweifeln, wenn man sich selber als endlich und als Fragment erkennt. Es befreit von Perfektionszwängen." Gegen den Totalitätsterror möchte er die gelungene Halbheit loben. In der Gerechtigkeit einer Gesellschaft liegt es, ob sie ein Ort der Gesundung ist. Er meint, dass eine Welt ohne Konturen und Formen krank macht.

Claus-Ekkehard Bärsch, Politikwissenschaftler. Politische Heilserwartungen und ihre Folgen. Er analysiert die religiösen Grundlagen und die Glaubensvorstellung der nationalsozialistischen Theorie bei Dietrich Eckart, Joseph Goebbels, Adolf Hitler u. a.. Er erläutert den Begriff des "Dritten Reiches" in der deutschen Geistesgeschichte und den Glauben an das Charisma von Adolf Hitler sowie die Sehnsucht nach Erlösung von Joseph Goebbels. Die Divinisierung des Deutschen Volkes und die Satanisierung des jüdischen Volkes hebt er hervor und zeigt die Auswirkungen bei der Verfolgung der Juden auf. "Als Erklärung dafür, warum das `Selbst und das Heil` für das deutsche Volk noch nicht realisiert werden konnte, muss ein Feind gefunden werden." Bärsch stellt hier einen sehr interessanten Erklärungsansatz für die Ideologie des Nationalsozialismus dar.

Michael von Brück, Theologe und Yoga-Lehrer. Buddhismus und Christentum - Erlösungswege in der Begegnung. Spirituelle Praxis und intellektuelle Redlichkeit im Dialog. Der Autor betont die neuen Horizonte des Verstehens durch den Buddhismus für die alten Bilder des Christentums. Folgende Punkte stellt er ausführlicher dar: Verstehen, Der Begriff der Erlösung, Die Metapher der Heilung, Intellektuelle Redlichkeit, Projektionen, Marga - Zum Begriff des Weges und Spirituelle Praxis. Er meint, dass die verschiedenen Religionen keine Antworten sondern verschiedene Fragen sind. "Interreligiöser Dialog ist nicht nur ein Dialog über verschiedene Religionen, sondern in aller Selbstbescheidenheit auch ein Stück Neuschöpfung, Aktualisierung von Religion überhaupt, das heißt, Gestaltung von Lebendigsein."

Gerhard Tucek, Kulturwissenschaftler und Musiktherapeut. Altorientalische Musiktherapie im interkulturellen Dialog - Kulturimmanente und kulturtranszendente Aspekt im Menschenbild. Der Autor gibt einen Einblick in die Wiederbelebung einer uralten orientalischen Kulturtechnik - der Altorientalischen Musiktherapie. Er diskutiert, ob diese Musiktherapie eine esoterische Heilslehre sei. Andererseits spricht er von einem musikpharmakologische Konzept und dass die Musik in der Lage ist, physiologische Regelkreisläufe zu beeinflussen. "Nach dem Konzept der rezeptiven Altorientalischen Musiktherapie greift Musik direkt in körperliche und emotionale Regulationsprozesse des Menschen ein." Er vergleicht dann die rezeptiven passiven Verfahren, die produktive aktive Musiktherapie, die musikalischen Wirktheorien und die Wirkebene der Musik. Am Ende stellt er das Menschen- und Weltbild der traditionellen Sufipsychologie vor und deren Sicht auf Schmerz und Leid und die therapeutische Praxis.

Ina Rösing, Ethnologin und Kulturanthropologin. Burnout, Buschgeister, Belastungssyndrome - Heil, Unheil und Heilung in drei Kulturen. Die Autorin beschreibt das fremdkulturelle Krankheitskonzept des Seelenverlustes in der Kultur der Anden und von Tibet. Dann untersucht sie einige hiesige Krankheits- oder auch Unheilseinskonzepte nach einer Analogie zum Konzept des Seelenverlustes.

Sie bezeichnet den Artikel als "einen etwas wilden Rundgang zwischen Posttraumatischer Belastungsstörung, Chronic Fatigue Syndrom sowie Postmoderne Anomie. Die Ausführungen sind nicht nur wild, sondern aus psychiatrischer Sicht auch unqualifiziert, weil alle diese psychischen Störungen zur Zeit völlig ungeklärt sind.

Klaus-Dieter Platsch, Mediziner und Psychotherapeut. Psychotherapie im Licht der Chinesischen Medizin. Zu Beginn stellt der Autor fest, dass die alte Medizin Chinas in ihrer Sicht- und Erkenntnis-weise eine ganzheitliche Medizin im Sinne der Einheit von Körper, Geist und Seele ist. Näher erörtert er dann die erkenntnistheoretischen Grundlagen, wie Dao, Yin und Yang, Konzept von Qi, die fünf Wandlungsphasen und den Stellenwert der Psychologie und Psychotherapie. "Die chinesische Medizin ist dafür ein großartiges Modell, das durch seine integrative und ganzheitliche Kraft unsere westliche Medizin, Psychologie und Psychotherapie neu beleben kann."

Luise Reddemann, Nervenärztin. Imagination in der Behandlung traumatisierter Menschen. Die Autorin beschreibt die Imagination als heilsame Kraft durch die Musik, das Schreiben, das Erzählen und im Bild. Es geht darum, den Schmerz aus zu drücken und ihn zu transformieren. "In der psychotherapeutischen Arbeit bietet es sich an, gezielt mit Bildern zu arbeiten, die Trost und Sicherheit spenden. Bilder, zum Beispiel von einem guten sicheren Ort, von hilfreichen, tröstenden Wesen, schließen an die alten schamanistischen Techniken an und haben sich inzwischen tausendfach bewährt."

Das abschließende Forum zum Thema "Heilung und Heil aus der Perspektive der Psychotherapie und der Medizin" beinhaltet drei Kurzreferate.

  • Günther Hole, Psychiater: Gedanken zu den Grenzen unseres Tuns und zu den Berührungspunkten zwischen dem so genannte säkularen und dem so genannten religiösen Bereich;
  • Ingrid Riedel, Psychologin und Psychotherapeutin: Heilung und Heil;
  • Hinderk M. Emrich, Psychiater und Psychotherapeut: Salutogenese und Kategorisierung - Skizzen zu Aaron Antonowsky Psychosomatik-Theorie und Ingeborg Bachmanns Konzept des "Unsagbaren".

Abschliessend erfolgt eine 10seitige Diskussion der Referenten über die Thematik. In diesen Kurzreferaten und der Diskussion wird das Thema Heilung aus medizinischer Sicht näher und konkreter erörtert.

Diskussion

Die Thematik der Referate ist weit gestreut und der Inhalt sehr verschiedenartig. Die Themen haben keinen inneren Zusammenhang, bis darauf, dass ab und zu das Wort Heilung erscheint. Jedes Referat ist auf das eigene Thema zentriert und es fehlt eine durchgehende Linie. Die Begriffe des Buchtitels werden durch die Ausführungen nicht klarer.

Fazit

Das Thema "Heilung und Heil" ist ein uraltes Thema, das die kranken Menschen und die Heiler immer beschäftigt hat. Dieser Referateband bringt neue Aspekte in diese Diskussion. Die Ausführungen gehen aber insgesamt etwas oberflächlich bzw. am Rande an dieses Problem heran. Die Diskussion darüber geht also weiter. Das Buch dürfte einem Heiler, der sich in einem sehr weiten Rahmen für das Thema Heilung interessiert, einige neue Anregungen geben.


Rezensent
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 16.03.2004 zu: Helga Egner: Heilung und Heil. Begegnung - Verantwortung - Interkultureller Dialog. Patmos Verlag (Ostfildern) 2003. ISBN 978-3-530-42173-6. Vorwort von Verena Kast. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1378.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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