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Martina Schabert: Teilhabe am Arbeitsleben (...) Autismus-Spektrum-Störung

Cover Martina Schabert: Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung und hohem Assistenzbedarf Abschlussbericht AUTWERK Menschen mit Autismus in der Werkstatt. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2012. 128 Seiten. ISBN 978-3-86059-197-0. 29,90 EUR.
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Thema

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Ergebnisse des Forschungsprojektes von Dr. Martina Schabert, in dem sie untersuchte, welche Bedingungen von Nöten sind, um Menschen mit Autismus-Spektrums-Störung und hohem Assistenzbedarf die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Reflektiert wurde das Projekt durch Prof. Wagner der Ludwig Maximilians Universität (LMU) München.

Entstehungshintergrund

Dr. Martina Schabert ist die Projektleitung von AUTWERK. AUTWERK ist eine Werkstatt für Menschen mit Autismus (WMA) der Inntal-Werkstätten der Stiftung Attl. In der Stiftung Attl wohnen, lernen und arbeiten 430 Menschen, 70 davon aus dem autistischen Spektrum. Dem Forschungsprojekt (2009-2011) ist die Gründung einer Arbeitsgruppe im Jahr 2005 vorausgegangen und schon 2001 wurde ein spezielles Wohnheim für diesen Personenkreis eröffnet.

Aufbau

Der Abschlussbericht umfasst neben drei Vorworten (verfasst von Prof. Dr. Michael Wagner von der Uni Koblenz- Landau, Burkhard Rappel vom Bayrischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familien und Frauen und von Dr. Martina Schabert selbst) 10 Kapitel, die in mehrere Unterkapitel untergliedert sind. Zwei Kapitel (6 und 7) wurden von Ko-Autorinnen verfasst. Das Layout ist übersichtlich: farblich markierte Zahlen am Seitenrand lassen die Kapitel schnell finden. Im Fließtext wurden die aufgestellten Hypothesen und die erreichten Ergebnisse farblich hervorgehoben, zahlreiche Tabellen und Diagramme verdeutlichen textliche Formulierungen.

  • Kap. 1 „Gegenstand des Forschungsprojektes und die Zielsetzung“
  • Kap. 2 „Zielgruppe“
  • Kap. 3 „Rahmenbedingungen der Werkstatt für Menschen mit Autismus (WMA/Stiftung Attl)“
  • Kap. 4 „Entwicklung des Unterstützungsbedarf und der Arbeitsleistung“
  • Kap. 5 „Verhaltenstraining zur Handlungskompetenz“
  • Kap. 6 „Befragung von Probanden zu Arbeitsmotivation, -tätigkeiten, Handlungskompetenz und Hilfestellung“ (Ko-Autorin Elisabeth Mayr)
  • Kap. 7 „Einzelfallforschung zur Heranführung an Arbeitstätigkeiten“ (Ko-Autorin Sonja Lais-Schmeitzel)
  • Kap. 8 „Konsequenzen für die Teilhabe der Zielgruppe am Arbeitsleben“
  • Kap. 9 und 10 bilden: Literatur und Anhang

Inhalt

Forschungsgegenstand ist die berufliche Eingliederung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum und hohem Assistenzbedarf. Da das Forschungsinteresse in Deutschland an diesem Thema insgesamt eher gering ist war es ein Anliegen, das Thema mehr in den Fokus der Wissenschaft zu rücken. Demgegenüber steht, dass in diesem Bereich bereits vielfältige Erfahrungen vorliegen, da einzelne Träger in Deutschland in den letzten 15 Jahren Angebote für diesen Personenkreis entwickelt haben.

Frau Schaberts übergeordnetes Ziel ist die „Sensibilisierung für Unterstützungsangebote zur beruflichen Eingliederung von Menschen mit Autismus und hohem Unterstützungsbedarf. Anhand unterschiedlicher Untersuchungen soll begründet werden, dass und wie Menschen mit Autismus und hohem Assistenzbedarf an Arbeitsprozesse herangeführt werden und damit am Arbeitsleben teilnehmen können.“ (aaO. S. 11) Im Fokus stehen die Probleme mit der Handlungskompetenz, die Fragen, welche Schwierigkeiten vorhanden sind und welche kompensatorischen Möglichkeiten ergriffen werden müssen, um diese zu überwinden.

Untersucht wurden 17 Beschäftigte, außer zwei Personen konnten alle den gesamten Zeitraum am Projekt teilnehmen. Unterstützt wurden die Probanden mithilfe des TEACCH Ansatzes. Zur Vorbereitung wurden die begleitenden Mitarbeiter entsprechend geschult.

Frau Schabert kommt zu folgenden Ergebnissen: der untersuchte Personenkreis war bisher von der Teilhabe am Arbeitsleben tendenziell ausgeschlossen. Es hat sich gezeigt, dass die Probanden durch individuell abgestimmten Bedingungen in die Lage versetzt werden zielgerichtet und erfolgreich zu arbeiten.

Diskussion

Das Interesse an der adäquaten Förderung von Menschen aus dem autistischen Spektrum ist groß und es gibt mittlerweile einige Träger, die Konzepte entwickelt und umgesetzt haben. Das Projekt AUTWERK hat gezeigt, dass es möglich ist, Menschen aus dem autistischen Spektrum mit hohem Unterstützungsbedarf am Arbeitsleben teilhaben können und wollen. Nebeneffekt dieser wissenschaftlichen Untersuchung ist der Beleg, dass das methodische Arbeiten nach TEACCH erfolgreich ist.

Der vorgelegte Forschungsbericht trägt durch seine detaillierte Darstellung der Möglichkeiten und notwendigen Rahmenbedingungen dazu bei, wertvolle Anregungen in der Begleitung dieses Personenkreises zu geben. Die Autoren stellen die Ergebnisse transparent und nachvollziehbar dar. Es ist zu wünschen, dass zahlreiche Nachahmer motiviert werden, diesen Personenkreis in Arbeitszusammenhänge einzugliedern.

Zehn Probanden, die sog. Forschungssubjekte, wurden im Sinne des „Partizipatorischen Forschungsansatzes“ als Experten in eigener Sache befragt. Das ist zu grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings liegen für diesen Personenkreis mit diesem Verfahren noch keine Erfahrung vor (aaO.S. 63). Frau Schabert weist zudem selbst darauf hin, „dass die geringe Probandenzahl keine verallgemeinernden Aussagen erlaubt. Entsprechend können die Ergebnisse lediglich tendenzielle Anhaltspunkte geben“ (aaO. S. 64). Die Probanden wurden mithilfe von FC befragt. Diese Methode ist in der Fachwelt nicht unumstritten.

Ich möchte kritisch anmerken, dass die Entscheidung, spezielle Autistengruppen aufzubauen dazu führt, dass Betroffenen Gelegenheiten genommen werden, in gemischten Gruppen zu lernen und zu arbeiten. Meines Erachtens ist diese Spezialisierung nicht zeitgemäß. Zudem ist gerade der Personenkreis der Menschen aus dem autistischen Spektrum sehr heterogen, sodass die gewünschte Homogenität in Spezialgruppen nicht erreichbar ist. Aus meiner über 25jährigen Praxis mit diesem Personenkreis vertrete ich die Ansicht, dass gemischte Gruppen sinnvoller sind. Diese sind nicht nur gesellschaftliche Realität, sondern gemischte Konstellationen beinhalten tendenziell bessere Synergieeffekte, die sowohl für die Gruppenmitglieder als auch für die begleitenden Mitarbeiter entlastend wirken.

Fazit

Der vorgelegte Abschlussbericht belegt wissenschaftlich, dass Menschen aus dem autistischen Spektrum mit hohem Unterstützungsbedarf, die bisher oftmals von der Teilhabe am Arbeitsleben ausgeschlossen wurden, durchaus in der Lage sind, zu arbeiten und produktiv zu sein. Positiv hervorzuheben ist, dass dieses Forschungsprojekt zur Verbreitung des TEACCH Ansatz beiträgt. Der Ansatz wurde in den 70er Jahren in den USA entwickelt und in zahlreichen Studien evaluiert. Dennoch ist er in Deutschland erstaunlich wenig bekannt. Raum, Abläufe und Aufgaben werden entsprechend angepasst. Erfolge stellen sich dann ein, wenn Personen einen Arbeitsplatz vorfinden, der Stärken aufnimmt und Schwächen minimiert. Menschen aus dem Spektrum wollen – wie alle Menschen – ihr Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben und am Leben in der Gemeinschaft einlösen und sich als selbst wirksam erleben!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 11.10.2012 zu: Martina Schabert: Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung und hohem Assistenzbedarf Abschlussbericht AUTWERK Menschen mit Autismus in der Werkstatt. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2012. ISBN 978-3-86059-197-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13827.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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