Christoph Sachße, Florian Tennstedt: Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland

Cover Christoph Sachße, Florian Tennstedt: Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 234 Seiten. ISBN 978-3-17-022225-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Band 4: Fürsorge und Wohlfahrtspflege in der Nachkriegszeit.

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Autoren

Die Autoren Christoph Sachße und Florian Tennstedt ergänzen ihre bekannte Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland mit einem 4. Band, der sich der Sozialen Arbeit im Nachkriegsdeutschland zuwendet. Vorausgegangen sind die Bände „Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg“ (1980, 2. Aufl. 1998), „Fürsorge und Wohlfahrtspflege“ 1871-1929 (1988), „Der Wohlfahrtsstaat im Nationalsozialismus“ (1992). Mit mehreren sozialhistorischen Arbeiten haben sich diese Autoren für dieses Forschungsdesiderat als fachkompetent ausgewiesen.

Christoph Sachße war Professor für Geschichte und Theorie der Sozialen Arbeit an der Universität Kassel und Florian Tennstedt war Professor für Sozialpolitik an der gleichnamigen Gesamthochschule. Sein Forschungsschwerpunkt ist die historische Sozialpolitik.

Thema

In der Einleitung zu ihrem inhaltsreichen Werkes nennen die Autoren ihre Zielsetzung: Sie wollen den Wiederaufbau von Fürsorge und Wohlfahrtspflege in der Nachkriegszeit systematisch darstellen, und zwar für den Zeitraum Mai 1945 bis September 1953, den sie als Einheit sehen, „als schrittweisen Prozess der Überwindung der Kriegsfolgen“ (S. 9). Zudem werden hier bereits die wichtigsten ökonomischen und wohlfahrtspolitischen Daten genannt. Die Verfasser fokussieren ihre Forschungsarbeit vor allem auf die amerikanische Besatzungszone, wozu sie insbesondere archivalische Quellen aus Hessen herangezogen haben. Das ist insofern bedauerlich, als gerade in Nordrhein-Westfalen Schwerpunkte des Wiederaufbaus der Wirtschaft und auch der Sozialen Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg lagen. Die großen neuen Gruppen von Hilfsbedürftigen, die Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen, für die die kommunale Fürsorge zunächst die einzige Anlaufstelle war, werden bereits in der Einleitung genannt. 

Die Arbeit konzentriert sich auf den administrativen und organisatorischen Rahmen von Fürsorge und Wohlfahrtspflege. Wegweisende Personen werden selten ausführlicher vorgestellt.

Aufbau

Das gesamte Werk von 234 Seiten ist in 10 Kapitel eingeteilt. 

Inhalt

Kapitel 1 schildert anschaulich, eindrucksvoll und treffend die Ausgangslage 1945: Deutschland in Trümmern (S. 13-26): Zerbombte Städte, zerstörte Verkehrswege, 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene auf dem Weg nach Westen, Nahrungsmittelknappheit in der ganzen Welt, Hunger, Kälte, Krankheit, vor allem Tuberkulose, Kampf ums schlichte Überleben, verstörte Menschen, Wohnungsnot, durch Tod, Gefangenschaft und gewaltsame Trennung zerstörte, destabilisierte und vaterlose Familien. Die Verfasser resümieren mit Blick auf die weiteren Jahre: „ Die Erfahrung der extremen Notlagen und Anspannungen dieses Zeitraumes hat in der deutschen Bevölkerung ein fundamentales Bedürfnis nach Sicherheit und Normalität geschaffen“ (S. 26).

Das 2. Kapitel handelt von den Fundamenten des Wiederaufstiegs: Weststaat und Wirtschaftsaufschwung (S. 27-42). Dieses Kapitel ist Teil der allgemeinen politischen Geschichte. Der Wiederaufbau der Verwaltung erfolgte „von unten“, von der kommunalen Ebene her, und zwar seit 1946. Nach der Übernahme der Regierungsgewalt durch die alliierten Siegermächte begann die Wiederherstellung deutscher Staatlichkeit auf Länderebene. Der Kontrollrat der Besatzungsmächte fand zu keiner einheitlichen Wirtschaftspolitik. Diese setzte erst am 1. Januar 1947 mit der Konstituierung der Bizone, dem Vereinigten Wirtschaftsgebiet der amerikanischen und britischen Zone, ein. Die erste weiterführende Kooperation mit den Franzosen erfolgte über die Währungsreform vom 20. Juni 1948, die die Voraussetzung für den Zusammenschluss des „Vereinigten Wirtschaftsgebietes“ mit der französischen Besatzungszone zur Trizone war. Die 11 bestehenden westlichen Bundesländer wurden ermächtigt, eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen, die das „Grundgesetz“ am 8. Mai 1949 verabschiedete. Es trat am 23. Mai 1949 in Kraft. Der Bundesrepublik Deutschland wurden aber noch Souveränitätsbeschränkungen auferlegt. Schritt für Schritt begann die europäische Einigung, die gleichzeitig zur vollen Souveränität der Bundesrepublik führte. Der „Deutschland-Vertrag“ vom Mai 1952 beendete das Besatzungsstatut, sicherte den Alliierten aber weiterhin gewisse Vorbehaltsrechte. 
Ludwig Erhard, der im März 1948 gewählte Direktor der Verwaltung der Wirtschaft des „Vereinigen Wirtschaftsgebietes“ verfolgte zielstrebig die „Soziale Marktwirtschaft“ als wirtschaftspolitisches Leitkonzept. Nach der Währungsreform begann er zügig Maßnahmen der bisherigen Zwangsbewirtschaftung aufzuheben, um die Marktkräfte freizusetzen. Diese veränderte Wirtschaftspolitik verlieh der Wirtschaft kräftige Wachstumsimpulse. 1952 stand die Bundesrepublik, wie die Verfasser überzeugend dokumentieren, „am Anfang einer beispiellosen Prosperitätsphase“ (S. 42). 

Kapitel 3 mit dem Thema „Deformation: Soziale Sicherung am Ende des Nationalsozialismus“ blickt zurück in die nationalsozialistische Epoche (S. 43-51). Seit der Weltwirtschaftskrise erlebte das Deutsche Reich eine Demontage an Rechtsansprüchen und Partizipationsrechten. 
Im ersten Unterkapitel zur Sozialversicherung müssen die Verfasser konstatieren, dass trotz aller beabsichtigten Veränderungen durch das nationalsozialistische Regime und später die Besatzungsmächte die deutsche Sozialversicherung in Kriegs- und Nachkriegszeit eine erstaunliche Überlebensqualität entwickelte. Sie blieb als Fundament des bundesrepublikanischen Wohlfahrtsstaates erhalten. Gravierend waren die Veränderungen in der kommunalen Sozialpolitik, die entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie von der Wohlfahrtspflege in die „Volkspflege“ umgewandelt wurde. Der öffentliche Gesundheitsdienst und die nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) erstrebten die Aussonderung alles Kranken und „Minderwertigen“. Die freie Wohlfahrtspflege wurde auf die Anstaltspflege der „Unproduktiven“, der Alten, Behinderten und Kranken beschränkt. Nach dem Krieg verboten die Besatzungsmächte die NSV. Deren Untergang setzte die herkömmlichen Organisationen der Wohlfahrtspflege, die Kommunen und Verbände wieder in ihre alten Rechte ein. Dennoch bestand zunächst an vielen Orten ein sozialpolitische Vakuum, das erst unter großen Schwierigkeiten wieder gefüllt werden konnte. 

Kapitel 4 befasst sich mit dem Thema „Die öffentliche Fürsorge in der Nachkriegszeit: Die neuen Hilfsbedürftigen“ (S. 52-69). Infolge des Krieges und des Verlustes der Ostgebiete gab es neue Notstände und neue Gruppen von Bedürftigen, die nicht vom System der Sozialversicherung erfasst wurden: Flüchtlinge, Evakuierte, Migranten aus der sowjetischen Besatzungszone und aus Berlin, Angehörige von Kriegsgefangenen, Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene, heimatlose Ausländer und Staatenlose. Die Stadt- und Landkreise als herkömmliche Träger der öffentlichen Fürsorge waren durch die Flüchtlingsmassen überfordert. Mangel an Wohnraum infolge der Bombenschäden vor allem in den Großstädten war das vorherrschende Problem. Zudem waren die Flüchtlinge, die überwiegend auf dem Lande Aufnahme fanden, überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen. Der Flüchtlingsdienst musste aus der kommunalen Fürsorge ausdifferenziert und zunächst als eine Sonderverwaltung des Landes aufgebaut werden. 1947 wurden die ersten Flüchtlingsgesetze auf Länderebene verabschiedet. Da die Währungsreform den kriegsbedingten Gegensatz von „Nicht-Mehr-Besitzenden“ und „Noch-Besitzenden“ weiter verschärfte, musste in der Folgezeit ein gewisser Ausgleich geschaffen werden. Das „Soforthilfegesetz“ vom 8. August 1949 ermöglichte wenigstens „Unterhaltsbeihilfe“ und „Ausbildungsbeihilfe“. Letztere sollte Jugendlichen eine abgeschlossene Berufsausbildung ermöglichen. Erst das Lastenausgleichsgesetz von 1952 bewirkte eine gewisse Abgeltung von Schäden und Verlusten, die sich infolge der Vertreibungen und Zerstörungen der Kriegs- und Nachkriegszeit ergeben hatten. Aber die erfolgreiche Integration von Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen erfolgte nicht aufgrund dieser Gesetze, sondern war „im Kern ein Resultat des beispiellosen Wirtschaftsaufschwungs der 1950er Jahre“ (S. 60). 
Weitere Unterkapitel widmen sich dem Umfang der Armut und der Sondergruppe der „displaced persons“. Die Zahl der Fürsorgeempfänger stieg nach Kriegsende deutlich an, die Kosten der Fürsorge erreichten ihren Höhepunkt 1949. Die „displaced persons“ waren eine Folge der nationalsozialistischen Zwangsarbeit. Sie wurden ab 1947 in außereuropäischen Ländern neu angesiedelt, so dass ihre Zahl in Westdeutschland schnell abnahm. 

Das 5. Kapitel hat die Reform der öffentlichen Fürsorge zum Thema (S.70-98). Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand wegen des starken Anstiegs der Bedürftigkeit ein erheblicher Reformbedarf auf dem Gebiet des Fürsorgerechts. Die Verfasser benutzen bei der Darstellung des Rechts die Abkürzungen für die geltenden und neu zu schaffenden Gesetze. Das erschwert sehr die Lesbarkeit der Texte, weil der Leser immer in das Abkürzungsverzeichnis weiterblättern muss.
1947 zeichnete sich die beginnende deutsche Teilung auf der Ebene des Fürsorgerechts ab. In der sowjetisch besetzten Zone wurde die traditionelle kommunale Fürsorge in die zentralistische Staatsverwaltung eingebaut. In Westdeutschland wurde – entgegen dem seit dem Mittelalter geltenden „Heimatprinzip“ - der Grundsatz des tatsächlichen Aufenthalts eingeführt, der der gestiegenen Mobilität entsprach. Eine wichtige Grundsatzentscheidung fiel im Juni 1954, nach der der Rechtsanspruch des Bedürftigen klar benannt wurde. Damit verbunden war die Einschränkung der Rückerstattungspflicht. In der britischen Zone wurden schon 1947 verschiedene Gruppen von Kriegsfolgehilfe-Empfängern von der Erstattungspflicht befreit. Wichtige Änderungen brachte das Fürsorgeänderungsgesetz von 1952. Es leitete vom Kausalprinzip der Fürsorge zum Finalprinzip der Lebenslagenorientierung über. 
Die Richtsatzpolitik erstrebte eine Vereinheitlichung der kommunalen Fürsorge in den westlichen Bundesländern. Die Richtsätze sollten das Existenzminimum garantieren, zugleich aber gewährleisten, dass das Fürsorgeeinkommen unter dem untersten Arbeitseinkommen liegt („Lohnabstands-Gebot“). Im Gefolge der Währungsreform nahm die Zahl der Fürsorgeempfänger zu. Da die Leistungen der Fürsorge in vielen Fällen nicht ausreichten, wurde eine Mehrbedarfsregelung bei Alten, Erwerbsunfähigen, Kranken, Pflegebedürftigen, Alleinstehenden eingeführt. 
Abschließend wird in diesem fünften Kapitel die Organisation der Fürsorge behandelt. Die Kommunen blieben in den westlichen Besatzungszonen Bezirksfürsorgeverband. Das passte in das Konzept der „Dezentralisierung“ der Alliierten. Kern der kommunalen Wohlfahrtspflege war die wirtschaftliche Fürsorge, Jugendfürsorge und Gesundheitsfürsorge. Diese Einteilung knüpfte an den Verwaltungszustand der Weimarer Republik an. Die deutsche Sozialverwaltung war der einzige Bereich, der auch über den Zusammenbruch des Deutschen Reiches ohne Unterbrechung weiter gearbeitet hatte. Als neue Ämter entstanden die Flüchtlingsämter und nach dem Inkrafttreten des Soforthilfegesetzes im August 1949 Soforthilfe-Ämter. Es folgt noch ein Rückblick in die Entwicklung der Familienfürsorge seit den 1920er Jahre. 

Kapitel 6 ist der Freien Wohlfahrtspflege gewidmet (S. 99-132). Unglücklicherweise sprechen die Verfasser auch von „privaten Trägern“, obwohl es sich um Organisationen aus dem gesellschaftlichen Raum handelt. „Private Träger“ klingt, als ob es sich um Unternehmen von Einzelpersonen handeln würde. Begonnen wird mit der Reorganisation der Spitzenverbände, allen voran mit dem Deutschen Caritasverband (DCV), der Inneren Mission und dem Evangelischen Hilfswerk, die es verdient hätten, etwas ausführlicher dargestellt zu werden. Der Leser gewinnt zwischen den Zeilen den Eindruck, als ob die kommunale Fürsorge den Verfassern wichtiger wäre als die Intention des Subsidiaritätsprinzips. Die Verfasser schildern richtig, dass dem DCV mit dem Untergang des Reichs der zentrale Ansprechpartner fehlte und er deshalb auch in der britischen Zone eine Niederlassung neben der Verwaltungszentrale in Freiburg und den schon vorhandenen Außenstellen in Berlin und München schaffen musste. Diese Hauptvertretung des DCV wurde aber zunächst nicht in Köln,- wie von den Verfassern dargestellt –, sondern auf Anregung von Professor Dr. Heinrich Weber in seinem Wohnort Recklinghausen geschaffen und erst nach seinem frühen Tod 1946 nach Köln verlegt (s. Jahresbericht des DCV 1950/51, S. 16). Gerne würde man in dem Forschungsband mehr erfahren über die Aufgaben und die Finanzierung der Hauptvertretung und das Ausmaß der erhalten gebliebenen Anstaltsgebäude und der Restituierung der vom nationalsozialistischen Staat beschlagnahmten Institutionen.
Die evangelische Sozialarbeit stand unter dem Zeichen der Spaltung der Diakonie in Innere Mission und Evangelisches Hilfswerk. Letztere wurde auf der „Konferenz der evangelischen Kirchenführer“ am 31. August 1945 beschlossen. Es nahm Aufgaben wahr, die traditioneller Weise der Inneren Mission oblagen. Das Verhältnis von Hilfswerk und Innerer Mission wäre nach der Überzeugung der Autoren während der gesamten Besatzungszeit spannungsreich und voller Konflikte gewesen. Der Zusammenschluss der beiden Organisationen erfolgte erst 1957.
Die 1933 verbotene Arbeiterwohlfahrt entstand nach 1945 wieder neu und entwickelte sich in den Folgejahren von einer der SPD zugehörigen Parteiorganisation zu einem selbständigen, aber der SPD weiterhin nahestehenden Wohlfahrtsverband. Er wurde zentralisiert strukturiert trotz zeittypischer Dezentralisierung. 
Ortsvereine des Roten Kreuzes bestanden nach 1945 weiter und spielten in der Flüchtlingsarbeit eine wichtige Rolle. Im Februar 1950 wurde das DRK auf Bundesebene neu gegründet. Die Struktur der Organisation war dezentral. Zu den traditionellen Wohlfahrtsverbänden hinzu kamen der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Die deutsch-jüdischen Gemeinden waren aufgrund des Holocausts sehr klein, aber es kamen hinzu 140 000 bis 160 000 nicht-deutsche Juden, die nach Kriegsende vor den Pogromen in Ostmitteleuropa geflohen waren.
Der zonenübergreifende Zusammenschluss der freien Wohlfahrtspflege wurde bei einem Treffen  der Vertreter der Wohlfahrtsverbände Mitte 1948 vorbereitet. Am 19. Oktober 1948 erfolgte die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege“ (AGFW). Erster Vorsitzender wurde der Präsident des DCV Prälat Benedikt Kreutz. Dieser Zusammenschluss verbesserte die Position der freien Wohlfahrtspflege gegenüber der Ministerialbürokratie und ermöglichte den Austausch von Informationen zwischen der AGFW und dem zuständigen Innenministerium. Diese Interessenvertretung war dringend geboten, da die Wohlfahrtsverbände große finanzielle Probleme hatten. 
Ein eigenes Unterkapitel gilt den großen Nachkriegswerken, die Hilfe für die notleidende Bevölkerung bringen sollten. DCV und Evangelisches Hilfswerk hatten sich schon 1945 bemüht, Spenden aus dem Ausland zu erhalten. Organisierte amerikanische Hilfe entstand über die Hilfswerke CRALOG und CARE. CRALOG war ein Zusammenschluss amerikanischer Wohlfahrtsverbände und CARE ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Die CRALOG-Hilfe war weit größer als die von CARE, die aber in der deutschen Bevölkerung bekannter wurde. 
Gründlich dargelegt wird die Flüchtlingshilfe, die der Integration der Flüchtlinge diente. Sie war ein Schwerpunkt der konfessionellen Wohlfahrtsverbände DCV und Evangelisches Hilfswerk in der Nachkriegszeit. Die Autoren nennen es ein Verdienst der beiden Kirchen, die Flüchtlingsfrage ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebracht zu haben. Die Arbeit in den Lagern war der Kern der Flüchtlingshilfe. In Verbindung mit der Flüchtlings- und Vertriebenenarbeit stand der Suchdienst Familienzusammenführung. Die konfessionellen Verbände waren die einzigen gesellschaftlichen Organisationen, die in der Lage waren, die gewaltige Aufgabe der Klärung des Schicksals der Vertriebenen, Verschleppten und Vermissten in Angriff zu nehmen. Im Januar 1946 wurde eine „Suchdienstarbeitsgemeinschaft“ von DCV, Hilfswerk und Bayrischem Roten Kreuz gebildet, die sich zu einer Art „Einwohnermeldeamt für Vertriebene“ entwickelte (S. 123). 
Ein besonderes Anliegen von Sachße und Tennstedt ist der Exkurs über den Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge. Er hätte wichtige Vermittlungsaufgaben zwischen der öffentlichen und der freien Wohlfahrtspflege geleistet. Selten werden in dem Geschichtswerk Personen näher gewürdigt. Eine Ausnahme ist Wilhelm Polligkeit, der Vorsitzende und erste Geschäftsführer des Deutschen Vereins. Der Wiederaufbau, die Modernisierung wie die Neuordnung der fachlichen Arbeit des Vereins waren sein Werk. Darüber hinaus hat Polligkeit seine umfangreiche Berater- und Gutachtertätigkeit dazu genutzt, die Gestaltung der Sozialpolitik in den Westzonen nachhaltig zu beeinflussen (S. 129). Er sei eine Fachautorität gewesen, die über alle Lager und Grenzen hinweg nur der Einheit und der Sache verpflichtet gewesen wäre. Sein Nachfolger als Vorsitzender war Hans Muthesius, der es verstanden hätte, „die Einfluss- und Gestaltungsmechanismen des Vereins von der Person des Vorsitzenden abzulösen und auf die Organisation zu verlagern“ (S. 132). Muthesius gehört zweifellos zu den einflussreichsten Fürsorgepolitikern zwischen 1952 und 1964, dennoch wäre aber auch ein Wort über seine Verstrickung in die sozial-rassistische Volkspflege während der nationalsozialistischen Zeit angebracht gewesen. Auch der Deutsche Verein musste nach der Aufdeckung dieser Fakten erkennen, dass er nicht mehr an Muthesius als Leitfigur festhalten konnte (Nachrichtendienst des Deutschen Vereins 1992, S. 102).

Kapitel 7 thematisiert „die Kinder der Katastrophengesellschaft: Jugendhilfe nach dem Kriege“ (S. 137-147). Nach den Recherchen von Sachße und Tennstedt hatten etwa 1,6 Millionen Kinder einen Elternteil oder beide Eltern verloren, im Bombenkrieg oder an der Front, durch Kriegsgefangenschaft, Flucht, Vertreibung und Evakuierung. Sie arbeiten auch die psychischen Folgen für die Kinder und Jugendlichen heraus und unterscheiden drei Typen von Verwahrlosten: die Heimatlosen, die verwahrlosten Mädchen und die Arbeitsscheuen. Sie zeichnen ein recht konservatives Bild von den Experten der damaligen Arbeitserziehung. Ohne professionellen Selbstzweifel hätten sie einen Teil der jungen Generation, die unter den Folgen der Katastrophe am meisten zu leiden hatte, für verwahrlost und verkommen eingestuft. Das Buch „Jugendnot findet Hilfe, Heimstatt 1945-1952“ von Friedrich Eink (1953) zeichnet ein anderes Bild. Überhaupt ist es erstaunlich, dass die Katholische Heimstatt-Bewegung, die in Nordrhein-Westfalen seit 1945 ein umfangreiches Erziehungswerk in den Jugendwohnheimen aufgebaut hat, keine Erwähnung findet. Berücksichtigt wird jedoch die „Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendaufbauwerk“, die aber erst 1949 gegründet wurde, nachdem die konfessionellen Träger der Jugendberufshilfe, Jugendsozialarbeit und der Jugendwohnheime schon viel Aufbauarbeit geleistet hatten, ferner der „Bundesjugendplan“ vom Dezember 1950, der als Instrument zur Förderung der beruflichen Eingliederung arbeitsloser Jugendlicher fungierte. 
Des Weiteren widmen sich die Verfasser der Jugendpflege. Die amerikanische und britische Besatzungsmacht erstrebte ein Konzept des „Re-education“, des „Umdenkens“ und „Umlernens“ mit pluralistischen pädagogischen Ansätzen, die die Vermittlung von Demokratie, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein zum Ziel hatten. Dieses Konzept stieß auf die deutsche Tradition der Jugendbewegung, die zur Wiederherstellung der konfessionellen, parteilichen und gewerkschaftlichen Jugendverbände, der bündischen und Sportjugend führte. 
Abschließend stellen die Verfasser die Frage nach Restauration oder Neubeginn im Jugendrecht. Vorwärtsweisend war der Modellentwurf des Deutschen Vereins zu einer beabsichtigten Novelle des Reichsjugendwohlfahrtgesetzes (RJWG), die aber erst 1953 gelang. Zuvor waren die restaurativen Kräfte, die an die Weimarer Republik anknüpften, noch zu stark. 

Kapitel 8 behandelt das öffentliche Gesundheitswesen nach dem Krieg unter der Überschrift „Der geschwächte Volkskörper“ (S. 148-163). Zuerst erfolgt eine Bestandsaufnahme über die Besorgnis erregenden gesundheitlichen Notstände, vor allem unter den Flüchtlingen und Vertriebenen, den Kriegsheimkehrern und den Konzentrations- und Arbeitslager-Entlassenen. Die medizinische Betreuung war gleichzeitig ein knappes Mangelgut. Besonders stark stiegen die Tuberkuloseerkrankungen an, aber auch Geschlechtskrankheiten, Diphtherie, Typhus, Röteln und Keuchhusten. Nach einem Rückblick auf das Gesundheitswesen in der Weimarer Republik und die nationalsozialistische Rassenhygiene nach 1933 werden Fragen der Kontinuität und des Neubeginns im öffentlichen Gesundheitswesen nach 1945 erörtert. Dieses wurde jetzt in die demokratischen Strukturen eingebunden. Zentren der Aufgaben waren die Bekämpfung der Lungentuberkulose und der Geschlechtskrankheiten sowie der Ausbau der beruflichen Rehabilitation. Sukzessiv gelang die Wiederherstellung der kassenärztlichen Versorgung, damit, wie die Verfasser formulieren, die „institutionelle Restauration des deutschen Gesundheitswesens“ (S. 162). 

Das 9. Kapitel über Ausbildung und Beruf in der Sozialen Arbeit dürfte auf besonders aufmerksames Interesse bei den Fachhochschulen und Angewandten Hochschulen der Sozialpädagogik und Sozialarbeit stoßen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand Knappheit an Personal in der Sozialen Arbeit. Deshalb plädierten Wilhelm Polligkeit und Hilde Eisenhardt Anfang 1948 für forcierte Wiedereinstellung von durch die Besatzungsmächte entlassenem Personal. In der Ausbildung wurde der Trägerpluralismus, der in Deutschland Tradition hatte, wieder hergestellt. Die Ausbildungsstätten hießen wie in der Zeit der Weimarer Republik meist „Wohlfahrtsschulen“. Sachße und Tennstedt bieten einen Rückblick in die Geschichte der Ausbildung der Sozialen Arbeit. Die sozialethische Komponente war stark verankert im Unterrichtskonzept, und zwar nicht nur bei Alice Salomon, die große Beachtung in dem Buch findet, sondern auch bei Heinrich Weber, einem von den beiden Autoren nicht berücksichtigten Klassiker der Sozialen Arbeit Heinrich Weber. Die u.a. von Alice Salomon favorisierte, am Ideal der Mütterlichkeit orientierte Ausbildung unterhalb universitärem Studiums setzte sich in Kontinentaleuropa durch. Diese wird von Sachße und Tennstedt als „unzeitgemäß und unakademisch“ kritisiert (S. 177). Um so schwerer verständlich ist, dass so erfahrene Experten wie Sachße und Tennstedt kein Wort über die universitäre Aus- und Fortbildung in Fürsorge- und Caritaswissenschaft durch Professor Dr. rer. pol., Dr. theol. Heinrich Weber an der Universität Münster/Westf. verlieren, der dort in den 1920er und frühen 1930er Jahren ein gut ausgestattetes Seminar für Fürsorgewesen innerhalb des „Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ leitete (vgl. Joseph Schlüter: Die fürsorgewissenschaftliche Ausbildung an der Universität Münster i.W., in: Franz Keller (Hg.), Jahrbuch der Caritaswissenschaft, 1929, S. 122-130; ferner Elli Reichert: Wohlfahrt – Wirtschaft – Caritas. Der Fürsorgewissenschaftler Heinrich Weber, Nordhausen 2008). 
Fortschritte in der Ausbildung von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen brachte die Rezeption der in USA entwickelten Methoden von Casework und Social Groupwork, nachdem die schlimmsten Notstände in der Bundesrepublik Deutschland überwunden waren und sich der Blick für neue Gedanken und Methoden öffnen konnte. 

Kapitel 10 bringt eine zusammenfassende Gesamtschau unter dem Titel „Kontinuität oder Neuanfang?“ (S. 179-185). Die Autoren konstatieren, dass nach der Katastrophe 1945 bereits acht Jahre später die Fundamente für den bundesrepublikanischen Wohlstand gelegt waren. Das war eine enorme gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leistung. Im Nachkriegsdeutschland stand die Versorgung der notleidenden Bevölkerung so sehr im Vordergrund, so dass Neuerungen schwer Fuß fassen konnten. Die Verfasser beklagen aber dennoch, dass keine Einheitsversicherung  geschaffen wurde, sondern die Sozialversicherung in der deutschen Tradition erstarkte: „Kontinuität, nicht Neuanfang!“ (S. 181).
Auch die Organisation der Freien Wohlfahrtspflege knüpfte nach 1945 an die Entwicklung vor 1933 an. Diese Aktivität aus dem gesellschaftlichen Raum, ein großartiger Vorsprung gegenüber anderen zentralistisch strukturierten europäischen Staaten, hätte deutlicher gewürdigt werden dürfen. Die insgesamt sehr verdienstvolle Forschungsarbeit endet mit der von Konrad Adenauer angestrebten, aber nicht voll verwirklichten „Gesamtreform“ auf Bundesebene und der „Rothenfelser Denkschrift“ von Hans Achinger, Joseph Höffner, Hans Muthesius und Ludwig Neundörfer zur umfassenden Neuausrichtung der deutschen Sozialpolitik. Die darauf aufbauende Neugestaltung der Altersrenten brachte erstmals in der Geschichte der Alterssicherung die Überwindung breiter Altersarmut und die Subsistenzsicherung der alten Menschen.

Diskussion

Die „Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland“, deren 4. Band nun vorliegt, füllt eine Forschungslücke aus. Es gibt zwar zahlreiche Einzelarbeiten zu dieser speziellen Sozialgeschichte, aber kein Werk behandelt so komplex alle Perspektiven dieser vielschichtigen Thematik. Christoph Sachße und Florian Tennstedt schildern nicht nur anschaulich die Notstände der Katastrophengesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, die politischen Folgen des Endes des Deutschen Reiches und die ungeheuren Schwierigkeiten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus und der schrittweisen Überwindung der extremen Notlagen. Dass 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in die westdeutsche Gesellschaft in relativ wenigen Jahren integriert werden konnten, ist eine einmalige politische und gesellschaftliche Leistung, die dem Leser bei der Lektüre bewusst wird. 

Das Werk baut auf umfangreicher Sekundärliteratur auf, wovon das vielseitige kleingedruckte Literaturverzeichnis (S. 219-232) zeugt. Archivquellen wurden weniger benutzt und beschränken sich auf das Land Hessen. Dass dennoch hier und da Lücken in der Darstellung zu finden sind, ist bei einer so umfassenden Konzeption nahezu unvermeidlich. Bei einer Neuauflage sollten weitere Arbeiten von Hans Achinger, Karl Hugo Breuer, Adolf Busemann, Rolf Lenhartz, Hugo Maier aus der Zeit 1945 - 1953 oder über diese Zeit Berücksichtigung finden. Damit könnten auch Lücken in der Darstellung der damaligen Jugendarbeitslosigkeit und Jugendberufsnot, über Jugendsozialarbeit – der Begriff fehlt in der gesamten Arbeit – und über Jugendberufshilfe gefüllt werden. Auch könnte so der Blick über die amerikanische Zone und Hessen hinaus auf die britische und französische Zone abgerundet werden. Eine Ausweitung auf die sowjetische Zone und die Gründung der DDR bedürfte wohl noch weiterer detaillierter Forschung im Vorfeld, bevor sie in ein Gesamtwerk wie das von Sachße und Tennstedt abschließend Eingang finden kann.

Wie umfassend Sachße und Tennstedt trotz Einzelkritik recherchiert haben, beweisen die 700 z. T. recht ausführlichen Anmerkungen. Leider sind diese dem Buch angefügt und nicht den einzelnen Seiten als Fußnoten beigegeben, was das aufmerksame Lesen sehr erschwert. Hier sind den Bucherstellungskosten bedauerlicher Weise Opfer gezollt worden, die aber das wissenschaftliche Arbeiten mit dem Text beeinträchtigen.

Fazit

Den Verfassern ist für ihre zeitaufreibende wissenschaftliche gründliche Forschungsarbeit aufrichtig Dank zu sagen. Sie haben mit ihrem vierbändigen Werk, dem wohl noch die Krönung für die Zeit nach 1953 fehlt, in der Geschichte der Sozialen Arbeit und darüber hinaus in der Sozialgeschichte vorerst eine Forschungslücke geschlossen und der nachfolgenden Generation ein Standardwerk hinterlassen, das volle Aufmerksamkeit verdient.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Hermanns
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Zitiervorschlag
Manfred Hermanns. Rezension vom 30.01.2013 zu: Christoph Sachße, Florian Tennstedt: Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 234 Seiten. ISBN 978-3-17-022225-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13868.php, Datum des Zugriffs 03.09.2014.


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