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Dieter Basener: Ich möchte arbeiten

Cover Dieter Basener: Ich möchte arbeiten. Das Modell Spagat Vorarlberg. 53° NORD Agentur und Verlag GmbH (Hamburg) 2012. 184 Seiten. ISBN 978-3-9812235-7-6. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.

Reihe: Im Gespräch.
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Thema

Das Land Vorarlberg macht Ernst mit den Vorgaben der UN-Konvention und hat deshalb die Weichen neu gestellt: die inklusive Form von Arbeit ist finanziell nicht schlechter gestellt als Arbeitsplätze in einer beschützenden Werkstatt. In diesem Buch wird das „Rezept“ für den Spagat-Erfolg beschrieben, Beschäftigte und ihre Arbeitsplätze werden vorgestellt, Interviews mit Verantwortlichen und Beteiligten konkretisieren die Erfahrungen. Spagat steht für Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit hohem Hilfebedarf.

Autor

Dieter Basener, Verlagsleiter von 53° NORD Agentur und Verlag und Chefredakteur der Zeitschrift KLARER KURS arbeitet seit 1981 in Werkstätten für behinderte Menschen, zunächst im ostfriesischen Aurich und Norden, seit 1987 bei den Elbe-Werkstätten in Hamburg. Er ist Mitbegründer der Hamburger Arbeitsassistenz, des Integrationsbetriebes Bergedorfer Impuls und von EUCREA Deutschland e.V.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in der Reihe „Im Gespräch“ erschienen, in der mittlerweile vier Bücher erschienen sind.

  • S. 7 Vorwort des Spagat-Teams
  • S. 11 Einleitung
  • S. 14 Die Entstehungsgeschichte von Spagat
  • S. 23 Elemente des Spagat-Konzepts
  • S. 26 Neue Wege, neue Ziele
  • S. 38 Struktur
  • S. 40 Zugangswege
  • S. 44 Zielgruppen
  • S. 51 Gesetzliche Grundlagen der Finanzierung
  • S. 53 Finanzierung
  • S. 63 Berufliche Orientierung in der Schule
  • S. 75 Persönliche Zukunftsplanung
  • S. 78 Unterstützungskreis
  • S. 86 Schnupperpraktika
  • S. 90 Bildungsangebote
  • S. 100 Arbeitszeiten der Teilnehmer
  • S. 106 Mehrfacharbeitsplätze
  • S. 109 Integrative Wochenstruktur
  • S. 121 Integrationsberater
  • S. 134 Betriebe
  • S. 137 Mentoren
  • S. 144 Eltern
  • S. 153 Werkstätten
  • S. 159 Netzwerke
  • S. 161 Entwicklung der Spagat-Teilnehmer
  • S. 168 Gesellschaftliche Relevanz des Ansatzes
  • S. 171 Übertragbarkeit
  • S. 177 Ausblick: Künftige Spagat-Themen
  • S. 179 Resümee
  • S. 182 Nachbemerkung

Interviews:

  • S. 20 Zur Person: Christoph Schneider (Arbeitnehmer)
  • S. 31 Im Gespräch: Stefan Allgäuer (Geschäftsführer Institut für Sozialdienste)
  • S. 46 Zur Person: Fabian Kastner (Arbeitnehmer)
  • S. 56 Im Gespräch: Hermann Böckle (Fachbereichsleiter Integrationshilfe Land Vorarlberg)
  • S. 69 Im Gespräch: Günther Mair (Lehrer an der UNESCO Schule)
  • S. 82 Zur Person: Isabella Bereuter (Arbeitnehmerin)
  • S. 93 Im Gespräch: Birgit Werle (Leiterin von Spagat)
  • S. 102 Zur Person: Mathias Bertel (Arbeitnehmer)
  • S. 112 Im Gespräch: Ingrid Rüscher (Mutter, Gründungsmitglied Elternverein)
  • S. 127 Im Gespräch: Lukas Alton (Integrationsberater)
  • S. 140 Zur Person: Linda Saueregger (Arbeitnehmerin)
  • S. 149 Im Gespräch: Doris Schneider (Mutter)
  • S. 162 Zur Person: Bedihan Uyar (Arbeitnehmer)
  • S. 174 Zur Person: Roman Barbisch (Arbeitnehmer)
  • S. 183 Dieter Basener (Autor)

30 Kapitelüberschriften präsentieren prägnante Erklärungen zu Spagat. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte (als Modellprojekt gefördert mit EU Mitteln) über Elemente des Spagat-Konzepts hin zu Veränderungen der Wege und Ziele, die mit veränderten Strukturen, Zugangswegen und gesetzlichen Grundlagen der Finanzierung einhergehen werden im Fließtext sieben Fallbeispiele „Zur Person“ sowie sieben Interviews „Im Gespräch“ eingestreut. Zu jeder vorgestellten Person gibt es eine konkrete Beschreibung mit Foto. Auf jedes Seitenende ist zur leichteren Orientierung die Kapitelüberschrift gedruckt. Der logische Aufbau der Kapitel beschreibt Stationen auf dem Weg zu regulären Arbeitsplätzen für Menschen mit erheblichen Behinderungen. Die Arbeit von Spagat beginnt mit der berufliche Orientierung in der Schule. Mithilfe der Methode „Persönliche Zukunftsplanung“ wird zu sog. Unterstützerkreisen eingeladen, mit dem Ziel, potentielle Arbeitsmöglichkeiten zu finden und Optionen auszuloten. In Schnupperpraktika können sich die Arbeitnehmer_innen erproben und beruflich orientieren, diese werden durch Bildungsangebote flankiert. Integrationsberater werden unterstützend tätig. Sie suchen vor Ort in den Betrieben Mentoren, die die Person mit Behinderung unterstützen. Zum Einstieg in das Berufsleben gehören Überlegungen zu Arbeitszeiten der Teilnehmenden, Mehrfacharbeitsplätze und einer integrative Wochenstruktur.

IfS Spagat arbeitet seit 1998 als Vermittlungsdienst in Vorarlberg (Österreich), der Menschen mit hohem Hilfebedarf in Betriebe des ersten Arbeitsmarktes in sozialversicherungspflichtige und tariflich entlohnte Arbeitsverhältnisse vermittelt. Genutzt wird dabei vor allem die Unterstützung des familiären Umfeldes, denn die Erfahrung zeigt, dass Arbeitgeber eher bereit sind Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, wenn bekannte Personen informell Kontakte herstellen. Mittlerweile entscheiden sich 70% der Schulabgänger mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf für den „Spagat-Weg“ ins Arbeitsleben. Eltern empfanden die herkömmliche Praxis als großen Widerspruch, denn sie erlebten, dass auch in beschützten Arbeitsangeboten (sog WfbMs d.h. Werkstätten für Menschen mit Behinderung) das Leistungsprinzip gilt und Leistungsanforderungen gestellt werden, die Menschen mit hohem Hilfebedarf und erheblichen Behinderungen nicht erfüllen können. Aus dieser Erfahrung heraus und aus dem Wunsch nach Fortführung der Integration nach Regel-Kindergarten und Regel-Schule engagierten sich Eltern für Spagat. Der Fokus liegt auf den individuellen Möglichkeiten der Person, seinen Wünschen und Träumen.

Diskussion

Spagat zählt zu Maßnahmen der Unterstützten Beschäftigung, ein Konzept, das ursprünglich in den 1980er Jahren aus den USA entwickelt wurde. Angestoßen von einer Elterninitiative ist IfS Spagat 1997 entstanden. IfS steht für das Institut für Sozialdienste, eine private Sozialorganisation, die vielfältige Erfahrung mit der Vermittlung in reguläre Arbeitsplätze hatte. Mit dem Erlass des Chancengesetzes im Vorarlberg eröffneten sich neue Wege: Statt auf einen beschützenden Arbeitsplatz in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung festgelegt zu sein können sich Schulabgänger einen Arbeitsplatz in regulären Firmen suchen inkl. Sozialversicherung und entsprechender Entlohnung.

Der Titel des Buches bringt es auf den Punkt: Menschen möchten arbeiten- also und vor allem auch Menschen mit Behinderung, im Projekt Spagat ist es sogar normal, dass das dieser Anspruch auch Menschen mit hohem Hilfebedarf gilt. Arbeit gibt dem Tag Struktur und dem Leben Sinn. In Zeiten der Inklusion ist nicht zu verstehen, warum Arbeit für Menschen mit Behinderung einzig in geschützten Strukturen gedacht wird, weit weg von der Lebensnormalität anderer.

Das österreichische Bundesland Vorarlberg mit seinen 400.000 Einwohnern auf 2600 qm Größe macht vor von dem viele in Deutschland noch träumen. Sie kommen damit der UN Konvention ein Stück näher. Es hat erkannt, dass die Politik gefragt ist, um die nötigen Weichen zu stellen. Betriebe, in den Menschen mit Behinderung arbeiten leisten keine Wohltätigkeit, denn Spagat geht nicht zu Lasten der Betriebe. Sie erhalten Lohnkostenzuschüsse – Geld, das sonst in einen Arbeitsplatz in einer beschützenden Werkstatt fließt. Das Buch zeigt an konkreten Fallbeispielen, was möglich gemacht werden kann, wenn Menschen sich vernetzen und gemeinsam Gedanken machen, welche Arbeitsmöglichkeiten es gibt. Bemerkenswert ist, dass die Initialzündung von engagierten Eltern ausging, die sich nicht mehr damit zufrieden gegeben haben, dass die berufliche Orientierung ihrer Kinder nur in der Einbahnstraße einer beschützenden Werkstätte münden würde. Das Buch stellt dar, was möglich ist – und es zeigt sich: wo ein Wille ist sind auch viele Wege!

Fazit

Wer Alternativen zu Arbeitsplätzen in geschützten Werkstätten sucht, wer wissen will wie es möglich wird, dass Menschen mit hohem Hilfebedarf auf regulären Arbeitsplätzen arbeiten können, sozial versichert sind und entsprechend entlohnt werden sollte das Buch zu seiner Pflichtlektüre machen. Es beschreibt konkret und praxisnah, welche Schritte zum Erfolg führen. Es zeigt sich, dass nicht Einzelkämpfertum, sondern die zielgerichtete Nutzung von Netzwerken Wirkung zeigt und welche Methoden diese erfolgreichen Wege unterstützen. Mit dem Ergebnis, ein Gewinn für Alle zu sein!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 09.01.2013 zu: Dieter Basener: Ich möchte arbeiten. Das Modell Spagat Vorarlberg. 53° NORD Agentur und Verlag GmbH (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-9812235-7-6. Reihe: Im Gespräch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/13919.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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